Montag
Bette 8
Jagemann den Mittelstand bereinneeoaen hat, so möge er barem denken, hast da? französische Reckt gerade den Niederschlag der Emanzipation des Mittelstandes darstellt.
Gaebel (Ref.-P.l : Die Abänderung ist eine wirtschast- ftche Notwendigkeit. Nicht der ostelbische Grundbesitzer wird den Vorteil haben, wenn die scharten Bestimmungen aemildert werden, sondern der kleine Geschäftsmann bis zur Milchfrau, die mit dem Hundewagen nach der Stadt fährt.
Staatssekretär Dr. Nieberdinff erklärt gegenüber einer Anregung des Vorredners, auch die Bienen in die Vorlaffe aufzunehmen, er sei nicht in der Page, darüber im Namen der verbündeten Regierungen eine Erklärunff abzugeben. Er persönlich würde sich ablehnend verhalten, er bitte bei dem alten Grundsatz zu bleiben: Die Biene ist ein wilder Wurm. Gegen die KommissionSberatunff an sich habe er nichts ein- zuwenden. wenn er aber höre, welche andern fragen noch aufgeworfen werden sollen, so überlaufe ihn doch ein gewisser Schrecken. (Heiterkeit.)
Storz (Sdd. Vp.): Der§833 beweist, daß daSBürgerliche Gesetzbuch in einzelnen Teilen nicht so ist, wie eS sein sollte. Äuch die Vorlage enthält viel Unklarheiten. Der Begriff des Tierhalters und deS Haustieres ist nicht Har« gestellt. Auch ich halte die Biene für ein Haustier. Die Bienenzüchter werden allerdings sowieso selten zur Haftung herangezogen werden, denn das Eigentumsrecht an der Biene kann nicht festgestellt werden, weil sie bis jetzt noch keine Abzeichen tragen. (Heiterkeit.)
Die Kommissionsberatung wird gegen die Linke abgelehnt.
Die Gehaltsansprüche der Kandlungsgehilfen in Krankheitsfällen.
Zur Verhandlung steht dann der Gesetzentwurf über die Aenderung des § 63 des Handelsgesetzbuches, der eine Folge eines auf Antrag Bassermanns (natl.) vom Reichstag gefaßten Jnitiativbeschlusses ist. Nach der geltenden Bestimmung behält der Handlungsgehilfe, wenn er durch unverschuldetes Unglück an den Leistungen der Dienste verhindert ist, sein Gehalt für sechs Wochen und braucht sich die Krankenoder Unfallrente nicht anrechnen zu lassen. Aber zwingendes Recht ist infolge einer eigentümlichen Fassung des Paragraphen lediglich die Bestimmung über die Nichtanrechnung. Jetzt soll die Bestimmung im ganzen zwingendes Reckt werden, das heißt, eine von dieser Vorschrift zum Nachteil des Handlungsgehilfen abweickende Vereinbarung soll nichtig Ein, aber der Handlungsgehilfe muß sich die Rente anrechnen ssen.
Staatssekretär Dr. Nieberding verweist auf die widersprechenden Urteile der Gerichte, die sich aus der unklaren Fassung des geltenden Paragraphen ergeben und in verschiedenen Bezirken ganz verschiedenes Recht geschaffen haben. Der Staatssekretär begründet in längerer Rede den Kom- vromißcharakter der Vorlage, denn der Reichstagsbesckluß forderte die volle Zahlung des Gehalts ohne Abzug. Der Staatssekretär beruft sich auf die Enquete bei den Bundesregierungen, man habe auf die Warenhäuser und die großen Fabriken, die Hunderte von Angestellten beschäftigten, Rücksicht nehmen müssen, aber vor allem auf die 200 000 kleinern Geschäfte, die nur 300C0 mittlern und größern gegenüber« stehen.
Abg. Nacken (Ztr.): Diese Vorlage lehnen wir ab, die Rechtsunsicherheit beseitigt sie, aber der fetzige Zustand ist daS kleinere Uebel. Der" soziale Gesichtspunkt des Schutzes der Schwachen wird hier außer acht gelassen. Das machen wir nicht mit. Es ist unverständlich, wie die Regierung uns angesichts des einmütigen Reichstagsbeschlusses mit einem solchen Entwurf kommen kann. Die Gehälter der Handlungsgehilfen sind doch wahrhaftig nickt übermäßig hoch, und daS Krankengeld reicht nicht für die besondern Krankenkosten. Den gewerblichen Arbeiter darf man nicht in Vergleich stellen, der Handlungsgehilfe macht Ueberstunden, er wird vom Kollegen vertreten und den Anspruch auf daS Krankengeld erwirbt schießlich doch er, und nicht der Prinzipal. Von der Vertagsfreiheit machen fast nur die Warenhäuser Gebrauch, der Einzelkaufmann, der kleine Kaufmann zahlt das volle Gehalt fort. Der Redner bezieht sich auf die Berichte der Handelskammern. Eine solche Sozialpolitik mitzumachen, lehnt daS Zentrum ab.
