Erste- Blatt
Hanauer U Anzeiger
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Nr. 261
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„Amtliche Beilage" Nr. 22.
Hus Stadt und Cand.
Hanau, 7. Novbr.
0 Ein Gedenktag für Hanau. Heute vor 100 Jahren, am 7. November 1803, wurde in unserer Stadt die als treffliche Dichterin geschätzte Louise von Plönnies geboren, eine Tochter des als Arzt und Naturforscher gleich verdienten kurfürstl. Ober-Medizinalrats Dr. Johann Philipp Leisler. Aeußerst talentvoll, genoß sie die sorgfältigste Erziehung und Ausbildung, sodaß sie bereits mit dem 9. Lebensjahre metrische Übersetzungen aus dem Englischen korrekt anfertigen konnte. Frühe verwaist, vollendete sie ihre wissen- schaflliche Ausbildung vom 14. Jahre an unter der liebevollen Leitung ihres Großvaters mütterlicherseits, des Großherzsgl. Geheimrats und Leibarztes Frhrn. Georg v. Wedekind zu Darmstadt. Im Jahre 1824 vermählte sie sich mit dem Medizinalrat Dr. August v. Plönnies, einem geistvollen jungen Arzte, der als Leibmedikus nach Darmstadt berufen worden war, und im Anfänge der vierziger Jahre bereiste sie Belgien, wo sie sich eingehend mit dem Studium der vlämischen und niederländischen Sprache und Literatur beschäftigte. Durch ein demnächst von ihr herausgegebenes Werk („Reiseerinnerungen aus Belgien, nebst einer Uebersicht der vlämischen Literatur") erwarb sie sich die Mitgliedschaft der kgl. Akademie zu Brüssel sowie der literarischen Akademien zu Gent und Antwerpen. Nach dem Tode ihres Gatten (1847) siedelte sie nach Jugenheim an der Bergstraße über, wo sie, in stiller Zurückgezogenheit lebend, sich ausschließlich der Erziehung ihrer Kindermund poetischem Schaffen widmete. Im Jahre 1860 nahm sie jedoch ihren Wohnsitz wiederum in Darmstadt und dort ist sie auch am 22. Januar 1872 gestorben. — Wir verdanken ihr mehrere Bände Gedichte, welche in den Jahren 1844—1870 unter folgenden Titeln: „Gedichte", „Ein Kranz den Kindern", „Abâlard und Heloise", „Britannia", „Ein fremder Strauß", „Oskar und Gianetta", „Maria von Bethanien", „Neue Gedichte", „Marieken von Nymwegen", „Die sieben Raben", „Lilien auf dem Felde" und andere, erschienen sind und zum Teil wiederholte Auflagen erlebt haben. Außerdem schrieb sie einige biblische Dramen, auch Sagen und Legenden, und treffliche Übersetzungen englischer Lyriker. Im Liebeslied, im patriotischen Gejange und in Naturschilderungen bot sie ihr Bestes. Einer ihrer Söhne, Wilh. v. Plönnies, ist gleichfalls mit Erfolg als Dichter hervorgetreten. Derselbe kämpfte als großherzogl. Hess. Offizier 1848 gegen Dänemark,
Feuilleton
Die Chormufik ob ihre Würdigung.
(Ein offenes Wort an alle Musikfreunde Hanau's.) »r. F. Limbert-Düffeldors.
Die Kunst dem Volke! Das ist ein Ruf, her in unserer Zeit mehr als einmal ertönt, in einer Zeit, wo das soziale Empfinden nachdrücklich darauf hinweist nicht nur die materielle Wohlfahrt einzelner Gesellschaftsklassen zu heben, sondern auch ideale Güter mit freigebiger Hand auszuteilen. Zu diesen idealen Gütern, an denen die ganze Menschheit und nicht bloß einzelne Bevorzugte teilnehmen sollen, gehört ans dem weiten Gebiete der Kunst in allererster Linie die Musik. Keine der Künste wendet sich so sehr an das menschliche Empfinden und Gemütsleben und keine ist so innig mit unserem Volke verwachsen als diese. Ihre beiden großen Gebiete: die Vokal- und Instrumentalmusik sind der ganzen Kulturwelt ein un« em.behrlicher Besitz, eine nie versiegende Quelle reinen Genusses, ^ie sollte sie nicht auch in einem Lande, welches die größten Meister auf diesen beiden Gebieten heroorgebracht, die eifrigste 'Wfge und das größte Verständnis finden? Wem dürfen unsere großen Meister Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Schuhmann, Schubert, Brahms Fremdlinge sein, die rn einer so allgewaltigen und doch wieder einfachen, klaren und gemütsinnigen Sprache zu uns reden?
