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General-Anzeiger
Amtliches Organ für Stadt- und FandLreis Sana».
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
verantwort!. Rüaüemr E. Schrecker in H«,»».
Mk. 17 Fernsprechanschlntz Nr. 605*
Montag den 21. Januar »etw»«j)<mi<j)M Nr. «»5. 1901
Die Wahlbewegung im Wahlkreise Banau - Gelnhausen - Orb.
Eine Vabloerlammlung der Anhänger der Kandidatur Dr. Lucas.
X Hanau, 20. Januar. Die Entscheidung, der die Rüstungen und Werbungen der letzten Wochen wie im Deutschen Reiche so auch in unserem engeren Wahlkreise galten, ist nahe herangekommen, nur noch wenige Tage trennen uns von dem 25. Januar, von dem Tage, wo die Würfel im Wahlkampfe fallen, von besten Ergebnisten es abhängen wirb, ob über unserm Wahlkreise die nationale Fahne flattern kann oder die sozialdemokratische. An diesem Freitage ist von dem Wahlberechtigten der Entschluß zu fasten, wie er seine höchste staatsbürgerliche Pflicht ausüben soll. Schwer kann für den der Entschluß nicht fallen, der in dem Augenblick, wo er handeln soll, kein anderes Wohl kennt als das des Vaterlandes. Von diesem Gedanken beseelt waren wohl alle die Männer aus Stadt und Land, die sich am Samstag nachmittag in dem Saale der Centralhalle in Hanau ein- gefunden hatten, um den bisherigen bewährten Vertreter unsere« Wahlkreises im Reichstage, Herrn Amtsrichter Dr. Luca 8, der erneut die Kandidatur angenommen hat, anzuhören. Es war eine imposante Versammlung, alle Orte unseres Kreises halten Besucher gestellt, die Säle waren bis auf den letzten Platz gefüllt. „
Herr Fabrikant Dr. Sö. Heraeu s-Hanau eröffnete die Versammlung mit dem Hinweise, daß man sich bei der vor drei Wochen hier tagenden Versammlung noch im Anfänge der Bewegung befand und daß eS damals galt, mit außerordentlicher Energie vorzugehen. Heute könnte man sich schon bis zu einem gewissen Grade ein Urteil erlauben über den mutmaßlichen Ausgang der Wahl. Mit dem in der Zwischenzeit Geleisteten könne man zufrieden sein. Ucberall haben *n$ Wahlausschüsse gebildet, die nach den ihm gewordenen Mitteilungen mit Begeisterung und Opferwilligkeit die Arbeiten auf sich genommen haben. Er glaube nicht fehl zu gehen, wenn er diese Begeisterung auch auf die Sympathien zurückführe, deren sich unser Kandidat Herr Dr. LucaS in weiten Kreisen der Bevölkerung zu erfreuen habe. Der Bund der Landwirte hat davon abgesehen, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, weil er glaubt, daß er mit dem, waS er von Dr. Lucas zu erwarten hat, zufrieden sein kann. Die Deutsch-Sozialen haben zu Gunsten der Kandidatur Dr. Lucas ihre eigene Kandidatur zurückgezogen. Die liberale Vereinigung entfalte eine große Rührigkeit, doch könne man darob nur Genugtuung empfinden. Er glaube, daß der Stimmenzuwachs, auf den diese Partei wohl rechnen könne, auf das Konto der Sozialdemokraten gehen werde und weiterhin diejenigen umfasse, die vor vier Jahren bei der Wahl zu Hause blieben. Er würde nicht anstehen, falls diese Partei in die Stichwahl komme, für deren Kandidaten einzutreten, daher hoffe er auch ein gleiches Verhalten der liberalen Vereinigung, wenn Dr. Lucas in die Stichwahl komme. Die Gründe, die für die Auflösung des Reichstages maßgebend gewesen sind und die Parole, die die Regierung ausgegeben hat, haben eine Erbitterung zwischen Zentrum und liberalen Parteien bringen müssen. Wir' misten aber, daß nicht nur Südwestafrika bei der Neuwahl maßgebend ist, sondern daß noch viele außerordentlich wichtige Fragen den Reichstag beschäftigen werden, wo das Zentrum mit den liberalen Parteien auf gemeinsamen Boden stehen wird. Speziell in unserem Wahlkreise sind Gegensätze zwischen diesen Parteien nicht vorhanden. Er hoffe, daß das Zentrum noch in den letzten Tagen zur Aufstellung eines eigenen Kandidaten sich entschließen werde. Die Sozialdemokratie habe ihre Parteiorganisation noch weiter ausgebaut und sei noch mehr imstande, im Stillen zu wirken, wie vor vier Jahren. Es müsse dies für die bürgerlichen Parteien und für jeden einzelnen ein Ansporn sein, bis zum letzten Augenblick den Wahlkampf energisch zu führen. (Allgemeines Bravo.)
