Zweites Blatt.
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General-Anzeiger.
Milte Organ fit Stadt- and Landkreis Kanan.
Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme Ler Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Derantwrutl. Redakteur: G. Schrecker in Haygu,
Nr» 209 Fernsprechanschluß Nr. 605»
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Politische Rundschau.
Durch das persörrlichs Eingreifen des Kaisers wurde, wie aus Leipzig gemeldet wird, gelegentlich der Rückkehr Ler Truppen vom Paradefelde bei Lindenthal eine Katastrophe verhütet, die zweifellos schwere Folgen hätte nach sich ziehen müssen. Als der Kaiser mit dem Könige Georg nach Beendigung der Parade an der Spitze der Truppen vom Exerzierplätze abritt, hatte sich längs des Weges eine viel- tausendköpsige Menge aufgestellt, welche beide Monarchen mit Tücherfchwenken und begeisterten Hochrufen begrüßte. Hierdurch wurden einige Pferde einer spalierbildenden Ulanenab- teilung unruhig. Da der Kaiser und die übrigen Fürstlichkeiten inzwischen nahe bei der gefährdeten Stelle angelangt waren, so drängten die Ulanen ihre Rosse in die dichten Reihen der dahinterstehenden, sich nach vorn schiebenden Zuschauer. Durch dieses gewaltsame Rückwärtsdrängen wurden die Tiere aber nur noch aufgeregter, sie bäumten sich zum großen Schreck der Nächftstehendcn hoch auf und schlugen aus. Der Kaiser, der die dem Publikum drohende schwere Gefahr sofort mit scharfem Blick erkannt hatte, hielt einen Moment an und befahl den betreffenden Ulanen, sich unverzüglich ihm anzuschließen und mit ihm abzureiten. Nachdem dies geschehen, setzte der Monarch unter erneuten Jubelrufen des Publikums an der Spitze des Zuges seinen Ritt zur Stadt fort.
Keine neue FlotLenfor-erttngen. Der neue Marinectat-Voranschlag hält sich entgegen anders lautenden Meldungen mit seiner Gesamtforderung innerhalb der gesetzlich festgelegten Jahresquote.
Aus Anlatz der Wiedervereinigung Wismars mit Mecklenburg und dem Deutschen Reich hatte der Bürgermeister und der Rat dieser alten Hansastadt Adressen an den Kaiser und den König Oskar von Schweden gerichtet. Die Antwort des Kaisers ist jetzt in Wismar eingetroffen, er erklärt, daß er mit Befriedigung die glückliche Regelung dieser bedeutungsvollen Angelegenheit begrüßt habe und wünscht der nunmehr dauernd dem Deutschen Reich zugehörigen Stadt und ihrer Bürgerschaft auch ferner Gottes Schutz und Segen.
Das Wahlrefultat in Dessau. Nach amtlicher Feststellung erhielten Schrader (freis. Volksp.) 11083, Schirmer (kons.) 3494, Käppler (Soz.) 12715 Stimmen. Die Stichwahl findet am Freitag den 11. September statt.
Schaden der HochwafierkaLastrophe» Der gesamte durch die letzte Hochwasserkatastrophe in der Provinz Schlesien angerichtete Schaden beträgt nach einer Meldung der „Schles. Ztg." mehr als zwanzig Millionen Mark. Es sind 81000 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche überschwemmt gewesen. Größere Summen an barem Gelde sollen den Notleidenden am 1. Oktober gegeben werden, um die Zahlung der dann fälligen Hppothekenzinscn zu ermöglichen.
Feuilleton.
Sic — zuerst.
Von Käte Lubowski.
(Nachdruck verboten.)
