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Zweites Blatt

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Fernsprcchanschluß Nr. 605

Hreitaq den 16. Oktober

Fernsprcchanschluß Nr. 605

1903

Die unterbliebene Zarenreisc.

Der Zar geht vorläufig nicht nach Rom. Es ist begreif­lich, daß' diese Nachricht in Italien mit den peinlichsten Emp­findungen ausgenommen worden ist und u sto verstimmender wirkt, da man genötigt ist, die Motive des Aufschubs in der pessimistischen Austastung der russischen Behörden Don den innern Verhältnissen Italiens zu suchen. Grund zur, Zu­friedenheit haben nur die Sozialisten von der radikalen Färbung Ferris, welche das Fernbleiben des Zaren als einen schwerlich erwarteten Erfolg ihrer Agitation bejubeln. Sie haben seit Monaten einen Feldzug geführt, der darauf be­rechnet war, den Zaren durch dunkle Drohungen von Rom fernzuhalten und die heimische Dynastie wie das Ministerium Zanardelli um den politischen Gewinn und den moralischen Eindruck einer neuen Monerchen-Entrevue auf römischem Boden zu bringen.

Daß sie nun ihren Zweck erreicht haben, erklärt sich aus einer im Interesse der monarchischen und patriotischen Elemente Italiens bedauerlichen Überschätzung des Ferrischen Treibens bei den Beratern des Zaren, die in den angekünbigten Demon­strationen offenbar eine ernste Gefahr sahen, der man den Herrscher nicht aussetzen wollte. Man scheint auch befürchtet zu haben, daß der Zar in Rom nicht genügend vor Anarchistischen Anschlägen sicher sein würde. Einen Beleg für seine Besorgnisse konnte man in der Freisprechung des russischen Studenten Götz finden, der vor einigen Monaten auf Requsition der russischen Polizei in Neapel unter dem Verdacht nihilisti­scher Umtriebe und der Mitschuld an dem Morde des Mi­nisters Sispjagin verhaftet, dessen Auslieferung aber verweigert wurde. Ein Vertreter der russischen Polizei, der vor kurzem eine Informationsreise nach der italienischen Hauptstadt unter­nahm, hat dann weiteres Material heimgebracht, und das Er­gebnis ist der weitere Aufschub des Gegenbesuches, der umso unerfreulicher wirkt, als der Petersburger Hof der erste ge­wesen ist, wo König Viktor Emanuel seine AntrittSvisite machte. Daß der Entschluß des Zaren mit der Lage in Ost­asien nichts zu schaffen hat, kann als sicher betrachtet werden. Die Verhältnisse sind dort zwar noch immer gespannt, aber keineswegs so verzweifelt, daß eine kriegerische Auseinander­setzung zwischen Rußland und Japan unvermeidlich wäre.

Wenn also Profestor Ferri und die Seinen sich eines Sieges freuen dürfen, so liegt doch auch bereits die Korrektur in dem Verlauf der Dinge: Alle nichtsozialistischen Kreise in Italien nehmen einmütig Stellung gegen das terroristische Ge­baren der Sozialisten und beweisen dadurch dem russischen Herrscherhause, das der Einfluß der sozialistischen Unruhestifter keineswegs in der Bevölkerung so schlimm ist, wie es dem Zaren geschildert worden sein muß.

WolMcke Rundschau

Der Kaiser traf Donnerstag mittag 12 Uhr auf Station Chorin ein, begleitet von dem Hausmarschall Freiherrn von Lyncker, den Flügel-Adjutanten Fregattenkapitän von Grumme Itnb Major von Friedeburg, Leibarzt Dr. Jlberg und Prof. Slaby. Auf dem Bahnhöfe hatte sich zum Empfange der Landrat von Buch eingefunden. Der Kaiser fuhr im Wagen nach der Obersörsterei Chorin und besichtigte eingehend die Klosterruine. Hierbei waren die Minister Dr. Studs und von Podbielski und der Forstmeister Kienitz zugegen. Der Choriner Kriegerverein, die Schulen und das Publikum begrüßten den Kaiser begeistert. Nach der Besichtigung fuhr der Kaiser zum Bahnhof Chorin zurück, um von hier nach Wildpark zurück­zureisen; dort traf der Kaiser mittels Sonderzuges nachmittags um 2 Uhr 55 Min. ein, wo die Kaiserin, der Kronprinz, Prinz Ettel Friedrich, Prinz Avalbert, Prinz Joachim und Prinzessin Viktoria Luise zum Empfange erschienen waren. Die Majestäten begaben sich mit den kaiserlichen Kindern zu Wagen nach dem Neuen PalaiS.