Es ergriff hierauf das Wort der Kandidat für den Reichstagswahlkreis, unser seitheriger bewährter Abgeordneter
Herr Amtsrichter Dr. Lucas,
um noch Ueberstehung eines heftigen Krankheitsanfalles, der es ihm »bisher unmöglich machte, energisch in den Wahlkampf einzugreifen, in kurzen Zügen seinen Standpunkt darzulegen. Er bittet um Nachsicht, wenn er nicht so eingehend die Fragen behandle, wie er es vielleicht getan hätte, wenn er bereits wieder im Vollbesitz seiner Kräfte wäre. Redner erinnert an den vorjährigen Jahrestag der
Reichstagsauflösung, an den Umstand, daß in jener denkwürdigen Nacht des Jahres 1905, wo der neue Zolltarif im Reichstage endgültig angenommen wurde, sich die bürgerlichen Parteien zu einem gemeinsamen Ziele zusammenschlossen, während derselbe 13. Dezember ein Jahr darauf in die bürgerlichen Parteien eine Kluft gerissen, einen Zwiespalt getragen hat, dessen Folgen noch gar nicht vorauszusehen sind. Die Unterwerfung der Bondelszwarts habe zwar unsere Position in Südwestafrika gebessert, aber es sei ein Irrtum, wenn man glaube, nun seien Aufwendungen für unsere Kolonien nicht mehr notig. Man höre oft die Frage, warum nur um die elende Sandwüste, warum um die paar Wilden diesen Zwiespalt hineintragen? Weil Südwestafrika nicht das ist, was unsere Gegner sagen, sondern weil Südwestafrika nach den sachverständigen Urteilen von durchaus unparteiischen und unbefangenen Männern, z. B. des Herrn Prof. Hahn, eines englischen Beamten, ebenso fruchtbar, wenn nicht fruchtbarer ist als die angrenzenden Gebiete, um die die Engländer nicht nur Millionen, sondern Milliarden geopfert haben, weil Südwestafrika, wenn auch nicht sofort, so doch in Zukunft vielen tausenden deutschen Bürgern lohnende Arbeit und eine sichere, gute Existenz gewähren wird, weil Tausende deutscher Soldaten für das Land Blut unb Leben geopfert haben, weil es deutsch ist, weil Südwestafrika, für das so viel teures Blut geflossen ist, auch deutsch sein und bleiben muß, weil es sich in erster Linie nicht um die Gewinn-, die Rentabilitätsfrage handelt, sondern weil es sich vorerst um die Frage handelt, ist Deutschland noch kräftig genug, einen ihm aufgezwungenen Krieg siegreich zu Ende zu führen? Weil es sich handelt um das Ansehen und die Würde Deutschlands, um unsere nationale Ehre. Deshalb können wir diese Kolonie nicht aufgeben, deshalb müssen wir auch heute noch alle Opfer bringen, die nötig sind, dieses zukunftsreiche Land zu halten. Wenn das sozialdemokratische Flugblatt frage, was hat Lucas getan? so weise er mit Stolz darauf hin, daß er für die Regierungsvorlage gestimmt, die das forderte, was zur Erhaltung