Abg. Dr. Weber (nl.) stimmt dem Vorredner völlig zu. Aus der Eingabe eines großen Arbeitgeberverbandes an den Reichstag geht das Gegenteil von dem hervor, was der Staatssekretär ausführt. Nur 2 Prozent der Arbeitgeber im ganzen Deutschen Reiche haben von dem Recht des vertragsmäßigen Ausschlusses der Weiterzahlung des Gehaltes Gebrauch gemacht. Es muß wirklich verwundern, daß die Regierung einen solchen Entwurf einbringt angesichts des einmütigen Bekenntnisses des Reichstags zum Anträge Bassermann. Haben denn die Arbeitgeber die Lasten unserer sozialen Gesetzgebung nicht gern auf sich genommen ? Die Lage des Handlungsgehilfen ist wirklich nicht besonders glänzend. Vor Simulation sichert schon das starke Angebot an Arbeitskräften. Der Wirkungskreis der Handlungsgehilfen ist ein viel begrenzterer als beim Arbeiter, der viel leichter wieder Arbeit findet. 83 Prozent aller Handiunas- geMRn bnFicn nur ein Gehalt bis zu 3000 Mark. Der Redner bean ragt KommissionSberatunff. Hoffentlich wird diele auf den Antrag Bassermann zurückführen. (Lebhafter Beifall.)
Abg. G a n S Edler zu P » t I i tz (kons.) spricht in gleichem Sinne. Die Handlungsgehilfen verdienen wegen ihrer Zuverlässigkeit und Leistungen die größte Achtung. Die Vorlage bringt ihrer Sicherstellung aber eine Verschlechterung. Wir haben nach geforscht, ob etwa kleine Gewerbetreibende geschädigt werden, das würde aber nur in geringem Maße zu treffen, daher sind auch wir für eine Regelung im Sinne des Antrags Bassermann.
Das HauS vertagt sich.
Montag 1 Uhr: Handlungsgehilfen, Viehseuchen, Literalurübereinkommen mit Belgien und Italien, Gewerbcnovelle. — Schluß 4 Uhr.
Berlin, 12. Jan. In der Friedrichstraße, zwischen der Leipzigerstraße und Unter den Linden, zogen heute nachmittag große Trupps meist junger Leute umher, bie laut fohlten unb Schmährufe auf Bülow ausstießen und gegen halb 6 Hbr von der Polizei beritten und zu Fuß, mit blankem Säbel mehrmals unnachsichtlich auseinandergeirieben wurden.
Berlin, 12. Jan. Zur Agitation für die Einführung «es Reichstagswahlrechts veranstalteten die Sozialdemokraten heute acht Veriammlunaen in Berlin und vierzehn in der
Umaegend. Die meisten Versammlungen waren sehr kurz; sie schloffen mit der Annabm- einer Resolution für hie Entführung des Wahlrechts. Nach den Versamallungeit st> ömten die Teilnehmer in geschaffenen Massen in die Straßen und suchten auf verschiedenen Waffen nach dem Stadtinnern, namentlich nach der Gegend deS Schlosses unter den Linden, zu gelangen. Die Polizei hatte jedoch überall die Zugänge abgesperrt, sodaß es nur Wenigen gelang, den Eintritt in dir Stadt zu bewirken. Die Massen bewegten sich unter Absinaung der Arbeiterlieder, Hochrufen auf das Wahlrecht und Kundgebnnaen gegen bie Polizei vorwärts z mehrfach schienen Zusamensiöße zwi'chen der Schntzmannschaft und den Demonstranten zu drohen, doch war es bis 2 Uhr nachmittags nirgends zu einem Zwischenfall gekommen. Auch unter den Linden, wo die Polizei die Ansammlungen einer grössten« teils ans Neugierigen bestehenden größeren Menge zu verhindern batte, voll-og sich bie Aufiechterbaltung der Ordnung ohne weitere Zwischenfälle. Das Abgeordnetenhaus, das Reicbs- kanzlerpalais und daS Königliche Schloß wa' en besonders absperrt und die Umgebung dem Verkehr gänzlich entzogen.
