Drittes Blatt.
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General-Anzeiger
Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Sana».
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Wmsmhaujes in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
verantwort!. Redakteurr 6. Schrecke» Ur Hanau.
Nr. 224 Me»nsprecha«schl«K Nr. 605.
Samstag den 23. September
Fernsprechanfchlrrtz Nr. 605.
1905
politischer ölocbenbericbt.
In Jena sind seit einigen Tagen die H c r r e n Genossen versammelt. Auch wer wie wir dieser Versammlung mit den denkbar geringsten Erwartungen entgegengesehen hat, wird dennoch über die außerordentliche Oede und Unfruchtbarkeit der bisherigen Verhandlungen erstaunt sein. Die Phrasen von dem „volksfeindlichen Junkertum", von der „agrarischen Raubpolitik" u. s. w. kennt man doch auch sonst genugsam, dazu hätte es in der Tat einer besonderen Veranstaltung nicht bedurft. Von Interesse ist bisher nur der Beschluß, die Streitigkeiten zwischen „Vorwärts" und „Leipziger Volkszeitung" sowie überhaupt das ganze Literaten- gezânk hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Das stolze Gerede von der eigenartigen Stärke der Sozialdemokratie, die allein es fertig bringe, ihre Streitigkeiten vor der breitesten Oeffentlichkeit auszufechten, ist damit endgültig abgetan. Es geht eben hiermit wie mit anderen Prahlereien der Sozialdemokratie auch: sie halten vor der Macht der Tatsachen keinen Stand.
In den deutsch-französischen Verhandlungen über die Marokkofrage ist zur Zeit eine Verlangsamung eingetreten. Diese Verlangsamung erklärt fich Ms der Notwendigkeit, die künftigen Verhältnisse so zu regeln, daß irgend eine Zweideutigkeit oder ein Mißverständnis ausgeschloffen ist. Mit vollstem Rechte hat unser Gesandter Dr. Rosen einem Redakteur des „Journal des Däbats" gegenüber erklärt: „Man überhastet keine Lösung, wenn es sich um so ernste Fragen im Leben zweier großer Völker handelt." Im übrigen mag aus den Stimmen englischer Blätter über die Marokko-Angelegenheit folgende Aeußerung des „Londoner Standard" hier seinen Platz finden: „Wir freuen uns, daß die Besprechungen zwischen Dr. Rosen und Herrn Revoil einen gegenseitig befriedigenden Ausgleich in Aussicht stellen. Deutschlands Unterstützung der gerechten frMzösischen Ansprüche gegenüber dem Sultan deutet auf die steigende Erkenntnis der gemeinschaftlichen Pflicht der europäischen Mächte hin. Es würde Deutschland leicht gewesen sein, Gründe zu finden, um die maurische Hartnäckigkeit mittelbar zu ermutigen. Daß es dies nicht getan hat, zeigt die Aufrichtigkeit seiner Haltung."
Die jüngsten Stimmen aus Wien über die ungarische Krisis lauten für den Augenblick wieder einigermaßen hoffnungsvoll. Man glaubt in der Vertagung den ungarischen Abgeordnetenhauses auf kurze Zeit ein sicheres Zeichen dafür erblicken zu sollen, daß die neuen Verhandlungen der Krone mit der Koalition zu einer Vereinbarung führen würden, aus der die Bildung eines regierungsfähigen Ministeriums fich ergeben dürfte. Ob diese Beurteilung der Lage zutrifft oder ob sie allzu optimistisch ist, bleibe dahin-
Feuilleton.
Vier Tage in Frankfurt.
Stimmungsbild aus 1848.
(Nachdruck verboten.)
