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KeiliM in Nr.

223 besJiwigrr.

Dienstag den 24. September 1907

79. Deutscher Naturforscher- und

(Nachdruck verboten.)

Aerztctag.

8. u. H. Dresden, 21. Septbr.

Aus der Fülle der hochinteressanten Abteilungsvorträge heben wir im nachstehenden noch folgende hervor und schließen damit unsere Berichte über die 79. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Dresden.

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Universitätsassistent Dr. Rudolf v. Aberle- Wien sprach über

die Wahl des Zeitpunktes zur Korrektur rhachitischer Verkrümmungen.

Bekanntlich können sogar schwere rhachitische Verkrüm­mungen der unteren Gliedmaßen unter einfacher antirhachitischer Behandlung zur Selbstheilung gebracht werden. Deshalb wurde von vielen Seiten empfohlen, solche Verkrümmungen der Selbstkorrektur zu überlassen und nur solche Fälle, bei denen die Heilung auch nach dem sechsten oder siebenten Lebensjahre ausblieb, der Operation zu unterziehen. Der Vortragende wendet sich nun gegen ein zu langes Zuwarten. Denn nach seinen Erfahrungen an dem umfangreichen Kranken» material des Unio-Ambulatoriums des Professors Lorenz- Wien, sowie auch an Kindern, die in besseren Verhältnissen aufwuchsen, sind die Selbstheilungen keineswegs so zahlreich, wie anderwärts behauptet wird. Als besonders hartnäckig bezeichnet der Vortragende die winkligen Verkrümmungen der Schienbeine und die rhachitischen X-Beine. Ohne also die Garantie zu haben, daß die Korrektur wirklich selbst erfolgen wird, wird durch die abwartende Behandlung einerseits der günstigste Zeitpunkt der Operation versäumt, andererseits werden in den Fällen, bei denen die Selbstkorrektur dann noch nicht erfolgt, durch Ausbildung von Gegenkrümmungen viel kompliziertere Verhältnisse geschaffen. Nach Anführung einer Reihe von erläuternden Beispielen stellt der Vortragende folgende Normen auf: In allen Fällen ist das floride Stadium der Rhachilis abzuwarten bis ungefähr zum vierten Lebensjahre und die Behandlung auf antirhachitische Maß­regeln zu beschränken. Das weitere Verhalten in bezug auf die einzuschlagende Therapie bestimmt nicht das Alter, sondern der Verlauf der Erkrankung. Zeigt sich dabei eine Selbst- besserung ohne Auftreten von Gegenkrümmungen, so soll der Fall der Naturheilung überlassen werden, auch dann, wenn das Kind schon etwa sieben Jahre und darüber alt ist. Nimmt jedoch die Hauptkrümmung zu oder bilden sich stärkere Gegenkrümmungen auS, so soll mit der Operation nicht länger gezögert werden, um so mehr, als dieselbe voll­kommen gefahrlos ist. Als Operationsverfahren empfiehlt der Vortragende die subkutane (da? ist unter der Haut ausge­führte), nur teilweise Anmeißelung des Knochens an der ge­wünschten Bruchstelle mit folgendem Einknicken des Knochens. Ein Moment endlich ist nach den Ausführungen des Vor­tragenden bei der Wahl des Zeitpunktes zur Operation nicht ganz außer Betracht zu lassen: das kosmetische. Man wird sich manchmal zu einer Korrektur zu einem früheren Zeitpunkt im Interesse der Eltern entschließen müssen, aber auch der Kinder selbst, da unter dem Bewußtsein, ein Krüppel zu sein, die Psyche mancher Kinder oft erheblich leidet.

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In der Abteilung für Hygiene sprach der Direktor Dr. Anton Seyda-Posen über den gegenwärtigen Stand der modernen chemischen Reinigung und ihre hygienische Bedeutung.