Der Bundesrat hat in seiner Donnerstag-Sitzung den Anträgen des vierten und sechsten Ausschusses über den An­trag Preußens auf späteres Inkrafttreten der Kranken­versicherungsnovelle vom 25. Mai 1903 für die preußischen Knappschaftskassen sowie den Anträgen des siebenten und vierten Ausschusses über die Vorlage, betr. Ausprägung von Kronen, zugestimmt.

Der Preußische Landtag wird, wie die „Deutsche Tageszeitung" hört, auch in diesem Jahre nicht vor Weih- nachten einberufen werden, da die Hochwasservorlage früher nicht fertiggestellt werden könne. Es soll ferner fraglich ge­worden sein, ob schon der bevorstehende Landtag sich mit der Neuregelung der Schulunterhaltungspflicht befassen werde. Auch die gesetzliche Regelung des Ausverkaufswesens und des Bau­handwerkerschutzes liegt noch in weitem Felde.

Zur Absage des Zarenbesuches. Das Turiner Blatt „Momenta" veröffentlicht ein Interview mit dem sozia­listischen Deputierten Morgari, der die Agitation gegen den Zarenbesuch eingeleitet Hai. Morgari erklärt, die italienischen Sozialisten hätten eine Vertagung des Besuches nicht erwartet. Beim russischen Proletariat, unter das eine Million Abdrücke seiner Interpellation in der italienischen Kammer über den Zarenbesuch in Rom verteilt worden sei, werde, wie er glaube, die Vertagung ein lautes Echo finden. Hätte der Zar Rom besucht, so wären feindliche Kundgebungen von Bedeutung nicht veranstaltet worden, da die Sozialisten in Rom die kleine Minorität bildeten. Sie würden, wenn der Zar noch komme, auf Demonstrationen verzichten, weil ihr Zweck nunmehr er­reicht sei. — „Giornale d'Jtalia" zufolge tritt der russische Botschafter Nelidow noch immer für den Besuch ein. Den Entschluß des Zaren, die Reise aufzuschieben, bedauerte er sehr. „Tribuna" sagt, es erhalte sich daS Gericht, die Ver­tagung der Reise sei auf das Verhalten der russischen Polizei zurückzuführen.

Die ständige Znckerkommission hielt gestern in Brüssel wieder eine Sitzung ab. Außer den Staaten, deren Vertreter der Tagung bisher beigewohnt haben, sind auch Luxemburg und Peru, welche sich inzwischen angeschlossen haben, vertreten. Die Kommission prüfte aufs neue die auf däni­schen Zucker zur Anwendung gelangenden Ausgleichszölle, weil Dänemark gefordert hatte, daß der Satz der Ausgleichszsll- summe, welcher auf dänischen Zucker zur Anwendung gelangen soll, nochmals beraten werde, da ihm der Satz höher erschienen sei, als der in Wirklichkeit gezahlte Prämiensatz.

Die Munizipalratswahlen in Madrid. Der Ministerrat hat die Munizipalratswahlen auf den 8. November festgesetzt.

Zu den Vorgängen in Bilbao. Ein Jesuitenpater ist unter derBeschuldigung verhaftet worden, er habe den Gläubigen im Beichtstuhl zum Angriff auf die Liberalen geraten. Der Präfekt hat seinen Abschied genommen. Mehrere Karlisten sind verschwunden.

Opposition gegen Fürst Ferdinand. Die Un­zufriedenheit gegen den Fürsten ist im Wachsen begriffen. Mehrere bulgarische Blätter beschuldigen ihn sogar antikon­stitutioneller Handlungen. Oppositionelle Blätter erklären, wenn die Mission Natschewitschs scheitern sollte, die Stellung des Fürsten für unhaltbar, er müsse entweder den Krieg er­klären, oder zu Gunsten seines Sohnes abdanken.

