Erstes Blatt
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Rotationsdruck und Verlag der Buchdruckerei d«S verein, r». Waisenhauses in Hanau.
General-Anzeiger
Amtliches Organ für Stadt- md Landkreis Kanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Die fünfgefpavem Petüzeite oder dec« Roum 15 M. im Râmvlteü die Zeit« 35 Pfg.
Leraniwortl. Redakteur: 8. Schrecker io ^m«t
Nr. ‘239
Fernsprechanschlittz Nr. 605
Mittwoch den 11. Oktober
Fernsprechanschluff Nr. 605
1905
Amtliches.
Bergebung von Erdarbeiten.
Samstag den 14. Oktober 1905, morgens 9 Uhr, soll das Umgraben der 6 ha großen, zu Wiesenanlage bestimmten, bisherigen Waldfläche in Distrikt 16 „Große Horst" an Ort und Stelle an den Mindestfordernden vergeben werden. 19925
Königliche Oberförsterei Hanau.
Herbstversammlung
des Hanauer Kreisob stbanvereins am 22. Oktober d. Js., nachm. 4 Uhr, zu Enkheim im Gasthaus „zur Traube" (Gastwirt Jean Müller 1.)
Tagesordnung r
1. Geschäftliches, Mitteilungen, Anträge.
2. Vortrag des Herrn Obstbautechnikers Wiesner von Friedberg über: „Die internationale Obstausstellung in Düsseldorf 1904 und ihre Lehren für uns." — Be
sprechung.
19964
Der Vorstand des Kreisobstbanvereins
Hus Hanau Stadt und £and.
Hanau, 11. Oktober.
* Stadtthcatcr. Das heute in Szene gehende Schauspiel „Wohltäter der Menschheit" von Felix Philippi wird sicherlich wiederum seine Zugkraft bewähren und möchten wir nochmals ganz besonders auf die Aufführung des trefflichen Werkes Hinweisen. — Folgende Novitäten sind von der Direktion neu erworben worden: das reizende Lustspiel Paul v. Schönthan: „Der Klavierlehrer"; als Uraufführung eine kleine Komödie A. Surton's, betitelt: „Das erste Weib", aus dem Englischen übersetzt von A. Wilke; ferner Oskar Blumenthals neues Vers-Lustspiel: „Der Schwur der Treue."
* Die goldene Medaille. Die Firma Jacob Stück Nachf. erhielt für ihre „Emigrant u. Charte vieille" auf der Internationalen Ausstellung für Kochkunst, Hotel und Wirtschaftswesen, verbunden mit einem Weinmarkt in Frankfurt a. M. die goldene Medaille.
* Die goldene Medaille und Ehrenpreis erhielt auf der Frankfurter Kochkunstausstellung die Firma Schmidt u. Brenner, Hanau.
_ * So listen-Ab end. Wie aus dem heutigen Inserat ersichtlich, findet am nächsten Sonntag abend in der „Centtalhalle" ein Solisten-Abend, ausgeführt von auswärtigen Künstlern, statt, dem ein guter Besuch in Aussicht stehen dürfte. Dieses Ensemble hat während der letzten Sommersaison in Bad Nauheim in den ersten Hotels, sowie vergangene Woche wiederholt im Hotel Degenhardt in Offenbach konzertiert und überall den vollsten Applaus bei ausverkauftem Hause gefunden.