Fräulein Mieze Wieprecht, seit Ostern vorigen Jahres mit 725 Mark Jahres-Einkommen an der Bürgerschule der Avlingerstraße' in München angestellt, pensionsberechtigt, sehr pflichttreu, jung und hübsch, bog in größter Eile um die Ecke der Nocklerstraße. Wer hätte auch wohl bei dem strömenden Regen, der in feinen Bächlein an den Stahlspitzen ihres Schirmes herunierrann, in einem gemäßigten Tempo daher spazieren mögen? Noch dazu um 1 Uhr mittags, in welcher Bett der gesunde Magen meisthin einem zusammengeklappten Gummiball gleicht! Und dennoch war es ein andererUmstand, der ihre Schritte beflügelte! Regentage, die sie den glücklich gelösten Herzkrampf der Natur nannte, störten sie nicht, und den Mittagshunger würde die lustige „Wappi" im Zacherl- brâu mit den Donnerstags-„Würg-Knödeln" und der Bratwurst schnell besänftigen. Es kam also etwas anderes in Betracht. Etwas, das ihr heiße Wangen und blitzende Augen machte und sich erst durch Aussprache mit den lieben Kolle- ginnen kühl sprudeln mußte. Zweimal rannte sie unsanft mit ein paar Leuten zusammen, ohne ihre Schritte danach zu mäßigen. Trapp-trapp, klatsch-klatsch machten die schmutzigen Wasserlachen, die bei jedem Schritt an dem Hellen Rock mit trübem Grau emporspritzten. Sie achtete auch darauf nicht. Ihr Blick war starr auf das einfache Bierhaus gerichtet, in dem sie sich mit fünf Kolleginnen zum gemeinsamen Mittagsmahls vereinte. Jetzt war sie da. Der Schwm knickte zusammen, das zarte Sommerkleidchen wurde mit energischer Hand ausgeschüttelt, daß die Tropfen den Vorhergehenden ins Gesicht sprühten. Endlich — die Kollegmnen rückten zusammen und nickten ihr zu.
Dienstag den 8. September
Die ungarische Kabrnettskrisis. Eine Klärung der Lage ist bisher nach keiner Richtung erfolgt. Man glaubt, der Monarch werde nach dem 10., spätestens nach Empfang des deutschen Kaisers wieder nach Budapest zurückkehren. Lebhaft erörtert werden die Besprechungen, die Koloman Szell mit vielen Politikern führt. Szell erschien abends im liberalen Klub, welche Umstände mit einer ihm vom Monarchen übertragenen Mission in Verbindung gebracht werden.
Die süduugarischen Korpsmanöver welche bei herrlichstem Wetter glänzend verliefen, wurden gestern beendet. Erzherzog Franz Ferdinand sprach sich sehr anerkennend aus über die trotz der Hitze und der schwierigen Marschleistungen ausgezeichnete Haltung der Truppen, sowie deren Führung.
Die Agitation gegen Chamberlains Pläne nimmt in England zu. Proteste dagegen wurden von 940 Vertretern der Gewerkvereine und Genossenschaften Englands, ferner von den Vertretern von 250,000 schottischen Arbeitern in Glasgow erlassen.
Das neue norwegische Storthing besteht aus 59 Mitgliedern von Rechtengruppen (Konservative, Gemäßigte und Liberale), 54 Radikalen und 4 Sozialdemokraten. Eine Verbesserung der Lage der radikalen Partei ist nicht mehr zu erwarten, eher noch eine Verschlechterung. Es tritt daher jetzt die Erörterung über die Zusammensetzung des künftigen Ministeriums in den Vordergrund, und es gilt als ziemlich sicher, daß Professor Hagerup, der Führer der Rechten und früherer Ministerpräsident, ein neues Kabinett bildet, in das Dr. Sigurd Ibsen übertritt, der einen wesentlichen Anteil an den bisherigen Konsulatsverhandlungen hat. Das Ministerium Mehr dürfte aber jedenfalls noch bis zum Zusammentritt des Storthings (10. Oktober) auf seinem Platz bleiben.
Defizit von zwei Millionen Kronen. Bei der tschechischen Vorschußkasse in Walachisch-Meseritsch wurde ein Defizit von zwei Millionen Kronen entdeckt. Der dortige Bürgermeister, der gewesene Reichstagsabgeordnete Mikyska, der die Stelle des Obmanns der Kasse bekleidete, hat sich er» schosser«
Die Belgrader Blätter besprechen die Verhaftung der Ofsiziere in Risch und weisen dabei auf die Tragweite der Handlung der junqen Offiziere hin, zugleich jedoch zur Einigung mahnend. Die Zeitung „Mali Journal" verdächtigt Oesterreich-Ungarn als'den Urheber dieser Verschwörung. In überaus heftigen Worten nennt das Blatt die jungen Offiziere jedes Patriotismus bar und gekauft durch große Summen aus dem Geheimfonds von Oesterreich-Ungarn, das wie immer durch Agenten in Serbien Zwietracht stifte. Die neue Verschwörung richte sich gegen König Peter, denn die Feinde Serbiens beabsichtigten auf den Thron des Landes einen österreichischen oder deutschen Prinzen zu bringen, der das Serbentum dem Germanentum verkaufe. Ferner beschuldigt „Mali Journal"
„Grüß Gott, Miezel — eil Dich!" riefen die beiden Jüngsten der Tafelrunde und hielten ihr scherzhaft ein Zipfelchen appetitlich duftender Bratwurst entgegen.
