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Rotationsdruck und Verlag der Buchdruckern deS verein.
Amtliches Organ für L'tadt- und Landkreis Kanan.
ev. Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
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DeranttvorU. Redakteur: G. Schrecker in Hanau
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Hus F)âii au Stadt und Eand*
Hanau, 31. Oktober.
* BibelstUNde. Heute abend S1^ Uhr Bibelstunde im wangel. Dereinshause, gehalten von Herrn Pfarrer Fuchs.
* Unkenntnis der Missionsarbeit. Von allen Missionaren und Missionsfreunden ist schon oft über die große Unkenntnis geklagt worben, die bei Gebildeten und Ungebildeten in Bezug auf Mission herrscht. Ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wie Mission unter den Heiden getrieben wird, welche großen Schwierigkeiten diesem Werke entgegenstehen, welche Erfolge aber dennoch durch die Missionsarbeit erzielt werden, verurteilen viele das ganze Missionswerk, wenn die Arbeit der Mission einmal ihren Darstellungen und Wünschen nicht entspricht. Ein recht frappantes Exempel solcher Missionsunkenntnis brachte in diesen Tagen die „Nat. Zeitung" aus dem Briefe eines Kämpfers in Südwestafrika, der auch im „Han. Anz." abgedruckt wurde. Wir haben gewiß das größte Mitleid mit unseren tapferen Soldaten, die dort so unmenschliche Qualen durch Hitze und Durst zu dulden haben und wünschen von Herzen, daß ihnen Linderung verschafft werde.- Was aber sn dem Soldatenbrief aus Südwestafrika über „Misstonssammlungen für die Eingeborenen" gesagt wird, ist doch zu paiv und zeigt, welch verkehrte Vorstellungen auch dieser Vriefschreiber über Mission hat. Für die Eingeborenen wird überhaupt nicht gesammelt, um denselben irgendwelche Wohltaten zu erweisen, die Gaben werden zunächst nur für die Missionsanstalten gesammelt, damit Missionare ausgebildet und dann auch hinausgesandt werden zu den Heiden, die leider noch immer solcher Greueltaten fähig sind, wie sie der Briefschreiber erwähnt. Aber deshalb foCL ihnen gerade das Evangelium verkündet werden, deshalb sollen sie durch die Arbeit der Missionare, durch Unterricht und Erziehung dazu gebracht werden, daß sie andere Menschen werden. Diese Arbeit ist wohl schwierig, aber nicht vergeblich. Die Missionsgeschichte zeigt, daß auch aus Kannibalen gesittete Christen geworden sind. Dazu hat auch die Missionsgesellschaft in Barmen 40 Missionare nach Süd westafrika gesandt, die 28 christliche Stationen begründet. haben. Den Segen dieser Arbeit baben auch unsere deutschen Landsleute schon oft genug erfahren und anerkannt. Wir wünschten freilich auch, baß d'e Erfolge größer sein möchten unter diesen wilden Stämmen. Aber hier heißt cs: ausharren und nicht müde werden. Gerade weil diese Leute der umwandelnden Gotteskraft des Evangeliums so dringend bedürfen, wollen wir auch mit unseren Gaben und Gebeten nicht nachlassen und wollen uns auch durch solche naive Gefühlsausbrüche eines Bciefschreibers aus Südwestafrika nicht davon abhalten lassen.
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Feuilleton.
Lizzi.
Novellette von Julie Lan-skro«.
