Mittwoch den 14 November 1906
GrmidstkinkMg des dentschen Museums.
München, 13. Novbr. Nach der von einer beispiellos großen Huldigung der gewerblichen und Handwerkerkorporationen, der Veteranenvereine und Studentenschaft begleiteten Ausfahrt des Kaiserpaares und des gesamten Hofes erfolgte heute vormittag in der Festhalle auf der Kohleninsel unter dem Geläute aller Glocken die feierliche Grundsteinlegung zum deutschen Museum, das vorher Bürgermeister Dr. v. Borscht als ein Wahrzeichen der Herrlichkeit des geeinigten Vaterlandes und als eine gewaltige Errungenschaft des deutschen Kulturlebens gefeiert hatte. Nach der Rede des Bürgermeisters spielte die Musik die Nationalhymne. Baurat Oskar v. Miller verlas hierauf die Urkunde einer Stiftung des Kaisers für das Museum, bestehend aus einem Schnittmodell eines Linienschiffes neuester Bauart. Der Prinzregent dankte dem Kaiser sichtlich hocherfreut für die Zuwendung. Der Kaiser vollzog darauf den ersten Hammerschlag mit folgenden Worten: „Den dahingeschiedenen Forschern zum Gedächtnis, den lebenden zur Anerkennung, den nachkommenden zur Aneiferuug, dem Prinzregenten ein ewig ragendes Denkmal!" Vor der Ausfahrt des Kaiserpaares ereignete sich ein schwerer Unfall. Auf dem Marienplatz stürzte die Dekoration der Turner-Vereine ein. Ein Mann erlitt einen Schädelbruch, drei andere wurden an Händen und Füßen und im Gesicht schwer verletzt.
München, 13. Novbr. Der Kaiser besuchte heute nachmittag u. a. die Schacksche Galerie und das neue Nationalmuseum und empfing später die Deputation der Innungen und Vereine Münchens, die einen künstlerischen Pokal überreichte. — Die Kaiserin besuchte heute nachmittag das Gisela- Kinderhospital und die evangelische Diakonissenanstalt. Um 6 Uhr begann die große Hoftafel in der Residenz.
München, 13. Novbr. Heute abend um 6 Uhr fanden sich im Ballsaal der Residenz gegen 250 Gäste zu einer großen Galatafel zusammen, die der Prinzregent aus Anlaß des Besuches des deutschen Kaisers und aus Anlaß der Grundsteinlegung des deutschen Museums gab. Außer dem Kaiser, der Kaiserin, den Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses waren geladen eine große Anzahl bayerischer Standesherren mit ihren Gemahlinnen, die Gesandten der deutschen Bundesstaaten, die obersten Hofchargen, die hier weilenden deutschen Minister, das gesamte Gefolge, der Ehrendienst, zahlreiche hohe Beamte, Gelehrte, die Herren von der Vorstandschaft des deutschen Museums, die Bürgermeister der Städte München, Nürnberg und Augsburg und der ganze Kreis der um das Museum verdienten Männer, die in diesen Tagen zu den Festlichkeiten nach München gekommen sind. Der Kaiser trug die Uniform seiner Bamberger Ulanen; der Prinzregent und alle Prinzen die Inhaber preußischer Regimenter sind, trugen preußische Uniform. Bei der Tafel selbst führte der Prinzregent die Kaiserin und der Kaiser die Prinzessin Ludwig. Dem Kaiser und der Kaiserin gegenüber hatten der preußische Gesandte Graf Pourtalès, Oberhofmarschall Graf Seinsheim und Staatssekretär v. Tschirschky ihre Plätze.
Müncheit, 13. Novbr. Bei der Galatafel im Ballsaal der Residenz hatte die Kaiserin den Theresienorden angelegt. Der Kaiser trug über der Ulanenuniform den Hubertusorden. Während der Tafel pflogen der Kaiser und der Prinzregent, die nebeneinander saßen, eine überaus lebhafte Unterhaltung, ebenso unterhielt sich die Kaiserin mit dem neben
Feuilleton.
Isländisches Theater.
Von M. Kossak.
(Nachdruck verboten.)