Die Anfänge der chemischen Reinigung als einer Indu­strie sind in Frankreich zu suchen. In Deutschland war der Franzose Judlin der Erste, der sich in Berlin eine chemische Waschanstalt einrichtete und Ende der sechziger Jahre bei einer Benzinexplosion seinen Tod fand. Nächst ihm gebührt Spindler das Hauptverdicnst, die chemische Reinigung aus einem kleinen Gewerbe zu einer blühenden Industrie ausge- staltet zu haben. In den letzten 30 Jahren haben sich an allen bedeutenden Plätzen Deutschlands die bereits bestehen­den Schönfärbereien zu chemischen Waschanstalten erweitert und heute zählt der Verband deutscher Färbereien und chemischer Waschanstalten 1500 Firmen mit über 10 000. Angestellten. Den ungeahnten Aufschwung verdankt die chenlische Reinigungsindustrie neben der technischen Betriebs­vervollkommnung der aus England überkommenen Mode, sich hell zu kleiden, wozu noch die Mode kam, helle Blusen zu dunkleren Röcken auch in kälterer Jahreszeit bei Schau­stellungen, Theatern, Konzerten usw. zu tragen; das Be­dürfnis, diese Kleidungsstücke schadlos zu reinigen, aber auch der fortschreitende Wohlstand und das immer breitere VolkS- sch! 'yten unifassende Verständnis für die Anforderungen der Wohnungs- und Körperhygiene wirkten fördernd. Nicht ge­ringen Einfluß übten aber auch die Fortschritte, welche die ^extilmdustrie und die Seidenveredlungsindustrie aufzuweisen haben, wodurch es kam, daß sich in Seide zu kleiden auf­hörte, ein Vorrecht der oberen Kreise zu sein. Das chemische Reinigungsverfahren zerfällt in zwei Abschnitte: in die eigent­liche chemische Wäscherei und in die Detachur. Bei der chemische Wäsche werden die Sachen je nach ihrer Art, Schmutzzustand, Stoff, Farbe sortiert. Die zarten Stücke werden ganz für sich bearbeitet, andere in eigens konstruierten Maschinen mit in Benzin löslicher Seife und Benzin ge­waschen. gespült, geschleudert und zum Verflüchtigen der noch

anhaftenden Benzinreste in erwärmten Räumen aufgehängt. Bei der Detachur werden die Sachen von den noch vorhan­denen Flecken nach ganz besonders ausgearbeiteten Methoden gereinigt.

Zur Entfernung von Rostflecken wird eine Lösung von Oxalsäure in zehnprozentiger Essigsäure unter Zuhilfenahme eines Eisenstäbchens benutzt. Tintenflecke werden mit einer Mischung von vier Teilen Weingeist und einem Teil obiger oxalsäurehaltiger Essigsäure behandelt und ebenso mit Kalium­permanganat nachgebleicht. Verlaufene, abgedruckte Farben werden auf farbigem Untergrund durch fraktiaziene Oxyda­tion mit Kaliumpermanganat aktiv, ebensolche Reduktion mittels hydroschwefliger Säure (aus Hydraldii) entfernt. Uebergehend zu der hygienischen Seite des Reinigungsver­fahrens weist der Vortragende speziell an der Herrenkleidung auf die Vorzüge hin, welche den chemischen Waschprozeß aus­zeichnen.

12. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschnlwesen.

8. u. II. Chemnitz, 20. September. (Unber. Nachdruck verb.)

Zweiter Tag.

Die zweite Hauptversammlung wurde wieder unter dem Vorsitz des Erziehungsinspektors Pieper (Dalldorf) abge­halten. An erster Stelle sprach Schuldirektor N i c z e (Chemnitz) über die Erziehung schwachsinniger Kinder zur Selbsttätigkeit. Bisher habe man immer die schwachsinnigen Kinder durch Pflege des Intellekts zur Selbsttätigkeit erziehen wollen. Der Unterricht müsse aber der Natur des Kindes entsprechend hauptsächlich notorisch" sein. Der Unterricht müsse sinnbildend auf Klarheit der Empfindungen hinarbeiten. Eine möglichst mannigfaltige Darstellung des Gelernten müsse gefordert werden durch Handfertigkeit, Zeichnen, Geberde und sogar dramatische Darstellung.

Anstaltslehrer Gürtler (Chemnitz) berichtet über den ersten Leseunterricht auf der Grundlage der Hand­tätigkeit. Die Formen werden aufgefaßt mit Hilfe aller Sinne. Die verschiedensten Tätigkeiten würden dabei ver­wendet, wie betasten, formen, ausnähen und malen. Der Uebergang zur Darstellung auf der Fläche wäre dadurch er­möglicht, daß man die Kinder die Buchstaben ausschneiden, ausnähen, malen oder in Mosaik und halben Erbsen legen läßt. Durch die vielen Bewegungen der Hände werde die Entwickelungskraft angeregt und die Energie der Gehirn- und Nervenfunktionen gesteigert.

