W, WaisuchauseS in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sann- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
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Fernsprechanschlutz Nr. 605
1908
Freitag den 11. September
Amtliches.
Stadtkreis Hanau.
Am Montag den 14. September 1908, vormittags von 9 Uhr aß, findet im unteren Sitzungssaale des Neustädter Rathauses, Zimmer Nr. 1, öffentliche Sitzung des Gewerbegerichts statt.
Hanau den 10, September 1908.
Der Vorsitzende des Gewerbegerichts.
Königliche Zeichenakademie.
Preisausschreiben der Behrens-Stiftung 1908.
Zum Wettbewerb um die Preise der Behrens-Stiftung für 1908 sind folgende Aufgaben gestellt:
Entwurf eines Goldschmuckes mit Filigran-Belötung (1 Blatt mit 9 Zeichnungen) bestehend aus:
3 Broschen,
3 Ringen,
3 Gliederarmbändern.
Vorgeschriebene Bogengröße : 36 : 48 cm.
Für die beste Lösung dieser Ausgabe wird eine Gesamtsumme von 150 Mark ausgesetzt, die nach dem Ermessen des Preisrichterkollegiums in Teilbeträgen zu Preisen verwendet wird.
Außer den Schülern der Königlichen Zeichenakademie sind auch andere in Hanau wohnhafte und beschäftigte Bewerber zugelassen. Die gezeichneten oder im Modell ausgeführten Entwürfe sind, mit einem Motto versehen und verschlossen, bis spätestens 15. Oktober d. Js. im Sitzungszimmer der Königlichen Zeichenakademie einzureichen. Bei- zufügen ist ein mit dem gleichen Kennwort versehener, geschlossener Briefumschlag, welcher den Namen und die genaue Adresse des Absenders enthält.
Hanau den 9. September 1908.
Der Direktor.
Petersen. 17907
Aufnahme von Waisen.
In der Lenoir'schen Waisenanstalt auf dem Teichhofe bei Hessisch-Lichtenau, die dazu bestimmt ist, Waisenkinder ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntnis und die Orts- oder Landesangehörigkeit der Eltern zu erziehen, können noch 12 Mädchen Aufnahme finden.
Voraussetzungen für die Aufnahme sind:
1. Gänzliche Mittellosigkeit des Zöglings.
2. Bei Halbwaisen muß nachgewiesen werden, daß Vater oder Mutter nicht imstande sind, durch eigene Erwerbs- täiigkeit die Mittel für Unterhalt und Erziehung des Kindes aufzubringen.
3. Geistige und physische Gesundheit des aufzunehmenden Kindes, die durch Beibringung einer Bescheinigung des Kreisphysikus nachzuweisen ist.
4, Ein Alter von 6 oder 7 und nur im äußersten Bedürfnisfalle ein solches bis zu 8 Jahren.
Die Kinder verbleiben bis zum vollendeten 16. Lebenssahre in der Anstalt und werden dort der natürlichen Familie entsprechend in Familienkreisen erzogen, auch für einen späteren Lebensberuf unter möglichster Berücksichtigung ihrer Fähigkeiten und Neigungen vorbereitet.
Ordnungsmäßig entlassenen Zöglingen können auch in ihrem späteren Leben noch Unterstützungen (z. B. Ausstattung, Beihilfe in Unglücksfallen) zugewendet werden.
Aufnahmegesuche sind unter Darlegung der persönlichen Verhältnisse innerhalb 4 Wochen, vom Tage der Ausschreibung an, an den unterzeichneten Schriftführer der Stiftung zu richten.
' Cassel den 31. August 1908.
Stiftung der Brüder George und Konrad Lenoir zur Erziehung von Waisen in Cassel.
B r 11 n n e r. V 6238
Dicnstimlhrichten aus dem Kreise.
Der Nachtwächter I o h a n n K o n r.a d Schäfer'in Langendiebach, der Rangiermeister a. D. Rudolf Rumpf in Großanheim und der Taglöhner Peter Müller in Wachenbuchen sind zu Hilfsfeldschützen bestellt und bestätigt worden.
Gefundene und verlorene Gegenstände re.
Gefunden: 1 blaue Schülermütze mit Ueberzug, 1 weiße Mullbluse (in einem Geschäft liegen geblieben), 1 Kinderumbana (in einer Wirtschaft liegen Geblieben).
V er loren: 2 goldene Kettenringe, 1 schwarzes Damen- portemonnaic mit 47 Mk. (bestehend aus 4 Zehnmarkstücken und das übrige Silbergeld) und 1 Schlüssel, 1 Stock und 1 grauer weicher Filzhut (auf dem Festplatz), 1 Granatarmband, 1 Kneifer mit Etuis.
Zugelaufen: 1 glatthaariger grauer Pinscher, männl. Geschl.
Hanau den 11. September 1908.
Politische Rundschau»
Der Kaiser hat dem von seinem Berliner Posten zurücktretenden türkischen Botschafter Ahmed Tewfik-Pascha den Verdienst-Orden der preußischen Krone verliehen.
