12. September
Samstag
Dette 11
Unser nördliches Nachbarland steht ausschließlich unter dem niederschmetternden Eindruck der kolossalen Veruntreuungen, durch die der frühere Jusiizministcr Alberti Tausende von Familien um Hab und Gut gebracht hat. Eine gewaltige Aufregung hat sich des ganzen Landes und besonders der Hauptstadt bemächtigt, und mit ängstlicher Spannung harrt man mit Sicherheit noch weiterer Enthüllungen. Ueber die augenblickliche (Situation erhält der Berl. Sof?' nachstehenden Spezialdrahtbericht:
Kopenhagen, 10. Septbr. Kopenhagen steht noch völlig unter dein Eindruck des seit Struensees Fall im Jahre 1772 größten Nationalfkandals in der Geschichte des Landes. Von dem Platz aus, auf den das alte Rathaus seine düstere Säulenkolouuadc mit der ernsten Giebelinschrift: „Mit Recht soll man das Land regieren" erschließt, starren Menschen- massen zu dem Gebäude empor, in dem Dänemarks langjähriger Justizminister seines Richters harrt. Ihm ist die sogenannte „Observationszelle", eine historische, von berühmten Verbrechern vor ihm bewohnte Zelle, angewiesen worden, wo er, nach seiner Gewohnheit, ein in an» betracht seiner Körpergröße eigens herbeigeschafftes Bett früh aufsucht, um es nach ruhelosem Schlummer zeitig zu verlassen. Seine bisherige Erregung ist einer furchtbaren Abspannung gewichen; den ganzen Tag hindurch verharrte er gestern regungslos, in schwere Gedanken versunken, ohne nm Lektüre gebeten oder die in der Zelle vorhandene Bibel angerührt zu haben. Er macht einen derartig nwdergebengwn Eindruck, daß seine Beaufsichtigung zur Verhütung von Selbstmord verschärft wird. Heute wurde er durch einen verdeckten Gang, die sogenannte „Seufzerbrücke", dem Untersuchungsrichter zugeführt. Auch das Haus mit den Bureaus der Bauerusparkasse' ist von Scharen vorwiegend ländlich gekleideter Sparer, darunter Amagerfranen in ihren malerischen Trachten, umringt, die mit bekümmerten Mienen die Zahlungseinstellung der Bank besprechen, die bedeutendste seit dem Staatsbankerott im Jahre 1814. Im Privatbureau Albertis, in dessen Büchern stets die größte Unordnung herrschte und niemand Bescheid wußte, fand sich ein weiteres gefälschtes Dokument mit dem Stempel: „Privatbank in Kopenhagen". Wahrscheinlich hat Alberti die Buchstaben zu dem Stempel einzeln gekauft und dann selbst zu- sammengestellt. Dieses Dokument war gleich dem von ihm der Polizei vorgewiesenen 9-Millioncn-Dokument unglaublich nachlässig gefälscht, so daß man die Fälschung auf den ersten Blick hätte erkennen müssen: so weit ging Alberti, vor wenigen Monaten Dänemarks mächtigster und meist gefürchteter Mann, in seiner souveränen Verachtung der von ihm wie unmündige Kinder behandelten Kassenrevisoren, denen das Dokument wiederholt zur Prüfung vorgelegen halte. Bis jetzt sind seine allein die Sparkasse schädigenden Betrügereien auf 10 200'000 Kronen festgestellt. Wozu Alberti, der zwar eine aus elf Zimmern bestehende Stadt- wohnung inne hatte und eine prächtige Villa auf dem Lande besaß, sonst aber keinen größeren Aufwand machte, diese Millionen verwandt hat, ist noch ein Rätsel. Hart ist durch Albertis Fall die von ihm 1892 gegründete einflußreiche, vorzüglich redigierte Zeitung „Dannebrog" betroffen, deren Besitzer Alberti ist; da er sie aber für fünf Jahre an ein Konsortium verpachtet hatte, ist ihre Existenz keineswegs gefährdet. Besonders peinlich ist der König von dem ihm anfangs einfach unglaublich erscheinenden. Vorfall berührt. Im Gegensatz zu seinem Vater hat er Albertis politische Kraftgestalt stets hochgeschätzt. Angeblich soll auch der König Alberti etwa eine Million geliehen und nun verloren haben. Nun herrscht eine recht gedrückte Stimmung am Hofe, wo sämtliche Geschwister des Königs zu ihrem gewohnten Hcrbstbesuche eingetroffen sind. Auf den Straßen findet eine „Albertiweise" reißenden Absatz. — Man ist hier der Ansicht, daß Alberti aus dem Grunde nicht Selbstniord begangen, sondern sich der Polizei gestellt hat, um Rache an seinen Mitschuldigen zu nehmen und diese in seinen Sturz mit hineinzuziehen. So kann man sich auf eine Reihe neuer großer Skandale gefaßt machen.