O wie sie diese Bettkiste haßte! Wo man das Bettzeug zerknüllt hineinzwängen und -stopfen mußte, anstatt wie drüben die junge Rechnungsrätin es ans Fenster zu legen, schon ausgebreitet, damit die selbst gehäkelten Spitzen recht sichtbar waren. Aber Mama breitete im Vorzimmer draußen tagsüber einen alten Teppich über die Kiste und dann konnte es zur Not als Sofa erscheinen. Ja, wer ein schönes Schlafzimmer besäße! Aber sie und Mama hatten nur ein markiertes Schlafgemach. Frau von Weißenstein war nämlich auf den großartigen Gedanken gekommen, an einer Nische des altmodischen Speisezimmers eine Portiere anzubringen, auf welche sie, wenn Besuch da war, erklärend deutete: „Hier unsere Schlafzimmer." Die arme Lizzi errötete dann aus Scham, es würde jemand die alte Kommode dahinter entdecken. Aber Mama hatte nicht die Mittel, um mehr als diese zwei Zimmerchen von ihrer kleinen Pension zu bezahlen, in welchen sie Freitags ihre Bekannten zum Fünf-Uhr-Tee empfing. Freitag war erstens für Jours sehr fein, und dann vermied man auch dadurch die belegten Brötchen. Ein bißchen Sardellenbutter, eine Spalte gekochtes Ei ersetzte den Fleischbelag. So war das Dekorum gewahrt, und Lizzi räumte geduldig jeden Abend das zerknitterte Bettzeug aus der Kiste, um es auf ihren alten Divan „Erdäpfelsack", wie sie ihn respektvoll nannte, auszubreiten. Hatte ja doch die arme Mama ebenfallt ein nicht viel besseres Sosa als Schlafstätte zu benützen. Als jedoch die hübsche Lizzi ihr 17. Jahr erreicht hatte, machte sie Mama den Vorschlag, ihr Vrotstudium zu erlernen.
„Lernen, Brotstudium? Kind, wie kommst Du auf diesen Gedanken?"
„Nun, Mama, die Mädchen der Jetztzeit lernen alle etwas."
Die Mama schüttelte den Kopf. „In unserer Familie hat nock nie ein Mädchen etwas gelernt."
Dienstlig den 31. Oktober
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* Stadttheater. Der eminente Beifall, den die Ohorn'sche Schauspiel - Novität „Die Brüder von St. Bernhard" wie überall, so auch hier bei vollständig ausverkauftem Hause erzielte, beweist am besten, welch ein starkes Interesse für dieses bedeutende Werk der modernen Literatur vorhanden ist. Die morgen als 14» (statt 13.) Vorstellung der I. Abonnenten-Serie stattfindende letzte Aufführung dürfte wiederum die außergewöhnliche Zugkraft desselben bestätigen.
* Dürer -Arrsstetlrtttst. In den heute und Donnerstag abend 8^4 Uhr in der Aula der Zeichenakademie stattfindenden Vorträgen des Herrn Dr. Q u i l l i n g über Albrecht Dürer wird zwar ein ungewöhnlich reiches und neues Lichtbilder- Material vorgeführt werden, doch kann dasselbe bei der beschränkten Zeit nur einen Bruchteil des gesamten der Zeichenakademie und dem Vortragenden gehörigen Bestandes an Reproduktionen Dürer'scher Gemälde, Holzschnitte, Kupferstiche und Handzeichnungen umfassen. Um nun seinen Zuhörern diesen ganzen Bestand zugänglich zu machen, wird Herr Dr. Quilling im Anschluß an seine Vorträge sämtliche ca. 500 in seinem und der Zeichenakad-mie Besitz befindlichen Abbildungen Dürer'scher Werke in der Aula in chronologischer Folge ausstellen, so daß ein vollständiger Ueberblick über Dürers künstlerische Entwicklung geboten wird. Die Ausstellung, die nächsten Samstag und Sonntag von 9—12 und 2—5 Uhr geöffnet sein wird, ist — und zwar unentgeltlich — nur für die Besucher der Vorträge zugänglich. Eintrittskarten zu diesen (zusammen Mk. 2.—) sind in den Hofbuch- buchhandlungen, bei Z i p p e l i u s, Krämerstr. 18, und abends an der Kasse zu haben.
* Auf dem Kartoffelmarkt am Mainkai zu Frankfurt a. M. waren am Montag 11 Wagen angefahren. Der Preis stellte sich auf 5.10 bis 5.40 Mk. für den Doppel- zentner.
* Obstverwerèrmst. Nach den „Mitteilungen der Zentralstelle für Obstverwertung in Frankfurt a. M." liefen in der vergangenen Woche Angebote und Nachfragen nunmehr weniger ein. Immer noch sehr gesucht sind Goldparmänen. Die Durchschnittspreise stellen sich wie folgt: Mat-Aepfel 15—17 Mk., graue Reinetten 21—25 Mk., Eiseräpfel 16 Mk., Baumanns 20—22 Mk., Quitten 16 bis 18 Mk., Kanada-Reinetten 24—30 Mk., Bohnäpfel 15 Mk., Goldparmänen 22—30 Mk., Schafsnasen 13—15 Mk., Pastorenbirnen 12—15 Mk., Kochbirnen 10 Mk., Diels Butterbirnen 20—24 Mk., Esperens Bergamotte 23 Mk., Graubirne 18 Mk., Winter-Dechantsbirnen 28 Mk.
