Hanauer K Anzeiger
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Erscheint täglich mit Ausnahme her Ssim- rmL Feiertage, mit belletristischer Beilage»
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Nr. 147 Fernsprechanschlus; Nr. 605»
.Freitag den 26. Juni
Fernsprechanschlutz Nr. 605. 1908
Amtliches.
Der nächste Termin der durch das Gesetz vom 18. Juni 1884 vorgeschriebenen Prüfung von Schmieden über ihre Befähigung zum Betriebe des Hufbeschlaggewerbes wird hier- selbst am Freitag den 31. Juli Ä. I. abgehalten werden.
Meldungen zu dieser Prüfung sind unter porto- und be- stellgeldfreier Einsendung einer Prüfungsgebühr von 10 M. bis spätestens den 11. Juli d. I. an den Unterzeichneten zu richten.
Mit der Meldung zugleich sind einzureichen:
1. der Geburtsschein,
2. etwa vorhandene Zeugnisse über die erlangte technische Ausbildung (Gesellen-, Meisterbrief u. dgl.),
3. eine schriftliche Erklärung darüber, ob der Meldende sich schon einmal der Prüfung erfolglos unterzogen hat.
Es werden nur solche Schmiede zugelassen, welche das 19. Lebensjahr vollendet haben und den amtlichen Nachweis erbringen, daß sie die drei letzten Monate vor der Meldung zur Prüfung im' Regierungsbezirk Cassel sich aufgehalten haben.
Schmiede, welche die Prüfung nicht bestanden haben, können erst nach Ablauf von 6 Monaten zu einer neuen Prüfung zugelassen werden.
Cassel am 25. Mai 1908. ,
Der Vorsitzende
der staatlichen Hufschmiede-Prüfungskommission.
Veterinärrat Tietze, Kgl. Departements-Tierarzt, Parkstr. 9.
Stadtltr Bekanntmachung.
Nachdem der Fluchtlinienplan für das Gelände zwischen Burgallee «nb Kastanienallee, Kronprinzenstrasse und Franksnrterlandstratze durch Beschluß vom 16. d. Mts. förmlich festgestellt worden ist, wird er auf Grund des § 8 des Gesetzes vom 2. Juli 1875 von nun an im Rathause, Zimmer Nr. 21, während der Geschäflsstnnden zu jedermanns Einsicht offengelegt.
Hanau den 20. Juni 1908.
Der Magistrat.
Hild. 13503
Zwangsversteigerung.
Im Wege der Zwangsvollstreckung sollen die in Hanau belegenen, im Grundbuche von da Band IV Artikel 195 zur Zeit der Eintragung des Versteigerungsvermerkes aus den Namen:
1. des Bijouteriefabrikanten Johann Heinrich Vial,
2. des Bijouteriefabrikanten Johann Konrad Vial, beide zu Hanau, als Alleineigentümer je zur ideellen Hälfte, eingetragenen Grundstücke:
Französische Allee 4:
1. Kartenblatt N Parz. 332/214, a) Wohnhaus mit Anbau, Einfahrt, Hofraum = 6 ar 92 qm,
— Nutzungswert = 3900 Mk. — und
2. Kartenblatt N Parz. 215, Hausgarten, b) Seitenbau rechts, c) Seitenbau links mit Anbau, Abtritt, d) Waschküche und Anbau, Farbküche--- 2 ar 67 qm — Nutzungswert zu b) 360 Mk., zu c) 240 Mk., zu d) 60 Mk. —
am 27. August 1908, vormittags 101/» Uhr, durch das unterzeichnete Gericht an der Gerichtsstelle — Marktplatz 18, Zimmer Nr. 14 — versteigert werden.
Hanau den 22. Juni 1908.
Königliches Amtsgericht Abt. 2. *3501
politische Rundschau.