* Turnfahrt. Eine feuchtfröhliche Turnfahrt in des Wortes verwegenster Bedeutung war am vergangenen Sonntag von den drei Turnvereinen, der Hanauer Turngemeinde, dem Frankfurter Turnverein und demTurnvereinAschaffenburgveranstaltet worden. Eine stattliche Anzahl der Mitglieder der Vereine, darunter auch eine Anzahl Damen aus den Damen- und Frauen-Ab- teilungen, waren dem Aufruf gefolgt. Die Frankfurter Teilnehmer begaben sich Sonntag früh 7 Uhr 15 Minuten nach Hanau, von wo aus der Abmarsch mit den Hanauer Turngenoffen über Lehrhof, Schaffst, Neuwirtshans, Alzenau auf den Hahnenkamm erfolgte. Hier hielt man Miltagsrast, um neugestärkt die Wanderung in den herrlichen Speffartwal- dungen fortzusetzen. Leider entzog der Wettermacher den Jahn- jüngern seine Gunst und schon von 11 Uhr ab regnete es bisweilen Bindfaden. Doch auch bei dem Weitermarsch über Johannisberg vermochte die Ungunst der Witterung die fröhliche Turnerlust nicht zu dämpfen; jx stärker der Regen her- unterpraffelte, desto freudiger erschallten die fröhlichen Turner- lieber, und lauter Jubel erschallte, als die Wanderer in Oberesserbach die ihnen entgegenmarschierenden Aschaffenburger Turngenoffen antrafen. Der Rückzug nach Aschaffenburg wurde gemeinschaftlich ausgeführt und gegen 5 Uhr trafen die Teilnehmer, wenn auch einigemale gründlich durchnäßt, in der neuerbauten Turnhalle des Turnvereins Aschaffenburg wohlbehalten ein. Nach leiblicher Stärkung ergriff der Vorsitzende des Aschaffenburger Turnvereins, Herr L i e s n e r, vas Wort und hieß die Turnfahrer herzlich willkommen. In Erwideruna auf die Begrüßung sprach der Vors. des Frankfurter
Turnvereins, Herr Ferdinand Bock, und wünschte, daß die fteundschafllichen Beziehungen zwischen den Vereinen recht lange fortbestehen. Sein „Gut Heil" galt dem Turnverein Aschaffenburg. Der Vorsitzende der Turngemeinde Hanau, Herr Otto Schatt, hob in einer kernigen Ansprache die turnerischen Verdienste der Aschaffenburger Turngenoffen hervor. Sein Aufruf, sich dem Aschaffenburger Turnverein anzuschließen, war besonders an die Frauen und Mädchen gerichtet. Mit einem brausend aufgenommenen „Gut Heil" auf die deutsche Turnsache schloß der Redner. Die Teilnehmer blieben noch einige Stunden bei musikalischen Vorträgen und einem flotten Tänzchen zusammen, um dann mit dem Wunsche recht baldigen Wiedersehens wieder in ihre Heimat zurückzufahren.
* Stadtverordnetenwahlen. Am 14., 15. und 16. November vormittags von 10—1 und nachmittags von 4—8 Uhr findet die Stadlverordnetenwahl der dritten Klasse im Rathause statt, die der zweiten Klaffe am 22. November zu derselben Zeit und die erste Klasse wählt am 23. November vormittags von 10—1 Uhr. In der ersten und dritten Klasse sind je 4, in der zweiten Klaffe 5 Stadtverordnete zu wählen.
* Marcell Salzer's „Luftiger Abend". Wie wir hören? wird Marcell Salzer, der berühmte und auch bei uns so beliebte Vortragskünstler, am 15. November in der „Centralhalle" hier, einen Abend geben. Bravo!
* 5vjährt§es Arbeitsjubiläum. Bei der Firma Walther u. Co. dahier feiert heute Herr Peter Egold sein 50jähriges Arbeitsjubiläum. Aus diesem Anlasse wurde ihm Allerhöchst das „Allgemeine Ehrenzeichen" verliehen.
** Bestrafte Vogelfänger. Ein Feldhüter wurde im Sommer von einem Schutzmann darauf aufmerksam geckacht, daß von 2 Leuten auf dem Gelände nahe der Mainspitze Vögel gefangen würden. Der Feldhüter beobachtete daraufhin den ihm bezeichneten Garten des Goldarbeiters Bartholomäus H. und sah an einem Sonntagmorgen, wie H. und der in dem Garten mitanwesende Schuhmacher Georg G. allerlei verdächttge Hantierungen vornahmen. Der G. schickte sich zweimal an, den Garten zu verlassen, kehrte aber jedesmal wieder um, als er den Feldhüter am Wege erblickte. Als sich der Feldhüter den Garten in der Nähe ansah, entdeckte er den Boden voller Leimruten, von denen H. behauptete, sie seien der Spatzen wegen gelegt, die ihm den ganzen Samen auspickten. Der G. hatte sich inzwischen aus dem Staube gemacht. Nachträglich ging bei der Stadtbehörde auch noch eine anonyme Anzeige ein, in der angezeigt wird, der G., welcher einen Vogelhandel betreibt, fange die Singvögel dazu im Felde. Die beiden hatten Strafbefehle in Höhe von 15 bezw. 20 Mk. erhalten, gegen welchen der G. Einspruch erhob, während H. sich dabei beruhigte. Der Einspruch des G. hat den „Erfolg", daß die Strafe auf 30 Mk. erhöht wird, weil der Vogelschutz energisch gewahrt werden müsse.