Die Wogen des Atlantik branden an dem Schiffsbord und ich sitze in der Rauchkabine eines dänischen Dampfers, der von der Nordküste Islands nach Reykjavik zurückkchrt und lausche auf das eintönige Rauschen des Meeres, das eine stimmungsvolle Begleitung zu den Rezitationen zweier junger Isländer bildet. Etwa ein Dutzend Menschenkinder beiderlei Geschlechts, von denen das älteste höchstens vierundzwanzig und das jüngste etwa zehn Jahre zählt — isländische Stndcnten, der Redakteur der Zeitung „Vallerinn", zwei * jüngst konfirmierte Backfische und einige Schulmädchen — füllen den kleinen Raum so völlig, daß ich nur mit Aufbietung aller meiner Energie den zum Schreiben nötigen Platz behaupten kann. Von beiden Seiten rücken sie näher und näher an mich heran, bis mirs doch zu arg wird und ich meinem Aerger durch kräftiges Raisonnieren Luft mache. Bestürzt weichen sie zurück und bitten um Verzeihung, sie sind so unglücklich darüber, mich belästigt zu haben, daß sie gar nicht wissen, was sie alles tun sollen, um mich zu versöhnen. Der eine Student bietet mir „Brus" — Brauselimonade —, der zweite Zigaretten an, der dritte will mir „Heil dir im Siegerkranz" vorsingen u. s. w., underst. als ich unterfreundlicher, aber entschiedenerAblehnung aller mir gebotenen Genüsse versichere, daß ich nicht mehr böse bin, sind sie beruhigt. Aber nicht lange dauerts, da sind sie mir abermals so nahe gerückt, daß ich von neuem schelten muß. Die Szene von vorhin wiederholt sich und so gehts fort. Diese jungen Menschen — der Herr Redakteur mit all seinem weltmännischen Chic mit eingerechnet — sind wie die kleinen
ihr sitzenden Prinzen Ludwig auf das angeregteste. Gegen @nbc der Tafel erhob sich der Prinzregent zu einem Trinkspruch.
München, 13. Novbr. Der Trinkspruch des Prinzregenten bei der heutigen Gälatafel hatte folgenden Wortlaut: „Es ist mir ein herzliches und wahres Bedürfnis, meinen kaiserlichen Gästen nochmals aufrichtig zu danken für die Gnade, die sie hatten, meiner Einladung zu dem heutigen Feste Folge zu geben. Die Gegenwart Ihrer Majestäten verleiht dem an und für sich schönen Feste erhöhten Glanz und besondere Weihe. Ich erlaube mir, auf das Wohl meiner kaiserlichen Gäste, Seiner Majestät des deutschen Kaisers, meines treuen Freundes und Ihrer Majestät der huldvollen Kaiserin zu trinken. Ich fordere Sie nun auf, meine Gäste, mit mir eiuzustimmen in den Ruf: Seine Majestät der deutsche Kaiser und König von Preußen und Ihre Majestät die deutsche Kaiserin leben hoch! hoch! hoch!" Die Musik spielte die preußische Nationalhymne. Unmittelbar darauf erhob sich der Kaiser zu folgender Erwiderung: „Eure königliche Hoheit! Es fehlen mir die Worte, um den richtigen Ausdruck zu prägen für den herzlichsten Dank meiner Gemahlin und meiner selbst, für den unvergleichlich schönen Aufenthalt, den Sie uns bereitet haben. Der heutige Tag reiht sich würdig an die Seite des Nürnberger Tages. Der Empfang seitens der Bevölkerung von Eurer königlichen Hoheit Residenz war getragen von einem großen nationalen Gedanken und spielte sich ab auf einem wunderbaren Hintergrund festlicher Kunst. Ich bitte, meinem innigsten und herzlichsten Dank zu Füßen legen zu dürfen für die Begrüßung seitens Eurer königlichen Hoheit und für den Jubel und den Enthusiasmus seitens der Münchener. Die schönste Weihe des Festes ist aber für uns alle, daß wir Eurer königlichen Hoheit erlauchte und erhabene Person in so voller Frische dem Feste haben vorstehen sehen können und ich glaube aus dem Herzen eines jeden Anwesenden, eines jeden Bayern sprechen zu dürfen, wenn ich rufe: Ich bitte Gottes Segen auf das Haupt Eurer königlichen Hoheit und sein erlauchtes Haus. Seine königliche Hoheit der Prinzregent, er lebe hoch! hoch! hoch!" Die Musik spielte die bayerische Hymne.