Dem preußischen Landtage ging am Donnerstag nachmittag ein Gesetzentwurf betreffend die Erhebung neuer Umlagen zu landeskirchlichen Zwecken für das Etatsjahr 1908 zu. Die Vorlage enthält drei Allerhöchste Erlasse, die sich auf die älteren Provinzen, Schleswig-Holstein und den K o n s i st o r i a l b e z i r k Cassel beziehen. Für die älteren Provinzen betragen die zu beschaffenden Mittel S1^ Prozent der Staatseinkommensteuer, für Cassel l*M Prozent der Staatseinkommensteuer und für Schleswig-Holstein 210 000 Mark.
Die Teuerungszulage für die Geistlichen. Die Nachricht, daß dem neuen Landtage in den nächsten Tagen ein Gesetz, betreffend Teuerungszulagen für Geistliche zugehcn werd-- wird der Täal. Rundsch. bestätigt. Im April wurden
die für die Teuerungszulagen für Beamte und Lehrer notwendig werdenden Mittel nicht extra bewilligt, sondern es wurde beschlossen, sie aus Kapitel 63 Titel 6 des Etats des Finanzministeriums zu bestreiten, indem bereits 77Millionen zu Diensteinkommensverbesserungen für die Beamten, Geistlichen und Volksschullehrer nach Maßgabe der besonderen Gesetzesvorlage bewilligt waren. Aus diesem Fonds dürsten auch nach dem neuen Nachtragsetat Teuerungszulagen für Geistliche zu gewähren sein, die ebenfalls auf die Gehaltsaufbesserung zur Anrechnung gelangen. Die Desoldungsvor- lagen sind im großen und ganzen fertiggestellt, dem Staatsministerium bisher aber nicht zugegangen. Das betreffende Gesetz für die Geistlichen zerfällt in zwei Teile, ein Gesetz für die evangelischen und eins für die katholischen. Es ist in letzter Zeit in Zentrumsblättern gemeldet worden, man wolle die katholischen Geistlichen der Provinzen Posen und Schlesien von den Wohltaten dieser Gesetze ausschließen; regierungsseitig hat man an eine solche Maßnahme nie gedacht. Mit der Gehaltsaufbesserung wird auch gleichzeitig eine Reform des Ruhegehalts- und Reliktenwesens der evangelischen Geistlichkeit vorgenommen werden. Es liegen hier also drei Gesetze vor.
Der Kaiser in Kiel.
Kiel, 25. Juni. Heute vormittag bei den militärischen Meldungen nahm der Kaiser die Meldung des auf S. M. Schiff „Württemberg" dienenden Matrosen Kühlcke entgegen. Der Urgroßvater des Matrosen hatte seinerzeit bei der Geburt unseres Kronprinzen an weiland Kaiser Wilhelm den Großen sein Bild geschickt, das ihn selbst/ seinen Sohn, seinen Enkel und seinen Urenkel darstellte. Der alte Kaiser hatte ihm eines der bekannten Bilder „Vier Generationen" geschickt, auf dem der alte Kaiser mit dem Kaiser Friedrich, dem jetzigen Kaiser und dem Kronprinzen dargestellt waren. Der Kaiser teilte dem Matrosen mit, baß er dem Vater des Matrosen sein Porträt im Rahmen schenken werde.
Kiel, 25. Juni. Der Kaiser machte heute nachmittag einen Besuch an Bord der Jacht „Germania" des Herrn Krupp von Bohlen-Halbach und begab sich sodann zum Bahnhöfe zum Emfange des Königs von Sachsen. Der Kaiser trug Admirals-Uniform, der König, welcher die Uniform des ersten Seebataillons trug, traf um 6 Uhr 35 Minuten ein. Nach herzlicher Begrüßung unternahmen die beiden Monarchen mit ihren Gefolgen in dem Verkehrsboot „Hulda" eine Rundfahrt durch den Kieler Hafen, während der die Mannschaften der Kriegsschiffe paradierten. Hierauf gingen die Monarchen an Bord der „Hohenzollern", wo der König mit seinem Gefolge Wohnung nimmt. Der Kaiser machte mit dem König einen Rundgang durch das Schiff. — Um 8 Uhr fand an Borb der „Hohenzollern" Tafel statt.
