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Hanau den 27. Dezember 1906.
Aus Hanau Stadt und Cand.
Hana«, 27. Dezember.
* Neujahrs-Glückwünsche. Wir machen unsere geschätzten Inserenten, welche beabsichtigen, in der Sylvester- (Montags-)Nummer unseres Blattes Neujahrs-Glückwünsche zu veröffentlichen, darauf aufmerksam, daß es sich empfiehlt, den Text dieser Inserate möglichst schon am Freitag oder Samstag dieser Woche aufzugeben. Hierdurch wird eine gute Ausstattung dieser Inserate gewährleistet.
* Verliehen. Den Lehrern an der Königs. Zeichenakademie zu Hanau, Herren Heck und W. Schultz wurde der Charakter als „Professor" verliehen.
* Kirchenchor der Iohanniskirche. Die für morgen (Freitag) angesetzte Gesangübungsstunde wird Umstände halber heute abend (Donnerstag) zur gewohnten Stunde abgehalten werden. Die Mitglich^Lnd hierzu, alle freundlichst eingeladen. (Siehe Annonce).
* Stadttheater. Das unlängst mit so starkem Beifall ausgenommen? Schauspiel „Preziosa" von P. A. Wcäff wird morgen Freitag letztmalig in Szene gehen. Bei der vortrefflichen Besetzung der Titelrolle durch Fräul. Sarno, der sorgfältigen Inszenierung durch Herrn Ober-Regisseur Steger, dürfte das beliebte Werk auch morgen wieder seine Zugkraft bewähren. Diè Chöre werden unter gütiger Mitwirkung eines hiesigen Gesangvereins gesungen. — Am Sonntag wird nachmittags '/-4 Uhr bei bedeutend ermäßigten Preisen die Detektiv-Komödie „Sh erl o ck Holmes" zum letzten Male zur Aufführung gelangen. Abends 7 Uhr geht Edmund Pailleron's reizendes Lustspiel „Die Welt in der man sich langweilt", erstmalig in Szene. .
* Weihnachtsfeier im Gefängnis. Auch in diesem Jahre wurde den Insassen des Gefängnisses eine kleine Weihnachtsfreude bereitet. Am heiligen Abend stand im Betiaal ein prächtiger Weihnachtsbaum, strahlend im Lichlerglanze. Die Gefangenen waren stationsweise hierzu angetreten. Dem
Donnerstag den 27. Dezember
feierlichen Gottesdienst, bei welchem der Gefängnisgeistliche, Herr Pfarrer Lambert, eine die Bedeutung de« Weihnachis- sestes behandelnde, zum Herzen dringende Ansprache hielt, wohnten der Herr Erste Staatsanwalt und sämtliche GesängniS- beamten bei. Den Gefangenen wurde von ihrer Arbeits- entlohnung nach Wunsch Fleisch, Butter und Brot verabreicht.
* Weihnachtsfeier der Turngemeinde. Wenn die Turngemeinde Einladungen zu einer festlichen Veranstaltung ergehen läßt, kann man bestimmt darauf rechnen, durch besondere Genüsse e-guickt zu werden. Von dieser Tatsache legte die gestrige Weihnachtsfeier in der Turnhalle ein gar beredtes Zeugnis ab. Die Feier wurde durch einige Musikstücke und durch turnerische Vorführungen (Keulenschwingen mit elektrischer Beleuchtung) eingeleitet. Hierauf ergriff Herr Fabrikant Otto Schatt das Wort, um herzliche Begrüßungs- worle an die Frstbcsucber zu richten. Er streifte hierbei die turnerischen Vorgänge des verflossenen JahreS, betonte, daß daS so herrlich verlaufene Kreisturnfest auch belebend auf den gesamten Turnbelrieb der Turngemeinde gewirkt und auch eine Steigerung der Mitgliederzahl gebracht habe. Ehrend gedachte er deS in der Mitte der Festbesucher weilenden Turner-Veteranen Herrn Reul, sowie derjenigen Mitglieder, die jetzt auf eine 25jährige Vereinsmitgliedschaft zurückblicken können. Es sind dies die Herren: Arthur Classen, Louis Gottlieb, Georg Jung, August Kreis, Hermann Leuchter, Sanilätsrat Dr. Zeh. Die Zahl der Jubilare, welche 25 Jahre lang der Turngemeinde angehören, beträgt jetzt 52. Weiter teilte der Redner mit, daß beschlossen worden sei, Herrn Heinr. Schleicher, der seit 30 Jahren unermüdlich und pflicht^etreu