München, 13. Novbr. Den Beschluß der Festlichkeiten bildete heute abend um 9 Uhr eine Festlichkeit bei dem Prinzen und der Prinzessin Ludwig, zu der der Kaiser und die Kaiserin, die bayerischen Prinzen und Prinzessinnen und der gesamte hier versammelte Festkreis geladen waren. Der Prinz und die Prinzessin empfingen ihre überaus zahlreichen Gäste in dem ersten der Prunkgemächer, zu dem man über die mit Hatschieren besetzte Treppe emporstieg auf das liebenswürdigste. Der Kaiser und die Kaiserin, die sich in der Residenz von dem Prinzregenten auf das herzlichste verabschiedet hatten, wurden vom Prinzen und der Prinzessin in den großen Saal geleitet. Hier hielt Professor Dr. Slaby- Charlottenburg den Festvortrag. Eine gesunde Wechselwirkung zwischen wissenschaftlicher Theorie und technischer Praxis sei nötig. Mit gutem Erfolge arbeite man seit Jahren in Deutschland in diesem Sinne. Das Deutsche Museum, das der Nation ihre Forscher menschlich näher bringen solle, sei ein würdiger Beweis hierfür. Der Redner gab dann ein Lebensbild des berühmten Bürgermeisters von Magdeburg, Otto v. Guericke, den er als den ersten deutschen Ingenieur bezeichnet. Er sei nicht minder ein tüchtiger Bürgermeister und Diplomat gewesen als ein scharfer Deuker und sehr gründlicher Forscher. Seine Tätigkeit, neu gewonnene wissenschaftliche Kenntnisse gleich mechanisch zu verwerten, stelle ihn
Kinder, so gutherzig, harmlos — fröhlich und impulsiv. Im Uebrigen — wie kann man trotz aller guten Vorsätze konsequent den Gesetzen der Höflichkeit nachkommen, wenn man, die Brust geschwellt von Begeisterung, deklamiert und dichtet zu gleicher Zeit! Was sie da rezitieren, ist nämlich alles freie Improvisation. Ich glaube, es gibt kein Volk in der ganzen Welt, das ein gleiches Talent zum Improvisieren in gebundener Rede besitzt und dies Talent durch beständige Uebung derartig entwickelt hat, wie die Isländer. Jeder Sohn dieser nordischen Insel dichtet. Während der zehn Tage, die wir nun an der isländischen Küste entlang fahren, hat die junge Gesellschaft, die mich eben umgibt, in dieser selbigen Rauchkabine täglich reichlich sechs Stunden gedichtet. Das ist absolut keine Uebertreibung. Die Sache spielt sich dabei in verschiedentlichstcr Weise ab. Meist gibt man einer Person ein Thema, über das diese in Versen zu sprechen hat — häufig werfen die Uebrigen der Reihe nach in bestimmten Zwischenräumen Worte ein, die darin vorkommen müssen — oftmals aber unterhalten sich auch mehrere in gereimter Rede, wobei der Inhalt des Dialogs vorher flüchtig besprochen wird. Anfangs machte es mir Vergnügen, dem Improvisieren zuzuhören, dann, als der Reiz der Neuheit vorbei war, störte es mich, jetzt bin ich so daran gewöhnt, daß ich es überhaupt nicht mehr höre. Es gehört zu meinem augenblicklichen Milieu, wie das Rauschen der Wellen und das Geräusch der Schiffswinde. Nur wenn ein besonderes merkwürdiges Thema zum Gegenstand der Dichtungen gewählt wird, wie z. B. gestern abend, als zwei Studenten einen Dialog zwischen Goethe und einem — Steuermann! führten, oder heute, als ein Zeitungsartikel aus der „Vallerinn" in poetische Form gebracht wurde, horche ich für eine Weile auf. Es ist wirklich erstaunlich, zu welcher Gewandtheit im Dichten diese Menschen es gebracht haben; sie sprechen in Versen genau so geläufig, wie wir in ungebundener Rede. Natürlich sind die „Dichtungen" nicht immer formvollendet und sehr geist-
Leonardo da Vinci zur Seite. Im einzelnen zitierte der Redner die Erfindung der Luftpumpe und der Elektrisiermaschine und bezeichnete Guericke als Mitbegründer der wissenschaftlichen Meteorologie. — Nach dem Vortrag hielten der Kaiser und die Kaiserin und die prinzlichen Herrschaften Cercle ab. Später wurde das Souper eingenommen.
München, 13. Novbr. Gegen 11^2 Uhr fuhren der Kaiser und die Kaiserin zum Bahnhof, geleitet vom Prinzen und der Prinzessin Ludwig und dem Prinzen Rupprecht. Auf den Straßen, ganz besonders in der Nähe des Bahnhofs, hatten sich ungeheure Menschenmengen angesammelt, die dem Kaiser und der Kaiserin die herzlichsten Abschiedsgrüße zuriefen. Die Kaiserin fuhr um 11 Uhr 45 Min. nach Achern ab, zum Besuch der Prinzessin Theodora von Schleswig-Holstein, der Kaiser um 12 Uhr nach Donaueschingen zum Besuche des Fürsten zu Fürstenberg. Zum Gefolge des Kaisers tritt für Donaueschingen noch General â la suite Generalleutnant Graf Hohenau.