Kiel, 25. Juni. Zur Uebergabe des Patengeschenkes der Stadt Nürnberg an den gleichnamigen Kreuzer traf hier heute eine Deputation ein, bestehend aus dem Oberbürgermeister Dr. v. Schuh, dem Bürgermeister Ritter v. Jäger, dem Rechtsanwalt Bräutigam und den Stadtverordneten Kaufmann und Hopf. Die Ueberreichung ^8 Geschenkes erfolgte nachmittags an Bord des Kreuzers mit einer Ansprache des Oberbürgermeisters, die der Kommandant mit herzlichen Worten des Dankes erwiderte. Zu Ehren der Deputation findet abends an Bord des Kreuzers eine Festlichkeit statt.
Persien.
Petersburg, 25. Juni. Nach Beendigung der Unruhen in Teheran will der Schah an der Spitze der Truppen nach den Provinzstädten ziehen, um die Endschumen, welche dort Truppen sammeln, niederzuwerfen. Die Lage ist sehr ernst. Ein Bürgerkrieg steht bevor.
London, 25. Juni. Im Unterhaus verlas der Staatssekretär des Auswärtigen, Sir Edward Grey, einige Depeschen des englischen Geschäftsträgers in Teheran, in welchen die jüngsten Unruhen berichtet werden. Sir Edward Grey fügte hinzu, der englische Geschäftsträger und der russische Gesandte haben am 23." Mai ihre Dragomane zum Schah gesandt, um ihn an seine, im Dezember gegebenen Versicherungen zu erinnern und ihm die Veröffentlichung einer Proklamation nahe zu legen, in welcher er bekannt gibt, daß er nicht die Verfassung abzuschaffen wünsche. Sie haben auch sehr dringend die Aufrechterhaltung der Ordnung und den Schutz der Europäer gefordert. Der Schah gab in vollem Umfange die gewünschten Versicherungen und ordnete einen besonderen Schutz für die Telegraphenlinien und die Kaiserliche_ Bank von Persien an. Die englische und die russische Regierung haben ihren Vertretern in Teheran die Weisung gegeben, Zill es Sultan vor Intriguen gegen beh Thron zu warnen und auch den Schah dahin zu unterrichten, daß eine friedliche Haltung gegen die konstitutionelle Partei eine Unterstützung bei ihnen'finden würde.
Tâbris, 25. Juni. (PeterSb. Tel.-Ag.) Zwischen den Parteien wurde beute nacht bis zum Morgengrauen gekämpft.
Die Reaktionäre behielten die Oberhand. Die Verluste beider Parteien betragen gegen 100 Tote und Verwundete. Jetzt werden Friedensverhandlungen geführt. Generalgouvernem Muckber Es Saltaneh verläßt Täbris nnd begibt sich nach dem Kaukasus, bezw. Europa. Als sein Nachfolger wird Ennud Dauleh Sadr Asam genannt.
Der letzte Akt im Srawa der Bürgermeisterstoltzter Grete Beier.
Unber. Nachdruck Verb. 8. u. H. Freiberg i. S., 25. Juni.