Das freundliche, heitere, behagliche Frankfurt im Belagerungszustände ! Das sorglose, bequeme, freie Frankfurt unter dem Kriegsrechte! Wer denkt dabei nicht an Examinieren, Pässeoisieren, Visitieren, an einen düsteren Ernst und finstere Stille, die über der ganzen Stadt schwebten, an bange Ge- fichter und öde Straßen, vielleicht gar an Arretieren und Füsilieren? Und wirklich gestanden uns manche, welche den Reden der Linksten in der Paulskirche, die voll sind von „Reaktion, Kanonenherrschaft und Säbelregiment", aus den Zeitungen heraus aufmerksam und ängstlich zugehört hatten, daß sie nicht ohne ein gewisses Gefühl der Beklommenheit durch die Tore der einst so friedlichen Stadt in dieselbe eingefahren seien. Der Schreiber dieser Zeilen fuhr sorglos wie früher von der friedlichen Warte herab der alten Mainstadt zu; aber freilich, eben als er bei dem Anblicke von Bethmanns Landhaus sich des heiteren und glänzenden Festes erinnern wollte, welchem er gerade vor zwei Jahren in den prachtvollen Räumen dieses Hauses beiwohnte, fuhr ein Schauder des Todes durch seine Seele: im Augenblick rollte der Wagen über bis Stelle der Friedberger Chaussee, über welchen Lichnowski und Querswald vor zwei Wochen auf ihrem Todesritt hinübergesprengt waren; in demselben Salon, in welchem damals eine mehr als fürstliche Gastfreiheit die feinsten Genüsse des leiblichen und des geistigen Lebens versammelte, lag kaum zwei Jahre später ein gräßlich zerfleischtes Opfer, kommunistischer Mordsucht!
Und eben die Germanistenversammlung im Herbste 1846
— ist ste so ganz unschuldig an dem' hier vergossenen Blute ?
gestellt. In Deutschland ist jedenfalls der aufrichtige Wunsch verbreilet, daß es dem schwergeprüften Herrscher unseres verbündeten Nachbarreiches gelingen möge, die bedrohliche Krise zu einem guten Ende zu führen.
In Holland ist die Tagung der General- ft a a t e n eröffnet worden. In der bei dieser Gelegenheit verlesenen Thronrede heißt es, die Lage des Landes und seiner Kolonien sei befriedigend. Ferner wird die Freundlichkeit die Beziehungen zu den auswärttgen Mächten betont und bemerkt, daß die Beendigung der Feindseligkeiten in Ostasien der Königin besondere Freude bereitet habe. Unter den angekündigten Vorlagen verdient besondere Hervorhebung diejenige, die sich auf Einführung der zwangsmäßigen Kranken-, Alters- und Invalidenversicherung bezieht. Man ersieht hierauf aufs neue, wie sehr die sozialpolitische Gesetzgebung Deutschlands Schule macht und wie anregend und befruchtend unser Vorbild bereits auf die Nachbarstaaten rings gewirkt hat.
Im übrigen hat die vergangene Woche keine wesentlichen Wandlungen und bedeutsamen Vorgänge in der großen Polink gebracht. In Japan scheint der Sturm der Unzufriedenheit sich einigermaßen gelegt zu haben. Das genehmigte Ent- laffungsgesuch des Ministers des Innern dürfte als ein Zugeständnis an das Drängen der breiten Oeffentlichkeit zu betrachten sein, bei Ler wohl jetzt schon mehr die ruhige Ueberlegung eingekehrt, die eben dazu gehört, um verständig ermessen zu können, welche großen Erfolge, trotz einiger Ent- täuschungen, die Mühen und Opfer des Krieges dem japanischen Volke dennoch gebracht haben. — Die Meldungen aus Rußland endlich sind im großen und ganzen gleichlMtend mit den früheren. Ob die ziemlich spärlichen Nachrichten aus Kurland zu dem Schluffe berechtigen, daß dort ruhigere Zeiten eingetreten sind, bleibt abzuwarten, ebenso wie der Erfolg der nachdrücklichen Maßnahmen, die von den russischen Behörden jüngst zur Niederwerfung des Aufruhrs in Kaukasien und Polen getroffen worden find.
£andwirtTcbaftlicbes.
Wochenbericht der Berliner Produktenbörse.
