Mittwoch
Sekte 3
9. September___________________________ _
dressiert worden, jenen „Feinschmeckern" den Appetit schon von weitem nbzuriechen und mehr als sein in der Brotpfanne aufgegangener Vorgänger in der Lage, da? Gebiß au zeigen."
An Der Bahre Des Sohnes erschossen. Ueber einen Selbstmord an der Bahre des Sohnes wird aus Wien berichtet: In einem Sanatorium war dieser Tage der Rittmeister Karl Kaßner vom 4. Husarenregiment nach längerer Krankheit verschieden; seine Leiche wurde in der Friedhofshalle in Jnzersdorf aufgebahrt. Hier erschien die aus Brünn gekommene Mutter des Verstorbenen beim Totengräber und bat diesen, sie bei ihrem Sohne allein zu lassen. Kaum hatte sich der Totengräber aus der Halle entfernt, als er einen Schuß fallen hörte. Er eilte sofort zurück und fand Frau Kaßner an der Bahre erschossen auf.. In einem zurückgelassenen Briefe bittet sie, gemeinsam mit ihrem Sohne beerdigt zu werden. Als später der Ehemann Kaßner in Wien eintraf, fand er neben der Leiche des Sohnes auch die Gattin tot vor.
Der Geistesgestörte auf Dem Landsitz Roosevelts. Auf dem Landsitz des Präsidenten Roosevelt in Osterbay wurde gestern ein geistesgestörter Mensch verhaftet, der mit einem Revolver bewaffnet war. Er äußerte den Wunsch, Roosevelt möge Truppen nach Boston senden, da sich zahlreiche Raubansälle dort ereigneten. Die Verhaftung steht im Zusammenhang mit dem Gerücht, daß am Samstag auf den Präsidenten während eines Rittes geschossen worden sei. Die Detektive bezeichnen dieses Gerücht als erfunden.
5andd, Gewerbe end' Verkehr»
* Odstpreise. Die Frankfurter Zentrale für Obstverwertung gibt folgende Obstmarktpreise per 50 Kilo bekannt: Preiselbeeren 1. Qualität 25 Mark, 2. Qualität 22 Mark, Pflaumen 1. Qualität 10—12 Mark, Pfirsiche 1. Qualität 20 bis 22 Mark, 2. Qualität 15-18 Mark, Mirabellen 1. Qualität 22 Mark, 2. Qualität 15 Mark, Reineklauden 1. Qualität 20 Mark, 2. Qualität 10—12 Mark, Aepfel 1. Qualität 15—20 Mark, 2. Qualität 5—8—10 Mark, Birnen 1. Qualität 15—80 Mark, 2. Qualität 8—12 Mark, Zwergobst : Aepfel 25—40 Mark, Birnen 30—50 Mark, Trauben 1. Qualität 20 Mark, 2. Qualität 15-18 Mark, Nüsse 100 Stück 1 Mark, Zwetschen 1. Qualität 6—7 Mark, 2. Qualität 4—5 Mark, Brombeeren 1. Qualität 30 Mark.
Hus Hab und fern.
r- Morburg, 8. Septbr. Die Strafkammer verurteilte den Mietstaler-Schwindler Heinr. Kaufmann aus Reichenbach bei Lichtenau, der gegenwärtig eine Zuchthausstrafe verbüßt, zu insgesamt 3 Jahren Zuchthaus und 300 Mk. Geldstrafe.
Griesheim, 7. Septbr. Hier ist ein Mann an den Folgen eiues Insektenstiches gestorben. Der etwa 70 Jahre alte Peter Höhl XI. wurde vorige Woche von einem Insekt gestochen. Der Arm schwoll sofort bedenklich an und als der Arzt konsultiert wurde, war die eingetretene Blutvergiftung schon so weit vorgeschritten, daß selbst durch Amputation des Armes dem Manne nicht mehr geholfen werden konnte.
Königstein, 8. Septbr. Die Großherzogin-Mutter von Luxemburg, ihre Schwester Prinzessin Hilda von Anhalt- Dessau und ihre Tochter, die Großherzogin von Baden, unternahmen heute Mittag um 12 Uhr mit Gefolge einen Ausflug in den Taunus. Bei dem Orte Fischbach wurden die Wagen verlassen und ein Fußmarsch über den Staufen angetreten. Vom Kaisertempel aus genoß man die Aussicht auf die nassauische Schweiz und dann erfolgte der Abstieg nach Eppstein, wo in der „Oelmühle" das Mittagsmahl bereitgestellt war. Die 77jährige Großherzogin von Luxemburg hat den fast zweistündigen Fußmarsch vorzüglich überstanden.
