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Brraniworü. Redakteur: G. Schrecker in Hanau,

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Nr. 266 Fernsprechanschlus; Nr. 605

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Dienstag den 13. November

Fernsprechanschlus; Nr. 605» 1906

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Wiederzusammentritt des Reichstages.

In kurzem tritt der Reichstag wieder zusammen, um seine am 28. Mai unterbrochenen Arbeiten fortzusetzen. Es sind aus dem letzten Sessionsabschnitte noch zahlreiche Restbestände aufzuarbeiten, und der Reichstag wird sich vor allem mit der Erledigung dieser Aufgabe zu beschäftigen haben. Unerledigt blieben 10 Gesetzentwürfe, eine Rechnung, drei Uebersichten, ferner 24 aus dem Hause in der Form von Gesetzentwürfen eingebrachte Initiativanträge und 60 Resolutionen. Von den wichteren Gegenständen, die aus dem letztverflos­senen Sesstonsabschnitte noch ihrer Erledigung harren, seien nur die folgenden genannt: Versicherungsvertrag, Urheber­schutz, Maß- und Gewichtsordnung, Hülfskassengesetz, Be­fähigungsnachweis im Baugewerbe. Dazu kommt das noch unerledigte Material an Petitionen. Ueber 962 Petitionen haben die Kommissionen noch nicht endgültig Beschluß gefaßt, und 228 Petitionen, über die bereits Kommissionsberichte vorliegen, sind nicht mehr zur Verhandlung im Plenum ge­langt.

Zu den Restbeständen aber wird sich voraussichtlich auch neuer Arbeilsstoff in reicher Fülle gesellen. Von neuen Vor­lagen, die dein Reichstag teils vor, teils nach Weihnachten zugehen sollen, werden folgende genannt : Deutsch-spanischer Handelsvertrag, Entwurf über die Rechtsfähigkeit der Be- rufsvereine, Novelle zum Krankenversicherungsgesetz (Erweite­rung der Krankenversicherungspflicht), Entwurf über die reichsgesetzliche Regelung des Apothekenwesens, Entwurf über Aenderung der Maischraumsteuer, Gewerbeordnungsnovelle, Novelle über die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes, Viehseuchengesetz, Entwurf über die Regelung des Geheim- mittclwesens, Entwurf über die Erleichterung des Wechsel­protestes, Novelle zum Zivilpenstonsgesetze (Regelung der Pensionsverhältniffe für verabschiedete Reichsbeamte) und schließlich ein Unfallfürsorgegesetz für Polizeibeamte. Man ersieht aus dieser vorläufigen Uebersicht, daß die Reichsregie­rung unablässig bemüht ist, dort, wo es notwendig erscheint, die Gesetzgebungsmaschine in Tätigkeit treten zu lassen. Wichtige Fragen der Sozial-, Steuer-, Handels- und Mittelstandspolitik sollen einer gesetzgeberischen Regelung, beziehungsweise Neuregelung unterzogen werden. Neben den zu erwartenden Gesetzesvorlagen der Regierung aber wird auch in den bevorstehenden Reichtagsverhandlungen, wie immer, die Beratung des nächstjährigen Etats einen breiten Raum einnehmen. Endlich gesellt sich hierzu noch alles das, was aus der eigenen Initiative des Reichstages an Gesetzentwürfen, Interpellationen, Resolutionen usw. her­vorgehen wird, und das dürfte sicherlich nicht zu knapp be­messen sein. Die oppositionellen Parteien, insbesondere die

Feuilleton.

Fra Diavolo.

Ein Gedenkblatt zum hundertjährigen Gedenktage seines Todes, 12. November.

Von Eugen Jsolani.

(Nachdruck verboten)

Am 12. November 1806 wurde Michael Pezza, der unter dem NamenFra Diavolo" weltberühmte Räuber, gehenkt. Das gibt um so mehr Gelegenheit, sich mit dieser interes­santen Persönlichkeit zu beschäftigen, als gerade in neuerer Zeit die Geschichtsforscher Italiens sich bemüht haben, den Legendenkreis, der sich um diese Räubergestalt wie ein Nebel­schleier wob, mit der Wahrheit suchenden wissenschaftlichen Forschung zu durchleuchten.