Anstaltslehrer Starke (Chemnitz) berichtet über Sprech­übungen. Ein besonderer Sprachunterricht sei bei den Schwachsinnigen notwendig. Die sprachliche Ausbildung sei der Hauptpunkt der ganzen Unterrichtsarbeit. Für die Artikulationsmethoden haben die Kinder kein Verständnis und Interesse. Durch die Sprechübungen werden die Kinder zu bewußten Handlungen geführt. Ihr Bewußtsein erwacht, ihre Willenskraft erstarkt, und ihre Aufmerkamkeit wird an­gespornt. Nachdem so der Sprechtrieb bei der untersten Klasse geweckt, kann in der Mittel- und Oberstufe die sprach­liche Ausdrucksweise bereichert werden. Das kann durch die verschiedensten sprachlichen Umformungen geschehen.

Bezirksarzt Dr. Melzer (Chemnitz) behandelte die Aufgabe d e 8 N r z t e 3 in der Erziehungsanstalt. Die Aufgabe des Arztes sei eine praktisch ärztliche, eine hygienische und eine wissenschaftliche. Die praktisch-ärztliche bestehe in der Sprechstundenbehandlung und in der Krankenhausbehand­lung der Bettlägerigen. Die zahlreichen chronischen Augen- und Ohrenkranken sind einer besonders eingehenden Sprech­stundenbehandlung unterworfen. Zu den praktischen Auf­gaben des Arztes gehört täglich eine orthopädische Uebungs­stunde, die Ausführungen notwendiger Zahn-, Rachen- und Nasenoperationen, die Durchführung von Radikalkuren zur Hebung des Gesamtzustaudes usw. Ferner wird jeder Neu- ankommende aus seinen körperlichen und geistigen Zustand untersucht und zwar mit allen Hilfsmitteln der modernen Medizin. Die hygienische ärztliche Aufgabe besteht darin, den Anstaltskörper im ganzen gesund zu erhalten und vor ansteckenden Krankheiten zu schützen, besonders auch die schwächeren Kinder zu stählen. Die wissenschaftliche Aufgabe des Arztes ist die, das täglich einlaufende Material über die Vorgeschichte der Schwachsinnigen zu bearbeiten und die ge­legentlichen mikroskopischen Befunde des anatomischen Materials in Betracht zu ziehen.

AIs letzter Redner sprach Hilssschullehrer Müller- (Leipzig) über die Einrichtung, die der Hilfsschule eine weit­gehende Berücksichtignng der Bedürfnisse ihrer Schüler er­möglicht hätten. Er hob hervor, daß die manuelle Aus­bildung in der Hilfsschule vor allem rechte Würdigung finden müsse.

Zum nächsten Tagungsort wurde Nürnberg gewählt. Darauf wurde die Konferenz geschlossen.

Der Mord im Essener Stodtwold vor dem Schwurgericht.

8. u. H. Essen, 20. Sept. Am 23. September wird sich das hiesige Schwurgericht mit einem Lustmorde zu be­schäftigen haben, der im Herbst vorigen Jahres nicht nur in Deutschland, sondern auch in England großes Aufsehen

hervorrief. Am Abend des 1. Oktober 1906 war im Essener Stadtwald auf dem sogenanntenschwarzen Weg" in der Nähe der ZecheLangenbrahm" die 30jährige Engländerin Miß Madelaine Lake aus Steenpark bei Richmond über»! fallen, vergewaltigt und durch Schläge mit einem Stein auf den Kopf getötet worden ; die Leiche der Ermordeten wurde erst am folgenden Nachmittage von einer Arbeiterfrau, welche im Walde Holz sammelte, entdeckt. Geld und Wertsachen wurden unversehrt vorgefunden.

Miß Lake, die Tochter eines hohen englischen Offiziers, die durch den Bruder ihrer Großmutter mit dem englischen Königshause verwandt war, hatte sich seit dem 1. Juli 1906 besuchsweise in der Familie des Redakteurs Kienast aufge- halten, welche die dicht am Stadtwalde gelegene Villa Grün« weller bewohnte. Am Tage ihres Todes war die Eng-> länderin allein aus der Stadt zurückgekehrt, wo sie noch einige Einkäufe für Reiseandenken gemacht hatte, da sie am 4. Oktober morgens nach England zurückreisen wollte; auch die Fahrkarte hatte sie bereits gelöst. Auf ihrem Wege durch den Wald, vor dem sie sich von einer sie begleitenden Lands­männin verabschiedete, wurde dann Miß Lake gegen 8 Uh« abends ermordet.

