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Sette 6.

Samstag

27. Juni.

Baumeister Fehlisch-Berlin gewählt worden. Die Wahl des roten Postmeisters" Motteler in Leipzig hat allgemein über­rascht. Seinen Beinamen hat Moiteler aus der Zeit des Sozialistengesetzes. Damals besorgte er in Zürich den Ver­trieb des in Deutschland verbotenenSozialdemokrat", der auf Umwegen und durch Schmuggler in vielen tausend Exemplaren über die Grenze geschafft wurde. Als das Ausnabniegesetz aufgehoben wurde, siedelten Moiteler, und Bernstein nach London über. Von dort kehrten sie vor Jahren nach Deutsch­land zurück. Den ersten praktischen Arzt in der Fraktion haben die Sozialdemokraten durch Dr. Lindemann erhalten, der in Göppingen gegen den Zentrumsmann Gröber gewählt wurde. Lindemann hat schon bei früheren Wahlen im Rhein­lands kandidiert. Der Reichstagswahlkreis Bockum hat nach neueren Meldungen den Redakteur derBergarbeiterzeitung", Huè, in den Reichstag gewählt. Hus vertritt die sogenannte gemäßigte Richtung, ist ein bekannter Gewerkschaftler, ebenso wie der in Stettin gewählte Buchdruckereibesitzer Herbert, der dort in den 90er Jahren schon einmal gewählt wurde. Der in Borna (Sachsen) gewählte Redakteur Schöpflin war Mitte der 90er Jahre in Berlin noch als Bürstenmacher tätig; von hier aus ging er in die Provinz, wo er verschiedentlich Stel­lungen bei sozialdemokratischen Blättern bekleidete. Die soz'al- demokratischen Handelszchilfen haben einen der ihrigen auch in das Parlament bekommen, und zwar den Kaufmann Lipinski, der in Oschatz in der Stichwahl gegen den Konservativen Hauffe siegte. Einen empfindlichen Verlust haben die Sozial­demokraten durch die Niederlage des Schriftstellers Calwer in Holzminden erlitten. Colwer ist neben Schippel einer der kenntnisreichsten Volksn rtichafiler. Der Mißerfolg, den der Zigarrenhändler Antrick in Kottbus erlitten hat, kommt sehr überraschend. Antrick ist durch seine Dauerreden gelegentlich der Zolltarifverhandlungen zu einer historischen Figur ge­worden.

Dem Oberpräffvente« von Schlesien, Herzog z« Trochenberg, ist, wie jetzt dieSchles. Ztg." schreibt, der nachgesuchte Abschied mit Pension zum 1. Juli erteilt worden, und zwar unter Verleihung des Verdienstordens der preußischen Krone. Dieser Orden wurde anläßlich der Zwei- ^ahrhundertfeier des Königreichs Preußen am 18. Januar 1901 gestiftet und bisher erst acht Mal verliehen, nämlich an den Prinzregenten Albrecht, den Generaloberst Frhrn v. Loß, den früheren Botschafter in London Grafen Hatzteldt-Wildenburg, den General der Infanterie z. D. v. Strubberg und an vier Ausländer, den Grafen Lamsdorff, den türkischen Großvezier Said Pascha, den Kronprinzen von Siam und den italienischen Minister Princtti.

Der Deutsche Fleischerverbandstag nahm in sei­ner Schlußsitzung eine Erklärung gegen den Maximalarbeitstag an. In weiteren Entschließungen wurde ein vollständiges Verbot der Einfuhr von gesalzenem Fleisch und Deklarations­zwang für das zum Verkauf gelangende, aus dem Auslande eingeführte Fleisch, Schmalz und Speisefett verlangt, hingegen die Oeffnung der Grenzen für die Einfuhr ausländischen Schlachtviehs nach Städten mit öffentlichen Schlachthäusern unter direkter Bahnverbindung unter Aufhebung der unzweck­mäßigen und lästigen Vorschriften über Quarantäne der Schlachttiere gefordert und gegen die Ausführungen der Denk­schrift über die Steigerung der Fleischpreise im Jahre 1902 protestiert, da noch immer Mangel an guter Schlachtware bestehe und eine Fleischteuerung, ja Fleischnot aus den gering­fügigsten Ursachen wieder eintreten könne. Zum nächsten Tagungsort wurde Nordhausen gewählt.

Z«r Lage in Serbien. DasAmtsblatt" veröffent­licht einen Armeebefehl des Königs, der lautet:Mein liebes Heer! Indem ich den Boden des teuren Vaterlandes, meiner und meiner Vorfahren Wiege betrete, begrüßt mein Herz zu­erst dich, Hoffnung des serbischen Volkes, mein teures helden­mütiges Heer. Den Thron meiner glorreichen Vorfahren be- sieigend, übernehme ich auch den Oberbefehl über das gesamte serbische Heer, das unter Führung meines unsterblichen Groß* vaters durch seine Tugenden und militärischen Erfolge die Welt in Staunen versetzte und auch später in den nachherigen auf Leipzig fortgesetzt; Netz be etzte Groß-Görschen und die nächstliegenden Dörfer. Wittgenstein wollte nun die Fran­zosen auf ihrem Vormarsch überraschend angreifen. Am frühen Morgen des 2. Mai sollten die Verbündeten zum Angriff bereit stehen; aber infolge von zu spät erlassenen Befehlen traten bei den nächtlichen Anmärschen Kreuzungen und Stockungen ein, sodaß erst 11 Ubr vormittags mit dem An­griff begonnen werden konnte. Gegen Mittag fielen die ersten Kanonenschüsse auf die zunächst völlig überraschen Franzosen. Die Brigade Klüx nimmt Klein-Görschen, die Brigade Zielen Groß-Görschen. Weiter vorwärts geht's auf Rahna. Doch immer neue Kolonnen wirst Ney ins Gefecht, nach heißem Kampf gehen die Dörfer wieder verloren. Nun rücken die brandenburgischen Brigaden und die Garden an, Scharnhorst mit gezogenem Säbel an der Svitze und dem RufeEs lebe der König'" Wieder werden die heißumstrittenen Dörfer von den Preußen erstürmt; Blücher, der im dichten Kugelregen ruhig eine Pfeife nach der andern raucht, wird verwundet; Scharnhorst, von einem Granatsplitter schwer getroffen, muß den Kampfplatz verlassen. König Friedrich Wilhelm, der in höchster Spannung dem Kampf zuschaut, ruft beim Anblick seiner mit wilder Tapferkeit kämpfenden Streiter aus:Nun mag eS werden wie es will, ein Auerstädt wird es nicht!"

Doch als der Abend anbricht, erscheint Napoleon mit seinen Garden auf dem Kampfplatz, und 16 Bataillone junge Garde stürmen mit lautem Schlachtruf auf Kaia vor; das Dorf wird den Preußen entrissen, noch werden Groß-Görschen und Rahna mit eiserner Ausdauer behauptet. Immer neue französische Scharen dringen nach, unterstützt von heftigem Geschützfeuer; immer erneuter, wild wogender Kampf, Schritt vor Schritt müssen die Preußen weichen; doch Groß-Görschen wird die halbe Nacht hindurch von den Garde-Jägern behauptet. Voll Zorn und Unmut stellt sich noch 9 Uhr abends. Held Blücher an die Spitze von Zietens Reserve-Kavallerie, und nun geht's im Abenddunkel auf den Feino los; doch ein tief einge­schnittener Hohlweg hemmt dm Angriff, und auch dieses Unter«

Kriegen für die Befre-ung des serbischen Volkes soviel Beweise von militärischen Vorzügen geliefert hat, daß ick mich glücklich fühle, daß mir der Oberbefehl von Gott veraönnt und vom Serbenvolke anvertraut ist. Offiziere, U«tero'siz''ere und Sol­daten! In dem feierlichen Augenblick, da ich den Oberbefehl übernehme, begrüße ich Euch mit den Worten: Gott mit Euch, ihr Falken des Serbenvolkes! O fiziere! Ich bin glücklich, da ich den Oberbefehl übernehme, alle vereint um meinen Thron, durchdrungen von Treue und Ergebenheit gegen mich und die Ideale un eres Vaterlandes zu sehen. werde bestrebt sein, die Einmütigkeit zu erhalten, indem ich Euch alle und jeden einzelnen nur nach seinen militärischen Verdiensten und Tu­genden würdigen und schätzen werde. Seid mir alle gleich lieb; ich verlange bloß, daß Ihr Euch herzhaft dem erwählten Berufe hingebt und mir verhelft, Euch den Pfaden der Ehre und des Ruhmes zuzmühren. So rufe ich aus: Es lebe die Hoffnung des serbischen Volkes, das Heer!

Hue aller Welt.

Ein schwerer Antomobilunfall hat sich in der Nähe des belgischen Ortes Dinant ereignet. Ein in raschem Tempo fahrender Motorwagen rannte gegen einen Baum und zerschellte. Die Insassen, Herr Alfred v. Ginsten aus stttelles- feld und seine Gemahlin, wurden auf die Straße geschleudert. Ersterer erlitt einen doppelten Beinbruch und innere Ver­letzungen, seine Gattin einen schweren Schädelbruch.

Verzweiflungstat eines Vaters. Wie ans Lem­berg ein Telegramm berichtet, bat in dem Dorfe Kukiszow der Bauer Sicek, der sich in größtem Elend befand, seinen fünf Kindern im Alter von 4 Monaten bis 8 Jahren im Schlafe mit einem Rasiermesser die Kehle durchschnitten und sich darauf selbst den Tod gegeben.

Ueber eine« Mord ans offener Straße hatten wir schon aus München in einem Telegramm berichtet. Der Buchbindergeselle Julius Laschek erstach ein Fräulein Frei­berger, das seine Liebcswerbnngen abgewiesen hatte und machte dann einen Selbstmordversuch. Von dem blutigen Vorgang, der sich auf der Brienner Straße am hellen Tage ab'pielte, geben süddeutsche Blätter folgende Schilderung: stieben einer Dame, die ein kleines Kind an der Hand führte, ging ein etwa 80sähriger, schmächtiger Mann einher. Plötzlich faßte dieser seine Begleiterin von hinten und führte, sie zu Boden werfend, einen starken Sioß mit der Rechten nach ihrer Brust. Nachdem er sein Opfer niedergestreckt hatte, führte er gegen sich selbst einen Stich und lehnte sich dann an den Steinsockel des Eisenzanns eines Restaurants. Rasch waren Paffanten und ein in der Nähe postierter Schutzmann herzugesprungen und bemächtigten sich des TäterS, dem noch das Mordwerkzeug, ein kurzes Meffer mit feststehender Klinge, in der Brust steckte. Man requirierte einen in unmittelbarer Nähe wohnenden Arzt, der den Verletzten, welchem sofort Handschellen angelegt würben, verband. Für das Opfer des Mörders kam ärztliche Hilfe zu spät. In seinem Blute liegend, hatte das Fräulein noch einige furchtbare Schreie ausgestoßen, die weiihin hörbar waren und auch aus den Häusern die Leute anlockien. Das kleine Mädchen, das Kind der Ermordeten, gab dem schrecklichen Bild etwas rührend Ergreifendes; es beugte sich über die Mutter und küßte sie die Sterbende konnte aber nicht mehr sprechen. Die zu Tode Getroffene, die auf den Fahrdamm der Straße gestürzt war, verschied nach wenigen Augenblicken. Als eine Droschke mit dem von zwei Schutzleuten eskortierten Täter abfuhr, wurden Verwünschungen aus dem Publikum laut und einige der Umstehenden wollten den Mörder schlagen, wurden jedoch von anderen Schutzleuten zur Seite oedrängt. Bei dem ersten Verhör hatte der Täter noch die Aeußerung getan:Wenn ich mich nur besser getroffen hätte!" Seine Wunde ist nicht lebensgefährlich; das Messer war an dem steifen Oberhemd und den Ripp-n abgeglitten.

Einen Mordversuch unternahm in Berlin am Frei­tag der Arbeiter Golinsky in der Arndtstraße auf seine von ihm getrennt lebende Frau. Golinsky war der Frau nachze- nehmen scheitert. So müssen sich die Verbündeten, ob auch unbesiegt, zum Rückzug entschließen. Das will auch dem König nicht in den Sinn.Das kenne ich schon," grollt er,wenn wir erst ansangen zu retirieren, so geht's wieder bis über die Weichsel." Doch damit hat's keine Not, haben doch die Ver­bündeten dem Feinde keine Gefangenen gelassen, haben ihm fünf Kanonen abgenommen, und ihr Verlust beträgt nur 10 000 Mann, während die Franzosen 20 000 Mann eingebüßt haben.Guten Morgen," rief am folgenden Tage Blücher frohgemut seinen Soldaten zu,wir gehen nur zurück, weil's Pulver alle ist; bald sollen die Franzmänner die Schwerenot kriegen!"

Der schwerste Schlag für Preußens Heer war die Ver­wundung Scharnhorsts.

In dem wilden Kriegertanze Brach die schönste Heldenlanze, Preußen, euer General! Lustig auf dein Feld bei Lützen Sah er Freiheitswaffen blitzen.

Doch ihn traf der Todes Strahl."

Zwar die Wunde, die er erhalten, war nicht tödlich; man durfte auf seine Wiederherstellung hoffen. Aber sein Taten­drang ließ ihm keine Ruhe. Kaum notdürftig geheilt wollte er während des Waffenstillstandes nach Wien eilen, um Oester­reich für den Anschluß an die Verbündeten zu gewinnen. Auf der Reise versagten die Kräfte, lodeswund sank er in Prag auf sein Sterbelager und hauchte am 28. Juni seine große Seele aus.

Doch wer den Tod im heil'gen Kampfe fand, Ruht auch in fremder Erde im Vaterland."

Paul von Schmidt, Generalmajor z. D.

Albumblätter»

Die wahre Liebe, die ihrer höher« Abstammung treu bleibt und gewiß ist, erwärmt, gleich der Sonne, so weit ihre Strah­len reichen, und erhellt verklärend alles in ihrem lautern Glanz. W. v. ^umbolbt.

gangen, um sie zur Rückkehr zu ihm zu bewegen. Die Frau lehnte das Ansinnen ab und lief davo?; Golinsky folgte ihr und brachte ihr zwei Sticke mit dem Messer in den Rücken bei. Der Attentäter wurde ve'bafttt.

Grausamkeiten im Kongoflaat. Der bekannte französische FoJbunasreisende Bonvaloi erzählt, gestützt auf Mittelungen eines Augenzeugen, zur Beleuchtung des im Kongostaat üb'icken Geichästsverfahrens folgenden Fall:Eine von Agenten des Konqostaates befehligte Truppe eingeborener Soldaten schließt ein Negerdorf ein; denn die Weißen glauben, daß der Dorfbâupiling einen großen Vorrat an Elfenbein be­sitzt. Sie versammeln die Einwohner des Dorfes und fordern sie auf, ihnen den Ort zu zeigen, wo bas Elfenbein versteckt ist. Alle schweigen. Diejenigen, die man näher ausfragt, antworten, daß man die Weißen in die Irre geführt habe und der Schatz, den sie suchen, nicht vorhanden sei. Die Weißen glauben aber, man täuscht sie. Sie werden zornig, drohen den Schwarzen und lassen einige mit der Nilpferdpeitsche be­arbeiten. Da sie mit diesen Roheiten nichts erreichen, werden sie wütend und belchließen anders vorzugehen. Sie befehlen der ganzen Bevölkerung der Ortschaft, sich in Linie auszustellen, und halten dann, mit dem Revolver in der Hand, Parade ab. Der erste in der Reihe wird befrsot, wo der Häuptling sein Elfenbein verborgen habe. Er antwortet, er wisse es nicht. Eine Kugel in den Kopf streckt ihn nieder. Man erklärt den andern, daß es ihnen gerade so ergehen werde, wenn sie dabei beharrten, nichts »erraten zu wollen. So tötet man einen nach dem anderen, denn sie konnten nicht das Vorhandensein dessen enthüllen, was in der Tat nicht da war. Einige wenige, nur wurden durch die Dazwischenkunft der Person gerettet, die mir diese edle Waffentat erzählt hat." Bouvalot zeichnet, wie dieKölnische Zeitung" erwähnt, die Erzählung mit seinem Namen.

Warum er nicht wählte. In einem kleinen schwä­bischen Dorfe war dieser Tage, wie der Frankfurter Zeitung geschrieben wird, ein Reisender mit einem Bäuerlein ins Ge­spräch gekommen, das sich schließlich um die bevorstehenden Such-1 wählen drehte. Anf die Frage, wer sein Kandidat sei, antwortete das Bäuerlein:I wähl net!" Darüber drückte der Reisende seine Verwunderung aus; indes erfolgte auf feine Frage nach d'm Grunde nur bi- Antwort:I wähl net!" In der sicheren Erwartung, vielleicht bei einem Glas Bier den Wahleifer des Bäumn etwas anzu^psrnm, lädt ihn der Reisende ins Wirts-. haus ein, wo er ihm die Pflicht eines jeden Staatsbürgers zu wählen, klar zu machen sucht. Das Bäuerlein trinkt ein Glas Bier nach dem anderen, die Zeche ist bereits eine ganz namhafte, und der Reisende agit ert noch immer erfolglos, d-nn das Bäuerlein antwortet stmeoiyp:I wähl net!" Endlich reißt dem Reisenden die Geduld; er springt auf, zahlt und will gehen, da ruft ihm das Bäuerlein nach:Ha, i wähl net, weil i fünf Jahr Ehrverluscht hab!"

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Nr. 143 892. Verfahren zur Darstellung eines Monoazo­farbstoffes für Wolle aus Nitro o-amidophenolsulfosäure. Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M., vom 10. Februar 1900 ab. Kl. 22a.

Nr. 143 796. Lösbare Befestigung des gewölbten Glases für Backosenbeleuchtungsvorrichtungen. PH. Wolf in Frank­furt a. M., Rudolfstraße 22, vom 2. August 1902 ab. Kl. 2a.

Nr. 144 038. Flammrohrkeffel mit rückkehrende,t Heiz­röhren. I. Heinrici in Frankfurt a. M., Schweizer- straße 88. vom 21. Mai 1902 ab. Kl. 13a.

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