Berlin, 12. Jan. Die acht Versammlungslokale, die insgesamt etwa 11000 Personen fassen, waren lange vor der angesetzten Stunde, 12 Uhr mittags, gefüllt und mußten polizeilich gesperrt werden. Der Anmarsch zu den Lokalen geschah in größeren Trupps. Die Sozialdemokraten hatten sich in ihren 600 Zahlstellen versammelt und waren von dort geschlossen losmarschiert; bie Säumigen wurden durch den sogenannten „Schlepperdienst" herangeholt, so daß etwa 51 000 Genossen zur Demonstration anfgefordert, zu denen sich noch eine Anzahl sozialdemokratisch gesinnter Personen gesellte, bie nicht organisiert sind. Auch ans Rixdorf und dem Kreise Niederbarnim hatten sich viele Genossen einae« funden. Nachdem bie Versammlungen meistens gegen P/i Uhr geschlossen worden waren, drängte die Menge nach dem Innern der Stadt zu, hauptsächlich nach der Straße unter den Linden. Von der Polizei anseinandergesprengte Trupps versuchten immer wieder, sich znsammcmusckließcn; sie fangen die Arbeitermarseillaise und stießen Schmâhrufe auf den Reichskanzler Fürsten v. Bulow aus. Im allgemeinen zeigten sich zehn große Züge, von denen feder Tausende von Personen zählte; an den Demonstrationen nahmen etwa insgesamt 30 000 Personen, inklusive DersammlungSbesucher, teil. Bei acht Zügen gelang es der Polizei ohne besondere Mühe, die Teilnehmer auseinander zu sprengen. Zwei besonders große Trupps dagegen, bie ebenfalls dem Königlichen Schlosse zustreb! en, konnten nur mit äußerster Anstrengung der Polizei- mannschaften abgedrängt werden. An der Friedrichsgracht, nahe der Gertraudienbrücke, kam cs sogar zu ernsten Zusammenstößen, wobei es mehrfach blutige Köpfe gab.
Hus aller Mell.
Dr. Peters gegen die Kölnische Zeitung.
Köln, 11. Jan. Die heutige Verhandlung dauerte nur etwa eine Stunde, die zum größten Teil ausgefüllt wurde mit der Verlesung des Bnefwechfels zwilchen Dr. Peters und Bischof Smithies vom April 1892. Bischof Smiethies bedauert in seinem Briefe, infolge der Nachrichten, die vom Kilimandscharo über Peters eingetroffen seien, seinen Besuch nicht entgegennc^men zu können. In der Antwort von Peters bezeichnet dieser bie dem Bischof Smithies ^gegangenen Mitteilungen über dir Hinrichtungen am Kilimandscharo als falsch. Nach der Verlesung der Briefe erklärte Peters, daß also aus biegen Briefen hervorgehe, daß die im Reichstage und in der Presse verbreitete Darstellung, als ob Smithies ihn einen Mörder genannt hätte, eine Lüge sei. Gegen 10 Uhr wurde bie Verhandlung auf Mittwoch vormittag 9 Uhr vertagt. Die Zeugen werden entlassen, ebenso bie Sachverständigen mit Ausnahme des Herrn v. Tiedemann, des Herrn v. Elphons und des Prof. Volkens. Am Montag vormittag findet in Stuttgart die Vernehmung des Freiherrn v. Soden statt. — Recknungsrat Schneider-Berlin teilte mit, daß er wegen Krankheit nicht erscheinen könne und bittet um kommissarische Vernehmung.