* Schwurgericht. Die für heute Dienstag angesetzt gewesene Verhandlung gegen das Kindermädchen W a l t h e r von Fulda wegen Kindestötung findet nicht statt. Die Sache
„Aber wie wollen wir dann aus dieser Misere herauskommen? Dieses fortwährende Knaspen und Sparen ist unerträglich."
Mama schickte einige hilfesuchende Blicke ins Leere und meinte endlich: „Nun, Kind, Du wirst heiraten. Der Mann sorgt für den Hausstand, die Frau für den Hanshalt. So war es zu meiner Zeit. Ich hoffe, Du wirst keine Ausnahme machen wollen!"
„Aber, Mama, wir sind arm, es wird mich keiner nehmen wollen l"
„Kind, wie vulgär! Ich liebe solche Ausdrücke nicht, und — na, ich glaube, nicht irre zu gehen, wenn ich meine, Herr von Rabenau ..."
Lizzi errötete. „Aber er hält uns für wohlhabend, und — und — er wird mich sitzen lassen, wenn er erfährt, daß wir nichts haben."
Die Mama war ganz indigniert über die Ausdrucksweise ihres Töchterleins, endlich sagte sie: „Herr von Rabenau ist ein Ehrenmann," löschte das Licht aus und drehte sich zur Wand, um einzuschlafen. •
Lizzi aber spann sich in angenehme Zukunftsträume, in welchen Herr von Rabenau eine große Rolle spielte. Und warum sollte er sie nicht nehmen wollen mit ihren 17 Jahren, hübsch und brav! Und wie sie ihn lieben würde! Er hatte ihr ja immer schon gefallen, aber wenn er um ihre Hand anhalten würde, sie aus diesen armseligen Verhältnissen herausretten würde, aus all diesen Mühseligkeiten, (o, es war so erbärmlich), sie würde ihm dafür ihr ganzes Leben weihen. Dann könnte auch die gute, arme Mama ohne ihr großes Anhängsel von Töchterlein mit ihrer kleinen Pension ganz gut auskommen. — Aber sagen mußte sie es Herrn von Rabenau, daß sie arm sei — aber wenn er dann? — Er ist ja ein Ehrenmann, sagte Mama. —
Am nächsten Freitagjour erschien Lizzi in der hübschen rosa Bluse, welche sie so gut kleidete. Sie wollte gefallen und gefiel. Herr von Rabenau konnte die Blicke nicht abwenden von dem hübschen Mädchen. Sie fühlte die Seinigen warm auf ihr ruhen, und ein leichtes Rot überzog ihre sonst blassen Wangen. Nach dem Tee arrangierten die älteren Damen im Nebenzimmer ein Kartenspiel, und Mama meinte,
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wurde wegen Erkrankung einer wichtigen Zeugin auf die nächste Schwurgerichtsperiode vertagt.
* Wo sollen wir einkaufen? — Am Platze! Dieses Mahnwort gilt zwar das ganze Jahr, besonders aber für die bevorstehende Weihnachtszeit! Möge daher jeder Leser beachten, daß die hiesigen Gewerbetreibenden so gut die Träger der Gemeindelasten sind wie alle anderen Einwohner und es deshalb verdienen, bei etwaigem Bedarf an Geschenken berücksichtigt zu werden. Gegenüber auswärtigen und ausländischen Dersandgeschäften bieten sie noch den Vorteil, für ihre Waren jederzeit entstehen zu müssen, während die auswärtigen Versandhäuser fast nie für die Erfüllung der pomphaft versprochenen Garantie in Anspruch genommen werden können. Dies trifft besonders bei Waren zu, die der Laie selbst nicht genau beurteilen kann. Diese werden gerade von ausländischen Firmen häufig in der schwindelhaftesten Weise angepriesen, weil diese wissen, daß sie nicht verfolgt werden sönnen. Wer also sein gutes Geld für solche Geschenke nicht wegwerfen will, der kaufe bei dem ansässigen Fachmanne.