Einführung des Mausergewehres. Der portu­giesische Kriegsminister hat nach Meldung des „Deri. T." die Neubewaffung der Infanterie mit dem Mausergewehr be­schlossen.

Aus Japan. Der Premierminister, der Marineminister, der Krieg? minister und der Minister des Auswärtigen und der Finanzen hielten gestern eine Konferenz ab, an der auch der Vizechef des Generalstabes, Kodama, teilnahm. Auch vor­gestern war ein wichtiger Ministerrat. In gut unterrichteten Kreisen ist man allgemein der Meinung, daß Japan darauf bestehen wird, daß Rußland seinen Versprechungen nachkommt. Die Preffe bleibt zwar bei ruhigem Verhalten, bekundet aber eine feste Entschlossenheit. Das Blatt „Nischinischi Schinbun" glaubt, daß die russische Regierung unschuldig an dem Drängen nach einem Kriege durch die russischen Ageuten im Orient ist. DaS Blatt dringt aber auf Vorsicht, weil der Ehrgeiz der russischen Agenten nicht selten Feindseligkeiten heraufbeschwöre. „Dschidschi Schinpo" und ein anderes führendes Blatt sagen, die einzige Hoffnung auf Frieden beruhe auf der Erfüllung der russischen Versprechungen.

45 junge japanische Offiziere, die Militärakademien in Modena und Racronigt besuchen, sind einer „Globe"-Mel- dung zufolge plötzlich auf dem Kabelwege nach Japan zurück­beordert worden.

Heer und Flotte.

Von der Marine. Das auf der Germaniawerft er­baute, schon des öfteren. genannte Unterseeboot ist jetzt, wie man nach bestimmten Gerüchten aus Kiel berichtet, von dem Erfinder, einem spanischen Ingenieur, an die Germaniawerft verkauft worden, nachdem die Brauchbarkeit des Bootes fest- gestellt worden ist. Die Ausnutzung der Erfindung steht nur der Werft zu. Das Boot wird mit Hilfe eines elektrischen Motors getrieben und bietet im Innern Raum für drei Per­sonen, für die ein Vorrat an frischer Luft vorhanden, der für 24 Stunden auSreichen soll. ES heißt jetzt, die mit diesem Boote gewonnenen Erfahrungen sollen in einem zweiten, neu zu erbauenden, praktisch ausgenutzt werden und im nächsten Frühjahr würden die Versuche von neuem beginnen. Die Germaniawerft betreibt die Angelegenheit ganz im stillen und gestattet nicht die Besichtigung des BooteS. Es ist daher aus­geschlossen, genaue Angaben über Bau und Einrichtung zu

Die heutige Nummer umfaßt außer dem Unterhaltungsblatt 12 Seiten

machen und ein Urteil über den Wert abzugeben. Offenbar wird die Werft, der es an großen Mitteln für umfangreiche Experimente nicht fehlt, mit dem Unterseeboot erst dann an die Marineverwaltung heranlreien, wenn sie auf nennenswerte Erfolge Hinweisen kann. Das Stadium der ersten Versuche scheint noch nicht überwunden zu sein.

Preußisches Abgeordnetenhaus.