Der Pariser Milltonenschwindler Lemoine, der, wie wir bereits berichteten, mit seinem angeblichen Verfahren zur Herstellung künstlicher Diamanten von verschiedenen Personen sich 93cträge von insgesamt etwa 6 M öionen Frank zu verschaffen gewußt hat, will seine Fachkenntnisse deutschen Forschern verdanken. Die Ermittlungen des Unter« suchungsrichtcrs werden zunächst an bie Experimente des verstorbenen französischen Chemikers Moissan aiifnüpfen, der im Jahre 1893 kleine Diamanten erzeugte. Der „Berliner Lokal - Anzeiger" erhält folgendes Privaitclegramm: Paris, 11. Jan. Der hier weilende Direktor Wernhcr, welcher im Laufe des Abends dem verhafteten angeblichen Ingenieur Lemoine gegenübergestellt wurde, verweigerte seine Zustimmung zur Haftentlassung Lemoines, der sich bezüglich seiner Fachkenntnisse auf deutsche Autoritäten beruft. Die Bank, bei welcher er das mysteriöse Rezept feiner Diamanten- sabrikation deponierte, ist bie Londoner Umonbanf, bereit Präsident Wernher ist. Der Unteriuchungsrichtcr stellt Nachforschungen darüber an, ob ein Schüler des verstorbenen Professors Moissan dem Lemoine vielleicht gewisse Winke gab, bie geeignet waren, die beiden Zeugen der in einer Pariser und Londoner Werkstücke gemachten Experimente zu täuschen. Hätte Wernher jemals Moissan bei der Arbeit gesehen, so wäre ihm bekannt, daß nach dem Hervorziehen der Glucknasse aus dem Siemensofen momentan sein Resultat für den Laien zu erblicken war, daß vielmehr Wochen erforderlich waren,
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den täglichen Gebrauch der über-
aus fernen und sehr milden - t Mills Ul|l, denn sie ist die einige hygienische Toilettcseife, welche als kosmetischen Bestandteil bas Myrrbolin mit aner» fannter und bewährter SchönheitSwirkvng auf die
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um einen kleinen Diamanten bloßzulegen. Lemoine aber zog, kaum daß die Masse abgefühlt war, den ziemlich großen Diamanten mit der Triump^miene eines Taschenspieler- hervor. Lemoin- lebt seit seinem 14. Jahre in Frankreich. Nach einer wegen Betrugs verbüßten Strafe heiratete er die reiche Witwe des Pariser Antiquars be Rigny, welche von der Vergangenheit ihres Gatten erst jetzt Kenntnis erhalten hat und infolgedessen schwer erkrankte. Das Ehepaar gab in dem ehedem vom Schriftsteller Scribe bewohnten Pariser Palais glänzende Feste.
Sechzehn Kinder bei einer Panik umgekomme«. Eine schwere Katastrophe hat sich gelegentlich einer Kine- matographen-Vorstellunff in der englischen Stadt BarnSley in der Grafschaft York ereignet. Bei einer plötzlich auS- brechenden Panik wurden 16 Kinder getötet und viele verwundet. Ueber den Vorfall liegt nachstehender Bericht vor: London, 11. Jan. Eine schwere Katastrophe trug sich heute nachmittag in Barnsley zu. In dem dortigen Harvey- Institut war eine Kinderworstellung veranstaltet worden Der Saal war übervoll, so M^ niemand mehr hineingelassen werden konnte. Bei dem Verlassen des Gebäudes entstand in den Ausgängen ein furchtbare« Gedränge, daS sich zu einer förmlichen Panik steigerte. 16 Personen, meist Kinder, wurden, foiveit bis jetzt bekannt, dabei getötet, einige kleine Kinder einbegriffen, die auf dem Arm getragen wurden. 10 andere wurden verletzt und lind in daS Beckett-Hospital geschafft worden. Das Unglück ereignete sich bei einer Kine- matographen-Vorstellung, die eine Varietegesellschaft für Schulkinder veranstaltet hatte. Besonders in der Galerie und in ihrem langen und schmalen Treppenzugang drängten sich die Kinderscharen zusammen.
Hus Hab und Vern. NlMihllng des Allen SofthentttS.
Weimar, 11. Januar.
Ein klarer, milder Winterabend. Im stillen Weimar ist ein förmlich aufgeregtes Treiben: vom Schlosse flackern die Flambeaus empor, die Massen füllen die Straßen bis zum Theaterplatz. Goethe und Schiller halten, trotzdem ihr Denkmalsplatz verrückt wurde, erzene Wacht vor dem neuen Musentempel, dessen antik stilisierte Formen so ganz und gar dem Geiste Weincars nachkommen und elegante Damen, ordenbesäte Frackträger, Offiziere und Staatsbeamte in ihren prunkenden Uni-ormen, Dialer, Bühnenkünstler und Schriftsteller wollen zu dem neuen Hause. Auch Theaterdirektor Adalbert Steffter aus Hanau befindet sich unter den geladenen Gästen.