Carnberg, 7. Septbr. Nach dem in der heutigen General- Versammlung des Vereins nassauischer Land- und For st wirte vorgetragenen Geschäftsbericht zählt heute der Verein 10 683 Mitglieder. Der Verein hat eine Jahresausgabe von 60 000 Mk.; er verfügt über 367 000 Mark Vermögen. Der Verein teilt sich mit der Landwirtschaftsher muß, weit mehr als jetzt, der Unterricht ins Freie verlegt werden. Zwar wenn die Gesetzgebung statt den Lehrer in seinem verantwortungsvollen Berufe zu schützen, immer noch größere Verantwortung auf ihn häuft, dann ist es nicht zu verwundern, wenn diese einzig richtige Pflege der Heimatliche eher zurnckgeht als forlschreitct. Aber sicher lassen sich Wege finden, dem Lehrer für diesen Fall eine Stütze zu bieten, und sie müssen gefunden werden. Aber auch durch den Unterrichtsbeirieb muß cs ermöglicht werden, die Kinder mit wahrer Heimatliebe zu erfüllen. Wie schon erwähnt, beruht die Liebe zur Heimat zum großen Teil auf dem Bewußtsein der Schönheit derselben. Viel wird schon erreicht werden, wenn es gelingt, die Schüler von der Schönheit ihrer Heimat zu überzeugen. Zu diesem Zwecke möchte ich, daß die Photographie weit mehr in den Dienst der Schule trete als bisher. Auch bei Photographien denke ich allerdings nur an künstlerisch gesehene Landschasts- oder Genrebilder. Diese sollen mittels des Projektionsapparates vorgeführt und alsdann besprochen werden. Seit der Erfindung des Photographiercns in natürlichen Farben dürfte gerade der Projektionsapparat als eins der hervorragendsten Unterrichtsmittel der Schule zu betrachten sein. Zwar die Wirklichkeit kann durch das Bild nie und nimmer ersetzt werden ; aber es kann in seinem richtig gewählten Ausschnitt, in seiner Komposition, in der Beleuchtung usw. unseren Zwecken sehr wohl dienen; vielleicht zur Hervorhebung bestimmter Einzelheiten nützlicher sein, als die Landschaft in ihrer Gesamtheit; wie ja auch mitunter die Blüte allein instruktiver ist, als die ganze Pflanze oder ein einzelner Baum eher und schärfer beachtet wird als ein ganzer Wald. Nicht in der Fülle der Darbietungen sehe ich den Nutzen, sondern in der Güte des Gebotenen' und der Beschränkung auf das Beste. Sind die Bilder aus der nächsten Umgebung, so soll man den Schülern Gelegenheit geben, daS Gesehene in der Natur aufzusuchen und, wo möglich, noch tiefer zu durchdringen. Später wird man von der engeren zu der weiteren Heimat fortschreiten, immer aber das Hauptgewicht auf die Festlegung des Heimatsbeariffes verwenden, nicht den Unterricht zu einem
summet in die Fürsorge für die lleimische Landwirtschaft, wobei_ beiden bestimmte, engabgeschlossene Wirkungsgebiete überwiesen sind. In der heutigen Versammlung nahm Regierungspräsident Dr. v. Meister-Wiesbaden auf eine Anfrage aus der Versammlung Stellung gegen ein Vorgehen der Biebricher Polizeiverwaltung, die das Ergebnis ihrer Milchprüfungen mit voller Namensnennung der Lieferanten und mit dem Zusatz veröffentlichte, daß die und die Milch gefälscht sei. Ferner wurde bekanntgegeben, daß in Frankfurt als Gesellschaft mit beschränkter Haftung eine Schlachtvieh-Verwertungsstelle errichtet worden ist, die den Landwirten des Bezirks Gelegenheit zum Absatz ihres Viehes ohne allzu erhebliche Kosten bietet.