Wenn ich unter den großen Formen der musikalischen Komposition besonders die Chormusik herausgreife, so meist ich änlich hin auf die Kunstwerke, welche der menschlichen stimmen von der tiefsten bis zur höchsten Lage — in anderen Sorten ~ welche des großen gemischten Chores der Männer- u»rd Frauenstimmen zu ihrer Ausführung beoürfen. Wenn diesem gemischten Chor noch das vielfarbige Orchester mit der Wucht seiner Bässe, der Zartheit der Violinen, der
Samstaa den 7. November
1849 in Baden, erwarb sich 1852 um die Organisation des Scharsschützen-Korps große Verdienste und wurde 1856 Mitglied der Zeughaus-Direktion. Ein Jahr später ging er mit Urlaub nach Rußland, wo er sich an technischen Arbeiten beteiligte, aber schwer erkrankte. 1862 heimgekehrt, mußte er seinen Abschied nehmen, den er als Major erhielt. Gelähmt und fast erblindet, starb er 5 Monate vor seiner Mutter. Wilh. v. Plönnies hat auch unter dem Pseudonym „Ludwig Sigrist" verschiedentlich geschrieben.
* Stavttheater. Eines der gewaltigsten Werke der deutschen Literatur „Wallensteins Tod" wird am Sonntag nach langer Pause wieder in Szene gehen. Die hervorragende Charakteristik der bandelnden Personen erfordert ganz vorzügliche Darstellungskräfte, um die Feinheiten des tief- ergreifenden Werkes zur vollen Geltung zu bringen. In diesem Jahre hat die Direktion eine so glückliche Wahl des Personals getroffen, daß die Gestaltung dieser großen Aufgabe hervorragend ermöglicht ist. Die Titelrolle, die ein gereiftes Können beansprucht, wird in Herrn Fink einen würdigen Vertreter finden. Im „Max" wird Herr Becker Gelegenheit haben, sein hinreißendes Temperament und sein tiefempfundenes Spiel zu verwerten. Frl. Verden erhält als „Thekla" eine Rolle, die in ihrer Begabung ganz besonders liegt. Auch Frl. Burchard dürfte als Gräfin „Terzky" eine brillante Leistung bieten. Obigen tragenden Rollen werden sich tatkräftig an« schließen Frl. Jirsak als „Herzogin", Herr Knauth als „Buttler", Herr Römer als „Octavio", Herr Gehrmann als „Jsolani", Herr Krug als „Wrangel und Gefreiter", Herr Merker als „schw. Hauptmann", Herr Heinemann als „Terzky", Herr Nauendorf als „Gordon" sowie Herr Treiber als „Jllo". Die.MeZie siegt in Händen des Herrn Knauth und sehen wir einem hochinteressanten, genußreichen Theaterabend entgegen.
* Parole-Musik. Die Infanterie-Kapelle spielt morgen mittag im Schloßgarten folgende Stücke: 1) „Kaiser Wilhelm II.", Marsch von Tietzel; 2) Ouvertüre z. Op. „Der Freischütz", von C. M. v. Weber; 3) Walzer der Puppe a. d. Ballet „Coppelia" von Delibes; 4) Der Reiter und sein Lieb'", Preischor von Schulz; 5) Fantasie a. d. Op. „Das Leben für den Zar", von F. Glinka.
* Bortrasi im evangel. Arbetterverein. Herr Pfarrer Stoppel aus Fechenheim wird morgen abend 7 lihr im evangelischen Arbeiterverein (Vereinslokal : Restaurant „zum gold. Rad", Nürubergerstraße) einen Vortrag halten. Als Thema hierfür ist gewählt: „Der evangelisch-soziale Kongreß in Darmstadt". Freunde und Gönner des Vereins sind herzlich willkommen.