Fahrkartensteuer. Im Zusammenhang mit der Reichs- finanzrcform wird auch die Aufhebung der Fahrkartensteuer vorgeschlagen werden.
Zeppelinspende. Das vorläufige Gesamt-Ergcbnis der für die Zeppelin-Spende eingegangenen Beiträge stellt sich auf 4,192,620 Mk. und 39 Pfg.
Die Presse zum Finanzprogramm der Re- gieritNst. Da in der gestrigen Kundgebung der „Norddeutschen Allg. Ztg." die Finanzreformpläne der Regierung nur in losen Umrissen angebeutet sind, so enthalten sich die meisten Blätter eines nähern Eingehens auf die Einzelheiten der Mitteilungen. Allgemeine Genugtuung besteht darüber, daß man jetzt wenigstens die Grundlagen kennt, auf denen sich die Reform aufbauen soll. Man verkennt nicht, daß eine großzügige Reform geplant ist, die dem Reichsfinanzübel an die Wurzeln geben soll. Vom parteipolitischen Gesichtspunkt aus ist die Erklärung der „Nationalzeitung" bemerkenswert, daß man die Reform nicht unter dem Gesichtswinkel der parteipolitischen Taktik betrachten dürfe, sondern »daß sie gleichsam. e^Notstandsfraae geworden sei, , bie zum Heil der Gesamtheit des Volkes zu lösen sei und die Mitarbeit sämtlicher bürgerlichen Parteien erfordere. Die konservativen Blätter begrüßen die Absage der Regierung an eine direkte Reichseinkommen- und Vermögenssteuer. Die liberalen Blätter stehen den in Aussicht gestellten Erhebungen über die heutigen Lasten der direkten Steuern noch'skeptisch gegenüber. Auch über die Frage, ob der, Reichskanzler den Widerstand der großen Magnaten gegen die, Ausdehnung der Erbschaftssteuer werde beseitigen können, äußern ■ einige Blätter schwere Zweifel. Allgemeinen Beifall finden die angekündigten Sparsamkeitsgrundsätze; sogar die. „Germania" stimmt in dieser Beziehung bei. Im großen und ganzen tritt in den Aeußerungen der Blätter noch eine große Reserve zutage, und es mangelt auch an einer gründlichen Kritik nach der sachlichen Seite. Dahin möchte die „Kölnische Zeitung" rechnen, eine Aussprache über die Hauptgrundsätze der Regierung, daß keine Sondergewerbesteuern geplant sind, sondern daß man die beabsichtige Erhöhung der Verbrauchssteuern, wie es in der Tat den Steuergrundsätzen entspricht, auf die Konsumenten âbwäl'zen will; weiter über das Versprechen, daß keinen Augenblick die Anforderungen ausqleichendcr sozialer Gerechtigkeit aus dem Auge verloren, sondern bei der Ausgestaltung der einzelnen Gesetze durch eine geringere Belastung des Konsums der Minderbemittelten und eine höhere Besteuerung des. kostspieligen Luxuskonsums zur Geltung gebracht werden sollen. Der ausdrückliche Hinweis darauf, daß auch der Besitz gebührend tu den neuen Lasten herangezogen werden soll,' ist ebenso lobenswert wie das weitere Versprechen, keine Umsatzsteuern zu wählen. Zu begrüßen ist auch die Asicht, die Erhebung der Matrikular- beiträge ^f regeln und die Reichsschulden planmäßig zu tilgen. In hohem Grade zweifelhaft kann man aber immer noch sein, ob die Steuerbelastung des modernen Aufwandes, wobei wohl an eine Besteuerung von Elektrizität und Gas gedacht ist, das heutige Verkehrsleben nicht zu hart treffen wird. Die Gefahren einer derartigen Stenerbelastung würden auch durch die anscheinend versprochene Aufhebung derFahr- kartenstener nicht ausgewogen werden. Immerhin bleiben nähere Mitteilungen darüber abzuwarten, wie die Regierung sich diese Besteuerung denkt.
Der geschäftssührende Ausschuß des Deutschen Handwerks- und Gewerbekarnmertages trat am 24.. August in Breslau im Sitzungssaale der Handwerkskammer zu einer Sitzung zusammen. Vorhergegangen war dieser Sitzung eine Tagung der ständigen Kommission für das Unierrichisweseu. Zur Beratung standen vorzugsweise einige Gegenstände der Tagesordnung für die Vollversammlung, so insbesondere die Frage Fabrik und Handwerk, die Frage der Eintragung von Handwerkern ins Handelsregister mtb her Antrag der Gewerbekammer Dresden betr. die Einschränkung der Vergünstigungen für die Ausfuhr von Getreide. Von den nbriaen Beratungsgegenständen wurde ein
Antrag der ostdeutschen Handwerkskammern betr. die Aufhebung der Fortbildungsschulpflicht der über 18 Jahre alten Handwerkslehrlinge zur weiteren Verhandlung an die Kommission für das Ünterrichtswcsen verwiesen. Hervorgehoben sei noch, daß der Ausschuß beschloß, einen Vertreter zu den Verhandlungen des 2. Internationalen Mittelstandskonzresses nach Wien zu entsenden.