• Angeblich im Banne des Alkohols. Der Werkführer M., jetzt in Württemberg, war jahrzentelang in einer hiesigen Trikotweberei als Werkführer tätig, ohne sich etwas zu Schulden kommen zu lassen. Im Sommer d. I. huldigte er dem Trunk und ließ sich, angeblich im Banne des Alkohols, zu einer recht verwerflichen Handlungsweise verleiten. Er berechnete den Lohn einer Arbeiterin der Firma gegenüber richtig, zog ihr aber an vier Zahltagen jedesmal 10 Mk., zusammen also 40 Mk. ab, indem er ihr gegenüber den verdienten Lohn um so viel niedriger angab. Das Geld steckte er in die Tasche. In einem weiteren Falle berechnete er für eine Arbeiterin mehrere Wochen lang den verdienten Lohn um zusammen 37,69 Mk. höher, zahlte der Arbeiterin den richtigen Betrag aus und behielt das übrige Geld. Das Schöffengericht, das sich gestern mit der Sache zu befassen Hatte, charakterisierte besonders die erste Handlungsweise als eine recht niedrige und schlug die Bitte des Angeklagten um eine Geldstrafe ab. Es wurde auf eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten gegen ihn erkannt.
* Zur Zahlnngsftockung der Baufirma I. C. Iäger & I. M. Rumpf schreibt die „Frkf. Ztg.", es sei sehr fraglich, ob ein Arrangement zu stände komme, da sich die Firma schon einige Zeit nur mit Gefälligkeitswechseln über Wasser gehalten habe. Die Verbindlichkeiten, die ziemlich beträchtlich sein sollen, entfallen zum ansehnlichsten Teile auf • die Familien, doch sollen auch zahlreiche kleinere Gewerbetreibenden beteiligt sein.
* Beendete Differenzen. Wie gemeldet wurde, legte vorige Woche die Direktion der Dunlop-Pneumatik- reifenfabrik der Arbeiterschaft einen neuen Lohntarif vor, der einen Lohnausgleich herbeiführen sollte. Man einigte sich für eine achttägige Bedenkzeit und die Arbeiter, die zeitweilig die Arbeit niedergelegt hatten, beschlossen, bis zum 11. d. Mts.
Die Lreutige Kummer umkastt anster dem UnterhaltungsbLatt 14 Seiten
weiterzuarbeiten. Jetzt find die aus dem neuen Lohntaris entsprungenen Differenzen behoben, die Arbeiterschaft hat heute morgen die Arbeit weiter fortgesetzt.
* Frankfurter Automobil- und Fahrrad-Aus» stellung. An Stelle der am 11. Oktober beendeten Kochkunstausstellung tritt die vom 20.—29. Oktober währende Automobil-Ausstellung. Die Einrichtung und Einteilung der Haupthalle ist auch wie seither in 130 Blocks, in denen die Fabrikanten ihre Fahrzeuge zur Schau stellen. Außerdem sind in den Nebenhallen Räume für Verkehrstruppen und für Lastwagen, Garage für Automobile, ein Speditionsbureau und Restaurationen untergebracht. Im Ganzen haben bis jetzt 154 Aussteller ihre Beteiligung zugesagt. Außer einer großen Anzahl Frankfurter Firmen sind solche aus ganz Deutschland, sowie aus Frankreich, Italien und Belgien vertreten. Die Ausstellung, die auch unter dem Protektorate der Prinzessin Friedrich Karl steht, verspricht einen ebenso glänzenden Verlanf wie die bisherige Kochkunstausstellung zu nehmen.
