— Samstag
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gelber zum Gegenstand eines geistvollen Essays gemacht, worin der berühmte Rechtslehrer für die Aufhebung der Trinkgelder, die er als eine jeher rechtlicher: Basis entbehrende freiwillige Steuer charakterisierte, energisch eintrat. Der Kampf Jherings gegen die Trinkgelder hat bekanntlich diese altüberkommene Institution nicht im geringsten erschüttert. Man gibt und nimmt nach wie vor Trinkgelder in aller Herren Ländern. Ein Statistiker des Pariser „Gil Blas" hat sich nun der Mühe unterzogen, zu berechnen, wie hoch die Summe der im Laufe eines Jahres verabreichten Trinkgelder in Fraukreich ist. Er ist zu dem Ergebnis gelangt, daß sich diese Summe auf nahezu eine halbe Milliarde beläuft, wovon auf Paris allein jährlich 100 Millionen entfallen. Die Trinkgelder repräsentieren also eine Zahl, die einem Siebentel des Gesamtbudgets Frankreichs gleichkommt. Der betreffende Statistiker weist daraus hin, welch' gewaltige Kulturwerke mit einem ständigen Jahresfonds von einer halben Milliarde geschaffen werden könnten, erklärt aber gleichzeitig kleinlaut, daß, wie die Dinge nun einmal liegen, ein Kampf gegen die Trinkgelderplage ebenso aussichtslos sei wie der heroische Kampf des armen Ritters Don Quixote gegen die Windmühlen.
Studio im Warenhaus. Im Warenhaus gibt es bekanntlich alles. Aber daß es auch Räusche im Warenhause gibt, das dürfte sogar den alten Ben Akiba in Erstaunen setzen. Im Erfrischungsraume bei Tietz in München haben es zwei Studenten — die Hitze mags entschuldigen — fertig gebracht, sich derart einen anzududeln, daß sie in streitsüchtige Stimmung gerieten und allerlei Skandal verübten. Schließlich vertraute die verzweifelte Hauspolizei ihrer eigenen Macht nicht mehr unb es wurde ein Schutz- mann geholt. Der Anblick des uniformierten Mannes der öffentlichen Ordnung dämpfte einerseits den Tatendrang der '-'stufens öljne, während er andererseits den Mut der Tietz'schen Hauspolizei derart entflammte, daß nach vollzogener Notierung der Missetäter mehrere beherzte Männer des Waren- yausdienstes zugriffen und den geknickten Konsumenten des Erfrischungsraumes das Schicksal des Mannes im Schwarzen Walfisch zu Askalon bereiteten.
Fjandel, Gewerbe und Verkehr.
Zur Frage der Kündigung des Meist- begüuftiguugsvertrages mit Argentinien schreibt die Zentralstelle zur Vorbereitung von Handelsverträgen: Argentinien besitzt keinen Vertragstarif; irgendwelche Zoll- ermäßigung genießt deshalb die deutsche Ausfuhr auf Grund ihrer Meistbegünstigungsrechte nicht, sie muß die volle Höhe der autonomen Zölle tragen. Je höher diese autonomen Zölle gehalten werden, umso stärker ist das Mißverhältnis zwischen den beiderseitigen Leistungen auf Grund des Vertrages. Je mehr andererseits Argentinien seine Zölle herabsetzt, umso eher kann man auf deutscher Seite erwägen, ob der bisherige Vertrag nicht doch aufrecht erhalten werden kann. Dieser Einsicht scheint sich auch die argentinische Regierung jetzt mehr und mehr zu erschließen; wenigstens ist anzuerkennen, daß die so oft verheißene Zolltarifreform jetzt tatsächliche Fortschritte macht. Nachdem bereits früher die beiden 5prozentigen Zuschlagszölle auf die Waren-Einfuhr aufgehoben worden waren, trat mit Beginn dieses Jahres der neue Werisckätzungs- tarif in Kraft, der für eine größere Zahl von Waren die der Verzollung zugrunde zu legenden Einheitswerte herabsetzte. Mit Recht wurde dama's bemerkt, daß diese Reform allein noch durchaus nicht genüge, um die Beschwerden des deutschen Exports über die drückende Zollbelastung gegenstandslos zu machen; jetzt sind aber neue Maßnahmen der argentinischen Regierung in der gleichen Richtung zu verzeichnen. Der argem tinische Finanzminster hat dem Kongreß einen Gesetz-Entwurf unterbreitet, der die Abschaffung auch des letzten, bisher noch bestehenden Zuschlagswlles vorschlägt, des Zuschlagszolls von 2 Prozent aus alle Waren, die einem Wertzoll von 10 Prozent und mehr unterliegen. Derselbe Gesetzentwurf setzt auch für eine größere Anzahl von Waren die bisherigen Wert- resp. spezifischen Zölle weiter herab. Die Ermäßigungen sollen, falls der Kongreß sie genehmigt, am 1. Januar 1906 in Kraft treten.
