EinrücknnzSgebLH»,
Bezugspreis:
Vierteljährlich 1,80 SDK., monatlich 60 Pfg., für aui» Bärtige Wonuvlien mit dem beneßeuden Poftaujjchla-, Die tiszein« Nummer kostet 10 Pfg.
Botationrdruck und Verlag der Buchdruckerei des verein.,
Gcneral-Anzciger
Amtliches VrW für $UM= Mb ZMreis Hmu.
Die fünfgefpalte« Petitzeile »der der« Nanm 80 Pfg, im SieklamemÄ die Zeile SS Pf^
rs. WaijenhaujeS in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
veriwtwortl. Redakteur! S. Schrecke, A Hana»
Nr. 26 F-r«spr-chanschl«tz Nr. 695.
Freitag den 31. Januar
Fernsprechanschlutz Nr. 605» 1908
Amtliches.
Eandkreis Ran au. Bekmtmchmge« hes Miglichen Sanbtafâamf^
Der zum israelitischen Kreisvorsteher gewählte Herr Moritz Hirschmann in Hanau ist von dem Vorsteheramt der Israeliten bestätigt und von mir verflichtet worden. Hanau den 23. Januar 1908.
Der Königliche Landrat.
V 250 v. Beckerath.
Politische Rundschau.
Die Budgetkommission des Reichstages begann gestern die Beratung des Etats der Reichspost und der Telegraphenverwaltung. Bei dem Titel „mittlere Beamte" fragte Abg. Hamacher (Ztr.), ob und wann die BeioldungSvorlage komme und welche Beamtenkategorien in Betracht kämen. Unterstaatssekretär Twele vermochte darüber noch keine Auskunft zu geben, obwohl die Beratungen in den RessortS als abgeschlossen gelten können. Abg. Eickhoff (frs. Vpt.) bat, die Arbeiten so zu beschleunigen, daß über die Vorlage noch vor Ostern beraten werden könne. Unterstaatssekretär Twele erwiderte, die Regierung wünsche ebenfalls, die Vorlage möglichst bald an das Haus zu bringen. Abg. Gröber (Zir.) sagte, den Beamten müßte der Weg geebnet werden, daß sie gemeinsame Wünsche vorbringen könnten. Er empfehle eine gemeinsame Stellungnahme aller Parteien nach dem Muster des Vorgehens in Württemberg. Staatssekretär Krätke stimmte dem Anträge Gröber zu. Der Vorschlag, die Petitionen gründsätzlich nur dann zu behandeln, wenn die Stellungnahme des Ressortchefs erfolgte, müsse begrüßt werden, da dies im Interesse der Beamten selbst liege. Bei dem Titel „Post- und Telegraphenämter" wünschte der Referent Beck zu hören, wie das Verhältnis der neu anzunehmenden Beamten der höheren Laufbahn zu den im Dienst Befindlichen gedacht sei. Darauf wurde erwidert, die neuen Vorschriften sollen bald veröffentlicht werden. Unbegründet sei die Besorgnis, daß die neuen Beamten höher bewertet würden. Für die Beförderung in höhere Stellen sei vor allem die Bewährung im Amte maßgebend. Abg. Erzberger (Ztr.) bedauert diese Neuerung. Staatssekretär Krätke erklärt, die Anforderungen an die Postbeamten infolge der technischen Fortschritte machten eine eingehendere Vorschulung notwendig. Um die Einführung des Assessorismus handle eS sich durchaus nicht, sondern lediglich um eine höhere technische Bildung. Unterstaatssekretär Sydow antwortete auf eine weitere Frage Erzbergers, von finanziellen Lasten sei keine Rede. Die Der-
Feuilleton.
Hanmer Stadtthcatcr.
= Sana«, 29. Januar.
„Vom andern Ufer."
Drei Einakter von Felix Salten.