Der französische Minister deS Aeutzern Hatt, eine neuerliche Unterredung mit dem spanischen Botschafter in Paris über die Abfassung der spanisch-französischen Marokko-Note.
Marokko. (Toujours l’Allemagne.) Mit einer Beharrlichkeit, die einer bessern Sache würdig wäre, sucht man auch jetzt wieder Deutschland und immer wieder Deutschland als den Störenfried in dem Konzert der Mächte, der die grellen Disharmonien hervorruft, hinzustellen. Alle diese Versuche haben einen sensationellen Anstrich und finden daher, so wenig sie sich auch auf tatsächliche Unterlagen stützen können, im Ausland stets ein dankbares und gläubiges Publikum. Als sich im Anschluß an die Cronberger Monarchen- Zusammenkunft langatmige Erörterungen über die möglichen Folgen dieses Ereignisses durch die französischen und englischen Blätter zogen, da konnte man die Erfahrung machen, daß Deutschland beschuldigt wurde, aus selbstsüchtigen Gründen nicht auf die von englischer Seite ausgehenden Abrüstungsvorschläge einzugehen. Und in Frankreich machte man sich eiligst daran, diesen Trumpf gegen Deutschland auSzuspirlen und den Freunden jenseits des Kanals zu sagen: Nun seht ihr wohl, wie friedliebend dieses Deutschland gesinnt ist, daS eure in der besten Absicht dargebotene Hand schnöde zurückstößt. Hier war es insbesondere der TempS, der England gegen uns scharf zu machen suchte, eine merkwürdige Ironie des Schicksals, derselbe Temps, der drei Monate früher den britischen Freund durch eine Militärkonvention noch enger an sich zu ketten suchte. Man kann nicht gerade sagen, daß er mit diesem Werben, daS ja, soviel wir wissen, erfolglos gewesen ist, dem Gedanken der allgemeinen Abrüstung diente. Aber drei Monate find eine lange Zeit, und mit der Zeit ändern sich die Ansichten. Indes hat der TempS schon de» öfteren bewiesen, daß er je nach den Umständen einen Stellungswechsel in noch viel kürzerer Zeit vornehmen kann, wenn eS seinen Zwecken dienlich zu sein scheint. Sollte der Grundsatz: „Der
Zweck heiligt das Mittel" von manchen Boulevardblättern angenommen worden sein? Wir möchten es manchmal fast glauben. Noch vor acht Tagen war cs Deutschland, daS durch seinen Rat, die Anerkennung Mulay Hafids im Interesse einer baldigen Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung in Marokko zu beschleunigen, mit brutaler Hand auS reiner Selbstsucht der natürlichen und sachgemäßen Erledigung einer Angelegenheit vorgegriffen hat, die in den Händen der französischen Marokkopolitiker so wohl verwahrt lag. Man hatte einige Mühe, gegenüber dieser vorgefaßten Meinung die aufgeregten Gemüter zu beruhigen und zu beweisen, daß Deutschland bei seinem Vorgehen keine Hintergedanken hegte, sondern daß es nur im allgemeinen Interesse handelte. Dann beruhigte man sich auch jenseits der Vogesen, da man sich der Macht der Tatsachen nicht länger verschließen konnte und sich, wenn es auch schwer fiel, davon überzeugen mußte, daß Deutschland nicht illoyal vorging. Aber lange konnte und durfte diese Ueberzeugung nicht dauern. Denn die deutsche Politik steht nun einmal im Gerüche der Zweideutigkeit. Heute verzögert Deutschland die Anerkennung Mulay Hafids, indem es ihn dazu ermutigt, die Bürgschaften, die die Mächte von ihm verlangen, nicht zu geben oder sie doch hinauszuschieben. Das wenigstens ist die Ansicht deS „Temps". Es. verlohnt sich indes, aus den oben ange- führten Gründen die Aeußerungen des „Tempâ" auch noch an andern Stellen näher anzusehen. Da heißt es nämlich, nachdem das Blatt seine Verwunderung darüber ausgedrückt hat, daß Mulay Hafid auf die Bekanntgabe seiner Ausrufung in Tanger zum Sultan noch nicht geantwortet habe, wie folgt: Der neue Sultan ist nach der Aussage von Leuten, die in seine Nähe gekommen sind, ein kluger Mann. Es ist also nicht möglich, sein Schweigen einer unabsichtlichen Nachlässigkeit zuzuschreiben. Wenn er schweigt, dann heißt das, daß er sich nicht binden will. Sich nicht binden, in welcher Absicht? Auf diese Frage kann man leider schiver mehr als eine Antwort geben. Nur eine ist richtig, nämlich die, daß Mulay Hafid beabsichtigt, so lange wie möglich ben • Augenblick hinauszuschieben, wo er gegenüber den Mächten Verpflichtungen übernehmen muß, die diese in ihrem Interesse von ihm verlangen. Mulay Hafid muß indes wohl einschcn, daß diese Verpflichtungen die nötige Bedingung für seine Anerkennung sind. Wenn er zögert zu erklären, daß er bereit sei, auf sie einrugehen, so tut er das