Wie ferner aus Kopenhagen telegraphiert wird, haben, nachdem das Ergebnis der vom Sparkassen-Jnspektor vorgenommenen vorläufigen Untersuchung des Standes der See- iändischen Bauernsparkasse dem Ministerium übergeben worden ist, der Finanzminister und der Minister des Innern gestern über Möglichkeiten verhandelt, um die Folgen des eingetretenen Uebelstandes zu mildern. Von den etwa IO1/* Millionen Kronen des Defizits sind 1 900 000 Kronen durch die von Vertrauensmännern gezeichnete Garantiesumme gedeckt. Der Finayzminister verhandelte später mit den führenden Bankiers über die Lage.
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Kopenhagen, 11. Sept. Vor dem Gefängnis, in dem der betrügerische Justizministcr Alberti untergebracht ist, kam es zu lärmenden Demonstrationen, so daß die Polizei einschreiten und die QJtenge zerstreuen mußte. Alberti richtete aus seiner Zelle einen Brief an seinen Rechtsanwalt mit der Aufforderung, die zahlreichen, wegen Beleidigung seiner Person von ihm angestrengten Prozesse aufzuheben. Vermutlich glaubte er, daß das von selber nicht geschehen wäre. Infolge deS erlittenen Neroenschoks hat Albertis fortgeschrittenes Nierenleiden eine so ernste Wendung genommen, daß er bald die Gefängniszelle mit der Hospitalstube vertauschen dürfte. Er nahm bei seinem gestrigen kurzen Verhör in einem Lehnstuhl Platz.
Eine Mörderbande vor Gericht.
Unber. Nachdr. Verb. 8. & H. Lemberg, 10. Septbr.
Heute begann vor dem hiesigen Schwurgerichte die für zwei Wochen anberaumte Verhandlung gegen eine aus drei Männern und ihren Frauen bestehende Mörderbande. Im Mai und Juni v. Js. wurden in den Dörfern der Umgebung von Grodeck und Przemysl zwei Raubmorde verübt, fünf Naubanfälle begangen und fünf Mordanschläge verübt. Die Veranlassung zur Entdeckung der Mörderbande gab ein Raubmord den sie am 21. Juni v. JS. an dem
Dorfgastwirt Schlaf in Tuligberg verübte, den sie nachts in seiner Wohnung überfielen und erschossen. Seine Frau, die sich im Olen ■ versteckt hatte, wurde herausgezerrt und durch zwei Schüsse verletzt. Als sie noch vor dem Abzug der Bande sich in eine benachbarte Hütte schleppte, wurde sie durch zwei weitere Schüsse verletzt. Auf Grund der von ihr gegebenen Personalbeschreibungen gelang e8 dann, die Bande in Lemberg dingfest zu machen. Wir werden über den Ausgang des Prozesses berichten.
Cin Zigeuner als ShiftmörbcL
(Unber. Nachdr. verb.) S. n. H. Brüx, 8. Septbr.
Vor dem hiesigen Schwurgericht begann heute der Mordprozeß gegen den Zigeuner Rudolf Bernhard, der am 28. Juni d. J. im Walde bei Podorsam an dem Dienstmädchen Marie Engel einen bestialischen Lustmord verübte. Am 30. Juni wurde in diesem Walde die Leiche des Dienstmädchens Marie Engel in gräßlich zugerichtetem Zustande ansgefunden. Ueber der Leiche lagen mehrere mit Blut befleckte Steine, der Hals war einfach mit einer Schnur umschlungen, deren Enden an einem Fichtenbaum festgeknüpft waren. Der Mörder wurde dadurch ermittelt, daß er ein paar Schuhsohlen, die der Ermordeten gehörten, verkaufen wollte. Die Polizei stellte fest, daß es der Zigeuner Rudolf Bernhard war, der als Knecht auf einem in der Nähe gelegenen Bauernhöfe arbeitete. Als der Gendarm auf dem Bauernhöfe erschien, um den Mörder zu verhaften, erblaßte dieser, bevor noch ein Wort gesprochen war, und ließ dieHeugabel, die er gerade in der Hand hielt, vor Schreck fallen. Ani vorderen unteren Teile seines Hemdes, am Hute, Rocke und an der Innenseite seiner rechten Hosentasche befanden sich Blutflecke, die, wie später festgestellt wurde, von Menschenblut herrührteu. Nach hartnäckigem Leugnen