* Das kath. Kasino „Eintracht" eröffnet morgen Sonntag den Reigen seiner Wmterverannalinngen mit einem
imposanten Fülle der Posaunen und der Larakten'stlchen Stimmen seiner Holzbläser hinzugesellt, dann haben wir das Material beisammen, welches den Komponisten zu den höchsten Offenbarungen begeistern kann. Und in der Tat, auf dem Gebiet der Chormufik haben die großem Meister ihre erhabensten Werke geschaffen, ihre Oratorien, Messen, Pasnonsmusiken, Kantaten und weltliche Chorwerke größeren oder kleineren Umfangs. Diese Werke sprechen den tiefsten Empfindungs- gehalt aus, der die Menschen bewegt und wenn man hierzu eines Führers bedarf, der den Hörer in die Wunder der Tonwelt einführt, — nun gerade in der Chormusik ist er gegeben mit dem Tex tigert, mit der Dichtung, welche der Komponist seiner Schöpfung zu Grunde legt und welches er dem Wesen der Mltsik entsprechend nach der Gefühlsseite seinen Hörern auslegt. Hier geschieht mehr denn eine äußerliche Illustrierung des Wortes; der Gefühlswert desselben wird vielmehr durch die Macht des Tones herausgelöst und dem Gemüte übermittelt. Deshalb die tiefe Wirkung der Lsidensworte des Herrn in den Passionsmusiken, deshalb der zu Leben gewordene Triumpb- und Lobgesang in den Psalmenkomyosi'onen; jede Klage menschlichen Leides und auch rein menschlicher Gefühle, wie sie in den weltlichen Chorwerken zu^u Ausdruck kommen, wird so zu einem Erlebnis. Weil denn die große Chormufik so Herz- erhebendes zu offenbaren weiß, so ist ihre Pflege eine mistige Kulturtat. Ihr widmet der Fachmusiker sowohl wieder D'lletant, welcher seine Stimmmittel in den Dienst des Chores stellt, seine Kräfte und beide arbeiten Hand in Hand, um das Kunstwerk zur Erscheinung zu bringen und ihre Mitmenschen damit zu beglücken. Die Gründung unserer Chorvcreiu; fällt in die Zeit der Verbreitung der Händel'schen Oratorien in Deutsch- land zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Glücklich die Stadl, welche fick der Pflege der großen Chormufik erfreuen darr. In dieser Beziehung steht mut aber auch untere Stabt Hanau nicht an ley er Stelle, war doch schon in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts eine Mustkyereinigung zu Staube gekommen, welche sich „Akademie" nannte unb aul
Die heutige Nummer umfaßt außer dem Unter hKituugsblatt 16 Seiten
Fernsprechanschluß Nr. 605. 1903 interessanten Vortrage des Herrn Dechanten und Stadtpfarrers Schlitt, worauf die Mitglieder nochmals besonders hin- gewiesen werden.
* Militär - Streichkonzerte im „Deutschen Haus". Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich und worauf wir an dieser Stelle auch schon hingewiesen, gibt unsere Ulanenkapelle, mehrfachen Anregungen zufolge, im Laufe der Konzert- Saison die früher so beliebten und gern besuchten Abonnements- Konzerte im Saalbau „zum deutschen Haus". Da die Abonnements-Liste schon eine namhafte Beteiligung aufweist, findet am nächsten Dienstag, den 10. d. M., da? 1. Abonne- . menls-Konzert statt, zu dem der Cornet â Piston - Virtuose, Herr L. Kümmel, Großberzogl. Kammermusikus aus Darmstadt, gewonnen wurde. Herr Kümmel, dessen Kunst wir schon Gelegenheit hatten hier zu bewundern, zählt nach dem Urteil Sachverständiger entschieden zu den größten Piston-Virtuosen der Gegenwart. Auch die Ulanenkapelle wird nur ausgewählte Piecen alter und moderner Meister zu Gehör bringen. Unsere Musikfreunde sollten sich daher den Genuß fraglicher Konzerte nicht entgehen lassen, zumal im Verhältnis zu der hierorts gebotenen Vokalmusik keine Instrumental-Konzerte gegeben werden. Es sei noch besonders bemerkt, daß bei einer großen Beteiligung an dem Abonnement zu den folgenden Konzerten noch weitere Solisten herangezogen werden. Wir können daher ein Abonnement auf diese Konzerte nur auf's wärmste empfehlen. Die Abonnementsliste liegt im „Deutschen Haus", sowie an den Konzert-Abenden an der Kaffe aus.
