Wustes Blutt.
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General-Anzeiger
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Nr. 301
Fernsprechanschltttz Nr. 605.
Samstag den 23. Dezember
^ernsprechanschltt^ Nr. 605.
1905
Politifeber Mockenberiebt.
Das nahende Weihnachtsfest hat einen Stillstand in den Arbeiten des Reichstages hervorgerufen; die Volksvertreter sind in die Ferien gegangen. Trotz der üblichen . Weitschweifigkeit und Langatmigkeit der Verhandlungen ist doch auch bereits etwas positive Arbeit geleistet worden. So find die handelspolitischen Abmachungen mit England und Bulgarien noch reichtzeitig vor Weihnachten zur Erledigung.gelangt. Auch wurde allen patriotisch gefinnten Kreisen unseres Volkes dadurch ein schönes Wühnahtsgeschenk zuteil, daß der Reichstag die Vorlage über den Bahnbau Lüderitzbucht— Kubub unverändert annahm. Im übrigen war die Zeit des Reichstages ausgefüllt durch die Interpellation über die Fleischnot und durch die erste Lesung des Etats, die mit gewohnter „Gründlichkeit" absolviert wurde. Als bemerkenswert muß hervorgehoben werden, daß im Verlauf der Debatte die Flottenvorlage, die in die Generaldebatte hineinbezogen roc^, auf keiner Seite außer auf Seiten der Sozialdemokratie grundsätzlicher Opposition begegnete. Dieser Um- stand läßt hoffen, daß der prinzipielle Widerstand der bürgerlichen Parteien gegenüber Heeres- und Flottenforderungen der Regierung bald gänzlich der Vergangenheit angehören wird. Hohe Zeit wäre es angesichts des Ernstes der internationalen Lage in der Tat dazu.
Unter oen auswärtigen Angelegenheiten hat das Erscheinen des französischen Gelbbuches über die Marokkofrage mancherlei Staub aufgewirbelt. Die französischen Blätter lesen aus dieser Veröffentlichung die völlige Korrektheit des Verhaltens Frankreichs in der betreffenden Angelegenheit heraus, mtb auch Ministerpräsident Rouvier hat in der Deputiertenkammer solchen Anschauungen Ausdruck geliehen. Indessen wird dem objektiven Urteil gegenüber auch durch die Mitteilungen des Gelbbuches die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß Frankreich bei feiner Behandlung der marokkanischen Dinge über wichtige Interessen Deutschlands in verletzender und den diplomatischen Anstandspflichten nicht genügender Weise hinweggegangen ist. Daß wir hiergegen energisch Front gemacht haben, ist und bleibt unser gutes Recht. Erfreulicherweise kommt solche Auffassung bei der Beurteilung des französischen Gelbbuches auch in der englischen Presse mehrfach zur Geltung. So schreibt die „Morning Post" hinsichtlich der Stellungnahme unserer Reichsregierung: „Das ist die Stellung, wie sie jede Regierung einnehmen muß; die erste Pflicht einer Regierung ist es, ohne Minderung alle Rechte der Ration aufrechtzuerhalten. Deutschland hatte das Recht, in der Marokkofrage gehört zu werden. Es ist gleichgültig, ob dabei große materielle Interessen auf dem Spiele standen oder nicht. Die Regierung ist die alleinige Riclfierin in diesem Punkte. Das ist eine Auffassung, die der Wahrheit und Gerechtigkeit entspricht, und wir können nur hoffen und wünschen, daß eine derartig obsektive Beurteilung und Wiirdigung unserer Politik recht oft in der englischen Presse Platz finden möge.
Feuilleton.
Ererbte Scholle.
Novelle von Klara Düsterhoff.
< Fortsetzung.)