Die preußischen Sparkassen im Rechnungsjahre 1803. Der Jahreszuwachs der Einlagen bei den preußischen Sparkassen ist seit einer Reihe von Jahren ein so gewaltiger, daß diese Anstalten für unser ganzes volkswirt'chafkliches Leben, namentlich auch für die Entwickelung des öffentlichen wie des privaten Kredites schon jetzt von der größten Bedeutung sind. Während des Berichtsjahres, welches übrigens für zahlreiche Kassen nicht das Kalenderjahr 1903, sondern das vom 1. April 1903 bis 31. März 1904 laufende Rechnungsjahr ist, wuchsen, wie die „Zeitschrift des Königl. Preuß. Statist. Landesamts" mitteilt, die Einlagebestände nach vorläufiger Ermittelung schon allein durch Zuschreibung von Zinsen um 200,46 Million Mark, d. h. um annähernd ebensoviel, wie noch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts der gesamte Zuwachs an Einlagen in den besten Jahren auszumachen pflegte. Dazu kamen gegenüber 1 691,41 Mill.
™ ‘ * I|J"———mn iiiiniiwinMWMM^ESFww MxssjffgaBinrxyTg» i™cM«w«g»im(TT.i -tiuiiwiKj^r.j^nimroTm,»gCT—**WW Mark Rückzahlungen 1891,25 Millionen Mark an Neueinlagen, so hon sich ein Uederschnß an Neneinlagen von 299,84 Millionen Mark ergab. Nur zweimal, nämlich in den Jahren 1901 und 1902, war dieser Ueberschuß mit 313,67 bezw. 311,94 Millionen Mark noch größer gewesen, Das Jahr 1902 allein übertraf auch bei dem Gesamtzuwachse (500,45 Millionen Mark) das Berichtsjahr (mit 500,30 Millionen Mark) um ein geringes. Der Einlagebestand der preußischen Sparkassen hat also in den beiden letzten Jahren reichlich um eine Milliarde zugenommen unb damit den Stand von 7 229,06 Millionen Mark erreicht. Vor zehn Jahren waren es nur 3 750 25 Millionen Mark, also etwa die Hälfte des jetzigen Bestandes, gewesen.
Marktbericht.
Hanan, 8. Juli. (L e b en s m i t t e l p r e i s e.) Geflügel: Tauben, das Pärchen 70 Pfg. bis 1,00 Mk.; ein alter Hahn 1,30—1,80 Mark; ein junger Hahn 70 bis 1,00 Mk.; ein Huhn 1,20 bis 1,50 Mk.; eine Ente —.— Mk.; eine Gans 3 bis 3,50 Mk.; Fische: gewöhnt. Sorte 30 Pfg., bessere Sorte 35—40 Pfg., Aal 0,90—1,00 Mk., Hecht 1,— bis 1,20 Mk., Bremsen 60—70 Pf; Barben 60—70 Pfennig; Barsch 65—70 Pfennig per Vs Kilogramm; Gemüse: Blumenkohl, das Stück 20—50 Pfennig, Kopfsalat, Stück 5—7 Pfennig, Endivien, das Stück — bis — Pfg., Rettich, das Stück 8 bis 10 Pfg., Ober-Kohlrabi, das Stück 5 bis 8 Pfg.; Wirsing, das Stück 20—30 Pfennig, Weißkraut, Stück 30—35 Pfg.; Gurken, St. 10—25 Gurken jum Einmachen das Hundert 5 bis 6 Mark; gelbe Rüben, das Bund 7—8 Pfg,; neue Erbsen, das Pfund 12—15 Pfg,, neue Bohnen, das Pfund 25—30 Pfg. Kartoffeln, das Pfund 8 — 10 Pfg.; Obst: Kirschen, Pfd. 18—25 Pfg., Stachelbeeren, Pfd. 18—25 Pf., Johannis- trauben, das Pfund 18- 20 Pfennig; Erdbeeren, das Pfund 50—60 Pfg.; Himbeeren, das Pfund 50 bis 60 Pfg. ; Heidelbeeren ‘/s Liter 8 bis 10 Pfennig; Nüsse das Hundert 40 bis 60 Pfennig; Citronen, das St. 8—10 Pfg.; Apfelsinen, das Stück 10—12 Pfg.; Paradiesäpfel, Stück 8—12 Pfennig; Verschiedenes: Butter, das Pfund. 1,10—1,30 Mark; Käse, 1 Stück 4—5 Pfg.; Eier, Stück 5— 9 Pfg.; Zwiebeln, Pfund 8—10 Pfg.; Radieschen, das Bündel 8—10 Pfg.; 'Weizenmehl, 1. Sorte 20 Pfg.; 2. Sorte 18 Pfg.; 3. Sorte 16 Pfennig; 4. Sorte 14 Pfg. = */, Kilogramm.