* Kirchenkonzert. Am Mittwoch den 18. ds. Mts., abends 8 Uhr, wird in der Johanniskirche ein Kirchenkonzert ftattfinden, ausgeführt von dem blinden Orgelvirtuosen H. Hartung aus Eschwege. Der Homburger „Taunusbote" schreibt über ein in Homburg am 3. Oktober abgehaltenes Konzert: „Wie Luther sagt, kommt die edle Mufika gleich nach der Theologie. Wie wahr das ist, das konnte man Montag abend recht deutlich merken in dem köstlichen Kirchenkonzert des blinden Orgelvirtuosen H. Hartung von Eschwege und seiner Tochter, der Kirchensängerin Frl. A. Hartung, das in der Schloßkirche dahier stattfand, welchem auch von Anfang bis zum Ende Ihre Kaiser!. und Königl. Hoheit die Frau Kronprinzessin beiwohnte. Gleich durch das Festvorspiel zu dem Choral: „Wie herrlich strahlt" von Gäbler wußte der Künstler die lauschenden Zuhörer in eine festliche Stimmung zu versetzen. Die G-mol-Fuge sowie die D-mol-Fuge von Koch rissen wie mit elementarer Gewalt alle Hörer mit sich fort. Frl. Hartung aber verstand es, mit ihrer glockenreinen herrlichen Stimme, bei guter Schulung, durch ihre innigst empfundenen Gebetslieder die Herzen zu erbauen, wie durch eine gute Predigt. Auch das Flötenkonzert von King machte bei künstlerisch vollendetem Vortrag nachhaltigen Eindruck. Herrn Hartung und seiner so gut mit ihm eingeschulten Tochter, welche dem Vater verständnisvoll die Register zieht, wünschen wir auch fernerhin Gottes Schutz und Segen auf ihrem mühevollen, steilen Pfade, der edelsten aller Mnste."
* Prozeft Schilling. Die Strafkammer verhandelt heute zum zweiten Male gegen den Goldarbeiter Christian Schilling, der am 29. Juni wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßiger Hehlerei zu 3 Jahren Zuchthaus und den üblichen Nebenstrafen verurteilt worden war. Das Reichsgericht hat dieses Erkenntnis bekanntlich aufgehoben. Es wurden aber in dem Revisionsurteil keine tatsächlichen Feststellungen gerügt, sondern hauptsächlich der formelle Fehler, daß der Angeklagte nicht auf die Veränderung des rechtlichen Gesichtspunktes hingewiesen worden sei, nämlich daß statt Hehlerei Begünstigung in Frage kommen könne, ferner ist die unter- laffeneBegründung bemängelt bezüglich der Feststellung, es sei gerichtsbekannt, daß seit Jahren in Hanau Gold gestohlen werde, ohne daß man die Täter ermitteln könne. Die Anklage legt Schilling wie früher zur Last, in nicht rechtsverjährter Zeit, insbesondere in den Jahren von 1896 bis 1905 große Mengen Goldes, mindestens für 15 000 Mk., Sachen, von denen er wußte oder den Umständen nach annehmen mußte, daß sie mittels strafbarer Handlungen erlangt waren, seines Vorteils wegen an sich gebracht zu haben und zwar gewerbs- und gewohnheitsmäßig. Der Angeklagte trat heute morgen mit dem Geständnis hervor, er gebe jetzt zu, daß er das vorige Mal gelogen habe, insofern, als er behauptete, die an Lieber verkauften Goldblanchen stammten zum großen Teil aus Altgold, welches er von Leuten gekauft habe, die er jetzt nicht mehr nennen könne. Das sei nicht wahr. Er habe seit den 70er Jahren, also in der Zeit, in welcher er für sich arbeitete, stets von dem für die Fabrikanten verarbeiteten Golde etwas zurückbehalten, u. a. habe er die Feilung von welcher er Gold beseitigte, mit Sand vermischt, um das Gewicht wiederherzustellen, oder er habe kleine Abfälle genommen und das bei hohlen Sachen unter die Feilung gelangende Kupfer nicht von dem abgelieferten Feingold abgezogen, sondern dafür Abfälle für sich behalten. Dieses alles habe er sich aufgespart als Notpfennig für spätere Jahre und es von mitte der 90er Jahre, wo die Geschäfte schlechter gingen und er Geld brauchte, nach und nach eingeschmolzen und verkauft. Er habe sich gescheut, die kleinen Unterschlagungen einzugestehen, weil er seinen ehrlichen Namen behalten wollte und weil er glaubte, er brauche nur die Sachen mit dem Altgold vorzubringen, um freigesprochen zu werdeir. Aus dieser Quelle stamme das Gold, von Dieben