im Vorstand wirke, mm Ehrenmitglied der Turngemeinde zu ernennen. Die Ansprache schloß mit einem Hoch auf die Jubilare der Turngemeinde. Nach einem Barrenturnen auf der Bühne, das recht vorzügliche Leistungen zeitigte, folgte die Aufführung des Weihnachtsmärchens in 5 Bildern „Chri st- rosen" von F. A. Geißler. Es war ein glücklicher Gedanke, gerade dieses von so echtem Weihnachtsgeiste, von echtem Weihnachtszauber durchwobene dichterisch wie inhaltlich gleich herrliche Märchengebilde als Christtagsunterhaltung einem weiteren Publikum zu Gemüte zu führen. Und ans Gemüt vor allem wendet sich der Dichter mit seinen stimmungsvollen, warme, innige Empfindung atmenden Schilderungen aus der seligen Märchenwelt. Das Stück ist völlig der freien Phantasie entsprungen, wahrt aber dennoch die Tradition deS deutschen Märchens und versetzt sowohl die Herzen der Kinder wie der Erwachsenen in freudige Bewegung. Ein Märchendrama von so tiefem Geiste, so sinnigem Inhalte, von so schimmernden Bildern durchwoben, wie es unter den vielen derartigen Er-
Fernsprechanschlnst Nr. 605. 1906
zeugniffen wohl kaum seinesgleichen findet. Dichterisch am bedeutsamsten sind die Partien, die im Nirgendreich der Phantasie spielen, im Lande des Sonnenkönigs, das durch den bösen Zauberer Zornebock in ein Schneekönigreich verwandelt wird, bis ihm zwei brave Kinder aus Deutichland, Heinz und Hilde, Erlösung bringen. Eine Fülle feiner poetischer Wendungen und hübscher -Einfälle beleben hier die Szene, während die Wirklichkeitsschilderung aus dem Leben der armen Kinder durch reichen Stimmungsgehalt gefangen nehmen. Die Sprache ist dem Gegenstand vollständig angemessen, in ihrer Schlichtheit so erareifend herzlich, besonders wenn der Autor sich des deutschen Verses bedient. Ein besonderer Vorzug des Werkes ist auch der Umstand, daß es nirgends den Boden verläßt, auf dem das kindliche Verständnis wurzelt, und doch in gleichem Maße das Interesse der Erwachsenen reist und fesselt. Aber auch die bühnen- technische Herausarbeitung, der Aufbau der Handlung entspricht durchaus den Anforderungen, die man an ein gutes Drama zn stellen berechtigt ist. Die Musik stammt von Joseph Lederer, einem jungen, aber allem Anscheine nach sthr talentvollen Komponisten, der mit dem Dichter hier völlig Hand in Hand gegangen, seine warmherzige Dichtung mit einer ebenso warmherzigen, gefühlvollen Musst umgeben, sich den dargestellten mannigfachen Seelenstimmungen verständnisinnig angeschlossen und sie in Tönen gemalt, in ein Gewand herrlicher Wohllaute eingehüllt hat. Die Darstellung war in allen Teilen eine vorzügliche, die einzelnen Rollen waren gut besetzt und jeder der Mitwirkenden suchte sich in den Geist seiner Aufgabe zu versenken, den Intentionen des Verfassers völlig nachzukxmmen, seine Schöpfung möglichst eindrucksvoll den zahlreichen Zuichauern zu vermitteln, die für das Gebotene sich überaus dankbar erwiesen und durch stürmischen Beifall quittierten. D e Leitung der Aufführung lag in den bewährten Händen des Herrn Emil Lotz. Am Klavier betätigte sich Herr Grammlich in gewohnter trefflicher Weise. Wie wir hören, ist eine Wiederaufführung des Märchens, für Kinder' bestimmt, am nächsten Sonntag und am Neujahrstage in Aussicht genommen. — Daß sich nach Schluß der Abendunterhaltung noch beim Tanze ein recht lebhaftes frohgestimmtes Leben und Treiben entwickelte, braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden, umsomehr, als ein reizender Damenflor vorhanden war und die junge Turnerschar bekanntlich sich auf dem glatten Parkettboden ebenso gut zu bewegen versteht wie an den Turngeräten.