München, 13. Novbr. Außer den bereits gemeldeten Auszeichnungen verlieh der Kaiser noch weitere Auszeichnungen, darunter den Roten Adler-Orden 1. Kl. dem Generalleutnant v. Haag, den Kronen-Orden 1. Kl. dem Generalleutnant Frhrn. Kreß v. Kressenstein, den Roten Adler-Orden 3. Kl. dem Generalmusikdirektor Mottl und den Roten Adler-Orden 4. Kl. dem preußischen Hauptmann Frhrn. v. Salmuth bei der preußischen Gesandtschaft.
Hus aller Mell.
Ueber einen räuberischen Uebersall auf de« Kölner Bahnhof berichtet das „Köln. Tagebl.", daß ein von Trier kommender Reisender mit einem Handkofferchen und einem Paket einen Abortraum betrat, wohin èhm eine männliche Person auf dem Fuße folgte, die ihm blitzschnell ein betäubendes Pulver ins Gesicht schleuderte, unter dessen Einwirkung der Reisende alsbald einschlief. Als er um 2 Uhr nachts völlig entkräftet erwachte, waren seine Gepäckstücke, sein Geldbestand sowie der sonstige Inhalt seiner Tasche verschwunden. Der Ueberfallene fand bei einem befreunbeten Arzt die erste Hilfe und ärztlichen Beistand. Von bem Täter hat man bisher trotz der eifrigsten Nachforschungen keine Spur. — Wie die „Köln. Volkszeitung" meldet, seien die beiden mit der Leitung der Duisburger Zweiganstalt der Bergisch-Märkischen Bank betrauten Prokuristen vom Vorstande entlassen und es sei bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gemacht worden, weil sie in gegenseitigem Einverständnis für sich Börsenspekulationen unternommen hätten, die durch Verbuchungen für fingierte Konten verdeckt und dadurch längere Zeit der Kontrolle entzogen worden-seien. Der Bank werde durch diese Machenschaften ein Verlust von 40 000 bis 50 000 Mark entstehen.
Gebrauchs-Muster.
Nr. 290 314. Transportable Vorstellkrippe (Gestell auS Eisen) zum Zusammenklappen und mit Vorrichtung zum Höherstellen und Einhängen eines Futtersackes aus Segeltuch. Carl Schädel in Hanau a. M., oom 23. August 1906 ab. — Sch. 23 365. Kl. 45h.
Nr. 289 707. Nach allen Richtungen bewegbarer Strahlrohraufsatz, speziell für Feuerwehrschläuche. Fa. Carl Schäfer in Eschwege, vom 27. August 1806 ab. — Sch. 23 850. Kl. 61a. reich, aber immerhin auch nicht so ganz albern. Bewundernswert bleibt die Sache in jedem Fall uub sie läßt sich auch nur durch das diesem Jnselvolk angeborene tiefe poetische Empfinden und die Abgelegenheit seiner Heimat erklären, die alle aktuellen und materiellen Interessen bei ihm haben zurücktreten lassen zu gunften der geistigen. Aber auch diese richten sich weniger aus Naturwissenschaften, Geographie, Chemie und Nationalökonomie, als auf Literatur, die Geschichte ihrer Insel, Musik und — Theater.
Ihre Theaterliebhaberei ist ganz außerordentlich, und bit Resultate, die sie zeitigt, erscheinen um so anerkennenswerter, als sie dieselben lediglich sich selbst verdanken. Wir bauen auf dem, was unsere Vorfahren geleistet haben, weiter, wir übernehmen vieles von andern Völkern — das isländische Theater dagegen ist eine Schöpfung der Neuzeit, ohne Beisteuer von außen her. Denn ehedem, als die Städte noch schivächer bevölkert waren, als heute und die auch gegenwärtig noch sehr unvollkommen, bis vor kurzem aber kaum existierenden Verkehrseinrichtungen das Reisen auf der Insel zu den gefahrvollsten, fast unausführbaren Unternehmungen machten, gehörte das Komödienspiel eigentlich zu den Unmöglichkeiten. Die Isländer begannen daher, als sie ein Theater scbufen, etwas, das sie, bis auf einige wenige, nur dem Namen nach kannten.
Heute haben sie ein Theater in Reykjavik, eins in Akureyri, der Hauptstadt des Nordlandes und ein drittes in Eysafjord. Das erstgenannte ist natürlich das beste, aber auch auf den beiden andern wird verhältnismäßig Vorzüg- liches geleistet. Die Vorstellungen können aber selbstver- stündlich nur während des Winters und auch dann nicht täglich stattfinden. Wie wäre es auch anders möglich in einer Stadt mit kaum 8000 Einwohnern! Nur während des Althings, das alle zwei Jahre für drei Monate zusammentritt, spielt man auch im Juni, Juli und August. Die Spieltage sind in der Regel Samstag und Sonntag. Dann ist freilich jeder Platz verkauft. Das Eintrittsgeld