Drahtnachrichten»
Der Kronprinz als Ehrenmitglied einer Jnnnng.
Berlin, 8. Juli. Nach der „Nattonal-Zeitung" hat der Kronprinz die Ehrenmitgliedschaft der Berliner Drechsler- Innung angenommen.
Die Vorgänge in Rußland.
Warschau, 8. Juli. In der Vorstadt Praga wurden von einem Unbekannten vier Schüsse auf den Polizeibezirksaufseher Karackin abgegeben, die ihn tödlich verwundeten.
Petersburg, 8. Juli. Die Mobilmachung eines Teiles der Gardeinfanterie soll um Mitte des Monats erfolgen.
Petersburg, 8. Juli. Das Marineministerium beschloß den sofortigen Bau zweier Panzer von dem Typ des „Andrei Persos".
Parlamentarisches aus Oesterreich.
Wien, 7. Juli. Der Budgetausschuß des Abgeordnetenhauses nahm die Regierungsvorlage betreffend Errichtung einer italienischen Rechtsfakultät in Roveredo unter Ablehnung eines Abänderungsantrages Malfette, nach dem die Rechtsfakultät in Triest errichtet werden solle, an und beschloß die Streichung des § 5 der Regierungsvorlage, wonach mit der Errichtung einer eigenen italienischen Rechtsfakultät die zur Zeit bestehenden Studien- nnd Prüfungseinrichtungen in Graz und Innsbruck für Studenten italienischer Nationalität außer Wirksamkeit treten sollen.
Streikbewegung.
Paris, 8. Juli. Der gemäßigt republikanische Deputierte Aynard beabsichtigt, über die bei dem Ausstande der Arbeiter der Chemischen Fabrik in Marennes vorgekommenen Gewalttätigkeiten zu interpellieren. Die Ausständigen zwangen den Staatsanwalt, welcher die Arbeitswilligen schützen wollte, die rote Fahre zu hissen und gaben ihn erst frei, nachdem der Bürgermeister, ein Beamter der Unterpräfektur und der Präsident des Zivielgerichts beim Fabrikdirektor die Entlassung der Arbeitswilligen durchgesetzt hatte.
Paris, 8. Juli. Die Angestellten der Pariser Südtrambahnen drohen mit dem Ausstande.
Paris, 8. Juli. Unter den Schuhfabrikarbeitern in Limoges und unter den Gerbern in St. Junien ist eine Streikbewegung ausgebrochen.
Bou einem Automobil überfahren.
Berlin, 8. Juli. Das „Berliner Tageblatt" melde» aus Erfurt: Gestern wurde ein zehnjähriges Mädchen von einem Automobil überfahren und sofort getötet; die Insassen fuhren unerkannt davon.
Unfall bei einem Schützenfest.
Esten a. d. Ruhr, 8. Juli. Beim Schützenfest in Wernigsen-Westfalen scheuten die Pferde eines Lastwagens und überrannten drei Personen, von denen eine getötet und zwei schwer verletzt wurden.
Unwetter.
Berlin, 8. Juli. Nach einem Privattelegramm der „Vossischen Zeitung" wurde der Jahrmarkt in Haynau von einem furchtbaren Unwetter heimgesucht. Zelte, Buden, Waren, Hippodrom wurden gänzlich demoliert.