„Ich bin von weitem an dich herangeschlichen. Von so weit her, daß du die ungeheure Entfernung gar nicht ahnst." So spricht der Graf Festenberg in dem ersten Einakter zu seiner Gattin. Und mit diesen Worten ist die gemeinsame Idee der drei geistfunkelnden Komödien oder Schauspiele ausgedrückt; tief ist der Abgrund, der die agierenden Personen trennt. „Menschlich, sozial, seelisch" find sie grundverschieden, der eine kommt immer „vom andern User" her zum andern. „Der Graf" (oder wie die Buchausgabe präziser sagt: „Graf Festenberg") heißt das erste Stück. Dieser Graf ist aber gar kein Graf, sondern ein Hochstapler & la Manolcscu (wenn auch kein Dieb wie dieser); er ist ein simpler Kellner, Josef Wessely mit Namen, der in Paris und an der Riviera die guten Manieren lernte und in Amerika sich viel Geld verdiente. Innerlich fühlte er sich aber stets als Grafen und kam sich als „das Opfer eines Besetzungsfehlers des Schicksals" vor. Und deshalb korrigierte er das Schicksal und warb „als Graf" um eine wirkliche Komtesse. Warb und erhielt sie. Denn kein Wort, keine Geste, kein Gedanke verriet die niedere Herkunft. Die Komtesse liebt ihn heiß, ihr Onkel, ein echter Blaublütiger, ist entzückt von ihm. Aber auf einmal kommt der Vetter der Komtesse, den die Eifersucht in diesem Falle nicht blind, sondern sehend machte, und „entlarvt" den Pseudografcn. Entlarvt ihn zum peinlichen Aerger deS Onkels und der Komtesse, denn „man muß doch eine gesellschaftliche Kata
waltung merke sehr wohl, daß die stetigen Fortschritte eine breitere wissenschaftliche Bildung bedingten. Diesen Zweck erfüllten die bestehenden Fortbildungskurse nicht. Staatssekretär Krätke erklärte ferner, in der Anstellung der Abiturienten ändere sich nichts. Es folge ein Jahr Praxis, dann erst das akademische Studium. Darauf wurde Titel 20 und 21 („Post- und Telegrapheninspektoren") angenommen. Bei dem Titel „Oberasststenten" usw., Unterbeamte in gehobenen Dienststellen, erklärte Staatssekretär Krätke, daß die Schaffung neuer Beamtenkategorien eine erhebliche Mehrbelastung ergeben würde. Nächste Sitzung SamStag.
Landtags»Angelegenheiten. In der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses erklärte beim Etat der Bauverwaltung der Minister der öffentlichen Arbeiten, daß betreffend die Schiffahrtsabgaben Verhandlungen mit den beteiligten deutschen Bundesstaaten im Gange seien und 1908 in ein offizielles Stadium treten würben. Mit dem Auslande würden nach der gesetzlichen Interpretation deS Artikels 54 der Reichsverfassung Verhandlungen erfolgen. Auch die ausländischen Staaten würden rin Interesse an der Einrichtung von Zwcckverbänden für den Strom als Ganze? haben. Bezüglich des Köhlbrands bei Harburg erklärte der Minister, daß die Verhandlungen noch schwebten. Die Staalsregierung wünsch« auch eine baldige Lösung der Frage der Kanalisierung der Saar und der Mosel. In der nächsten Zeit würde eine besondere Vorlage wegen Bewilligung der Mittel für eine neue Trajektverbindung Saßnitz-Trelleborg kommen, in der sich auch die Kosten der Hafenerweiterung von Saßnitz befänden. Auch wegen des masurischen Schifffahrtskanals würde eine Vorlage kommen. Die Ausgaben, Einnahmen und sämtliche Positionen wurden bewilligt.
Fürst Gustav zu Erbach-Schönberg ist gestern nach längerem Leiden gestorben. (Der Verstorbene, der Senior des fürstlich und gräflich Erbach'schen Gesamthauses, war am 17. August 1840 in Schönberg geboren. Er gehörte der Ersten hessischen Kammer als erbliches Mitglied an. Seit 1871 war er mit der Prinzessin Marie von Battenberg vermählt.)