legte Bernhard das Geständnis ab, daß er der Mörder sei. Er gab an, er sei an dem betreffenden Tage in jenem Walde eingeschlafen, als ihn plötzlich ein Geräusch erweckte. Er hätte dann aufgeblickt und gesehen, wie ein Mädchen sich nach einigen Schritten niedersetzte, die Schuhe aus- und nach einer Weile wieder anzog. Inzwischen habe er sich erhoben, und sei zu dem Mädchen gegangen. Nach einigen Worten, die er mit ihm gewechselt, sei in ihm der Gedanke aufgetaucht, dem Mädchen Gewalt anzutun. Er habe die Engel an der rechten Hand erlaßt, sie aber habe sich losgerissen und sei weinend davongelaufen. Nun sei er ihr nachgeeilt und damit sie ihm nicht entkomme, habe er ihr einen Stein nachgeschleudert, der sie an der rechten Kopfseite traf. Das Mädchen sei daraufhin mit dem Gesicht nach vorn zur Erde gestürzt und habe einen leisen Schrei ausgestoßen. Nun sei er zur Ausführung seiner bestialischen Tat geschritten, bei welcher sich das Mädchen nicht mehr rührte, sondern nur leise wimmernd weinte. Er habe nun befürchtet, das Mädchen könne wieder zum Bewußtsein kommen und ihn verraten: deshalb habe er einen zweiten Stein ergriffen und dem Mädchen mit demselben einen wuchtigen Schlag auf die rechte Schläfe versetzt wobei der
Stein in drei Stücke zersprungen sei. Dann habe -er die Schnur von der Tasche des Mädchens genommen, sie zweimal um den Hals des Opfers gewickelt, mit einem Knoten znsammengezogen und die Enden an dem in der Nähe stehenden Fichtenbaum festgebunden. Diesen Aussagen stehen die Feststellungen der Sachverständigen entgegen, die erklären, daß dem Tode der Engel ein verzweifelter Kampf mit dem Mörder vorangegangen sei. Die zahlreichen Hautabschürfungen an den Händen, Armen, im Gesichte, an den Oberschenkeln und Schienbeinen beweisen, daß das arme Opfer verzweifelte Gegenwehr um Ehre und Leben leistete, bis es erschöpft zusammenbrach und der unmenschlichen Gier des Mörders unterlag. Ueber den Ausgang des Prozesses werden wir berichten.
Hus aller Melt.
Unterschlagungen und kein Ende! Bei der Weltfirma Gehe & Co. Aktiengesellschaft in Dresden sind bedeutende Unterschlagungen entdeckt worden. Sie belaufen sich bis jetzt auf etwa 18 000 Mk. AIs Defraudant kommt der Zolldisponent der Firma, Süß, in Betracht. Der „junge Mann", der bereits verhaftet wurde, hat in seiner Vertrauensstellung über die überseeischen Güter falsche Zollquittungen angefertigt und zur Zahlung an der Kasse präsentiert, bis die Zollbehörde Verdacht schöpfte und bei der Firma vorstellig wurde. Süß ist verheiratet und Vater eines Kindes. Er bezog allerdings in seiner Vertrauensstellung nur ein Monatsgehalt von 150 Mk. (!) — Ueber die Radeberger Volksbank G. m. b. H. ist das Konkursverfahren eröffnet worden. Die frühere Leitung soll in leichtsinniger Weise spekulative Geschäfte abgeschlossen haben, die zu bedeutenden Verlusten führten. Der Aufsichtsrat soll hierfür haftbar gemacht werden. — Der Direktor der Marmorwerke in Strezing, Zarzi, hat sich erschossen: wie verlautet, hat er sich Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsführung zu schulden kommen lassen.
Imhoff erpretzt weiter. Der wegen seiner bekannten Erpressungen an dem Komnierzienrat Ludovici zu schwerer Gefängnisstrafe verurteilte Erpresser Imhoff setzt, wie aus München gemeldet wird, seine Erpressungen fort. Er hat aus dem Gefängnis heraus an den Gefängnisdirektor und an Ludovici neuerdings mehrere Erpresserbrtefe gerichtet.
Hunvertzwanzig Häuser abgebrannt. In der Ortschaft Jzsa im Komorner Koniitat sind 120 Häuser nebst Nebengebäuden mit Getreide- und Futtervorräten abgebrannt.
