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General-Anzeiger
Amtliches Orga« für Stobt- und Fanâttis Kanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
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Nr. 243 Fernsprechanschltttz Nr. 605»
Amtliches.
Eandkreis Hanau.
Bekasstisschnnge« des Königliches LssdratSä
Unter den Schweinen zu Großauheim ist die Schweineseuche festgestellt worden.
Hanau den 14. Oktober 1907.
Der Königliche Landrat.
V 10046 I. A.: Conrad, Kreissekretär.
Der Landkreis Hanau hat auf Grund deS § 29 M Ges. betr. die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten vom 28. 8. 1905 (G.-S. S. 378)
den Drogist Karl Meyer zu Fechenheim und
den Schreinermeister Konrad Grebe zu Langenselbold als Desinfektoren ausbilden lassen und mit den nötigen Apparaten zur vorschriftsmäßigen Ausführung der Desinfektion (mit Formalin) versehen.
Die Ausbildung weiterer Desinfektoren mit dem Wohnsitz in Windecken und Großauheim ist in Aussicht genommen.
Bei der Desinfektion, welche von den Ortspolizeibehörden nach Maßgabe des § 8 des genannten Gesetzes anzuordnen ist, sind die genannten staatlich geprüften Desinfektoren zu verwenden, soweit dies nach dem Gutachten deS ArzteS erforderlich ist; die sogenannte Schlußdesinfektion, welche nach der Genesung des Kranken, nach seiner Ueberführung in ein Krankenhaus oder nach seinem Tode erfolgt, ist in allen Fällen, in denen sie nach dem Gesetz erforderlich ist, den amtlich geprüften Desinfektoren zu übertragen.
Die Kosten der behördlich angeordneten Desinfektion sind als Polizeikosten aus Gemeindemitteln zu bestreiten, wenn der zahlungspflichtige Haushaltungsvorstand ohne Beeinträchtigung des für ihn und seine Familie notwendigen Unterhalts diese Kosten nicht zu tragen vermag.
Die Desinfektoren haben nach bett mit ihnen abgeschlossenen Dienstverträgen folgende Vergütungen zu beanspruchen :
a) für jede Stunde seiner Tätigkeit einschl. der Hin- und Herreise zur Arbeitsstätte 0.75 Mk.,
b) für jede notwendige Uebernachtung 1.50 Mk.
Die Gemeinde hat außerdem für den Transport deS in einer Kiste verpackten Apparates aus der Wohnung des Desinfektors, sowie für den Rücktransport zu sorgen. Die Desinfektionsmittel werden auf Kreiskosten beschafft.
Hanau den 5. Oktober 1907.
Der Königliche Landrat.
v. Beckerath.
Feuilleton.
Träume der Jugend?)
Novelle von Hermann Olaf Heinemann.
(Nachdruck verboten.)
An Frau Paula Julius.
Er gehörte zu denen, die über dem Sehnen und Suchen Jugend und Glück verlieren ....
Draußen schien warm die Pfingstsonne, die Welt war schön und voller Klarheit, Fliederduft quoll durchs Fenster herein ins Zimmer und in gehobener Stimmung hatte sich Doktor Erich Berg an seinen Schreibtisch gesetzt, die Korrekturbogen seines ersten WerkchenS zu lesen. Es war ein Gedichtbuch und hieß: „Träume der Jugend." .... Auf der ersten Seite stand: „Meinem Liesel'" . ... Da brachte die Wirtin die Verlobungsanzeige aus seiner fernen Heimat, und nun starrte er immer wieder auf die Namen:
Liesel Fröhlich
Dr. med. Hans Köhler
Verlobte.
Nebelig wogte in ihm alles durcheinander.....Dann stützte er den Arni auf den Schreibtisch und stützte sein Haupt in die Hand. Eine Müdigkeit faßte ihn plötzlich, aber es war keine Müdigkeit, um sachte einzuschlummern, es war eine, um ganz tief zu träumen.......Er schloß die Augen .... Sein Leben flog an ihm vorüber wie ein seltsamer Traum . . .
Die erste Stunde seines Lebens, deren er sich genau entsinnen konnte, war die, als er an der Hand eines Onkels weinend hinter dem Sarge herschritt, in dem sein Vater lag. Sein guter Vater, der ihm stets etwas Schönes mitbrachte, und im Frühling, wenn der Saft in die Bäume gestiegen
*) Aus der Novellensammlung „Requiem", die in einigen Wochen erscheint und dann durch alle Buchhandlungen zu beziehen ist
Donnerstag den 17. Oktober
Stadtkreis Hanau. Bekanntmachung.
Die Wohnung im 1. Obergeschoß deS HauseS Dangeristraße Nr. 2 ist anderweit zu vermieten.
Angebote können schriftlich an unS eingereicht oder mündlich auf dem Rathause, Zimmer Nr. 12, abgegeben werden. Hanau den 11. Oktober 1907.
Der Magistrat.
Hild. 21385
Bekanntmachung.
