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Erstes Blatt

Bezugspreis: vierteljährlich 1,80 M., monatlich 60 Pfg., für auS- Wättigt Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.

General-Anzeiger.

Amtliches Organ für Mt- und Landkreis Hanau

Eiunickuugsgebnhr :

6»r Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf- gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamenihcil die Zeile 25 Psg., für Auswärts 35 Pfg.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Beraniwortl. Redakteur: G. Schrecker in Hanau,

Geruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev.

Waisenhauses in Hanau.

Nr. 147. Fernspreistanschluß Nr. 605. SaMstaa den 27. JUM

Ferns-rechauschlnß Nr. 605. 1903

Amtliches.

Stadtkreis Danau. Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.

Bekanntmachung.

Arbeitsuchende in der Zeit vom 20. bis 26. Juni 1903

2 Schlosser, 1 Schuhmacher, 1 Glaser, 1 Schreiner, 2 Hausburschen, 1 Fahrbursche, 3 Tagelöhner.

Hanau den 27. Juni 1903.

___Städtisches Arbeitsamt. 11350

Gefundene und verlorene Gegenstände re.

Gefunden: 4 Mädchen-Strohhüte, 1 Portemonnaie mit 2 Mark Inhalt, 1 desgl. mit 3,41 Mark und 1 desgl. mit über 6 Mark Inhalt, 1 weißer Schleier und 1 weiße Halskrause in Papier eingewickelt, 1 kleines graues Notizbuch mit dem Namen Heinrich Will.

Hanau den 27. Juni 1903.

Die Wahlschwindeleien in Berlin.

Ueber Wahlschwindeleien in Berlin macht diePost" detallierie Angaben, wonach für Wähler, dir verstorben, ver­zogen, oder im Gefängnis waren, aber in den Wählerlisten standen, trotzdem nachgewiesenermaßen Stimmzettel abgegeben worden sind. Daß der Wahlschwindel tatsächlich verübt worden ist und zwar in großem Umfange, scheint keinem Zweifel zu unter­liegen. Das Blatt erzählt :

Die Wahlfälschungen aufzudecken, ist an der Hand von Drucksachenversendungen an die Wähler im Verein mit ge­nauer Kontrolle der Wählenden, und zwar im 2. Berliner Wahlkreise möglich geworden. Diese Versendungen sind in diesem Jahre zum ersten Male durch die Poft erfolgt. Von den verschickten Briefen an die 81.000 Wähler des zweiten Berliner Wahlkreises sind etwa 5000 als unbestellbar zurück­gekommen mit Bemerkungen wie:Adressat verstorben, Adressat unbekannt, verzogen, Adressat verzogen nach (Angabe des Ortes)." Von diesen 5000 verzogenen oder verstorbenen Adressaten haben aber nichtsdestoweniger rund 1000 gewählt! Unter diesen Wählern befindet sich z. B. der seit längerer Zeit in Swinemünde weilende Kaufmann Hökjcher, auf dessen Namen am 16. Juni gewählt worden ist, obgleich Hökscher am Wahl­

tage gar nicht in Berlin geweilt hat, ferner der Chemiker Auerbach, welcher seit 4 Wochen in der Ratsapotbeke in Thorn tätig ist, auf dessen Namen aber ebenfalls am 16. Juni ge­wählt worden ist. Höchst merkwürdig ist es, daß im Hause Blücherstraße 67 sieben Wahlberechtigte verzogen waren, unbe­kannt wohin, und daß diese Sieben dennoch sämtlich gewählt haben. Im 95. Bezirke ereignete sich der wunderbare Fall, daß auch ein Wähler sein Wahlrecht ausgeübt hat, obgleich er im Gefängnisse zu Tegel saß! Wie bereits erwähnt, sind sogar Tote herangeschleppt. Wir führen hier einige Namen und Adressen an, welche beweisen, in welch einem Umfange der unerhörte Wahlschwindel von denGenossen" betrieben ist. Es wählten im 95. Bezirk: Heinrich, Gottlieb, Invalide, Möckernstraßt 94 (befindet sich im Gefängnis Tegel) ; 92. Be­zirk: Glatte, Ernst, Referendar, Teltowerstraße 16 (verstorben); 24. Bezirk: Schmidt, Gottfried, Korbmacher, Anhalterstraße 7 (verstorben); 145. Bezirk : Robert, Karl, Arbeiter, Dieffen­bachstraße 68 (verstorben); 125. Bezirk: Horn, Wilhelm, Kaufmann, Zossenerstraße 40 (nach Stuttgart verzogen!); 34. Bezirk: Ettlich, Ernst, Maurer, Puttkamerstraße 17 (nach Drewitz b. Wittenberg verzogen); 119. Bezirk:-Roller, Walter, Lithograph, Solmsstraße 30 (nach Heilbronn verzogen!)

Die Liste gebt noch weiter. DiePost" sagt, nachdem sie noch einige Fälle mit Namen angeführt hat:

Die angeführten Fälle genügen wohl, um zu beweisen, wie systematisch der Schwindel betrieben ist. Da bereits Anzeige erstattet wurde, wird wohl die eingehende Untersuchung dieser sauberen Schwindelmanöver nicht lange auf sich warten lassen. Es ist auch bereits Protest gegen diè Wahl eingelegt und es wird sich her eüur Neuwahl zeigen, ob .M..SüWldem,okratie ohne Schwindel wieder 34,000 Stimmen zusammenbringt. DiePost" behauptet ferner daß auch an andern Orten in der Provinz ähnlicher Wahlschwindel konstatiert sei.