„Grüß Gott, all insgeheim 1" entgegnete sie feierlich und sah sich scheu nach allen Seiten um. „Sind wir hier ganz ungestört, ich meine, lauert nicht etwa der alte Wirt mit seinen unheimlichen Ohren hinter einem Möbelstück?"
Jetzt sahen auch die Aelteren von ihren Tellern auf und der Sprechenden mit lebhafter Neugier in das reizende Gesichtchen.
„Was ist Ihnen denn in aller Welt begegnet, Fräuleiit Wieprecht?"
„Mir? Ja, wenn ich's allein wäre, wollte ich's schon mit ihm ausfechten! Aber es gilt Euch allen! Ihr alle seid beleidigt, unser ganzes Geschlecht beschimpft, und das noch dazu von so einem neugebackenen, unreifen Menschen, der uns als seine Untergebenen hinzustellen wagt!"
„Sprechen Sie vielleicht von unserm neuen Rektor See- bald, Fräulein Wieprecht?" fragte Johanna Bartsch und ging dem letzten Kloß zu Leibe.
„Natürlich spreche ich von ihm! Wir sind ihm doch mit aller Feierlichkeit am Tage nach seinem Antritt am Halfterband der Etikette vorgestellt und müssen ihn daher kennen, was wir ja auch tun. Darauf begründet er seinen Befehl."
„Komm endlich zum Ziel, Miezel," rief Grefe Steller ungeduldig und puffte die ein Jahr ältere Freundin so lebhaft, daß der „kleine David und der große Stieler", die auf der äußersten Kante ihres Stuhls lagen, mit einem Hechtsprung auf die Diele schossen, „was will er denn nur von uns?"
Mieze Wieprechts Wangen wurden noch röter, und in ihre Augen kamen Tränen. „Er will, daß wir ihn zuerst grüßen, gleichviel, ob wir ihm in der Schule oder auf der Straße begegnen," schluchzte sie, „wie das jeder Untergebene seinem Vorgesetzten gegenüber auch tun muß."
„Was schrien nun auch die andern purpurrot, und
Fernsprechanschluß Nr. 605» 1903
einige serbische Zeitungen als Mietlinge des Auslandes un^ Urheber der jetzigen Lage.
Der Aufstand in Maeedonien. Nachrichten aus Adrianopel melden, daß aus Tirnowo elf gefangene Komitad- schis eingetroffen sind, zu deren sofortiger Verurteilung ein Ausnahmegericht eingesetzt wurde, gegen das eine Berufung nicht zulässig ist. In Kirkilisse wurden zwei Komitadschis verhaftet, die angeblich Dynamltaitentate planten. Die nach Kirkiliffe geflüchteten mohammedanischen Dorfbewohner be- ginnen in die Heimat zurückzukehren. Von der kleinasiatischen Redifdioision in Panderma passierten bereits acht Bataillone Adrianopel auf dem Wege nach dem Sandschak Kirkiliffe. Mehrere zwischen Tirnowo und der bulgarischen Grenze liegenden Dörfer wurden bei der Suche nach Komitadschis zerstört und verwüstet. Gerüchtweise verlautet, daß der nach Adrianopel berufene Artilleriegeneral Schukri Pascha der Kommandant des zweiten Korps, Gouverneur von Serres und Vali von Adrianopel werden solle, an Stelle des beide Posten bekleidenden Marschalls Aarif Pascha, was jedoch zweifelhaft ist, da Aarif Pascha sich großer Gunst im Jildis erfreut. Schukri Pascha und Edhiö Pascha wurden aus Dedeagatsch nur nach Adrianopel berufen, um mit dem dort weilenden kaiserlichen Adjutanten Schaki Pascha und dem Vali über die Sicherung der Grenze, Ueberwachung der Bahnen und Unterdrückung des Bandenunwesens zu beraten. — Die Ankunft des albanesischen Prisrendrr Bataillons Redifs zweiter Klasse in Adrianopel beunruhigte, da das Bataillon sowohl in Adrianopel, als auch auf dem