* Musikalischer Abend. Im evangel. Bereinshau'e findet morgen, beginnend 7^2 Uhr, ein musikalischer Abend statt, unter Mitwirkung tüchtiger hiesiger und auswärtiger Kräfte. Herr Pfarrer Wörner aus Dörnigheim wird eine Ansprache halten. Der Einirittsvre,s ist sehr niedrig gestellt. Karten ä 40 Pfg. (für Kinder 20 Pfg.) sind im evg. Vereinshause und bei den Mitgliedern des evangel. Vereins zu hab°n. An der Kaffe erhöht sich der Eintrittspreis für Erwachsene auf 50 Pfg., für Kinder auf 40 Pfg.
* Ausflug. Wie bereits durch Inserat bekannt gegeben, unternimmt der Radfahrer-Verein „Vorwärts" morgen Sonntag seinen Herbst-Ausflug nach Wilhelmsbad. Der Verein hat weitgehende Vorkehrungen getroffen, um das Programm reichlich auszuschmücken, sodaß den Besuchern morgen Nachmittag sehr vergnügte Stunden geboten werden.
□ „Der Löwe ist da", und zwar gleich ein volles Dutzend auf einmal, daneben als angenehme Begleitung ein halbes Dutzend Bären. Es ist Büglers sog. Löwentheater, welches auf der Messe während der nächsten Tage hier Vorstellungen gibt. Nach den Zeitungsberichten müssen die Herren Löwen und Bären wahre Tausendkünstler sein, und die Dresseure und Dompteusen erst recht. Löwen, die Pyramiden stellen und
der nach mannigfachen Wandlungen vor bereits 55 Jahren der Oratorienverein als neue Konzertgesellschaft entstand. Wie eng der Oratorienverein von jeher mit den ersten musikalischen Kreisen Hanau's verbunden war, zeigt seine weckselvolle Geschichte. Daß er überhaupt am Leben bleiben konnte, verdankt er in erster Linie dem Jdealis- mns seiner aktiven Mitglieder und der ist ihm gottlob bis zur Stunde erhalten geblieben. Anders freilich steht es um die Würdigung, welcher dieser älteste musikalische Verein in weitesten Kreisen unserer Bürgerschaft und besonders der wohlsituierten Einwohner Hanaus findet. Hierbei handelt es sich nicht sowohl um den Verein, als um die edle Sache, die er vertritt. Unserer Chormusik gilt es im sittlichen und idialen Interesse zu pflegen, einen Zentralpunkt für alle Musikgenießenden zu schaffen, wo edle und gute Musik geboten wird. Der gegebene Boden dafür ist aber der Oratorienverein. Seine Bestrebungen nach dieser Richtung hin sind es in der Tat wert, daß unsere wohlsituierten und gebildeten Kreise, welche sich bedauerlicher Weise von der heimischen Kunstpflege fast vollständig abge« weudet haben, sich endlich darauf besinnen, der Pflege der Cbormusik auch ihrerseits Unterstützung angedeihen zu lassen. Hier handelt es sich nicht um Kunstalmosen, sondern darum, daß im Kulturinteresse der Stadt ein solcher Verein, Selcher durch sein hohes Alter Anrecht auf allgemeine Anteilnahme hat, einer gesicherten Zukunft entgegengeht. Der,Lohn für solche Taten liegt im Genuß der Kunstwerke und in dem âwugi- sein, ein Ächerflein beitragen zu können, die ideale Kunjtpr cg zu erleichtern. r
Es möge mir im Anschluß hieran gestattet ^-n ganz »bjektw darauf hinzuweisen, daß in den letzten -^rm d'e Längen der in den Oratorienkonzerteu mi-wukenden Kapelle ârnahlig befriedigendere geworden sind und im Vergleich zu den achtziger Jahren erheblich bessere Verbal, Ulffe vnrliegen. Der Etser und die Sängesfreudigkeit der ChornutMeder aber hat von jeher zu schönen Resultaten geführt, die nun endlich in den