Als Scribe etwa ein Vierteljahrhundert nach FraDiavo- los Entrichtung diese interessante Persönlichlichkeit zum Helden seiner von Auber komponierten Oper machte, einem der be­liebtesten Opernwerke dieses amüsanten Franzosen, da war ^^tS die Gestalt Fra Diavolos in zahlreichen Romanen, freilich solchen niederster Sorte, verarbeitet worden, und der kluge Scribe wußte, daß er mit seinem Räuberhelden eine allgemein wohlbekannte Figur auf die Bühne brachte, was sicherlich zu der beispiellosen Popularität der Oper beitrug. Bekanntlich wird in der Oper ein junger eleganter Marquis, der eine vornehme reisende Engländerin mit Liebesanträgen verfolgt, als der berühmte Räuber entlarvt und als solcher erschossen. Das ist nun freilich ganz und gar unhistorisch.

Mit viel größerer Berechtigung ist Michael Pezza als Held anzusehen. In Jtri, einer neapolitanischen Kleinstadt, die in der Nähe von Gaeta gelegen ist, wurde er im Jahre 1771 geboren, als zweites von zwölf Kindern eines nicht sonderlich wohlhabenden, aber doch in geordneten Verhält­nissen lebenden Oelhändlers. Michael erlernte das Sattler­handwerk und gehörte auch einige Zeitlang als dienender Bruder einem Kloster an-

Soziakb-unokratie, werden es sich zweifelsohne nicht nehmen lassen, aus dem vorhandenen Agitationsstoff, wie Fleisch- teuerung und Kolonialaffären, auch im Reichstag erneutes Kapital zu schlagen und endlose Reden zum Fenster hinaus zu halten.

So gehen wir einer arbeits- und kampfesreichen Reichs­tagskampagne entgegen. Soll sie zum Heile des Vaterlandes ausschlagen, so müssen die auf nationalem und staatserhal- tendeni Boden stehenden Parteien viel Opferwilligkeit und Selbstverleugnung an den Tag legen. Je mehr von bett radikalen Elementen die kostbare Zeit des Parlamenis in agitatorischer Rederei vergeudet wird, desto mehr muß auf patriotischer Seite alle Kraft und Mühe der fruchtbaren, positiven Arbeit zugegandt iverben. Sehr förderlich wäre es in dieser Hinsicht, wenn sich im Reichstage, ähnlich wie im preußischen Abgeordnetenhause, eine Kontingentierung des Beratungsstoffes erzielen ließe, doch sind die Aussichten für eine solche Maßnahme leider wenig günstig.

Krèsengerüchte.

Die Presse halte sich in der letzten Woche viel mit Krisen­gerüchten zu beschäftigen. Dabei ist mancherlei handgreiflich Irriges und Falsches vorgebracht worden, namentlich über das Verhältnis des Kaisers und Königs zu dem Reichskanzler und Ministerpräsidenten Fürsten von Bülow. Man wollte bemerkt haben, daß der Kaiser im Gegensatz zu seiner früheren Gewohnheit noch nicht beim Fürsten Bülow gewesen sei und mit ihm im Reichskanzlerpalais konferiert habe. In Wirklich­keit hatte sich Seine Majestät erst vor kurzem beim Fürsten Bülow zum Mahle angesagt und hütete bald darauf wegen einer Erkältung mehrere Tage das Zimmer. Ferner wurde es, namentlich in englischen Blättern, sehr auffällig gefunden, daß der Reichskanzler zu dem für die Mitglieder der inter- nationalen Konferenz über die Funkentelegraphie veranstal­teten Hoffeste keine Einladung erhalten habe. In Wahrheit war Fürst Büloiv cingeladen und hatte sich nur ivcgen dringender Amtsgeschäfie entschuldigt.

