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Prozession der rasenden Springe: der Aissauah-Brüderschaft, durch die Straßen zieht, wenn die unglücklichen Genossen dieser Sekte, den Schaum vor bem Munde, vor Schweiß triefend, mit verdrehten Augen ihre furchtbaren selbstquäle­rischen -Tänze vorführen, die Menge mit fieberischer Begeiste­rung an dein grauenvollen Schauspiele hängt rind Len beob­achtenden Europäer ab imb zu ein Blick wilden Hasses trifft: ann begreift er, auf wie unsicherem Terrain er sich auch teilte noch in Tanger befindet. Und dennoch 1 Ich fragte inst einen seit langem in Tanger ansässigen, deutschen Kaufmann, beu ich in der Heimat traf, er sei wohl froh, wieber in Deutschland zu sein. Gewiß, meinte er, aber leben wolle er nur in Tanger. Der ewige Frühlings der hier herrscht, (nur die harten Ostwinde bilden eine Schattenseite des Klimas), der Zauber afrikanischen Lebens, die üppige Fülle südlicher Vegetation, endlich aber die köstliche Freiheit von jeder polizeilichen Bevormundung, die der exterritoriale Europäer hier genießt: all' dies macht Tanger zu einem kleinen Paradiese, an dem die europäische Kolonie mit dau­ernder Liebe hängt.

Ich glaube nicht, daß man ähnliches von Gibraltar sagen könnte. Gibraltar ist eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Der ungeheure und majestätische Wuchs dieses Riesenfelsens, die berühmten Batterien-Galerien der Nordspitze, aus deren Pforten man Meer und Land weithin mit einem Blicke um­faßt, der herrliche Park der Alameda, dem dürren Felsen abgerungen, inbcm man ihn mit vielen Schiffsladungen weit- hergebrachter fruchtbarer Erde bekleidete, und dann die Wan- rerung immer weiter südwärts, bis zum Europa-Point, wo n schwindelnder Tiefe das Meer unter uns unb Afrikas Helsenküste förmlich handgreiflich vor uns liegt: all dies sind Dinge, die man zum zweiten Male in dieser Vereinigung jicUeid)t nicht auf der Welt findet; und das Bild wird voll- mdet durch den Einblick der schier unendlichen Gänge, die Die Briten in diesen Felsen hineingewühlt haben, um von ner aus ihre Kanonen zu Hunderten über Land und

Meer spielen zu lassen. Das alles gibt einen tiefen und dauernden Eindruck, aber zum Leben ist Gibraltar zu eng. Es ist ein Stückchen Kultur durch erstaunliche Arbeit dem wildesten Felsen aogewonnen. Soll man nun sagen : ein Stück englischer oder ein Stück spanischer Kultur? Der ganze Charakter der Stadt ist spanisch, die Häuser leuchten in Hellen Farben, eine alte Maurenburg be­krönt die Stadt, die Sprache, die Kirche, die Schule ist spanisch geblieben. Aber der dritte Mensch in Gibraltar ist ein Soldat; der britische Rotrock und die hosenlose Uniform der Schotten, die Kasernen der Mannschaften und Lie Klub- Häuser der Offiziere bilden entscheidende Züge im Bilde der Stadt. In Gibraltar geht es bem Spanier etwa so, wie dem Europäer in Tanger. Dank ganz besonderer Umstände kann er sich hier besonders wobi fühlen, wohler als eben vermutlich Lie eigentlichen Herren Gibraltars. Die Engländer haben die Sauberkeit imb haben eine prompte Verwaltung hergebracht, die Abgaben sind mäßig, das Leben billig, da Marokko Tag für Lag von seinem Reichtum an Lebens­mitteln aller Art herüberschafft und die Einfuhrzölle nicht hoch sind; und der ganze Lebeuszuschnitt ist trotz der Herr­schaft der Martial law für den Spanier bequem genug. Denn da Kriegsrecht regiert auf dem Felsen des Tarik freilich immer unbeschränkt, und dieser Umstand im Vereine mit der Anfüllung der Stadt mit Soldaten und Verteidigungsmaterial erinnern uns denn immer wieder daran, welch ein merk­würdiges Kunstprodukt dieses wilde und enge Felsennest ist.

Kunst und Leben.

Ein tollwütiger Knabe. Wie aus Neustadt in Sachsen- Koburg-Gotha berichtet wird, hat in einem ToUwutansallc der fünfjährige Sohn des Maurers Engel in Thann die eigene Mutter gebissen. Der Knabe, der im vorigen Sommer von einem tollwutverdächtigen Hunde gebissen war, wurde damals zrrr Schutzimpfung der Berliner Tollwutschutzanstalt

überwiesen und von da später wieder entlassen. Seit einigen Wochen sind bei ihm Erscheinungen zutage getreten, die auf Erkrankung an Tollwut schließen lassen, in einem Tobsuchls- anfalle hat das Kind seine Mutter in die Brust gebissen. Der bedauernswerte Knabe mußte sofort in das £anb»s Krankenhaus zu Kobnrg eingeiiefert werden.

Ein eigenartiges .Leichenbegängnis fand in dem böhmischen Orte Oberleichtbüchel dieser Tage statt. Die ver­storbene Hausbesitzerin Anna Schuster wurde von ihren sechs Söhnen, die sännlich als Unteroffiziere beim Militär gedient haben, zu Grabe getragen. Großes Aufsehen erregte es, wie die Söhne, von denen einer Rechnnngsfeldwebel, einer Grund- huchsfhhrer, einer Gendarmeriewachtmeistcr, einer Kanzlist, einer Fmanzrvachdberaüfseher und einer Finanzwachrespizient ist, in ihren verschiedenen Uniformen ans ihren Schultern bi? Mutter zu Grabe trugen.

Heuschreü'ea und Habichte. Ein merkwürdiger Lüm.O bot sich unlängst den Reisenden eines Zuges der" Uganda- Eisenbahn. Als sie die Hauptstation Nairoki passiert hatten, bemerkten sie hoch in der Lust einen dichten Heuschrecken­schwarm, dem ein großer Zug Habichte folgte, die ihn ständig umkreisten. Wie schwer die Vögel den Heuschrecken zusetzten, zeigten die zahlreichen Flügel, die wie fallende Blätter aus den Boden flatterten. Vor nicht langer Zeit fuhr ein Zug, der oom Viktoriasee nach Mombasa ging, in einen richtigen Wall von Heuschrecke)! hinein. An manchen Stellen war dieser Wall vier und fünf Zoll tief. Als die Lokomotive in den Schwarm hincingefahren war, karn der Zug 311m Stillstand, und zwei Stunden lang umßte eine Abteilung Arbeiter die Heuschrecken von den Schienen fortschaufeln und sie mit Sand bestreuen, um die Verkehrsstockung zu beseitigen, wobei sie unter dem üblen, fast unerträglichen Geruch schwer zu leiden hatten.

Albrrmblätter.

Wehe dem, der zu sterben geht, llnd keinem Liebe geschenkt hat, Dem Becher gleich, der zu Scherben geht llnd keinen Durstigen getränkt hat. Rückert.