Der Bureau-Direktor des preußischen Abgeordnetenhauses Plate hat einen Ueberblick über den Verlauf der 19. Legis­laturperiode des preußischen Abgeordnetenhauses herausgegeben, dem folgende Angaben entnommen sind: Die Konservativen hatten 1866/67 von den damals erst vorhandenen 3s2 Man­daten 119 inne. In der nächsten Legislaturperiode steigerte sich die Zahl auf 125. Dann trennten sich die neuen Konservativen von der alten Partei, jene hatten 44, diese 70 Sitze in der Periode von 1870/73 inne. In der nächsten Legislaturperiode brachten es die Konservativen nur auf 6, die neuen Konser­vativen auf 24 Sitze, die in der darauffolgenden auch nicht wesentlich, nämlich auf 10 und 31 erhöht wurden. Dann vereinigten sich beide Fraktionen wieder zur konservativen Par­tei, und diese gewann in der 14. Periode 1879/82 von den vorhandenen 433 Mandaten 110, in der 15. Periode 122, dann 133, hierauf 129 und in den beiden letzten jedesmal 144 Sitze. Die freikonservative Partei besaß 1866/67 17 Mandate. Die höchste Zahl hatte sie mit 65 in der Periode von 1894/98 erreicht, in der letzten zählte sie 58 Sitze. Die nationalliberale Fraktion hatte am Ende de: 10. Legislatur­periode im Jahre 1870 99 Mandate und kormte sie 1873/76 auf 174 steigern. Schon i« der nächsten Periode sank die Zahl auf 169, in der darauffolgenden auf 85. Den tiefsten Mandatâbestand erreichte die Partei 1882/85 mit 66 Sitzen. Dann ging eS in der nächsten Periode auf 72, in der darauffolgenden auf 86 Mandate hinauf, wonach wieder Rückgänge auf 84 und 75 folgten. Das Zentrum, das als solches in der 11. Legislaturperiode 1870/73 es auf 58 Mit­glieder gebracht hatte, zählte schon in der 12. Periode 88, dann 89, 97, 99, 98, 95 und in der 19. Periode 100 Mit­glieder. Die deutsche Fortschrittspartei, die in der Periode 1873—76 es auf 68 Mandate gebracht hatte, endete 1882 mit 38. In der nächsten Periode zog sie zusammen mit der Liberalen Vereinigung als deutsche Freisinnige Partei in das Abgeordnetenhaus und verfügte über 53 Sitze. Diese sanken in den folgenden Perioden auf 40 und 29 Sitze. In der Periode von 1894/98 waren Freisinnige Volkspartei und Frei­sinnige Vereinigung mit 14 und 6 und in der letzten Periode mit 26 und 10 Mandaten vertreten. Die Polen besaßen in der Periode von 1866—67 unter den 352 Mandaten noch 21 oder nahezu 6 Prozent. Ihre Mandatszahl ist dann nie wieder auf dieser Höhe gewesen. Beträchtlich gesunken war sie aber in der letzten, in der 19. Legislaturperiode, wo sie nur 13 oder von den vorhandenen 433 Mandaten gerade 3 Prozent ausmachte.

Bandel, Gewerbe und Verkehr.

Die diesjährige Tabakernte in der Türkei. Die diesjährige türkische Tabakernte verspricht sehr ergiebig zu werden; ihr Ertrag wird auf 32 Millionen Kilogramm ge­schätzt. Diese reiche Ausbeute ist darauf zurückzuführen, daß infolge der letztjâhrigen hohen Tabakpreise der Anbau von Tabak in diesem Jahre eine beträchtliche Zunahme erfahren hat. Im vergangenen Jahre waren z. B. im Sandschak Saloniki 4822 Deunums bepflanzt, im laufenden Erntejahr dagegen 40188; im ganzen Wilajet Saloniki betrug die An­baufläche in diesem Jahre 146 023 Deunums (— 14 602 ha) gegen 66337 Deunums im Vorjahre.

Hue aller Melt.

Der Prozeß gegen Oberlehrer Dr. Ries. Unter starkem Andrang des Publikums begann gestern in Oldenburg die Verhandlung in dem Prozeß gegen den Oberlehrer Ries und Redakteur Biermann wegen Beleidigung des Justizministers Dr. Ruhstrat und des Landrichters Haake. Die Verteidiger erklärten, daß sie den Gerichtshof wegen Besorgnis der Be­fangenheit ablehnte«. Nach kurzer Erörterung wurde dem Einwand der Verteidiger nur bezüglich eines Richters statt­gegeben. Unter den Zeugen befindet sich Justizmimster ^r. Ruhstrat, der sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen hat. — Nach Vernehmung der Angeklagten wurde der Prozeß auf unbestimmte Zeit vertagt, da zwei Zeugen, auf welche die Verteidigung nicht verzichtet, nicht erschienen waren.

Mord an£ Rache. Em Mord ist, wie erst jetzt be­kannt wird, Sonntag nacht in Annahätte (Kreis Kalau) ver-

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