Nun hätte man allerdings solchen äußerlichen Dingen keine solche Bedeutung beigelegt, wenn nicht andere Umstände die politische Luft zur Aufnahme und Verbreitung des Krisen­bazillus empfänglich gemacht hätten. Einmal und hauptsäch­lich erschien es vielen zweifelhaft, ob Fürst Büloiv nach seinem Unfall am 5. April d. J. wirklich die zur Fortfüh­rung der Kanzlergeschäfte notwendige volle körperliche und geistige Krafts wiedererlangt habe. Einen solchen Zweifel kann man verstehen, da es in der Tat eine schwere Attacke war, die den viele Monate hindurch überanstrengten Kanzler im Reichstage angefallen hatte. Zwar batte Fürst Bülow

Da geriet er im Alter von fünfundzwanzig Jahren in einen Streit mit zwei anderen jungen Leuten von Jstri, und damit kam er auf die schiefe Ebene des Lebens. Er schoß seine beiden Gegner nieder und floh in die Berge, verbarg sich in den Wäldern und scharte einen Kreis von Leuten um sich, die willig in ihm ihren Hauptmann anerkannten und mit ihm gemeinsame Sache machten. Und bald wurde die Schar der Schrecken von ganz Unteritalien, ihr Anführer als todesmutiger und todverachtenderFra Diavolo" berühmt. Diesen Namen scheint er erhalten zu haben, weil er zeit­weilig auch. in der Kutte des Mönchs erschieir, vermutlich um eine Räubergelegenheit auszukundschaften oder auch um vor Verfolgungen sicher zu sein. So, im Mönchsgewand, ist der kühnste und gewandteste aller Räuber auch abgebildet.

Indessen hat Michael Pezza sehr bald das Räuberleben satt bekommen. Wer die authentischen Nachrichten über das Leben berühmter Räuber aus jener Zeit verfolgt, der findet beinahe bei allen Versuche, den Weg zum soliden bürger­lichen Leben zurückzugewinnen. Sie bahnten Unterhandlungen mrt den Behörden an, man möge über ihr bisheriges Leben hinwegsehen, und die Behörden waren nicht selten gern bereit, dies zu tun, zumal über die Räubertaten zumeist ja den Behörden die schliissigen Nachweise fehlten, die eine gesetzliche Verfolgung ermöglicht haben würde. Freilich, lange hat denen, die einmal die Ungebundenheit des Räuberlebens ge- nosseir hatten, die bürgerliche solide Lebensweise nicht behagt. Im Januar 1798 kam er bei der Regierung von Neapel um Einstellung ins Militär ein. Freilich war diese Rückkehr Fra Diavolos ins bürgerliche Leben doch nicht ganz so ein­fach ; jene Tötung der zwei jungen Leute von Jstri, um deren- willen er Räuber geworden war, war gerichtsnotorisch. Da ließ sich schlecht hinwegsehcn. Indessen brauchte man damals, 'n den kriegerischen Zeiten, Mannschaften es waren die Kämpfe der italienischen Fürsten gegen die eindringenden Fran­zosen, und so ward Pezza begnadigt. Er wurde Soldat, avancierte sogar bald zum Unteroffizier, gab aber bald wieder den Soldatenstand auf und wurde wieder in seinem Heimat­nest Sattler.

Da aber erschienen die Franzosen im Lande, Ferdinand IV. von Neapel rief das Volk tut den Waffen, und Michael

während seines Erholungsaufenthalte? in Norderney und Homburg die Oberleitung des inneren Dienstes wieder über­nommen, aber die Besorgnisse lassen sich gründlich nur da­durch zerstreuen, daß er in vollem Lichte nach außen wirkt und an derselben Stelle, wo ihn die Krankheit übermannte, wieder seinen Mann steht.

Der zweite Umstand, der das Aufkommen von Krisenge» rüchten erleichterte, war der, daß die liberale und demokratische Presse die Frage, ob der Minister für Landwirtschaft von Podbielski wegen seiner Verbindung mit der Firma Tippels- kirch seinen Abschied nehme oder nicht, was einen Kampf des Fürsten Bülow mit seinem preußischen Kollegen darstcllte. In Wahrheit hatte Fürst v. Bülow an und für sich nicht den mindesten Anlaß, den Abgang des Herrn 'm Podbielski zu wünschen. Denn dieser war ihm jeder Zeit ein hochge­schätzter Reifer bei Durchführung der agrarischen Politik, und es ist sicher, daß Herr v. Podbielski ohne jede politische oder persönliche Verstimmung gegen den Fürsten Bülow, durch sein Gichtleiden genötigt, das ihn seit Wochen ans Bett fes­selt, aus dem Dienste geschieden ist.