Einer der psychologisch interessantesten Kriminalfälle bet letzten Zeit kommt am nächsten Montag vor dem Schwur- geriet in Freiberg i. S. zur Verhandlung: der letzte Akt im Drama der BürgermeisterStochter Grete Beier. Ihr Tun und Treiben hat bekanntlich eine ganze Reihe von Prozessen gezeitigt. Ihre Mutter ist wegen Verleitung zum Meineide zu 2 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt worden. Ihr Geliebter, der Kaufmann Merker, der wegen Unterschlagung bereits 2 Jahre Gefängnis zu verbüßen hat, ist in einer Verhandlung zusammen mit seiner Geliebten wegen Hehlerei zusätzlich zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Auch die Frauen, die dem Liebespaar Gelegenheit zu Zusammenkünften gaben, sind schon wegen Kuppelei abgeurteilt. Die Hauptperson in dem Drama, Grete Beier, ist am 5. Juni wegen schweren Diebstahls, einer schweren und einer einfachen Urkundenfälschung und einer erfolglosen Aufforderung zum Morde zu 5 Jahren Zuchthaus, 8 Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht verurteilt worden. Am kommenden Montag wird sich nun die Angeklagte von neuem zu verantworten haben und zwar unter der schweren Anschuldigung des überlegten Mordes an ihrem Bräutigam, dem Oberingenieur Preßler. Der Mord geschah unter folgenden, in der Kriminalgeschichte wohl einzig' dastehenden Umständen. Preßler, ein wohlhabender Mann, dem allerseits das beste Zeugnis ausgestellt wird, wohnte in der Promenadenstraße zu Chemnitz. Am 14. Mai erhielt er den Besuch seiner Braut, die einen Revolver und ein gefälschtes Testament des Preßler bei sich trug. Grete Beier erklärte dem in sie verliebten Mann, sie habe ihm eine Ueberraschung vom Jahrmarkt mitgebracht, er müsse sich aber zunächst die Augen verbinden lassen. Als der ahnungslose Mann das mit sich geschehen ließ, jagte sie ihm durch den Mund eine Kugel in den Kopf, sodaß der Unglückliche sofort tot war. Dann parktizierte sie das gefälschte Testament, in dem sie zur Universalerbin eingesetzt war unter die Hinterlassenschaft des Toten und suchte durch ebenfalls gefälschte Briefe den Anschein zu erwecken, als ob Preßler Selbstmord begangen habe. Es ist in den Briefen von einer Italienerin die Rede, mit der Preßler angeblich verheiratet war vnd die auf die Kunde von seiner Verlobung nach Freiberg geeilt sei und ihn vor die Wahl Verhaftung oder Selbstmord gestellt habe.
Das Raffinement bei Ausübung der Tat ließ zunächst den Gedanketr aufkommen, daß die Täterin nicht im Besitze ihrer Geisteskräfte sei. Sie wurde daher einige Wochen auf ihren Geisteszustand untersucht, die Sachverständigen äußerten sich aber dahin, daß Grete Beier wohl hysterisch und geistig minderwertig, zur Zeit der Tat aber zurechnungsfähig gewesen sei. D>e Verteidigung vertritt den Standpunkt, daß die Täterin an einer Art moralischen Wahnsinns leidet, doch gilt diese Art des VerrücktseinS nach unserem Strafrecht nicht als Strafausschließungsgrund. Da die Beier, wie festgestellt worden ist, mit ihrem Geliebten Merker geradezu tolle Orgien gefeiert haben soll, nimmt man andererseits an, daß sie an einem Defekt leidet, der auf sexuellem Gebiete zu suchen ist. Die Schilderung von ihrer überirdischen «etherischen Schön- heit treffen übrigens nicht zu. Sie ist auch niemals wie eine Schäferin L la Watteau durch Feld und Flur geschweift, sondern hat immer einem durchaus realen Lebensgenüsse in jeder Beziehung gehuldigt. Sie ist eine etwas untersetzte Persönlichkeit, mit einem nicht mehr ganz frischem aber pikanten Gesichte.
Wir werden über den Prozeß, der auch in psychiatrischen Kreisen großem Interesse begegnet, ausführlich berichten.
Hochstapeleien.
Der dritte Lewandowski-Prozetz.
(Nachdr. Verb.) S. u. H. Berlin, 25. Juni.
(8. Tag.)
Die beiden Angeklagten sind sichtlich erschöpft. Frau Lewandowski, die vorher den Verhandlungen ziemlich gleichmütig folgte, weint wiederholt heftig. Der Angeklagte scheint den Verhandlungen nur mühsam folgen zu können. De, Zeuge Kaufmann Wiener hat Wechselgeschäfte mit dem Grafen gemacht und ihm für ca. 15 000 Mark Akzept«