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Du mir setzt noch die wohlerhaltene Jugendfrische, dieses Aushängeschild meines Berufs?"
Magda Heinsius kämpft mit den Tränen. Wortlos, aber innig umschlingt sie den Hals der Jugendfreundin, die ihren früheren Hochmut so furchtbar büßen, die so schwer leiden und kämpfen mußte und dennoch die Seelengröße besaß, sich vor ihr durch Ablegung dieser Beichte zu demütigen.
Lange halten sich die Freundinnen umschlungen, dann löst sich" Marie sanft aus Magdas Armen, küßt sie herzlich auf den Mund und spricht mit bewegter Stimme, „Magda, Deine liebreiche Teilnahme hat mir unsagbar wohlgetan, noch mehr die rückhaltlose Aussprache, die ich mir einmal gestatten durfte, und die mir wahre Bergeslasten von der Seele gewälzt. Erfülle mir noch eine Bitte! Laß uns nicht wieder fremd miteinander werden, schreibe mir und laß Dir von mir schreiben, aber besuche mich.nicht, wenigstens nicht eher, als bis ich mein Handwerk aufgegeben und Deines Verkehrs wieder würdig bin."
Magda will widersprechen und auf persönlichem Verkehr oestehen, aber Marie beharrt fest bei ihrer Bitte.
„Es ist besser so, Magda, glaube es mir!" sagt sie resigniert. „Aus dem Munde Deines eigenen Gatten weißt Du, wie mein Unternehmen beurteilt, bespöttelt wird. Wie sagte er doch gestern zu Dir, als ihr bei meiner Wohnung vorüberginget und das Aushängeschild laset? .Blühendster Blödsinn des zwanzigsten Jahrhunderts! Eine Altweibermühle modernsten Stils! Leb' wohl, kleine Magda, bewahr mir Deine Liebe!"
Ehe sich Magda Heinsius noch von ihrem Erstaunen erholt hat, ist Marie verschwunden. Schluchzend drückt sie das Laichentuch an ihre Augen. Es tut ihr bitter wehe, daß Biarie die herzlosen Worte ihres Mannes gehört hat. Wie muß es sie geschmerzt haben!
Ja, ja, io sagte er, sie besinnt sich ganz gut darauf und sieht ganz deutlich das große Schild unter den Parterrefenstern der kleinen Villa in der Rheinstraße vor sich: Madame Marion Joubert, Directrice de l'Jnstitut Cosmütique. (Salon du rajeunissement.) Und sie, sie hatte dazu gelacht und neugierig in die mit eleganten Stores verhangenen Fenster gesehen, auch eine rasch zur Seite tretende Frauen- | gestalt bemerkt. Das war Marie, die Aermste, gewesen!
Sie hatte alles gehört und sie gewiß schon gestern erkannt. Das Zusammentreffen heute war vielleicht gar kein zufälliges, sondern ein von ihr gesuchtes gewesen. — „Arme, arme Marie!" seufzt Magda aufstehend und geht, in schwere Gedanken versunken, dem Hotel zu, wo der Gatte sie bereits erwartet.
Wie erschrickt er beim Anblick ihres betrübten Gesichts und der Tränenspuren in ihren Augen, und wie ist er erstaunt, anstatt der lustigen Erzählung eines erdichteten Abenteuers die Schilderung des traurigen Geschicks zu hören, welches die einst so stolze Frau in die Reihe der „Deklassierten" geführt hat!
Sprachest des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
Zweigverein Hanau.
Gene, genant, genieren.
„Ach, sie hat soviel Gène (oder vielmehr Schähne)■!" Ist das nicht zart und sinnig und verständig? und klingt es nicht viel schöner als: „Ach, sie ist so schämig"? —Die gène sollten wir — b. h. nur das Wort, nur ja nicht seinen Begriff! — in die Hölle verbannen, denn aus der Hölle stammt sic, b. h. es, das Wort: aus dem hebräischen Gehenna (Hölle) machten die alten Franzosen gé(h)enne, und die Bedeutung entwickelte sich von Höllenqual über Pein, Folter zu Zwang, dem Zwang, den das Anstandsgefühl uns auferlegt. DaS Wort ist glücklicherweise nicht mehr all zuhäufig in deutschen Landen anzutreffen, nur „Sank Schätzn" war mit dem bekannten französischen Theaterstücke einige Jahre bei uns wieder im Schwange; auch das zugehörige Eigenschaftswort „genant" hat unserem deutschen „peinlich" viel Platz einräumen müssen. Aber dem Zeitwort „genieren", dem begegnen wir noch allenthalben, und daher sei hier einmal daran erinnert, was Kolmar Schumann (Lübeck) vor Jahren darüber in der Zeitschrift des Allg. Deutschen Sprachvereins geschrieben hat:
Es gibt hier gewisse Fälle, wo man mit der Muttersprache nicht auskommen zu können meint. Das scheint mir besonders dann zu geschehen, wenn man sich schämen für zu stark hält und doch das Sittliche, Anständige betonen will, das in Ausdrücken wie s i ch scheuen, Anstand nehmen, nicht notwendig steckt. So bleibt das fremde Wort als unentbehrlich im Schwange, auch da, wo ein deutsches besser und bezeichnender wäre. Zu den Sarra» zinschen Vorschlägen in seinem Verdeutschungs-Wörlerbuche füge ich bei dieser Gelegenheit noch folgende: 1. genieren: beschränken, einengen, hindern, beklemmen, lähmen (beeinflussen); in Verlegenheit setzen, Scham erregen, schamhaft machen, 2. si ch genieren: sich zieren, zimperlich sein und -tun, zagen, zaghaft, schüchtern, befangen, blöde, ängstlich, bange sein, sich stoßen an, etwas finden in, Anstoß nehmen, sich nicht entschließen können, nicht über sich bringen (gewinnen), nicht wagen, sich nicht trauen, nicht den Mut haben; Umstände machen, 3. dasgeniertnicht: damacht nichts, tut nichts, ist gleichgültig, schadet nicht, 4. s i ch nicht genieren: nach Belieben dies und jenes tun. Daraus ergeben sich Verdeutschungen der Eigenschaftswörter von genant und genierlich von selbst. Außerdem läßt sich das Fremdwort, ebenso wie Interesse, oft durch freiere Wendungen vermeiden. Die Verdeutschungen aber, die Sarrazin bietet, sind folgende: peinlich sein, lästig sein oder fallen, hinderlich sein, belästigen, zur Last fallen, behelligen, stören, Zwang auferlegen oder antun, beschweren, unbehaglich oder unangenehm sein; Umstände machen; Bedenken erregen oder tragen, Anstand nehmen, sich scheuen, schämen; sich beschwert oder bedrückt fühlen, befangen sein; und für „das geniert ihn nicht" : das kann er vertragen, das kümmert ihn nicht, macht ihm keine Sorge usw. Und bei diesem Reichtum müssen wir uns noch immer „genieren" ? Nein, schämen muß sich wahrlich, wer au« Denkfaulheit immer wieder das abgegriffene Fremdwort anwendet und nicht in der reichen Schatzkiste der Muttersprache zu suchen versteht!