Darmstadt, 6. Sept. Die zweite Hauptversammlung des Vereins zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen deutscher Apotheker ist heute hier eröffnet worden. Als Vertreter des preußischen Kultusministeriums nahm Medizinalrat Froehlich-Berlin an der Versammlung teil. Ein Antrag des Vorstandes, die nöt'gen Schritte zu unternehmen, daß es den Apothekern gestattet werde, an den Nachmittagen der Sonn- und Feiertage eine Scbutztaxgebühr zu erheben, wurde einstimmig angenommen. Eine Stellungnahme der Versammlung zum Entwurf des Kurpfuscher- und Geheimmittelgesetzes wurde insofern festgelegt, als der Grundsatz des Entwurfes, die Behandlung durch Nichtärzte keineswegs zu verbieten, sondern nur unter Kontrolle zu stellen, um ihre Auswüchse zu beschneiden, volle Billigung fand. Dagegen wurden einige kleine Aenderungen als wünschenswert und die Einfügung des Verbotes der Arzneiabgabe durch Heilkundige selbst als unbedingt nötige Ergänzung im Sinne des Entwurfes und im Interesse der Allgemeinheit nachgewiesen. Zur geplanten Reform des Krankenversicherungs- gesetzes nahm die Versammlung folgende Erklärung an : „Der W. V. d. A. erblickt in dem Zusammenlegen der Krankenkassen zu großen Verbänden eine schwere Gefahr für den Apothekerstand, falls nicht von staatlicher Seite Einrichtungen getroffen werden, die dem Stand den erforderlichen Schutz angedeihen lassen. Er hält es außerdem für notwendig, daß die 88 6a und 26a des Krankenversicherungsgesetzes dahin eine Aenderung erfahren, daß die Mitglieder der Krankenkassen in der Wahl der Apotheken nicht beschränkt werden dürfen. Die Hauptversammlung beauftragt ferner den Vorstand, schon jetzt bei den zuständigen Stellen vorstellig zu werden, daß vor allem das Selbstabgaberecht der Krankenkassen keine Ausdehnung erfährt und den Mitgliedern kein Zwang zum Bezüge von Apothekerwaren aus Nichtapotheken auferlegt werden darf." Annahme fanden Anträge des Bezirks Wiesbaden betreffs Aufsicht des Arzneimittelhandels außerhalb der Apotheken, des Bezirks Cassel über DiSziplinar- befugnisse der pharmazeutischen Standesvertretungen und beamteter Apotheker. Aus dem Bericht über die Organisation ging hervor, daß sich der Verein in 59 Bezirke gliedert.
§ Friedberg, 8. Sept. Ein höchst merkwürdiges Vermächtnis hat der Essigfabrikant Leonhardt, Essig- leonhardt genannt, der Stadt überwiesen, nämlich 30 000 Mark für ein Krematorium mit der Bedingung, daß es spätestens nach 30 Jahren erbaut wird. Leonhardt starb dieser Tage und wurde im Krematorium zu Offenbach verbrannt.
Hus Ban au Stadt und Eand.
Karra«, 9. September.
* Konzert des Gesangvereins Tonblüte. Ermutigt durch die allseitig günstige Aufnahme seines vorjährigen Konzertes wird der Gesangverein „Tonblüte" (Leiter: Herr Heinr. Appunn ) auch in diesem Jahre und zwar am 22. Oktober er. in den Sälen der „Centralhalle" ein Konzert veranstalten, für welches die Vorbereitungen bereits ernstlich betrieben werden. Eine vorzügliche Auswahl wirkungsvoller Männerchöre ans dem Gebiete des Kunst-und Volksgesanges, sowie die Verpflichtung nur erstklassiger Solisten lassen einen hohen Kunstgenuß erwarten und wollen wir nicht verfehlen, unser kunstsinniges Publikuni schon jetzt darauf aufmerksam zu machen. Wir werden uns gestatten, auf das interessante Programm später noch näher einzugehen.