Südwestafrikas unbedingt notwendig war. Aber der kommende Reichstag wird nicht nur über den Fortbestand Südwestafrikas als deutsches Land zu entscheiden haben, sondern muß alle die Fragen wieder behandeln, die für das wirtschaftliche Gedeihen Deutschlands so bedeutungsvoll sind. Die Befürchtungen die man gegnerischerseits an die Annahme des neuen Zolltarifs und der auf Grund desselben abgeschlossenen Handelsverträge knüpfte, als da sein sollten der Verlust unseres Außenhandels und der Niedergang unserer Industrie, sind nicht in Erfüllung gegangen. Wenn man auch nicht alle Einzelheiten übersehen könne, soviel könne man doch fdhon sagen, Zoll- und Handelsverträge haben der Landwirtschaft angemessene Preise für ihre Produkte verschafft, sie haben andererseits den außerordentlichen Aufschwung von Handel und Industrie nicht aufgehalten, sie waren keine unüberwindliche Schranke für deren glänzende Entwicklung. Die Tatsache, daß dieser Aufschwung mit dem Umstande zu verdanken ist, daß die Industrie im eigenen Lande, besonders in der Landwirtschaft einen kaufkräftigen Abnehmer gefunden hat, ist insofern von besonderer Wichtigkeit, als sie eventuelle Rückschläge in Handel und Industrie zu mildern imstande ist. Es lasse sich leider nicht leugnen, daß mit diesem außerordentlichen industriellen und gewerblichen Aufschwung eine ganz erhebliche Steigerung der Preise auf allen Gebieten unserer Lebenshaltung Hand in Hand gegangen ist. An sich ist es durchaus garnicht unnatürlich, daß an dieser allgemeinen ^Preissteigerung auch die Produkte der Landwirtschaft teilgenommen haben. Bedauerlich sei aber, daß zu dieser Preissteigerung auch eine außerordentlich schlechte Futterernte kam, die zu einer erheblichen Steigerung der Vieh- bezw. Fleischpreise führte. Die bedingungslose Oeffnung der Grenzen, also die Einführung ausländischen Viehes ohne polizeiliche Schutzmaßnahmen, Halte er aber für verfehlt und zwecklos. Zwecklos deshalb, weil die in Betracht kommenden Länder selbst kein überzähliges Vieh haben, verfehlt deshalb, weil mit dieser Oeffnung die Gefährdung unserer Viehzucht verbunden wäre, weil sie uns.im Kampfe gegen die Viehseuchen wieder auf viele Jahre zurückwerfen würde. Aus diesen Gründen habe er gegen die b ed i n g un g s- l 0 s e Oeffnung der Grenzen gestimmt. Die hohen Fleischpreise kommen nur zum geringen Teile dem Landwirte zu gute, denn man müsse unterscheiden zwischen Fleisch- und Viehpreisell. Staat unb Kommune hätten die
Verpflichtung, ihren Angestellten und Arbeitern gegenüber der verteuerten Lebenshaltullg Rechnung zu tragen, sie so zu stellen, wie es ihre Lebenshaltung erfordert.