„Aber, Großmutter, das geht doch auch wieder nicht," widersprach ihr der @nfel, der bei all seiner Jugend nicht nur die selbständige Bewirtschaftung des Gutes, sondern auch die Vertretung der Familie nach außen hin hatte übernehmen müssen. Sein Vater war nicht lange nach dem Großvater im französischen Kriege gefallen, die Mutter vor Kummer bald nach ihm gestorben. „Der Brief kommt ja kaum noch zeitig genug an, um die beiden an der Abreise zu hindern, und wenn selbst, so können wir doch unmöglich den Schein auf uns laden, als fürchteten wir uns vor der Dollarprinzessin. Ich meine, wir lassen sie ruhig kommen und setzen ihrem amerikanischen Geldprotzentum die anspruchslose Wiirde einer zwar ländlich einfachen, aber doch vornehm deutschen Haushaltung entgegen, geben uns im übrigen, wie wir sind. Denn daß wir etwa unsere Lebensgewohnheiten ändern sollten, um ihrer Freundin zu gefallen, wird Adele am allerwenigsten verlangen, die selbst von ihren Lebensgewohnheiten um keinen Preis läßt. Wer weiß auch, ob die Amerikanerin am Ende gar so anspruchsvoll und verwöhnt ist. Ich denke mir, in dem Fall würde Adele sie nicht hierher bringen."
Die Großmutter sah den. jungen Mann ihr gegenüber Bit halb verwundertem, halb ärgerlichem Blick an.
„Weiß der Himmel, die Jugend und das Alter verstehen einander doch nicht," klagte sie. „Statt meiner gereisten Lebenserfahrung Gehör zu schenken und meinen vernünftigen Rat zu befolgen, ergreifst Du die Partei Deiner Schwester, deren verrückte Einfälle Tu doch zur Genüge kennst. Ich sage ja, eg ist hohe Zeit, daß Du heiratest. Mag sich dann Eleonore mit all diesen Neuerungen abfinden • ich tauge nicb+ mekw dazu."
An den russischen Wirren interessieren uns Deutsche gegenwärtig hauptsächlich die Zustände in den baltischen Provinzen. Dort werden unsere deutschen Stammesbrüder von dem lettischen und esthnischen Raubgesindel, das die Agitatoren der Sozialdemokratie aufgereizt und organisiert haben, zahlreich hingemordet, ganze Städte und Dörfer stehen in Flammen, rauchende Trümmerstätten treten in immer wachsender Zahl an die Stelle blühender Siedelungen einer vielhundertjährigen Kultur.
In Schanghai hat sich leider der Fremdenhaß der Chinesen wieder einmal in blutigen Unruhen Luft gemacht. Man wird gut tun, die symptomatische Bedeutung dieser Vorgänge nicht zu unterschätzen. Offenbar sind sie ein Zeichen des Wachstums des chinesischen Selbstbewußtseins seit den kriegerischen Erfolgen der Japaner. Der unmittelbare Anlaß zu den Unruhen scheint ein äußerst winziger gewesen zu sein. Seitens der interessierten Mächte — handelt es sich doch um den Schlitz von 12 328 Ausländern — sind übrigens sofort nachdrückliche Maßnahmen ergriffen worden, um weiteren Exzessen des Pöbels Einhalt zu tun. Hoffentlich gelingt ihnen dies.
Fortschritte deutschen Fleißes.
Ueber Fortschritte deutschen Fleißes schreibt die „Köln. Zeitung: Das Patentwesen beherrscht heute zum größten Teil die Industrieproduktion, sowohl die Herstellung wie das Fabrikat, und der Schluß von der Zahl der Patenterteilungen auf die Beteiligung am internationalen Weltmarkt darf einen starken Grad von Wahrscheinlichkeit für sich in Anspruch nehmen. Zu einer solchen Vergleichung kommt gerade eine soeben erschienene ungemein fleißige und interessante Arbeit des Kölner Oberlandesgerichtsrat Dr. Neukamp gelegen, die er als tabellarische Uebersicht zu seinen Vorträgen in Essen zur Fortbildung der Ingenieure und Techniker ausgearbeit hat und bei Neubner in Köln erschienen ist. Aus dieser umfassenden und auch zum Handgebrauch als Nachweis für die zahllosen Einzelgesetze von allen in Betracht kommenden 126 Staaten des Erdballs höchst wertvollen Statistik ergibt sich, daß in Frankre ch z. B. an dem im Jahre 1904 erteilten 13,293 Patenten Frankreich selbst mit 7023 beteiligt ist, Großbritannien mit 917, die Vereinigten Staaten von Amerika m't 1540, während Deutschland 2248 Patenterteilungen anf- zuwe sen hat. Oder nehmen mir Jialien: Italien selbst war an den 4500 Erteilungen des Jahres 1904 mit 1602 L zenzen, Nordamerika mit 314, Großbritannien mit 337, «Deutschland jedoch mit 1025 beteiligt. In der Schweiz war es 1902 so, daß das Heimatland 759 eigene Patente hatte, während Großbritannien 119, Nordamer ka 204, Deutsch land aber 686 aufwe sen konnte. Drei Länder gibt es
Und ungeduldig nahm sie ihren Krückstock, ohne den sie keinen Schritt tun konnte, undtappste geräuschvoll zum Zimmer hinaus, um die nötigen Befehle zur Herrichtung der Fremdenzimmer zu erteilen.