Die Wiederaufnahme der Arbeiten des Reichstages steht unmittelbar bevor. Dem Fürsten Bülow wird es nicht an Gelegenheiten fehlen, in die Debatte einzugreifen und vor aller Welt zu zeigen, daß er die Kanzlergeschäfte tatsächlich wahrnimmt und die Krisengerüchte grundloses Gerede waren.

Koloniales.

P.-D.Adolph Woermann".

Am 3. November unternahm der neue Postdampser bet WoermannlinieAdolph Woermann", auch mit einer Reihe von Mitgliedern und Freunden der Deutschen Kolonialgesell­schaft an Bord, von Cuxhaven aus seine Probefahrt, die einen hervorragenden Erfolg darstellt. Von außen gesehen ein stattlicher Bau, von innen eine Ausstattung von ge­diegener Vornehmheit, zu der auch die deutschen Schutzgebiete ihren Anteil beigesteuert haben. So sind z. B. die Möbel der Kabinen und sogar der Fußboden des Promenaden-Decks aus Kameruner Mahagoni.

Die Reiherstieg-Schiffswerft und Maschinenfabrik kann auf diese Leistung, auf diesen ruhig und glatt seine Bahn ziehenden Doppelschraubendampfer stolz sein, und wirrvollen der Reederei wünschen, daß derAdolph Woermann" immer­dar so, sicher und prompt gen Swakopmund und Lüderitz­bucht seinen Weg nehmen möge wie an diesem, für einen Novembertag von selten köstlichem Wetter begünstigten Tage St. Huberti, und daß er sich würdig seinen Vorgängern und Schwesterschijfen anreihe.

Als das Schiff losmachte, lag im Hintergründe die mit Auswanderern dicht besetzteBatavia" der Hamburg-Amerika- Linie und fernhin die mächtigeAmerika" der gleichen

Pezza, vor kurzem noch der Schrecken des Landes, wurde der Verteidiger der nationalen Unabhängigkeit desselben. Napo­leon hatte seinen Bruder Joseph Bonaparte zum König von Neapel ernannt, Fra Diavolo wurde der berufenste Partei­gänger der vertriebenen Herrscherfamilie, ein Patriot, der die kampftüchtigsten Männer der Terra die Lavoro, seiner vom Kirchenstaat bis zur Hauptstadt Neapel reichenden Heimats- provinz, zu den Waffen rief und in wenigen Tagen 4000 Mann um sich zu scharen wußte.

Und der ehemalige Räuber Fra Diavolo ward von seinem König, der früher einen Preis auf seinen Kopf gesetzt hatte, zum Obersten und Herzog von Cassano ernannt und ver­richtete Wunder von Tapferkeit. Aber der Feldzug wurde zu einrat Kleinkriege, in welchem die Franzosen und die Leute yra Diavolos sich in Greueltaten überboten, so daß das ganze mehr einem Wettkampf zwischen Räuberbanden glich, bei welchem der Erfolg ein sehr wechselnder war. Schließlich aber mußte die Ueberrnacht der Framosen doch die Oberhand gewinnen.

Drei französische Generale sperrten die Ausgänge der Apenninen; dem Obersten Hugo, dein Vater deS Dichters Viktor Hugo, wurden 850 Mann untergeordnet, den Zug in das Gebirge anzutreten und Fra Diavolo gefangen zu nehmen. Es war eine blutige mühsame Jagd, denn Fra Diavolo

.. nicht allein an der Spitze einer mutigen Schar ent- sch.oßener Manner, die nichts 31t verlieren hatten, die Berge nnd deren Schlupfwinkel waren ihm auch besser bekannt als seinen Verfolgern.

.sechs Tagen erreichte ihn Hugo in Bojan». Unter ^strömendem Regen kam cs zu einem Gefecht, in

^EvloS Schar fast ganz aufgerieben wurde.

w Entmin über die Brücke von Vinchiatara, welche die Nationalgarde hatte bewachen sollen. In Morcono H Lwoltiger Orkan überdies die französische Kolonne auf, Fra Diavolo gewann einen großen Vorsprung. Schon hörte man, der englische Befehlshaber von GaprE Hudson

"°H der Küste geschickt, um den Flüch-

>n Sicherheit zu bringen. Die Engländer schätzten ihn und Hudson Lowe hatte das Scherzwort auf ihn geprägt- -Dieser große Teufel ist für uns ein Engel." ' $