Nachdem die am 20. August b. Js. erfolgte Wahl deS Rechtsanwalts und Notars, Justizrats Karl Hecht zum Stadtverordneten von Hanau-Keffelstadt durch Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung vom 16. September b. J. für ungültig erklärt worden ist, haben wir Termin zur Vornahme der erforderlichen Neuwahl der T. Wahlabteilung auf
Montag den 28. Oktober 1907, vormittags von 11—12 Uhr, im Gemeindehause zu Kefselstadt festgesetzt.
Zur I. Wahlaöteilung gehören die in der Liste der Stimmberechtigten verzeichneten Wähler, welche au direkten Steuern (Staats- und Gemeindesteuern zusammengerechnet) in Hanau-Kesselstadt 536,40 Mk. und mehr entrichten.
Der zu wählende Stadtverordnete muß sitzer sein.
Wir laden hierdurch die Stimmberechtigten nähme an der Wahl ein.
Hanau den 9. Oktober 1907.
Der Magistrat. Hild.
Hansbe-
zur Teil-
20797
Bekanntmachung.
Die Abbruch-, Erd-, Maurer-, Steinmetz- und Asphaltarbeiten zum Anbau der gewerblichen Fortbildungsschule sollen unter Zugrundelegung der allgemeinen und besonderen Bedingungen für die Bewerbung um städtische Arbeiten und Lieferungen öffentlich verdungen werden.
Die Verdingungsunterlagen liegen im Dienstzimmer des Direktors der gewerblichen Fortbildungsschule, Erbsengasse Nr. 1, zur Einsicht auf und können von dort bezogen werden.
Die Angebote sind versiegelt und mit entsprechender Aufschrift versehen bis zu dem auf Mittwoch den 23. Oktober, vormittags 11 Uhr, festgesetzten Eröffnungstermin ein
war, so hübsche Flöten aus Weidenbast zu machen verstand. Aber bald war der Schmerz vergessen. Plästerlich und keck tummelte er sich durch seine fröhliche Kindheit. Seine Gespielen waren meist Knaben, die jünger waren als er selbst. Und am liebsten spielte er mit Liesel Fröhlich, dem einzigen Kindchen des GutSnachbam. ^Mädchenjunge", nannten ihn seine Altersgenossen, als er m die Schule gekommen war. Sie sahen ihn gar nicht mehr als rechten Kameraden an. Es kümmert ilm nicht. Wenn er nicht mit Liesel irgendwo in Gärten und Wiesen herumtoltte, las er daheim in einem alten Märchenbuchs und träumte mehr, als er las. Das war eS: er träumte so gern! Ueberall, auch in der Schule. Immer wieder mußte ihn der alte Dorfschullehrer ermahnen: „Berg, träume nicht!" — Dann kam er aufs Gymnasium. Seine ersten Leiden begannen. Nicht die Unterrichtsfächer bereiteten ihm Oualen; hier ließ er fast seine sämtlichen Mitschüler leicht und verächtlich weit hinter sich. Aber die Hauptmatadoren seiner Klassengenossen taten ihm gern und bitter weh, weil er „kein rechter Junge war," weil er ihre lauten Allotrias nicht liebte. Er floh sie und hielt am liebsten Zwiesprach mit sich selber. .... Aber einmal hatte zufällig einer ihn belauscht und schrie nun: „Der Berg spricht in sich wie die kleinen Mädchen . . ." Und des Neckens und Höhnens ward kein Ende. In den oberen Klassen wurde es besser. Er fand einige intime Freunde. Aber meistens ging er auch hier seine eigenen Wege. Wege voll köstlicher, scheu verschwiegener Heimlichkeiten und süßer Schauer. Unter wonnigem Herzklopfen schrieb er seine ersten Gedichte . . . Und dann kam ein süßes, kurzes Glück. In den Ferien war's, im letzten Schuljahre. Der Abend war wunderschön. Wie ein Wunder der Liebe. Fern lockte ein Sprosser im blauen Flieder, die ersten Rosen waren aufgebrochen und erfüllten die Luft mit starkem Geruch. Und eine Rose war sie auch. Eine Rose, die der Morgentau soeben aus der Knospenhülle lockte . . . Und hinter dem schweigenden, schützenden Spalier des wilden Weins küßte er sie . . . Selige Minuten, die da verrannen . . . Bis sie sich schauernd losmachte und sagte: „Geh Du, Du willst ja nun doch unter die tollen Studenten . . ." Dann kam die Universität. . . DaS blau-weiß-blaue Band umschlang seine Brust, und HanS
Aernsprechanschluß Nr. 605. 1907
zureichen. Die Eröffnung der Angebote erfolgt im Beisein der etwa erschienenen Anbieter.
Zuschlagsfrist 8 Tage.
Hanau den 16. Oktober 1907.
Der Magistrat.
Bode. 21387
Politische Rundschau.
Preußischer Landtag. Im preußischen Finanzministerium sind die zusammenfassenden Etatsberatungen bereits eröffnet worden. Man hofft demgemäß auf einen früheren Zusammentritt des preußischen Landtages.