IL
Pünktlich zur angegebenen Zeit war Eberhard mit der geräumigen, altväterischen Familienstrtsche auf dem Bahn- Host, um seine Schwester mit ihrer Freundin abzu holen.
Beim ersten Anblick des fremden Gastes war er angenehm enttäuscht. Unwillkürlich hatte er sich in ihm eine Art Ebenbild seiner gelehrten Schwester vorgestellt, ein angejahrtes, starkknochiges, emanzipiertes Geschöpf mit lauter Stimme, eckigen Bewegungen, rücksichtslosen männlichen Blanieren und, als unbehagliche Zugabe, stark aufgeputzt, wie ihre gefüllte Börse es ihr erlaubte. Statt dessen trat ihm ein junges, ausgesprochen »hübsches Mädchen entgegen in sehr gediegener, aber durchaus schlichter Reisetoilette, von eleganter Haltung und mädchenhaft zurückhaltendem Wesen mit einem sanften Organ, das an gedämpften Orgelton erinnerte, kurz, ein Mädchen, das von Adele abstach wie der Tag von der Nacht oder wie der lichte, milde Morgen von dem aufdringlich grellen Mittage.
Eberhard war infolge dessen ganz geneigt, ihr mit der ihm angeborenen Ritterlichkeit zu begegnen, auch fiel seine erste Begrüßung unwillkürlich diesem Eindruck gemäß aus. Er gab sich als der vollendete Kavalier, der er war.
Da kam ihm, 31t seinem Glück, wie er sich sagte, in Erinnerung, roa§. Adele geschrieben hatte, daß die gewinnende junge Dame ein überseeischer Goldfisch sei, der angeblich zum Studium nach Deutschland gekommen war, im Grunde der Dinge aber auf der Männersuche, und nach dem er nur die Hand auszustrecken brauche, so gehe er ihm ins Garn. Damit sollte sie bei ihm kein Glück haben, gelobte er sich, bei ihm. der ja doch felsenfest entschlossen war, sich unter keinen Umständen weder von der Großmutter noch von Adele verheiraten zu lassen.
Danach richtete er dann sein Benehmen gegen sie ein. Nach der ritterlichen Begrüßung, die ihm aus den klaren, ruhigen Augen der Amerikanerin einen warmen Blick ein-
sogar, in denen Deutschland das Heimatland überflügelt hat: Oesterreich, Norwegen und Rußland. Von den 2811 Patenten, die Oesterreich im Jahre 1904 erteilte, fielen auf österreichischen Fleiß 671, auf deutschen aber 962, während Großbritannien und Amerika in weitem Abstande folgen. Norwegen konnte seinen eigenen Landeskindern im Jahre 1903 290 Patente zusprechen, während deutsche Erfinder 373 davontrugen. Rußlands le^te Statistik vom Jahre 1901 besagt, daß dort beim Wettbewerbe des Erfindungs- fleißes Großbritannien 146 Prämien erhielt, Nordamerika 196, Rußland se'bst 289, Deutschland jedoch mit 438 bei weitem an der Spitze marschiert.
Hus aller Mell.