Das Direktoirekostttm vor Gericht. Ein merkwürdiges Urteil ist kürzlich von einem nordamerikanischen Richter gefällt worden. Im Staate Indiana hatte eine Dame, ein Fräulein Turner, durch das Tragen eines Direk- toirekostüms das heftige Mißfallen einiger puritanischen Gemüter erregt. Man machte die Behörde auf das „unsittliche" Kostüm aufmerksam, und die Dame wurde angeklagt. Auf Verlangen des Richters erschien sie in dem besagten Kostüm vor Gericht und der Erfolg war ein Freispruch. Der Richter begründete ihn damit, daß bei dem Direktoirekostüm durchaus nicht mehr von den Strümpfen zu sehen sei, als bei Regenwetter durch das Aukraffen des Rockes enthüllt würde.
'Die Cholera in Rußland. Zum Auftreten der asiatischen Cholera in Rußland schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": Die Cholera habe seit ihrem Auftreten in Astrachan am 24. Juli große räumliche Ausbreitung erfahren. Trotzdem sei l
die Zahl der Erkrankungen in Rußland bis jetzt in mäßigen Grenzen geblieben. Die „Nordd. Allg. Ztg." fährt fort. Seitens der deutschen preußischen Behörden wird die Cholera in Rußland _ mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Am 5. September fand im Kultusministerium unter Beteiligung von Kommissaren der ressortmäßig beteiligten Reichsämter und preußischen Ministerien eine Beratung statt, worin Uebereinstimmung darüber bestand, daß alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen sind, um einen eventuellen Einbruch der Cholera in die östlichen Provinzen mit Nachdruck entgegentreten zu können. — Der „NeichSanzeiger" veröffent- licht eine Bekanntmachung des Reichskanzlers von heute, wonach wegen des Auftretens der Cholera im russischen Küstengebiet des Schwarzen und Asowschen Meeres und in Petersburg die aus den Häfen Petersburg und Kronstadt sowie aus den russischen Häfen des Schwarzen und Asowschen Meeres nach deutschen Häfen kommenden Schiffe und ihre Insassen bis auf weiteres vor der Zulaffung zum freien Verkehr ärztlich zu untersuchen sind.
Erleichterungen für Oberrealschulabituricnten
Berlin, 10. Sept. Der Kultusminister hat sich, wie der „Hann. Cour." hört, mit den folgenden Grundsätzen einvrr- standen erklärt: Bei der Prüfung früherer Oberrealschulabiturienten zur Feststellung der für die Versetzung in die Obersekunda eines Realgymnasiums erforderlichen Lateinkenntniss, soll künftig als ausreichend gelten: 1) eine schriftlich« Ueber- setzung aus dem Lateinischen ins Deutsche, sowie 2) in der mündlichen Prüfung der Nachweis der Kenntnis der Ele- mentargrammatik, etwa im Anschluß an die Caesarlektüre.
Der „König ver Flieger".
Berlin, 10. Sepbtr. Ueber den Flug Orville Wrights am gestrigen Vormittag werden über London noch folgende Einzelheiten gemeldet: „Es regte sich kein Lüftchen. Beim ersten Fluge um das Paradefeld ließ Wright seine Maschine mit wagerechtem Kiel in gleichmäßiger Höhe von 30 Fuß fliegen, dann flog er etwas tiefer zweimal herum. Er hatte die Maschine fortwährend unter voller Kontrolle, sodaß sie seinem leisesten Druck gehorchte. Der Motor arbeitete mit höherem Druck als je zuvor, und der große weiße mechanisch« Vogel glich einem gewaltigen kreisenden Falken. Bei der fünften Runde schien Wright eine größere Höhe für sicherer zu halten, er stellte die vorderen Steuerflächen und die biegsamen Ränder der Hauptflügel ein wenig schief nach oben, und die Maschine glitt 150 Fuß in die Höhe. Dies ist die größte Erhebung, die eine Flugmaschine je erreicht hat. Die Zuschauer waren erstaunt über seinen Wagemut, doch Wright schien wie berauscht von seinem freien Vogelflug und segelte weit über das Paradefcid hinaus. Major Seguier, der Chef des Armee-Luftschifferkorps, rief : „Wir sind Zeugen des wunderbarsten wissenschaftlichen Erfolges in der Weltgeschichte! Ich bin froh, diesen Tag erlebt zu haben." Man sah, wie Wright hin und wieder den Riotor sorgfältig prüfte: mehrmals versagte der Zünder, was ihm offenbar unangenehm war; doch flog er weiter und bediente den Aeroplan mit der Sicherheit eines Automobilisten. Einmal stieß er offenbar scherzweise gerade auf die Zuschauer zu, die entsetzt auSeinanderstoben, doch waren seine Bewegungen nie im geringsten eckig oder unsicher. Endlich, beim letzten, dem 58. Rundflug, stellte Wright den Motor ab, und die Maschine begann ihren langsamen allmählichen Niederflug und kam nur wenige Meter vom Abflugsplatz zur Erde.
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