* Weihnachtsbescherttng. Der evangelische Arbeiter- verein veranstaltete am Sonntag nachmittag -in seinem Der- einslokale (Paradeplatz) für die Kinder seiner Mitglieder eine recht sinnige Weihnachtsbescherung.
Feuilleton
StaUlheater in Hanlin.
= Hana«. 27. Dezember.
Bei dem in dieser Spielzeit stark fühlbaren Mangel an wirklich guten Novitäten mußte die am ersten Feiertage an unserer Bühne zur Aufführung gekommene Lustspiel-Novität „Husarenfieber" (Regie Herr Steger) von Kabel bürg und Skowronnek, die einen durchschlagenden Heiterkeitserfolg errang, eine angenehme Abwechslung für unser Repertwr bedeuten. Die urgelungenen Situationen, das fesselnde amüsante Milieu, die wirksam pointierten Dialoge bilden die Hauptbestandteile dieses heiteren Werkes, dem ohne Zweifel auch an unserer Bühne eine längere Lebensdauer Dorrjer^u« sagen ist. Der erste Akt ist wohl der gelungenste. Er zeigt uns die plagende Langeweile, unter der die lebenslustigen Marssöhne irr einem kleinen polnischen Garnisonsorte seufzen, in welchem jedwede geistige oder künstlerische ^r streunn^ ausgeschlossen erscheint, ferner den unsagbaren Jubel, mit dem vom Obersten bis zum Gemeinen herab die Versetzung in eine deutsche Mittelstadt begrüßt wird. Im roeueien Verfolg der drolligen Handlung begegnen uns m trefflich gezeichneter Charakteristik Lustspiel typen, wie wir sie ähnlich in den bewährten Moserschen Militärstücken entworfen finben. Weder der schlaue Bursche, der um der Magenfrage willen zwei drallen Küchenfeen gleichzeitig »'" heißer Liebe den Bund der Ehe einzugehen verspricht, noch die 'ntereliante junge Witwe, und der mutwillige Backfisch, der den liebe"s- würdigsten und flottesten Leutnant erobert. Wen. Fenier bildet der biedere und reiche Magarmefabrikant Nippes der anfangs von den Soldaten durchaus nichts wissen will und dafür mit einer fürsorglichen Gattin und einer Ruhen- ben STochter aeFeanet ist/ bie eint Ietittosten von nlbn leimen des StüdtcheZ für den bunten Rock schwärmen, die originellste und drastisch-komischste Figur des ganzen Stuckes.
Herrn O. H. Muller hätte in der Charakteristik einheitlicher zur Durchführung gelangen müssen. Die übrigen zahlreichen Rollen geben zu einer besonderen Besprechung keinen Anlaß, nur sei schließlich noch Herr Obergarderobier Zeh gebührend erwähnt, unter dessen Leitung, wie der Theaterzettel anzeigte, die recht schmucken Husaren-Uniformen zur Anfertigung gelangten. Nach den einzelnen Aktschlüssen erfolgte stark anhaltender wohlverdienter Beifall.
Gestern abend ging dann nach jahrelanger Pause Göthe's „Faust", die großartigste und tiefsinnigste Dichtung, welche das deutsche Volk bewegt, an unserer Bühne neu einstudiert in Szene.