f. ^utzballsport. Das am Sonntag stattgehabte Ver- bandswettspiel auf dem Viktoriasportplatz zwischen dem „1. Hanauer Fußballklub 1893" und dem Hanauer Fußballklub „Viktoria 1894" endigte mit dem Siege von „Hanau 93" mit 5:0 Goal. Das Spiel hatte eine große Zuschauermenge angelockt, die dem sportlichen Wettkampf berechtigtes Interesse entgegenbrachte. Herr P o l h e n k-Frank- furt, Vorsitzender des Spielkomitees, leitete das Spiel in umsichtiger Weise. „Viktoria" hatte Platzwechsel, „Hanau 93" Antritt. Letztere mußten bald den Stürmern der „Viktoria" den Ball überlassen, welche dein gegnerischen Torwächter einen ergebnislosen Besuch abstatteten. Der Kampf wogte hin und her, jedoch konnte „Hanau 93" in der 1. Hälfte des Spiels nur einen Erfolg erringen, der durch einen Elfmeterstoß verwirklicht wurde. Die zweite Hälfte bot zuerst dasselbe Bild, bis „Hanau 93" anfing zu drücken und einen zweiten Erfolg errang, dem bald ein dritter folgte. Bei dem vierten war ein Zuschauer schuld, welcher in das Spielfeld lief, das fünfte Goal endlich war nicht ganz zweifelsfrei, es soll auf Seite gewesen sein. Trotz alledem war das Spiel der „Viktoria" ein schönes, was umsomehr anzuerkennen ist, als die Mannschaft meist nur aus jungen Spielern bestand.
* Wettspiel. Am letzten Samstag spielten Oberrealschüler gegen Gymnasiasten. Das Wettspiel fiel zu Gunsten der Oberrealschüler, unter besonderen Leistungen eines Schülers, G. K., mit 4:1 Goal aus.
* Hehlereiprozetz. Wie wir bereits in unserer gestrigen Nummer meldeten, verhandelte gestern vormittag die hiesige Strafkammer gegen den früheren Vergolder und nachherigen
Lizzi und Herr von Rabenau möchten indessen ein bißchen a quatre mains spielen. Die beiden suchten also die betreffenden Notenhefte zur Auswahl. Lizzi kniete am Boden, um die Beethoven-Symphonien von dem Ständer heraufzulangen. Herr von Rabenau kam ihr zuvor, aber plötzlich hatte er anstatt des Notenheftes Lizzis kleine zitternde Hand ergriffen.
„Lizzi, teures Mädchen! Lassen Sie mir diese kleine Hand — für immer," und das bebende Mädchen widerstandslos an sich ziehend, flüsterte er: „Können Sie mir ein bißchen gut sein?"
Da, als sie ein faum hörbares „Ja 1" hauchte, drückte er seine Lippen auf die ftischen, unentweihten Lippen des jungen Mädchens. „Lizzi, meine liebe Braut!"
„Braut!" O wie süß das klang. Aber plötzlich machte sie sich aus Herrn von Rabenaus Arm los; nun heißt es tapfer sein; sie mußte es ihm sagen: „Herr von Rabenau", und sie versucht, ihre Stimme zur Ruhe zu zwingen, „ich — ich bin arm, Ihre Werbung galt dem wohlhabenden Mädchen Mama lebt von ihrer kleinen Pension."
Ah, warum spricht er nicht? Er wird doch nicht? Er, et war ja ein Ehrenmann . . . Die Kräfte verlassen sie; und da er noch immer schweigt: „Sie sind frei! Ich — gebe Ihnen — Ihr Wort zurück."
Herr von Rabenau war wie aus den Wolken gefallen, ward um eine Schattierung blässer. Man hatte ihn gefangen und er hatte sich fangen lassen, o! — Endlich suchte er sich Haltung zu geben und stammelte: „Ich — ich — werde mein — hm, mein Wort halten, da ich es einmal gegeben." — Nach längerer Pause: „Doch Sie werden warten müssen, hm, — Sie — Sie — be- — begreifen."
Die arme Lizzi begriff. Sich an die Stuhllehne haltend, damit sie nicht falle, nahm sie all ihren Mut zusammen und sagte so ruhig als möglich mit bedeutsamem Blick nach der Ture, neben welcher auf einem Stuhle Herrn von Rabenaus glanzender Zylinderhut ruhte: „Ich werde Sie bei den Damen entschuldigen."
Nun hatte er ebenfalls begriffen, und Lizzis Blicken folgend, ergriff er seinen Hut, versuchte noch einige Worte zu stammeln, da jedoch Lizzi noch immer schwieg, mit Achsâ-