Die hessische Zweite Kammer nahm gestern die Regierungsvorlage, betreffend die Anstellungs- und Beförde- rungsverhältnisse der hessischen höheren Beamten der Eiseubahngemeinschaft an. Auf eine Anfrage des Abg. Schmidt bestätigte Finanzminister Gnauth, daß die Verlegung der Elsenbahnwerkstätten von Kastel nach dem auf dem hessischen Gebiet liegenden Teile des Bahnhofes Biebrich-Ost in Aussicht genommen sei. Bei der Beratung mehrerer Anträge, betreffend die Erbauung von Nebenbahnen, teilte Finanzminister Gnauth mit, daß die Vorarbeiten für die Eiienbahnlinie Bensheim-Lindenfels in Angriff genommen sind. Darauf
strophe" vermeiden . . . Und man hätte sie so leicht vermeiden können, denn da unten an der Riviera lebt und jeut ein verlotterter, aber echter Graf Festenberg, der den nicht verlotterten, aber unechten Grafen Festenberg gegen eine kleine Summe sehr gern adoptiert hätte . . . Und dann wäre alles in schönster Ordnung gewesen .. . Aber zu spät: der Vetter hat die Polizei schon mobil gemacht. Dumm und peinlich . . .
Die Idee dieses ersten Einakters: der wahre Aristokrat' ist nicht der geborene, sondern der, der ihn zu spielen, v o r z u st e l l e n vermag, der aristokratisch lebt und denkt, diese Idee widerruft Salten eigentlich witzig im zweiten, theatralisch wirksamsten Stück, in dem kräftig pointierten Schauspiel „Der Ernst des Lebens." Denn hier gibt der Autor dem totgeweihten Edelmann das echtere Wappen und behauptet „Das edle Blut ist doch im Grunde das Entscheidende." Es ist eine etwas gruselige Geschichte, bei deren Ausgang man aber doch befreit lächelt. Ein junger Edelmann, ein dekadenter, schönheitstninkener Stimmungsmensch, nützlicher Arbeit durchaus abhold, aber herzensgut und vornehm von Blut und Gesinnung, erfährt von seinem eigenen Schwager daß er dem Tode verfallen ist. Dieser Schwager, von plebejischem Herkommen und trotz aller Kulturiünche roh von Gesinnung, war einst sein Erzieher, nahm alle Wohltaten des adeligen Hauses — schließlich gar auch die Tochter — als etwas Selbstverständliches hin, ist nun durch Hirnschmalz und Strcberarbeit ein berühmter Arzt geworden und bchauvtct in frecher Eitelkeit, alles aus eigener Kraft, ohne jede Protektion geworden zu sein. Im Grunde ist er ein proletarischer Parasit, der in dem vornehmen Hause jeden Nutzen gierig mitnahm, es aber trotzdem gründlich haßte. Und das erkennt plötzlich in diesem Augenblicke der arme junge Edelmann mit dem visionären Blick der Todgeweihten. Und da ergreift er, auf die geschwollenen Phrasen des berühmten Arztes, man müsse dem Tode mannhaft „mit moralischer Kraft" ins Auge sehen
nahm die Kammer den Ausschuß-Antrag an, die Regierung zu ersuchen, den LandstäNden alsbald eine Gesetzetzvorlage, betreffend den Bau einer Bahn Fürth-Reichelsheim, zu unterbreiten und in Gemäßheit der Konzessionsbestimmungen für die Bahn Reinheim-Reichelsheim diese Strecke vom Oktober 1908 ab in den Staatsbetrieb zu übernehmen. Die Regierung hatte sich gegen diese beiden Anträge ausgesprochen. Darauf vertagte sich die Kammer auf etwa drei Wochen.
Hus Ban au Stadt und Eand,
Sana«, 31. Januar.
L Atzung der Kamm SundelskuNM vom 29. Januar.
