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Feuilleton.

Mailändische Federzeichnungen.

Zur Eröffnung -er Mailänder Ausstellung.

Von Dr. Hans Bauer.

(Nachdruck verboten.)

Die große Zlusstellung, zu deren Eröffnung Mailand sich anschickt, hat für uns Deutsche nicht nur darum Interesse, weil sie der Eröffnung eines neuen großen Weltoerkehrsweges gilt, sondern auch deshalb, weil das Reich auf ihr durch eine bedeutende Abteilung vertreten ist. Und wohl gehören die Deutschen auf eine Mailänder Ausstellung; denn keine italienische Stadt ist durch so dichte Fäden des Handels und des Verkehrs imit Deutschland verbunden, als die Haupt­stadt der Lombardei. Zahlreiche deutsche Unternehmungen haben in Mailand blühende Filialen, und mailändische Rührigkeit wiedemm hat die Ausfuhr der ftuchtbaren Lom­bardei nach Deutschland in den letzten Jahrzehnten unge­mein erhöht. Zu allen Jahreszeiten hört man auf Mai­lands Straßen deutsch sprechen: und wer nicht bis Florenz- oder Rom vorgedrungen ist, wer selbst nicht Venedig seinen Pflichtbesuch abgestattet hat, der hat doch wenigstens ein- mal von der Schweiz aus die kurze Eisenbahnreise nach Mailand gemacht, um Italiens drittgrößte Stadt kennen zu lernen. Diese Reisenden sind ftcilich von Mailand recht oft enttäuscht, insofern sie eine echt italienische Stadt erwarteten und eine europäische fanden. Mailand ist nicht Italien, so lautet das allgemeine Urteil. Und doch nimmt der, dessen Auge für die Eigentümlichkeiten Italiens geschärft ist, eine Fülle italienischer Züge an Mailand wahr: die stolze und gleichmäßige Palastarchitektur der Häuser, dre Blicke burch mächtige Torbogen in wohlgeflegte Garten süd­lichen Charakters, die Anlagen der öffentlichen Parks, die Abhängigkeit des Volkslebens von der Sonne, die reiche 'Ausbildung des Straßenlebens u. s. w. Aber freilich er­halten diese italienischen Züge ihren besonderen mailändischen

Charakter erst durch die Mischung mit dem Europäertum. Mailand ist eine gewaltig aufstrebende, höchst tätige und wahrhaft moderne, es ist Italiens modernste Stadt? Nir­gends sonst in Italien sind Dienst und Arbeit so streng und pünktlich, nirgends die Rede so sparsam, die Wohlhabenheit so gesichert, das Bedürfnis häuslichen Komforts so ent­wickelt. Diese Moderriität stammt aber nicht etwa von gestern und heute, sondern sie liegt diesem Gemeinwesen gewissermaßen im Blute. Die Lage am Fuße der Alpen, als Kopf einiger der größten Völkerstraßen Europas hat für Mailand immer ganz besondere Bedingungen geschaffen. In den Anfängen des Mittelalters war es mehr als Rom: es hat sich von Rom selbständig erhalten und noch bis zum heutigen Tage hat es sich gewisse Reste seiner kirchlichen Selbständigkeit zu wahren gewußt. Indem es sich gegen die Obergewalt der deutschen Kaiser auflehnte, wurde es zuerst die Vertreterin des italienischen nationalen Gedankens. In der Pataria erzeugte es eine der allerftühesten demo­kratischen Volksorganisationen mit sozialistischem Anhauche. Merkwürdig genug, wie konstant derartige Eigentümlichkeiten im Wandel der Jahrhunderte sich erhalten; denn noch jetzt ist Mailand ein Hauptquartier der Demokratie und des Sozialismus in Italien und ein Hauptaktionsfeld der Kooperative-Genossenschaften, die übrigens im ganzen hier recht wohltätig wirken. Die träge Erschlaffung, die das Leben anderer alter italienischer Städte kennzeichnet, die tiefe Korruption Neapels, den bequemen Schlendrian Roms kennt man hier nicht: hier ist Schwung, Tätigkeit, Wille, Mai­land ist ein Vorposten des Nordens in Italien.

Es gehört wenig Beobachtungsgabe dazu, um zu er­kennen, daß in Mailand echte Wohlhabenheit zu Hause ist. Zwar besteht auch hier die enorme Kluft zwischen Arm und Reich, die in Italien selbst durch das Steuersystem nur ver­größert wird, aber die Zahl der Wohlhabenden ist erheblich größer und die Unbemittelten sind doch durchschnittlich in weit günstigerer Lage, als sonstwo in Italien. Nirgends in Italien existieren so zahlreiche und wirksame Anstalten zur Fürsorge für die Arbeiter, als hier. Die Lebenshaltung der Begüterten aber bewegt sich in den größter: Maßstäben. Mailand ist reich an höchst eleganten Brivatgespannen, die

I Läden bieten kostbare Luxuswaren aus, die Mailänder Küche I ist durch Schmackhaftigkeit und Gediegenheit berühmt, daS angesehenste Theater Italiens, die Skala, befindet sich hier und an einem ihrer großen Abende bietet ihr Mesenraum allerdings ein ganz.unbeschreiblich glänzendes Bild. Dazu sammt daß die mailändischen Frauen ^chön und daß die ge- sellschaftlichen Formen von einer genügen feinen Behaglich­keit sind, die sehr anziehend wirkt. So wird man es ver­stehen, warum Stendhal rür Mailand eine so innige Liebe empfand. Dieser geistvollste aller 'Franzosen, dieser große Lebenskünstler sah in dem Mailand der zwanziger und dreißiger Jahre eine Art Eldorado. In Mailand hatte er sein tiefstes Liebeserlebnis gefunden, in Mailand allein, so meinte er, herrsche in Liebe, Leben und Gesellschaft eine wahrhaft große Form. Zu diesem Bilde Mailänder Lebens gehört dann freilich aber auch noch, daß man eine Fahrt an den nahen Comer See, das unvergleichbare Kleinod unter den herrlichen oberitalienischen Seen, unternimmt: an seinen lachenden Ufern reihen sich die Villen der reichen Mailänder Familien zu fast ununterbrochener Kette. Dort am See ver­leben sie den Sommer, der in der Stadt fast unerträglich heiß ist.

Zu Stendhals Zeiten war Mailand freilich noch nich. das gewaltige Industriezentrum, das es heute ist. Doch ist Mailand eine_ Der wenigen Städte, deren moderne Entwicklung auf ihre äußere Gestalt eine gar nicht so un­vorteilhafte Wirkung ausgeübt hat. Gewiß gibt' es auch hier monotone und wenig erfreuliche Arbeiterviertel, aber die moderne Entwicklung hat mich wiederum schöne Ringstraßen und vor allem jene großartige Anlage des Foro Bonaparte gebracht, die in mächtigen Halbbogen das alte Sforzakastell umarmt und dann in den Anlagen des neuen Parks einen lieblichen Ausklang findet. Das ist einer der besten und großartigsten Gedanken, die überhaupt der moderne Städte­bau erzeugt hat. Ebenso stammt aus Mailand der gesunde und fruchtbare Gedanke derPassage" oder, wie die Italiener es nennen, der Galleria. die, wie bekannt, eine bedeckte, nur dem Fußgänger zugängliche Verkehrs- und Kaufftraße bildet, ^rotz mancher architektonischer Fehler ist die Mailände. Galleria Bittorw Enimanueke ein imponierendes moderne^