Bilderzeigen in bunter Reihe aus allen möglichen Ländern der Erde ausarten lassen. Das Vorführen von Projektionen' aus fremden Ländern hat nur geographisches Interesse und steht in keinem Zusammenhänge mit dem Heimatunterrichte, der vor allem gemütbildend wirken soll. Von der engeren zur weiteren Heimat ist nur ein Schritt. Allerdings wird erst der gereifte Verstand den Vaterlandsbegriff in vollem Umfange verstehen und die Notwendigkeit desselben würdigen können. Aber die nationalen Eindrücke und Erinnerungen reichen bis in die früheste Jugendzeit zurück und verknüpfen sich meist mit der heimischen Landschaft. Als Beweis folgendes Stimmungsbild: Es ist ein klarer, frischer Märztag. Ein später Rauhreif hat die Bäume am Flußufer mit seinem duftigen Weiß überzogen. Die Morgensonne funkelt in den lang herabhângcndcn Aesten der Trauerweide. Warum überkommt mich noch jetzt, nach so vielen Jahren, immer ein gewisses feierliches Gefühl, wenn die Landschaft wieder in diesem schillernden Aufputz vor mir steht? Warum denke ich mir in diese Landschaft immer noch eine große Festfreude hinein, wenn so viele andere gleichgültig an ihr vorüberschreiten ? Wenn ich der Empfindung genauer nachspüre, dann bildet mir daS Gedächtnis wohl auch noch die festlich gekleideten Soldaten vor, die an jenem Tage mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen über die Brücke zogen. Es war Kaisers Geburtstag. Von der Kaiserrede, die doch sicher in der Schule gehalten wurde, weiß ich kein Wort mehr. Der feierliche Landschaftseindruck ist geblieben.
Ein anderes Bild auS längst verflossenen Jahren,-das allerdings für uns Aeltere noch nicht so weit zurückliegt, aber bei der herangewachsencn Jugend zu den Kindheitserinnerungen gezählt werden dürfte: Unsere sonst so stille, friedliche Stadt sieht im Zeichen des Kaisermanovcrs. Tausende und Abertausende von Soldaten erfüllen die Straßen, denn in nächster Nähe soll die Entscheidung in diesem gewaltigen Kriegsspiele erfolgen. Alle friedlichen Bürger, die nur ihre Füße regen können, sind unterwegs. Hinaus geht cs in die umliegenden Ortschaften, um das | Schauspiel aus nächster Nähe zu beobachten. Auch wir
* Humorist. Dialekt- Abend. Interessenten zur gefl. Nachricht, daß der Kartenvorvcrkauf für den Humorist. Dialekt-Abend (15. d. Mts. in der „Centralhalle") von heute ab in den beiden Hofbuchhandlungenstattfindet; ferner zirkuliert immer noch eine Supskriptionsliste durch Herrn Vereinsdiener Karl Weber. Preise der Plätze: Reserv. Platz 1.50 Mk., Saalplatz 1.— Mk.
* Viehmarkt. Dem heutigen Viehmarkt waren 8 Ochsen, 540 Kühe und Rinder, 5 Bullen und 85 Kälber zu- getrieben. Bei mäßigen Preisen ging der Handel ziemlich schleppend. — Der nächste Viehmarkt findet am 30. September statt.
* Verbrauchsabgaben. Im Laufe des Monats August 1908 wurden an Schlachtscheinen verkauft:
117 Ochsen, mehr
41 Kühe, weniger 101 Rinder, mehr 1127 Schweine, „ 426 Kälber, „
93 Hämmel, „
gegen den Monat August 1.907
" « „ II II
" II II „ II
II II II II II
II II II II II
H 11 II 1t ft
Die Accis-Einnahme hiervon beträgt Mk.
An eingeführten Fleischwaren rc. würben versteuert: 25 588 Kilogramm, mehr gegen den Monat A-ugust 1907 : 1622 Kilogramm.
Hiervon die Accis-Einnahme mit . Mk.
16
22
39
86
68
23
Stück
II
11
II
II
453473
841.27
Summa Mk. 5375.27
Gesamt - Aceis - Einnahme im Monat August 1907 . . . . Mk. 4857.64
Mithin mehr gegen die gleiche Zeit des Vorjahres . . . . ' . . Mk. 517.63 Gesamt-Accis-Einnahme vom 1. April 1908 bis 3'1. August 1908 . . . . Mk. 25.044.42 Gesamt - Accis - Einnahme vom 1. April 1907 bis 31. August 1907 . „ 25 567,25
Mithin weniger gegen die gleiche Zeit des
Vorjahres . . Mk. 522.83.
* Hauptgewinn. Der glückliche Gewinner des ersten Preises bei der Lotterie des landwirtschaftl. Vereins ist Herr Kretschmer, Stationsvorsteher a. D. hier. Der Gewinn besteht in einem stattlichen Pferde.
* Der 4. Gewinn der Lotterie des landwirtschaftl. Vereins (eine Mähmaschine) fiel einem hiesigen Fahrburschen zu. Der Verkäufer des Eliicksloses war der VereinSdiener Herr Joseph Wolff.