Nach Einführung der neuen bezw. neugewählten Mitglieder gab Herr Kommerzienrat C an th al einen U eberblick über das verflosseneWirtschaftSjahr, wobei er ungefähr folgendes ausführte:
DaS Jahr 1907 hat einen merkwürdigen Verlauf genommen. Bis September oder Oktober konnte es fast allgemein als durchaus gut bezeichnet werden. Von da ab zeigte sich aber eine ziemlich scharfe Wendung zum schlechteren. Schon nach dem Jahre 1906 hatte die Handelskammer vor dem Rückgang der Konjunktur gewarnt wegen deS hohen Bankdiskonts und anderer bedenklicher Anzeichen. Aber bis weit in das Jahr 1907 hinein war dir Industrie noch stark beschäftigt, und zwar eher noch stärker als bisher. Im Herbst trat dann die erwartete Depression ein; es hatte sich eine außerordentliche Geldversteifung gebildet, daS Baugewerbe war infolge Versagens deS Htzpothekenmarktes lahmgrirgt, und dies hatte alsbald auf die damit zusammenhängenden Industrien zurückgewirkt. Dazu kamen dann die amerikanischen Verhältnisse: gegen die Mißbräuche der Trust» bäumt« sich dort das öffentliche Gewissen endlich auf, der Präsident Roos«- velt selbst nahm den Kampf mit den Geldmagnaten auf, die Aufdeckung vielfacher Mißstände führte eine starke Erschült«- rung deS Vertrauens herbei, der gewaltige Kupferkrach gab den Anstoß zur Krise, die hernach ihren lebhaften Ausdruck fand in den Runs auf die Sparbanken. Die Einwirkung auf Europa blieb nicht aus: sie zeigte sich einerseits in einer Verschärfung der Geldknappheit in England und Deutschland und andererseits (was vielleicht noch bedenklicher und nachhaltiger ist) in einem Nachlassen der Aufträge aus Amerika. Wie man hört, ist die Lage auf dem amerikanischen War«n- markte eine solche, daß man für d«n deutschen Export dorthin in nächster Zukunft ernste Besorgnisse hegen muß. Ueber» dies traten mit dem Niedergang der Konjunktur verschieden« Momente scharf hervor, die bisher sich nicht in dem Maße
können, sonst sei man eben kein Edelmann, auf diese Phrasen hin den Revolver, um mit seinem Schwager die „moralische Kraftprobe" anzustellen. In einer Viertelstunde wird er ihn erschießen. Nun soll dieser gelehrte Phrasenmensch ihm durch die Tat zeigen, wie man ruhig und mannhaft dem Tode ins Auge sieht. Und siehe! Der treffliche Doktor verliert alle angelernte Kultur, unter kläglichem Winseln tritt er vor dem Revolver einen jammervollen Rückzug an. Das edle Blut triumphiert über ihn, den Plebejer.
In dem dritten Einakter, in der „Auferstehung" lernen wir den wahren Aristokraten, den Aristokraten des Herzens, kennen. Diese „Auferstehung" ist ebenso originell in der Erfindung, wie drollig in der Durchführung. Konstantin Trübner liegt hoffnungslos auf dem Krankenbett, er hat nach ärztlichem Ermessen höchstens noch 2 Tage zu leben. Da läßt er sich in einem Gefühl schrecklicher Verlassenheit und einem Anfall von GewissenSpein mit seiner Geliebten von ehemals trauen. Nun kann er ruhig sterben. Aber er stirbt nicht, sondern feiert nach 14 Tagen eine fröhliche Auferstehung. Und nun ergeben sich brillant komische Situationen. Seine Genesung enttäuscht nämlich alle. Und da will Konstantin wirklich für alle tot sein: er hatte „die Pflicht, z« sterben", nun, er reist jetzt in ein fremdes Land, ist also gewissermaßen tot. . .
Felix Salten ist Wiener. Und die prickelnde Menet Feuilletonkunst ist weltberühmt. Zweifelsohne ist Salten mehr Feuilletonist als Dichter, mehr Theatraliker als Dramatiker. Aber er ist Dichter und Dramatiker genug, um seine hübschen Motive mit geistreicher, realer Psychologie zu behandeln. Wie flach mutet ihm gegenüber Sudermann mit feinen „Rosen" an! —
Gespielt wurde diese Saisonnovität hier — rolt im „Han. Anz." schon zu lesen war — gut. Nur hatt« sich die Regie beim zweiten Stück in der Ausstattung etwas vergriffen. Ich vermißte da „die Waffenkästen, die Bücherschränke, den großen, eleganten Schreibtisch." Hervorgehoben