Die Vorstellung war unter der sorgsamen Regie des Herrn Steger eine äußerst abgerundete zu nennen. Bestimmt und überzeugend stand der „Faust" des Herrn Pustar auf der Bühne. Er verschmähte die große Geste und die starken Farben und befleißigte sich einer sympathischen Schlichtheit und Natürlichkeit. Seine Darstellungè- weise zeugte von eindringlichem Studium und glückliche! Auffassungsgabe, seine Gefühlsausdrücke bewiesen ein derart echtes und ungekünsteltes Empfinden, daß der Gesamteindruck dieser Leistung eine sehr günstige und vor allem nachhaltige Wirkung hinterließ. Herrn Steger lag der „Mephisto" stellenweise sehr gut, an allen Stellen, wo das Herrische, das Zügellose, das Gebieterische dieses rücksichtslosen Egoisten zum Ausdruck gelangt. Andererseits gefiel sich aber bei Daksteller darin, seiner Figur in verschiedenen Szenen eine gewisse komische Färbung zu verleihen, die denn doch des öfteren - zu " stark aufgetragen erschien, wodurch die Uebergänge der verschiedenen Stimmungsmoment« zu niedreren Mâlen zu forciert zum Ausdruck gelangten Ein gleichförmigeres Maßhalten in der Charakteristik dieser Gestalt wäre der Leistung entschieden von Vorteil gewesen Eine geradezu mustergiltige Leistung bot uns Frl. Sarne als „Gretchen". Der geschätzten Darstellerin gelang eS eines teils durch die Schlichtheit ihres Auftretens, dann durch den melodischen sanften Ton ihres Organs, schließlich durch di« natürlichen, aus tiefstem Inneren hervorquellenden Leidenschaftsausbrüche eine Figur zu kreieren, die jener Frauengestalt von so rührender Unschuld, so lieblicher Einfalt, so kindlicher
Eine völlig belebende Wandlung geht in dem jetzigen neuen Garnisonstädtchen vor. Alles eifert um die Gunst der willkommenen Vaterlandsverteidiger, alles wird ohne Ausnahme von einem wahren Sturm rückhaltloser Begeisterung gepackt, alles befindet sich in dem nie gekannten Stadium — Husarenfieber. Daß sich natürlich zuguterletzt eine hübsche Anzahl vom Pfeile Amors getroffener Herzen in „husarenfiebernder" Liebesglut zum sehnsüchtig erwarteten Bunde sür's künftige Leben finden, darf wohl bei einem derartig gelungenen Lustspielstoff als befriedigender Schluß für selbstverständlich betrachtet werden. — Die Mitwirkenden spielten mit Lust und Laune. Herr Steger wußte in dem Magannefabrikanten „Nippes", jenem egoistischen Nörgler und unverbesserlichen Brausekopf, eine Gestalt auf die Bühne zu stellen, die die beabsichtigte komische Wirkung reichlich erzielte. Sowohl das breitspurige, aufgeblasene Wesen, als auch das stete Gefühl der Unzufriedenheit, daS dieser amüsanten Figur eigen ist, traf der bewährte Darsteller in recht maßvoller Nuancierung. Während Herr Hauser einen liebenswürdigen Leutnant „Dietz von Brenkendorps" flott und chevalerèsk mit dem nötigen militärischen Schwung zur Schau brachte, zeichnete Herr Pustar den über alle Maßen verliebten „Hans von Kehnberg" äußerst manierlich und nicht des nötigen Humors entbehrend. Stramm und mit imponierender Würde erstand in Herrn Kempf der galante heiratslustige Oberst „von Ellerbeck", recht schneidig und adrett in Herrn Heidemann der lebenslustige Fähnrich „von Rammingen"/ gut gefiel uns auch Herr Ny grin als Ordonnanz „Kellermann". Fern von jeglicher Uebertreibung, zu der diese Rolle leicht verführt, entwickelte der junge Darsteller neben einer sehr gelungenen Spiel weise einen derart trockenen Humor für diese treuherzige ostpreußische Charaktertype, daß solche in auffallend günstiger Weise in den Vordergrund trat. Geschmackvoll im äußeren Auftreten ' brachte Fräul. Sarno die vornehme, menschenfreundliche junge Wittwe „Marianne von Fahrenholz" mit der nötigen guten Laune wohl durchdacht und äußerst distinguiert zur vortrefflichen Gestaltung, wie auch die schwärmerische Frauenseele „Clara" durch Fräul. Iaida die nötige Frische und
1 Munterkeit empfing. Der Fabrikbesitzer „Lambrecht" deS