Marsche nach Kirkiliffe, sich undiszipliniert und gewalttätig benahm. Angeblich werden noch weitere neun Bataillone zur Wiederherstellung der Ruhe im Sandschak Kirkilisse folgen. Eine größere militärische Operation wird in dem östlich von Monastir gelegenen Gebirgszuge von Munihovo vorbereitet, da sich dort angeblich das Zentrum der Banden befindet. Die Ueberwachung der Bahnlinie Mustafa-Pascha- Konstantinopel durch Türken ist noch immer ungenügend und beschränkt sich nur auf größere Bahnobjekte, da die zurUeber- 'wachung der Bahn beorderten Truppen anderwärts verwendet wurden. — Die Direktion der Orientbahn verlangte abermals aufs dringendste Verstärkungen. Das Verlangen wurde von der österreichisch-ungarischen Botschaft nachdrücklichst unterstützt. — Die vor dem Feste anläßlich des Jahrestages der Thronbesteigung des Sultans verhafteten Bulgaren wurden gegen Kaution freigelassen, jedoch fanden wieder einige Verhaftungen statt. Der Bulgare Davidow und seine Familie müssen in drei Tagen Konstantinopel verlassen.
Die Lage in Ostafien. In Korea macht der durch die Japaner erfolgte Ankauf der strategisch wichtigen kleinen Insel Sambak in der Nähe von Mokpo großes Aufsehen.
Präsident Roosevelt wandte sich in einer Ansprache, die er in der Ausstellung zu Syracuse hielt, insbesondere an Johanna Bartsch blieb der Rest des Wârgkloßes im Halse stecken, „der kann doch die ganze Weltordnung mit seinen langen Beinen nicht einfach über den Haufen rennen 1 Daraus ergibt sich, daß wir ihm auch heruntergefallene Schreibhefte unb Bleistifte aufheben, ihn zuerst aus der Tür gehen lassen und ihm in der Elekrischen oder bei Volksbelustigungen unsern Sitzplatz anbieten!"
Mieze sah triumphierend alle nacheinander an. „So etwas Aehnliches habe ich ihm auch gesagt."
„Du, Sie haben ihn gesprochen?"
„Ra, ja, er hat mich doch vorführen lassen, weil, ich just heute morgen ohne Gruß an ihm vorübergegangen bin. ^Da hat er mir denn in einer langen Rede seine Ansicht über unser Verhältnis zu ihm klar machen wollen. ,Jch kenne nur eine Wellordnung, Fräulein Wieprecht/ hat er, gesagt, ,die den Respekt, den ein Unterlehrer seiner Obrigkeit schuldig ist, festlegt, und deshalb wünsche ich, daß Sie zuerst grüßen. Wollen Sie das, bitte, auch Ihren Kolleginnen gelegentlich mitteilen/ Ich war außer mir. So ein hölzerner norddeutscher Pedant ist natürlich noch niemals im Leben so recht ausgelassen gewesen, so toll und lustig, wie man's hier allezeit gewohnt ist, zu sein! Seinen Herrgott und seine Lerukinder kann man doch d'rum von Herzen lieb haben und seine Pflicht auch tun, meint Ihr nicht auch, Kolleginnen.
Die Teller und Gläser hatte Wappi längst in Sicherheit gebracht! Und das war ein Glück. Denn die Hände flogen nach allen Seiten umher und brachten das, was sich in erreichbarer Nähe aufhielt, in Gefahr.
„Ja, das meinen wir," sagten sie im Chor. „Wir wollen uns nicht klein kriegen lassen. Zum Schul-Inspektor soll er gehen, zum Prinz-Regenten umhertanzen, wir geben nicht nach l
Mieze Wieprecht sah ihnen scharf ins Gesicht. „Darauf müssen wir uns die Hand geben, wer umschwenkt und wortbrüchig wird, verläßt unsern Tisch, — wollt Ihr das so?"
„Ja, so wollen wir's!" riefen alle wie aus einem Munde, und ihre Hände einten sich.