Heimatliche. Ueber Heimatliebe, die ja gerade in der Ostmark angesichts mancher betrübenden Ereignisse der letzten 3e’t eine entscheidende Wichtigkeit besitzt, machte bei der Einweihung eines neuen Realschulgebäudes in dem west- preußiichen Städtchen Mewe der dortige Bürgermeister Twiste! folgende beherzigcnswe ten Ausführungen; „Die'e Schule wird es als ihre hohe Aufgabe betrachten, die ihr anver- trauten Schüler zu treuen Söhnen unseres großen dewschm Vaterlandes heranzubilden. Das ist ganz selbstverständlich. Uns aber, dm Bürgern einer alten, vielgeprüften Stadt, sei es heute gestattet, dem Wunsche Ausdruck zu geben, daß sie auch allezeit bestmbt sein möge, in die Herzen der Kinder echte und recht? Heimatliebe tu senken, treue Anhänglichkeit an die Erde, auf der sie geboren — Westpreußens Erde! Wenn auch draußen, wo man es nicht kennt, so manches harte und bittere Urteil über unser Land gefällt wird, in unsern Kindern soll der Name Westpreußen allzeit das Bild eines geliebten Heimatlandes hervorrufen, dieses schönen Landes, an dessen herrlicher Ost'eeküste die Se^le in die Weite streben lernt, und wo im Angesicht des ewigen Meeres das Herz stark unb weit wird, dieses Landes, auf dessen Heiden und Maoren die Stille wohnt, einladend zum Sinnen und zur Einkehr, dieses schönen, melgeprühen, an wechseln allen Schickialen reichen Landes, das in einer Zeit, in der ihm viele Söhne treulos den Rücken kehren, unserer ganzen Liebe bedarf. Lassen Sie uns diese Liebe zur Heimat wecken und pflegen in unseren Kindern, damit sie stets dessen eingebmf sind, daß sie der Heimaterde dereinst als Männer ihre Kräfte zu weihen haben werden."
Bettwäsche in den Schlafwagen. Die Decken der Schlaflager in den Schlafwagen sind laut einer Verfügung des Eisenbahnministeriums künftig mit geschlossenen Bezügen zu überziehen, die am Fußende zugeknöpft werden. Für die Kopfkissen sind Bezüge zu verwenden, die an der getragen hatte, zog er sich unvermittelt in sich zurück wie eine Schnecke, die nach augenblicklichem Heraustreten wieder in ihr Haus schlüpft. Nachlässig half er den Damen beim Einsteigen und schwang sich dann auf seinen hohen Führersitz, wo er sich schweigend der Zügel bemächtigte und mit sicherer Hand die beiden Braunen nach Hause lenkte, die Damen im Innern des Wagens völlig sich selbst überlassend.
Adele, die sein auffallendes Verhalten mit finster blitzenden Allgen beobachtete, sah von der Seite, wie ihre Begleiterin einen befremdeten und verletzten Blick auf die schlanke, geschmeidige Gestalt vor sich heftete und sich dann gleichfalls in sich verkroch. Mit anfangs nur scheinbarem Interesse hörte sie Adeles Aeußerungen über die Gegend, die wogenden, der Ernte harrenden Kornfelder, die Ortschaften und Gehöfte, an denen sie vorbeifuhren. Sie widmete ihnen aber absichtlich mehr und mehr Teilnahme, je mehr, man sich der Umgegenb von Wohlan näherte und sie die ehrerbietige Freude beobachten konnte, mit der die Dorfleute, jung und alt, Mann und Weib, den jungen Gutsherrn und seine Schwester begrüßten.
Nur Eberhard gegenüber konnte sie ihrer Gekränktheit nicht Herr werden. Sie behandelte ihn wie Luft, und als er ihr beim Aussteigen helfen wollte, sprang sie an seiner Hand vorbei aus dem Wagen, ohne ihm zu danken.
An Adeles Seite schritt sie dann auf den alten, wenig eleganten Herrensitz zu, den die Wohlaus seit vielen Generationen bewohnten, wobei ihre aufmerksamen grauen Augen mit schnellem Blick nicht nur das Gesamtbild, sondern auch jede Einzelheit desselben in sich aufnabmen. Ihre Miene heiterte sich immer mehr auf, das Mißbehagen schwand, daS Eberhards unfreundliche Weise in ihr geweckt hatte.
„Erlaube, liebe Großmutter, daß ich Dir meine neueste Flamme vorstelle, Miß Helen Fedderson", sagte auf der obersten Stufe der Freitreppe Adele in ihrer burschikosen Formlosigkeit, die der alten Danie so überaus zuwider war.
Diese, so wenig erbaut sie von dem Besuche war, machte doch die Honneurs ihres Hauses in ihrer ganzen natürlichen und anerzogenen Würde, angetan mit ihrer besten schwarzen Seidenrobe, ein schwarzes Spitzenhäubchen auf dem weißen Scheitel; denn anders als schwarz gekleidet hatte man sie seit