Gewerblicher Rechtsschutz und Gerichte. Ein wichtiger Erlaß des preußischen Justizministers Dr. Beseler ist soeben an die Oberlandesgerichtspräsidenten und Oberstaatsanwälte der preußischen Monarchie gelangt. Es betrifft den gewerblichen Rechtsschutz und stellt eine bessere sachliche Behandlung der gewerblichen Rechtsstreitigkeiten vor den ordentlichen Gerichten in Aussicht, da die Schaffung von Sondergerichten zu einer schweren Schädigung der Rechtspflege führen müsse.
Beendigung des Mederlausitzer Bergarbeiter- Ausstaudes. Der seit dem 16. September d. Js. bestehende Bergarbeiterausstand in der Niederlausitz kann als erledigt betrachtet werden. Die Ausständigen find Montag und Dienstag von den Ausstandswerken wieder zur Arbeit angenommen worden, soweit dies mit Rücksicht auf die inzwischen in erheblicher Anzahl eingetretenen Ersatzarbeiter möglich war.
Sächsische Erste Kammer. In der Eröffnungssitzung der Ersten Kammer betonte ihr Präsident Graf Vitzthum von Eckstädt, die Kammer werde die Wahlrechtsentwürfe der Regierung vorurteilslos prüfen und nach Befinden verbessern in der Erkenntnis, daß die Geduld deS sächsischen Volkes auf eine schwere Probe gestellt werde, wenn eS wiederum nicht gelinge, ein volkstümliches Wahlrecht zu schaffen. Bei gutem Willen müsse es möglich sein, ein Wahlrecht zu schaffen, das einen Fortschritt bedeute, die Mehrheit deS Volkes befriedige und dem Vaterland zum Segen gereiche.
Bayerische Kammer der Abgeordneten. In der Fortsetzung der allgemeinen Budgetdebatte weist Ministerpräsident Frhr. v. PodewilS nachdrücklich den Vorwurf zurück, daß die Regierung Schwäche und Nachgiebigkeit gegen das Zentrum zeige. Er wendet sich ferner gegen den Vorwurf, daß die Thronrede keinen Hinweis auf die Sozial-' Politik enthalte, und sagt, die Thronrede kündige mehrere sozialpolitischen Vorlagen an, vor allem die Aufbesserung der Beamtengehälter. Auf sozialpolitischem Gebiet, so erklärt der
Köhler, der Mediziner in höheren Semestern, ward sein Leibbursch, obschon er selber Jurist war. Er liebte ihn, den „tollen HanS". Unb der Tollsten einer war er ja zuweilen auch gewesen. Aber nur zuweilen. Er konnte nicht rückhaltlos genießen wie die andern. Lustig und ausgelassen schwang er den Pokal. Aber auf einmal hockte vor ihm auf dem Deckelglase die Erinnerung oder die Sehnsucht und sah ihn großäugig an. Dann wurde er plötzlich still und melancholisch. Schrieb auch wohl Verse auf schöne Karten und schickte sie in die Heimat .... Nein, ein Duckmänser war er nicht. Aber zum „fidelen Studio" fehlte ihm doch sehr viel ... Er war zu nachdenklich . . . Die andern hatten Jugend und strotzende Kraft, hatten zügelloses Begehren und toller Draufgängertum. Tranken hier und dort. Liebten diese und jene. Fanden für die Schönheit der Mädel Ausdrücke, die ihn anekelten. Er fühlte eben anders wie seine Kommilitonen . . . Und packte nicht zu. Gewiß, er flirtete auch mal ein bißchen. Fand auch mal an Messt oder jener schmiegsamen und leichtfüßigen Mädchengcstalt ein flüchtiges Wohlgefallen. Aber er griff nie zu. Die andern lachten ihn auS. Und Hans Köhler nannte ihn mit spöttischem Lächeln „einen theorettschen Genießer". Er lächelte mit und flüchtete in die stille Ecke, die er sich in seinem Herzen bewahrt hatte, und die er vor den andern scheu verborgen hielt. Dort stand auf einem Altare ein schönes Müdchenbtld . . . Hier betete er, hier ruhte sein Sehnen aus . . . Und in den Rosengärten seiner Phantasie, auf den mondhellen Pfaden seiner goldenen Träume, da wandelte doch nur immer diese Eine, blond und blauäugig . . . ."
Dann starb seine Mutter. Vor zwei Jahren. HanS Köhler, abschon damals mitten im Staatsexamen, fuhr mir ihm in die Heimat, um dem „unpraktischen Träumer" beizustehen in diesen schweren Tagen. Liebevoll ordnete HanS- alles. Schloß auch den Vertrag mit dem Manne, der Erichs Gut pachtete. Und lernte Liesel Fröhlich kennen ..., Erich wollte dem schlanken und schüchternen Mädel sagen daß er nun keine eigentliche Heimat mehr habe, daß nun seine Heimat dort sei, wo sie weile. Es summten ihm Mei Vers« durch den Kopf: