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Montag den 3. August
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1903
Grmidstciiilcgung der „Kirdeiiskirchc" in Kessclstadt.
»effdftaM, 2. August 1903.
Wochen und Monate angestrengtester Arbeit und eifrigster Vorbereitung sind vergangen und heute ist's Festtag in unserer Gemeinde: reichlicher Fahnenschmuck in den Straßen und inmitten derselben ein freier Platz, ringsum eingeschlossen von hochaufragenden Masten, welche unter einander verbunden sind durch grüne Tannengewinde, geschmückt mit Wappenschildern und Emblemen aller Art und umrauscht von Standarten in den buntesten Farben, verkünden es. Der lang ersehnte Tag der feierlichen Grundsteinlegung unserer neuen Kirche ist gekommen und zahlreich war die Beteiligung unserer Gemeinde an dieser erhebenden Feier und zahlreich die der Festgâste aus nah und fern. Zur festgesetzten Stunde ging es in geordnetem Festzuge, voran die Schuljugend mit Fahnen unter Führung ihrer Lehrer und die Musikkapelle, dann die diensttuenden Geistlichen, gefolgt von dem Presbyterium, den Festgästen, der Ortsbehörde, dem Kriegerverein, den Gesangvereinen „Concordia" und „Humor", dem Turnverein und den Gemeindegliedern, unter den Klängen der Musik nach dem schön geschmückten Kirchplatze und über diesen hin durch die an der Südseite errichtete, durch besonders reiche Ausstattung kenntliche Ehrenpforte nach der Stelle, wo in festlich-feierlicher Stunde dem fertigen Fundamente unseres neuen Gotteshauses der Schlußstein eingefügt werden sollte. Dem Grundstein gegenüber, unter dem auf der Rückwand mit dem hessen-nassauischen Wappen und sonstigen sinnigen Dekorationen gezierten und von einem buntfarbigen Baldachin überragten Zelte nahmen zunächst hinter dem Rednerpulte die Geistlichen Aufstellung und ihnen zur Seite rechts das Presbyterium, die Bau- und Werk
leute und links die Ortsbehörde und Festgäste, während diesen gegenüber der Musikverein, die beiden Gesangvereine und vor ihnen die Schulkinder sich aufstellten. Mit dem schönen und ergreifenden Liede: „Dies ist der Tag des Herrn", vorge- tragen von der Kapelle, nahm die Weihehandlung ihren Anfang. Darauf sprach Herr Pfarrer Hufnagel von hier das Gebet, verlas die Worte des 118. Psalms und hielt dann nach dem gemeinschaftlichen Gesang der beiden ersten Strophen des Chorals : „Eine feste Burg ist unser Gott" die Ansprache
Feuilleton.
Die Grundsteinlegung zur neuen cvangel. Kirche.
ch Kesselstadt, 3. August.
Die Urkunde, welche bei der Grundsteinlegung zur neuen evangelischen Kirche in Kesselstadi am 2. August 1903 im feierlichen Festgottesdienste verlesen und in den im Ostpfeiler des Triumphbogens eingefügteu Grundstein eingelegt worden ist, hat folgenden Wortlaut:
Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.
Im Jahre des Heiles neunzehnhundertunddrei, im 33. Jahre seit der glorreichen Aufrichtung des Deutschen Reiches, im 15. Jahre der Regierung Seiner Majestät des deutschen Kaisers
Königs von Preußen Wilhelm II. wurde am heutigen Tage, den 2. August 1903 — am 8. Sonntage p. trinitatis ~ der Grundstein zu dieser Kirche feierlich gelegt.
Die neue Kirche wird den Namen „Friedenskirche" fahren.
Mögen Ströme göttlichen Friedens von dieser heiligen «tätte aus sich durch alle Geschlechter bis in die fernste Zukunft unserer lieben Gemeinde ergießen und alle suchende Herzen, aie hier in diesem Gotteshause aus- und eingehen, Frieden ftnden^ unter dem Kreuze von Golgatha.
Die neue „Friedenskirche" wird auf derselben Stelle erbaut, an, der das alte Kirchlein gestanden hat. Am 29. April wurde mit dessen Niederlegung begonnen, nachdem abends zuvor leine zwei Glocken den Abschiedsgluß der wehmütig harren- den Gemeinde zugerufen halten. Es war ihr Schwanengesang. Am 25. Mai waren die Niederlegungs- und Ausränmungs- arbeiten vollendet.
und zwar auf Grund des Bibelwortes 1. Sam. 7, 12 „Bis hierher hat uns der Herr geholfen." Eine seltene und einzigartige Feier begehe heute unsere Gemeinde: Eine seltene, weil eine solche nur nach Jahrhunderten wiederzukehren pflegt — eine eigenartige, weil sie einem Baue zuteil wird, der zum heiligen Dienst einer ganzen Gemeinde für Jahrhunderte bestimmt ist. Wie einst das Volk Israel an einem hochbedeutsamen Wendepunkt gestanden, bei welchem sein erster Prophet das verlesene Schristwort mit unauslöschlichen Buch-
Die alte abgebrochene Kirche.
stabe» auf den Denk- und Markstein seiner Geschichte geschrieben habe, so stehe auch unsere Gemeinde an einem Wendepunkte, der sie heiße rückwärts und vorwärts zu blicken. Das alte, unansehnliche Kirchlein sei verschwunden,. seine Spuren verwischt und bald werde man saunt noch wissen, wo es gestanden, aber ein halbes Jahrtausend habe es innerhalb und außerhalb seiner Mauern Leid und Freud der Gemeinde mit seinen dahineilenden Geschlechtern getragen und großer Segen sei vornehmlich in der weltbewegenden Zeit der Reformation von
Von der Notwendigkeit gedrängt, lag es ursprünglich in der Absicht des Presbyteriums durch eine eingreifende Restauration des Kirchleins ihm mehr Luft und Licht, woran es so sehr mangelte, in feinen Jnnenraum züzuführen. Dieser im Jähre 1898 angeregte Plan fand jedoch bei der beteiligten Gemeinde keine Gegenliebe, auch stellten sich der Ausführung, wegen des schlechten Mauerwerks an den Längswänden des Schiffes, die erheblichsten technischen Schwierigkeiten entgegen.
Bei der baulichen Gebrechlichkeit des alten Gebäudes, das 3 Bauperioden erlebt hatte — der Chor stammte aus 1471, das Lgngsschiff aus 1581 unb her Sturm aus '1702 — mußte jedoch Wandel geschafft werden. Und so reifte allmählich der ursprüngliche Plan einer Restaurierung sich zu dem kühnen Pläne der Erbauung einer neuen Kirche aus.
Das hiesige Presbyterium faßte einstimmig dahingehenden Beschluß, das Königliche Konsistorium bestätigte denselben und ordnete die Vornahme der erforderlichen Vorarbeiten an. Kleine und große Schwierigkeiten traten in Menge auf, die aber alle mit Gottes Hilfe überwunden wurden. Insonderheit löste sich die Platzfrage zu aller Zufriedenheit dadurch, daß die politische Gemeinde die an den Kirchplatz anstoßenden beiden Gemeindescheunen niederzulegen beschloß, wodurch ein schöner, luftiger freier Platz geschaffen wird, der unserer Gemeinde zur dauernden Zierde gereichen wird. Das ebenfalls der politischen Gemeinde gehörige, längs der Mittelgasfe stehende Stallgebäude und Spritzenhaus, das nicht für den Abbruch bestimmt war, wurde am 2. Juni 1903 von einem Blitzstrahl getroffen und brannte bis auf den Grund nieder. Wenn der Allmächtige mit Feuerflammen spricht, dann müssen die Menschen schweigen!
— Ein Umstand besonders hat die Vorverhandlungen über Gebühr in die Länge gezogen. Der Konservator der Kunstdenkmäler in Preußen, Herr Geheimrat Lutsch in Berlin, wollte Chor und Turm der alten Kirche mit der neuen verbunden wissen und zwar so, daß dem Neubau noch ein 3rot her Turm hinzugefügt würde. Dem widerstrebten wir aufs entschiedenste aus gewichtigen Gründen und Se. Exzellenz der,
ihm ausgegangen und in den folgenden schweren Kriegszeiten, in denen es seine schwer geschlagenen und verwundeten Kinder immer wieder gesammelt, getröstet und aufgerichtet habe. Doch die neue Zeit wolle sich nicht länger in den kahlen, dumpfen Mauern längst vergangener Jahrhunderte einschließen lassen, sie strebe nach oben, um von oben wieder Licht und Wärme für das arme Menschenherz zu empfangen und darum lege man heule den Grundstein zu einer neuen Kirche, deren Urkunde noch den spätesten Geschlechtern Kunde gebe von dem, was hier begonnen und gewirkt worden sei. In Eintracht und Frieden haben sich alle seitherigen Arbeiten vollzogen, darum bekenne man freudigen Zankes: Bis hierher hat uns Gott geholfen. Gerade unsere neu aussteigende Zeit, die mächtige Bauten aufführe für Lehr' und Wehr, für Künste und Wissen, für Handel und Wandel, die in ihren bewundernswerten Fortschritten und Errungenschaften auf allen Gebieten stolze Denkmäler als Zeugen menschlichen Schaffens und Ringens aufrichtet, braucht auch Kirchen, deren Türme sich als mächtige Fingerzeige nach oben erheben, deren Glocken weihevoll zur Andacht und inneren Einkehr die Herzen stimmen, deren Stundenschlag an die Flucht der Zeit und die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnen. In diesem Sinne werde auch der Grundstein zu diesem Gotteshouse gelegt, ein Eben-Ezar, ein Denkmal der Treue und Barmherzigkeit unseres Gottes. Noch aber stehe man am Anfänge eines erhabenen Werkes.
I In sein-r Gnade möge der Allmächtige den Bau, der zur Ehre seines Namens errichtet werde, schützen und behüten und alle die, welche daran milznarbeiten berufen sind, bis nach vollendetem Werk man wieder preisen kann: Bis hierher bat der Herr geholfen. Aber alles Kirchbauen helfe nichts, wenn nicht das Erbauen der einzelnen Seelen damit Hand in Hand gehe. Darum gehe gerade unserer Gemeinde, in der schon in uralten Zeiten der Eckstein gelegt zum Bau der germanischen Volkskirche und mit
dem zuerst wieder das Licht des Evangeliums auf den Scheffel gestellt worden sei, zu leuchten in die deutschen Gaue, festjuhalten das Erbe der Väter, frommen Glauben, brüderliche Liebe und lebendige Hoffnung zu wahren, damit Gottes Segen in den Häusern wobne und sein Friede über der Gemeinde walle. Nach der Ansprache trug der Gesangverein „Konkordia" die Motette „Ehre sei Gott in der Höhe" vor, worauf die Urkunde, welche in den Grundstein ein- gemauext werden sollte, verlesen wurde. Der Wortlaut der
Herr Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten entschied zu Gunsten unserer Anschauung. Nur einzelne Altsachen werden in die neue Kirche übernommen, so: das Orgelgehäuse in seiner Vorderansicht, die Kanzel, einige bemalte alte Bretter, der verschwunden gewesene, aber von dem Pfarrer wieder aufgefundene Taufstein, 4 Emporenstiele, die Maßwerke der 3 Chorfenster, einige Grabsteine und das schöne schmiedeeiserne Turmkreuz nebst Hahn.
Die „Friedenskirche" erhält 700 Sitzplätz.e Das Kirchen haus ist zweischiffig und liegt im rechten Winkel zur Philippsruher Straße. Die Orgel, welche vom Orgelbauer Ratzmann in Gelnhausen gebaut wird, erhält 22 klingende Register, 2 Manuale, 1 Pedal, 3 Koppelungen, eine Superoktavkoppel und 4 Druckknöpfen für verschiedene Kombinationen. Sie kostet 7750 Mark und wird ein herrliches Kunstwerk darstellen.
Die Kanzel wird amOftpfeiler des Triumphbogens, der Taufstein an seinem Westpfeiler Aufstellung erhalten, der Altar in der Mitte des Chores. Auf der Westseite des Chores liegt die Loge des landgräflich hessischen Hauses, auf der Ostseite die Sakristei. Die Orgel findet im Hauptschiff dem Chore gegenüber ihre Aufstellung. Das Nebenschiff der Kirche enthält eine Empore, Gestühl und im Erdgeschoß die Heizungseinrichtung mit Dampfniederdruck. Der Turm hat 46 Va m Höhe, das Dach des Hauptschiffes 16 m 25 cm.
Der Bart wird in nur neuem, solchem Material aufgc- führt werden. Die Fundamentarbeiten sind in Beton und Ringofensteinen aus der Gemarkung Mittelbuchen hergestellt. HurVerblendung des gesamten Mauerwerks wird grauweißer* Main-Sandstein von Miltenberg a. M. verwendet, dessen Bearbeitung und Lieferung die Steinmetzfirma Gebrüder Heutsch in Reisteuhausen bei Miltenberg übernommen haben. Au? demselben Material läßt die Firma auch alle künstlerisch ge- haltenen Maßwerke herstellen.