Trotz aller Anstrengungen gelang es der Polizeibehörde nicht, Klarheit über die Person des Täters zu erlangen. Zwar wurde schon am 3. Oktober abends der Musiker Funke als verdächtig verhaftet, doch mußte dieser nach einigen Tagen wieder freigegeben werden, da sich der Verdacht aK unbegründet herausstellte. Auch die am 12. Oktober vorge- nommene Verhaftung des Schlossers Niemer mußte nach 10 Wochen wieder aufgehoben werden, da auch dieser Verdacht sich als hinfällig erwies.

Als endlich am 10. Februar d. J. der am 27. Septbr. 1886 in BreSlau geborene Bureaubeamte Alfred Land sich der hiesigen Polizei stellte unter der Selbstbeschuldigung, best Mord an Miß Lake verübt zu haben, glaubte man, teil wirklichen Täter zu haben. Land, der bis zum 1. Januar eine untergeordnete Bureaustelle auf dem Rheinisch-West­fälischen Kohlensyndikat inne hatte, galt als Sohn eines im Säuferwahnsinn gestorbenen Vaters für erblich belastet; äi selbst trank auch sehr reichlich. Bei seiner Vernehmung gab Land an, die Tat mit zwei Komplizen verübt zu haben, die er nur dem Aussehen nach und bei ihrem Vornamen zu kennen angab. Mit seinen Komplizen ist Land, nach seiner Angabe, am 31. Dezember v. J. nach Brüssel gefahren- Als seine Geldmittel zu Ende waren, mußte er sich eine zeitlang als Kellner durchschlagen, bis er schließlich nach Essen zurückkam und sich der Behörde stellte. Die Angaben Lands bezüglich seiner Komplizen stellten sich indessen spätÄ als falsch heraus, wenigstens war es der Polizei nicht mög­lich, trotz der eifrigsten Nachforschungen, den geringsten An­halt für die Wahrheit dieser Angaben zu erhalten. Dks^ Umstand, sowie daS Vorleben Lands, ließen die Ansicht auf« kommen, Land, dem auch vielfach bei seiner schwächliche» Statur die Tat nicht zugetraut wurde, sei unzurechnungsfähige Nachdem sich inzwischen noch ein anderer Verdacht als unbe­gründet herausgestellt hatte, wurde Land zur Untersuchung seines Geisteszustandes der Irrenanstalt Grafenberg zu einer mehrwöchigen Untersuchung überwiesen. Ueber das Ergebnis der Untersuchung ist nichts bekannt geworden, indessen hat die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Land auf Grund seiner Selbstbezichtigung ausrechterhalten und das Landgericht hat jetzt das Hauptverfahren gegen ihn eröffnet. Die An« klage lautet auf Mord. Ob Land, gegen den andere Be­lastungsmomente als seine eigenen Aussagen nicht vorliegen, seine Selbstbezichtigung fortgesetzt aufrecht erhalten hat, ist nicht bekannt, erst die Hauptverhandlung vor dem Schwur­gericht wird darüber Klarheit bringen.

Der Obstbau in England.

Die Fläche der Obstpflanzungen Großbritanniens im letzten Jahrzehnt jährlich um durchschnittlich 1000 ha zuge­nommen, während bei den Beerenfrüchten ein jährlicher wachs von 400 ha stattgefunden hat.

Insgesamt wurden 1906 in Großbritannien nahezu 100 000 ha Obstgärten und rund 32 ha Beerenfrüchte ge­zählt ; da sich die letzteren vielfach als Unterkultur in Obst­pflanzungen befinden und dann die gleiche Fläche zweimal gezählt ist, so dürfte die gesamte, dem Fruchtbau gewidmet* Fläche kaum mehr als 300 000 acres (120 000 ha) be­tragen, d. h. etwas über ^a Proz. der Gesamtfläche «ab noch nicht 1 Proz. der Kulturfläche Großbritanniens.

Die Anbauflächen betrugen in den Jahren 1900/1906

acres:

Kern- und Steinobst

Beerenfrüchte

1900

232 129

73 780

1901

234 660

74 999

1902

236 856

75 878

1903

239 483

76 152

1904

243 008

77 947

1905

244 116

78 825

1906

247 687

80 226

Don den Kern- und Steinobstpflanzungen entfallen etwa Proz. auf England allein, P/a Proz. auf Wales, 1 Proz. auf Schottland. In England selbst find es wieder­um 6 Grafschaften, die mit einer Oberfläche von je 8000 bis 12 000 ha zusammen fast 8/s der ganzen Obststäche Englands einnehmen, Kent, Herefordshire, Devonshire, Somerset, Worcester und Gloucester. Stu den übrAn