Cholera.
Paris, 8. Juli. Der „Matin" meldet, daß in Marseille ein tödlicher Cholerafall vorgekommen ist.
Hebung eines Unterseebootes.
Tunis, 7. Juli. In Bonne wird abends der in Hamburg beheimatete Dampfer des nordischen Bergungsvereins „Berger Wilhelm" eintreffen, um an den Arbeiten zur Hebung des Unterseebootes „Farfadet" teilzunehmen.
Biserta, 8. Juli. Gegen Abend war es gestern gelungen, das gesunkene Unterseeboot bis 1'/, Meter unter dem Wasserspiegel zu heben. Die am Bug eingeschlossenen Matrosen gaben auf Befragen zur Antwort, daß sie, sechs an der Zahl, wohlauf seien, da sie die nötigen Apparate zur Erzeugung des Sauerstoffes besitzen. Man befürchtet, daß die tm rückwärtigen Teil des Unterseebootes eingeschlossenen vier Matrosen bereits erstickt sind.
Der Fall Aaurès.
Paris, 8. Juli. Jaurès weist in der „HumanitS" die gegen ihn Dom „Temps" und anderen Blättern anläßlich der Note des Reichskanzlers erhobenen Singriffe zurück, indem er schreibt: „In der Tat kann ich wiederholen, daß es unbillig wäre, Deutschland gegenüber eine Politik tückischer Feindseligkeit zu verfolgen, und wenn Fürst Bülow diese Worte billigt, so sollte sich der Temps darüber freuen, daß der Reichskanzler einen Konflikt mit Frankreich nicht wünscht. Ich habe auf die Gefahren der Politik DelcassSs aufmerksam gemacht, als DelcassS noch in seiner ganzen Macht und Glorie dastand. Auch der Temps hat diese Gefahr ersannt und mit grimmiger Leidenschaft verkündet, aber erst uach dem Sturze DelcassSs. Auch der Temps war in diesen Tagen einig mit dem Fürsten Bülow, aber er war es ohne Stolz und Ehre." — Der Senator Clemenceau sagt in der „Aurore" über die Note des Fürsten Bülow: „Fürst Bülow reichte dem französischen Politiker JaurSs, welcher sich resigniert vor bem Frankfurter Vertrag beugt, die Hand, aber er stößt ihn als Revolutionär zurück.
Paris, 8. Juli. Mehrere Blätter behaupteten, daß der deutsche Botschafter Fürst Radolin oder ein Botschaftssekretär den deputierten James in dessen Wohnung aufgesucht hätten, um die Note des Reichskanzlers zu übermitteln. Die Freunde Jaurès dementieren dieses Gerücht mit dem Hinzufügen, daß JaurSs offiziell durch die französische Regierung verständigt worden sei.
Insubordination.
Halifax, 7. Juli. (Reuter.) Fünf Mann der Besatzung des kanadischen Regierungskreuzers „Canada" mussten wegen Insubordination in Haft genommen werden. Das Schiff er- bielt den Befehl, nach dem St. Lorenz-Golf zu gehen, um den Poftdampfer „Virginian" unterwegs abzufangen, ihm die Post abzunehmen und sie nach Sydney (Neuschottland) zu bringen, von wo die interkolontale Eisenbahn eine schnelle Probefahrt mit der Post nach Montreal machen sollte. Die Besatzung weigerte sich, in See zu gehen oder weiter Dienst zu tun, angeblich wegen schlechter Behandlung.
Gewitter.
Köln, 7. Juli. Fortgesetzt laufen Hiobsposten ein über die großen Verheerungen, die das gestrige, sowie vorgestrige Unwetter in den oberrheinischen Gemarkungen und in der Eifelgegend angerichtet hat. In den großen, namentlich von den ärmeren Landleuten bewohnten Distrikten wurde der gesamte Ernteertrag vernichtet. Bei Honnef schwoll die Sieg derart an, daß bedeutende Erbmassen auf das Gleis der Staatsbahn gespült wurden, wodurch der Verkehr stundenlang unterbrochen wurde. Auf der Eisenbabn- strecke Cochem-Trier wurde ein Lokomotivheizer von der Maschine geschleudert, der Unglückliche war sofort tot. Bei Merzig wurde ein Landarbeiter auf dem Felde vom Blitz erschlagen, seine Schwester gelähmt.
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