* Bei der Kaninchen-Ausstellung erhielt den zweiten Preis auf Belg. R. Herr Ludwig Seitz.
* Merkbuch Tie preußisch-hessischen Eisenbahndirek tionen haben unter dem Titel „Merkbuch für den Stückgutversand" eine praktische Zusammenstellung der wichtigsten einschlägigen Bestimmungen herausgegeben zur Verhütung von Verwechslungen, Verschleppungen, Verzögerungen, Beschädigungen u. a., Unregelmäßigkeiten im Stückgutverkehr. Das auch in Plakatform erschienene Merkbuch wird an die regelmäßigen Stückgut-Auflieferer unentgeltlich von den Güterabfertigungen abgegeben.
* Der LanDesvereiu für innere Mission im Konsi. storialbezirk Cassel gedenkt am 27. und 28. September sein Jahres fest in Cassel zu feiern. Aus der Festordnung ist folgendes hervorzuheben: Sonntag, 27. September, abends .6 Uhr, ist Gottesdienst in der Lutherkirche, in dem Pfarrer Saul-Frankfurt a. M. die Festpredigt halten wird. Einige vom lutherischen Kirchenchor unter Leitung des Kgl. Musikdirektors Spengler vorzutragende Chöre werden zur Bereicherung des Gottesdienstes beitragen.. Montag den 28. September findet nach einer Besprechung des Verwaltungs- rates und der Diözesanvertreter die für jedermann zugängliche Hauptversammlung im Evangelischen Vereinshause, Kölnische Straße 17, um 10 Uhr vormittags statt. Auf der Tagesordnung derselben stehen u. a. zwei besonders anziehende Gegenstände, nämlich Vorträge des Direktors deS Rauhen Hauses in Hamburg, v. Hennig, über: „Der Wittenberger Kirchentag, ein kirchengeschichtlicher Wendepunkt im
machen uns zeitig auf den Weg, des strömenden Regens nicht achtend, der die Wege fast zur Grundlosigkeit erweicht. Wir durchschreiten einen Wald. Hier und da sieht man noch die Ueberreste des vornächtlichen Biwaks. In endloser Reihe stehen die Kanonen am Waldsaume entlang. Wir treten aus dem Walde heraus unb erwarten den weiteren Verlauf der Dinge. Plötzlich blitzt ein Schuß-auf der gegenüberliegenden Anhöhe. Er gibt das Zeichen zu einem furchtbaren Geschützdonner, der sich jetzt auf beiden Seiten auslöft. Da reitet über den Weg eine lange Reihe hoher Offiziere. Besonders fesseln uns die goldstrotzenden Uniformen der Ausländer; der König von Italien wird erkannt, auch Prinz Luitpold von Bayern. Aber wer ist nur jener Herr, der an der Spitze reitet in schlichter, einfacher Jnfantcrieuniform? Ein Vorübergehender ruft uns zu, auf diesen Herrn deutend: „Der Kaiser!" Ja, es ist der Kaiser, wie ich mir ihn immer vorstellte, ernst und streng im Bewußtsein seiner ernsten Pflichten. Ein wunderbares Gefühl beschleicht mich, da ich ihn zum ersten Male sehe. Ein Gefühl der Rührung, aber auch zugleich des Stolzes; denn in seinem schlichten Aussehen ist er der Schirmherr des mächtigen deutschen Vaterlandes, der Bürge des Friedens, der Beschützer auch meiner Heimat, und unter seinem Schutze ist sie wohl- geborgen.
Solche und ähnliche Bilder werden uns mitgegeben für das spätere Leben. Sie verknüpfen sich innig mit dem heimischen Landschaftsbilde und sind daher dauernd und unauslöschlich. Mit ihnen verschmilzt untrennbar das Gefühl der Zusammengehörigkeit des gesamten deutschen Vaterlandes, das in seiner Gesamtheit einer der schönsten Länder ist, das die Sonne begrüßt in ihrem Laufe und sich erstreckt von den schneeglitzcrnden Alpen bis zum brausenden Meere, das weder nach Osten noch nach Westen, weder nach Süden, noch auch nach Norden bestimmte, sichernde Grenzen aufweist und darum seinen einzigen Schutz suchen muß gegen Neid und Habsucht und Uebermut seiner Umwohner in dem festen Zusammenschluß aller Stämme, in seiner eigenen, sittlichen Macht. S. Urft.