Am Berliner Getreidemarkle herrschte während der am 20. September beendigten Berichtswoche eine feste Stimmung. Wegen der, namentlich hinsichtlich der Qualität, mangelhaft ausgefallenen heimischen Ernte wird Deutschland größere Mengen als sonst sowohl an Brotfrucht als auch an Futtergetreide einführen müssen und, da ferner die im Anfänge nächsten Jahres eintretende Zollerhöhung in Betracht zu ziehen ist, so machte sich das Bestreben, schon jetzt durch Käufe für den Bedarf vorzusorgen, in erheblichem Maße geltend. Die so gesteigerte Nachfrage kam von Brotgetreide vornehm-
Damals wurde zuerst die Schleswig-Holsteinische Angelegenheit öffentlich vor den Ohren und Augen von ganz Deutschland verhandelt, und nicht allein Begeisterung, sondern auch Aufregung, ein falscher, wenigstens ein unbesonnener Enthusiasmus für diese Sache erweckt; ich vermochte mich damals während der Verhandlungen über Schleswig-Holstein eines höchst unheimlichen Gefühles nicht zu erwehren, schrieb es aber auf Rechnung meiner Mißbilligung, daß der in jener Versammlung allein zulässige Weg der Wissenschaft verlassen und der gefährliche, wenigstens unberechtigte Pfad der Politik eingeschlagen worden war; heute wäre ich fast geneigt, in jener widrigen Empfindung eine Vorahnung der Begebenheiten unserer Tage zu sehen. Damals nahm man die deutsche Rechts-, Geschichts- und Sprachwissenschaftzum Vorwand, um die Polittk über Schleswig-Holstein zur Verhandlung zu bringen; jetzt nimmt wilde Empörung Schleswig-Holstein zum. Donoande, um einen scheußlichen Mord zu begehen und Deuffchlands Ehre zu schänden.
Das waren keine tröstlichen Bettachtungen, mit denen mich der Wagen an dem berüchtigten EssighauS vorbei, über die Stellen der Barrikaden hin nach der Zeil führte. Vor der Constabler Wache glimmte ein erlöschendes Biwackfeuer — die österreichischen weißen Röcke wurden in großer Anzahl im Halbdunkel des frühen Morgens sichtbar; auf der Post war ein Pastagierzi nmer zur Wachtstube eingerichtet und von Frankfurter Bürgenvehr be'etzt. We ter wurden Wachtfeuer vor der Haurtwache und auf dem Roßmarkt — kurhessi'che Artillerie auf dem Parad"platz, preußische auf dem Roßmarkl aufgefahren; vor dem Englischen Hofe zwei Kompagnien des 35. preußischenJnfanterie-Regimts. auf demBiwackstroh liegend — die zusammengese»ten Gewehre blitzten im Widerschein der Wachts u?r. — Hätten die Sin Men doch Recht ? Kanonenregimenl? Sâbel^en straft? Reaktion?
Doch nein! Der helle Tag verscheuchie alsbald die Schatten der Dämmwung; Frankfurt erwachte, und war so unbesorgt und so heiter, so geschältreich und beweglich, wie
lich dem Preisstande von Roggen zugute, weil Rußland an» scheinend nur sehr wenig von dieser Frucht abzugeben hat und am internationalen Markte auch Skandinavien starken Bedarf hat. Die Roggenpreise haben sich unter diesen Umständen dem Wert des Weizens wieder etwas mehr genähert, schwächten fich aber schließlich auf die Meldungen von einer sehr bedeutenden Kartoffelernte mäßig ab. Die Aufwärtsbewegung der Weizenpreise wurde durch die Verhältnisse des Weltmarktes aufgehalten, wo große Ausfuhrleistungen Ruß-« lands und der Donauländer einen Mangel nicht aufkommen lasten. Nur auf spätere Lieferfristen stellte sich Weizen teurer. Für Hafer hält der überaus starke Begehr des Inlandes an, während die russischen Zufuhren aus alter Ernte bei gleichzeitiger beträchtlicher Erhöhung der Forderungen Nachlassen. Da ferner von England aus sich große Nachfrage für den Artikel zeigt, so sind die Preise namentlich für entfernte Lieferfristen sehr erheblich in die Höhe gegangen. Auch Mais erfuhr eine ansehnliche Preissteigerung besonders für Lokoware, da die Zufuhren knapp geblieben find. D« jetzige hohe Preisstand macht aber die Einschränkung des Verbrauchs wahrscheinlich. Die Preise für Dezember-Lieferung stellten sich schließlich wie folgt: Weizen 174,25 Mk., Roggen 156,00 Mk., Hafer 145,25 Mk., Mais 127,50 Mk.