Wie deutlich in diesem amphitheatraliscken klar gegliedertem Raume daS glanzvolle Bild in all seinen Teilen heraustritt, wie festlich es als Ganzes wirkt 1 Und während man das Theater und die Fülle der Persönlichkeiten betrachtet, spielt sich im Vorraum der großen Hofloge die Zeremonie der Ucbergabe des neuen Hauses ab, übergibt es der glückliche Schöpfer Profeffor Littmann dem Großherzog, der daS Werk in großzügiger Weise gefördert hat, und vertraut es der Fürst feinem bewährten Generalintendanten von Viffnau an, der neuesten Exzellenz von Weimar. Exzellenz v.Vignau und Hofmarschall v.Fritich klopfen mit ihren Kammerherrenstäben, das Publikum erhebt sich, sie geben Zeichen nach oben, allein die Fanfarenbläser, denen sie gelten, sehen oder verstehen sie nicht; endlich, es war die höchste Zeit, schmettern die Fanfaren ihren Gruß herunter. Der Kaiser, der Großhcrzoff, der Prinz-Regent von Braunschweig, Johann Albrecht von Mecklenburg und seine Geniahlin, die ja eine weimansche Prinzessin ist, sowie die Tante des GroßherzogS, die Fürstin Reuß betreten dis Hofloge und verbeugen sich. Orgelmusikertönt, hoch oben steht unsichtbar die Orgel, die durch einen Kabeldraht mit dem Orchester verbunden ist. Mystisch^ feierliche Klänge, das Festgedicht von Richard Voß hebt an. Auf den blumigen Hängen des Ettersberges tanzen sie im Maienfflanz den frohen Reigen. Keck und zuversichtlich naht die neue Kunst, traurig und gebrochen die alte Kunst, die Kunst Goethes und Schiller«, die es allzusehr bejammert, daß sie aus der ehrwürdigen Stätte vertrieben werde. Phöbus Apollon versöhnt und vereint sie beide, die schließlich gemeinsam dem neuen Tempel und nicht aufdringlich dem jungen Landessürsten huldigen. Weiß man auch nicht, für wen der Dichter Voß Partei ergreift, ob für die alte oder für die neue Kunst, so hat er doch echte Festspielstimmungen erzeugt, die durch Mustk, Gesang und Tanz und hier "durch eine wundervoll abgetönte, poetische Inszenierung erhöht wurden. Und so galt der laute Beifall, der Herrn Grube sowie die Damen Kaibel, Schiffel und Erland vor den Vorhang rief, auch dem Dichter. Der aber war infolge des Wildenbruchkonfliktes abgereist. Goethes von den Herren Heitzig, Weiser und GoshnS gespieltes Vorspiel auf dem Theater beschloß den ersten Teil.
Der zweite Teil des Abends gehörte Schiller: er bracht- Wallensteins Lager in einer lebenbiqen, aber noch unruhigen Inszenierung. War auch nicht jede Rolle gleichmäßig gut besetzt, so zeigte die Aufführung doch, daß das weimarische Hof- theater auch über vortreffliche Schauspielkrästeversiiat, und wenn auch die Borteilung der Mafien sowie das Arrangement noch manche Unausgeglichenheit zeigte, so erfreute das ganze in erster Reihe durch das deutliche Streben, die Sprechweise von allem veralteten überlauten Pathos freizuhalten und auf einen nicht naturalistischen, sondern künstlerisch abgetönten Natürlichkcitßstü zu stimmen. Während des nun folgenden Ccrc'eS vor den Fürstlichkeiten im großen, festlich vornehmen Foyer wurde das weit norragenbe geschloffene Proszenium, das den antiken Chören ganz besonders zu statten kommen muß, in das tiergelegte Orchester verwandelt. Das Podium versinkt, der Plafond am Proszeniurnsiaal verschwindet, di« geschlossenen Wände werden seitwärts zurückgezogen: Bühne und Zuschanerraum sind, wie es Wagner vorschwebte, durch einen mystischen Abgrund getrennt. Die Festwiese aus den Meistersingern bildete den grandiosen Abschluß. Peter Raabe, der auch die quantitativ sich nie aufbrängenbe, aber sich stets den Stimmungen anschmi egende Felix Wein» gartnersche Musikzu dem Voßschen Festspiel geleitet hatte, sah am Dirigenteiipult. Ein junger Dirigent, voll Temperament und Intelligenz. Und wenn auch manches namentlich bei den Bläsern zu laut klang, so mag hierzu die noch unerprobt« Akustik etwas beigetragen haben. Die von Wiebach inszeni«- nierte Aufführung, in der ganz besonders der mit Nobleffe unb Stimmschönhcit gesungene HanS Dachs deS Herrn Strathmann sowie deS Walthrr ©toliina, ßtSa und d«