Redner kommt sodann auf das letzte sozialdemokratische Flugblatt zu sprechen. Er und seine Parteigenossen müßten ganz kolossale Kerle gewesen sein, wenn sie alles das fertig gebracht hätten, was ihnen dieses Flugblatt zuschiebt. Er könne das dort Aufgezählte aber nur zum kleinen Teile für sich in Anspruch nehmen. Er hätte gar keinen Grund, sich der Mitarbeit an diesen Gesetzen, die die Sozialdemokraten an den Pranger stellen, zu schämen. Neue Steuern zu schaffen ist ein undankbares und heikles Geschäft. Steuern zahle niemand gern, und diejenigen Steuern, die wir mit Vergnügen und Wonne tragen, müßten erst noch erfunden werden. Wer sich aber überzeugt hat, daß der Ausbau und die Weiterentwicklung unserer sozialen Gesetzgebung, daß die bessere Versorgung unserer Invaliden und Veteranen, die Aufbesserung unserer Beamtengehälter eine absolute Notwendigkeit ist, der muß auch Opfer bringen, muß auf Mittel und Wege sinnen, die zur Verwirklichung dieses Zieles führen. Wer ein großes und starkes Reich will, der muß auch Opfer wollen, die das Reich von ihm fordert, ober sein Patriotismus ist keinen Pfifferling wert. Die Sozialdemokraten, die sogar von der Automobilsteuer nichts wissen wollten, die die Tantiemesteuer, also eine Besteuerung der Rieseneinkommen, abgelehnt haben, die waren natürlich mit dem ganzen Steuerprogramm schnell fertig. Man hätte es vielleicht anders machen können, wenn es möglich gewesen wäre, den Tabak stärker heranzuziehen. Davon konnte aber für den, der die Verhältnisse hier kennt, absolut keine Rede sein. Er habe deshalb keine Bedenken getragen, gegen die Tabaksteuer zu stimmen und die Regierungsvorlage abzulehnen. Wenn das sozialdemokratische Flugblatt alles aufzählt, was er nicht getan, dann wäre es vielleicht auch gerecht, zu sagen, was er in diesem Falle getan habe. Dies stelle aber jedenfalls zu hohe Anforderungen an das Gerechtigkeitsgefühl der Sozialdemokraten. Er glaube, indem er dazu beigetragen, das Gesetz über den Kunst- und Kunst- gewerbe-Urheberschutz zu verwirklichen, habe er sich auch um das hiesige Kunstgewerbe einiges Verdienst erworben. Zu den Gesetzen, die durch die Auflösung des Reichstages nicht mehr beraten werden konnten und den neuen Reichstag zu beschäftigen haben, gehören auch eine Reihe zur Hebung des Mittelstandes bestimmte Regierungsvorlagen. Ueber die Notwendigkeit, dem Mittelstände zu helfen, seine lebensfähigen Glieder in Stadt und Land innerhalb des Rahmens der modernen wirtschaftlichen Entwicklung zu kräftigen und sie widerstandsfähig zu machen gegen die Einflüsse einer ihnen ungünstigen wirtschaftlichen Entwicklung, über die Notwendigkeit, alles zu tun, was irgend möglich ist, um dieses Ziel zu erreichen, herrscht bei keiner Partei außer der Sozialdemokratie ein Zweifel. Die Vorlage bezüglich des kleinen Befähigungsnachweises, über den in der Kommission bereits Einigkeit erzielt wurde, soll nach Aeußerungen des Staatssekretärs eine der ersten sein, die den neugewählten Reichstag demnächst zu beschäftigen haben werden. Auch die Regelung der Forderungen der Privatangestellten und Beamten sei eine wichtige Aufgabe. Das Kolonialflugblatt, das die Sozialdemokraten herausgegeben haben, wirft auf die Art und Weise, wie derartige Flugblätter dort zustande kommen, ein so interessantes Streiflicht, daß er es sich nicht versagen könne, näher darauf einzugehen. Mit Schaudern und Entsetzen wird da non allen möglichen Mordtaten einiger Beamten berichtet. Das ganze Flugblatt sei aber weiter nichts als der Abklatsch einer Rede, die Bebel im Reichstage gehalten hat. Dagegen wäre ja weiter nichts einzuwenden, aber die Sache hat einen Haken. Bebel sprach nur von ihm gewordenen Mitteilungen, deren Wahrheit er nicht nachprüfen könne, das fragliche Flugblatt aber sagt alles das in einer Form, in einer Fassung, die gar keinen Zweifel darüber aufkommen lassen kann, hier handle es sich um einwandsfreie Tatsachen und Wahrheiten. Bebel sagt, wenn die betreffenden Sachen wahr sein sollten, dürfte der Betreffende seiner Strafe nicht entgehen, wenn sich das alles bewahrheite, so sind das Scheußlichkeiten und Bestialitäten, er bringe sie vor, nicht weil er sie für wahr halte, sondern weil er wünsche, daß sie unter- sucht mürben. Von diesen Zweifeln und Bedenken, die Herr Bebel selbst in die Angaben setzt, findet sich aber in dem Flugblatt nicht ein Ton, daß es sich um Straftaten einzelner handelt, die schon längst ibre Sühne gefunden haben, die