Preise des st ä d t i s ch e n Schlachtvieh-MarkteS. T. Ochsen: a) vollfleischige, ausgemästete höchsten Schlachtwertes, höchstens 7 Jahre alt 75 bis 79 Mk., b) junge, fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 70 bis • 4 Mk., c) mäßig genährte junge und gut genährte, ältere 65 bis 68 Mk., d) gering genährte jeden Alters 60 bis 63 Mk. Il.^BMen: a) vollfleischige, höchsten Schlachtwertes 74 bis 77 Mk., b) mäßig genährte jüngere unb gut genährte ältere 69 bis 73 Mk., c) gering genährte 60 bis 63 Mk. III. Kühe: a) vollfleischige, ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwertes,_ höchstens 7 Jahre alt, 64 bis 66 Mk., b) ältere ausgemästete Kühe und weniger gut entwickelte jünger« Kühe 63 bis 64 Mk., c) mäßig genährte Kühe 60 bis 63 Mk., d) gering genährte Kühe 55 bis 58 Mk. IV. Kälber: a) feinste Mastkälber und beste Saugkälber 86 bis 92 Mk., b) mittlere Mastkülber und gute Saugkälber 76 bis 84 Mk., e) geringe Saugkälber 65 bis 73 Mk., d) ältere, gering genährte Kälber 58 bis 62 Mk. V. Schafe: a) Mastlämmer und jüngere Masthammel 81 bis 84 Mk., b) ältere Mast- sammel 77 bis 80 Mk., c) mäßig genährte Hammel und Schafe 66 bis 70 Mk. VT. Schweine: a) vollfleischige, kernige Schweine feinerer Rasten und deren Kreuzungen von höchstens PM Jahren 69 Mk., b) fleischige 66 bis 68 Mk., c) gering entwickelte 63 bis 65 Mk., d) Sauen 66 Mk.
Baumfrüchte: Pflaumen, per 50 kg, Dollener 15 Mk., hiesige 8—10 Mk., serbische 7-11 Mk., böhmische 7 bis 10 Mk., Katarinen 15 Mk., thüringer 6—8 Mk., sâch- sonst; Pässe wurden nicht gefordert und nicht visiert, nach Waffen nicht visitiert und vollends niemand arretiert; Schildwachen überall, aber nirgends ein Werda? Die Gemüsen- weiber saßen da unten am Hirschgraben und auf dem Markt und am Dom ebenso ruhig im unruhigen deutschen Reich, wie ihre Vorgängerinnen in dem ruhigen und an seiner Ruhe zu Grunde gegangenen alten deutschen Reich, dort gesessen hatten; die glänzenden Läden waren geöffnet wie Rebern, und die Inhaber derselben meinten, wenn der gegenwärtige Zustand der Sicherheit fortdauere, würden sich die Käufer schon wieder einfinden; die Omnibusse der drei Eisenbahnen brachten Fremde und holten Fremde ab, wie vor einem Jahr und vor zwei Jahren — und die Fiaker waren, wie sonst, in steter Bewegung; nur die glänzenden Equipagen rollten, wenn schon etwas häufiger als vor sechs Monaten, doch seltener durch die Strafen, als in jenen Zeiten, da der Kaiser von Rußland und die Königinnen von England reisten. Dafür ein anderes Schauspiel: eine Abteilung Husaren durchritt die Straßen, gefolgt von einem Haufen Neugieriger, welche die glänzenden Uniformen und die roten Kalpocks bewunderten, eben wie in dem kleinsten, friedlichsten Städtchen; ein Fremder wandte sich mit der sehr unschuldigen Frage an mich, ob diese prachtvollen Ungarn etwa die von Wien aus dem Erzherzog-Reichsverweser mitgegebenen Ehrengarden seien? Und der alte Soldatenstolz des Stamme« regte sich auch in mir; ich antwortete in der Tat nicht ungern: es sind Kurhessen. Aber der Kurhessische Soldatenstolz hielt nicht allzulange an; ich ging meinen gewohnten ersten Frankfurter Gang nach der Stadtallee, wo sie „den alten Herrn Goethe" hingestellt haben — unb ach, jetzt fühlte auch ich den Belagerungszustand von Frankfurt ebenso, wie die Linksten in der Paulskirche! Hatten mir nicht meine Husaren- Landsleute ihre Blockhausstätte in der Stadtallee aufgeschlageu, dicht vor dem Angesichte, oder genauer gesagt, dicht vor her Nase des alten Herrn Goethe! nur der Rücken war noch sichtbar, Die Frankfurter Mäßigen und ziânüch viel Fremde