* *

Wahlunnihcn.

Offenbach a. M., 26. Juni. Ueber die Wahlaus- schreiiungen des gestrigen Abends berichtet dieOffenb. Ztg." folgendes: Als sich einige Teilnehmer an der Versamm­lung der Bürgerparteien (Stadtgarten) darunter auch Dr. Becker, der neugewählte Reichslagsabgeordnete, nach demSchützenhof", dem Lokal der Zentrümspartei, be­geben^ wollten, sahen sic sich einer großen Menschenmenge gegenüber, die die Umgebung der Gartenhalle besetzt bielt und ihren Gefühlen durch Johlen, Heulen und grelle Pfiffe Luft machte. Erst als es den Schutzleuten mit vieler Mühe ge­lungen war, die Demonstranten etwas zurückzudrängen, konnten sich Herr Dr. Becker und seine Begleiter auf den Weg zum Schützenhof" machen, immer gefolgt von den skandalierenden

Massen, die zum großen Teil aus halbwüchsigen Burschen be­standen, auch einige halbverwilderte Weibsbilder, von denen einige sogar kleine Kinder mit sich schleppten, konnte man unter der fanatisierten Menge bemerken. Als Herr Dr. Becker amSchützenhof" angelangt war und eben das Haus betreten wollte, ereignete sich etwas Unerhörtes. Ein Bursche sprang von hinten heran und hieb Herrn Dr. Becker mit irgend einem Schlag­instrument, wahrscheinlich einem sogenannten Totschläger, so auf den Kovf, daß der Getroffene einige Augenblicke wie betäubt war und von seinen Begleitern gestützt werden mußte. Hätte nicht der steife Hut den Schlag abgeschwächt, so hätte Herr Dr. Lecker sicher eine ernste Verletzung davongetragen; so aber kam er mit einer tüchtigen Beule am Hinterkopf davon. Die tiefgehende Entrüstung über dieses feige Attentat gestaltete den ^stürmischen Beifall, mit dem Herr Dr. Becker im Schützenhof" empfangen wurde, nur noch herzlicher. Der Gewählte sowohl wie verschiedene andere Herren richteten An­sprachen an die Versammlung, in der der Freude über den unvergleichlichen Erfolg Ausdruck gegeben und treues Zusammenhalten auch für die Zukunft gelobt wurde. Unterdessen tobte und skandalierte die aufgehetzte Menge draußen auf der Herrnstraße weiter und machte dem sehr starken Schutzmannsaufgebot, unter denen sich auch zwei beritten gemachte Schutzleute befanden, viel zu schaffen. Immer aufs neue wieder wurden Vorstöße gegen den »Schützenhof" versucht, und schließlich sah sich die Polizei genötigt, blank zu ziehen und sehr energisch gegen die Radaubrüder, von denen auch einer verhaftet wurde, vorzngeheu. Erst nach Mitternacht, als es bekannt wurde, daß Dr. Becker in einer Droschke auf Umwegen und unter Begleitung von Schutzleuten und Gen­darmerie den Heimweg angetreten habe, verlief sich allmählich die tobende Menge. Es muß konstatiert werden, daß die Polizei, die übrigens keinerlei Verstärkung erfahren hatte, ihrer schweren Aufgabe mit Umsicht und Energie gerecht wurde, ohne jemals darin zu weit zu gehen. Ihr ist es hauptsächlich zu danken, daß das Militär, welches auf dem Kasernenhofe in Bereitschaft stand, nicht einzugreifen brauchte.

Berlin, 26. Juni. DasBerl. Tagebl." meldet : In Spandau kam es nachts nach der Stichwahl, in der Lieb­knecht (S.) unterlegen ist, zu Ruhestörungen auf der Straße. Die Polizisten wurden von der Menge insultirt und mit Holz- stücken und Bierflaschen beworfen. Ein Zug Pioniere zer­streute die Menge, welche von Liebnecht vergeblich zur Ruhe ermahnt war.

Dortmund, 26. Juni. DieDortmunder Zeitung" berichtet: Nach Bekanntwerden der Wahlresultate bemächtigte sich der auf dem Steinplatze angesammelten vieltausendköpfigen Menge große Erregung. Laute Rufe ertönten, woran sich be-

Feuilleton.

Aus den Bergen.

Sana«, 26. Juni

II.

Am nächsten Morgen wird mit drn Hühnern im Frühauf­stehen gewetteifert; nur die Kunst des Gackerns kann ihnen nicht streitig gemacht werden. Ein frischer Frühwind streicht durch die noch unbelebten Straßen und verheißt einen guten Tag, während eine Konsultation der Karte einen fast bedenk­lich langen Marsch voraussagt. Der erste Teil des Weges geht auf der breiten Würzburger Landstraße, die noch ziemlich verlassen ist. Ein paar Viehhändler treiben gut genährte Ochsen zur Stadt, ab und zu fährt ein leerer Erntewagen im raschen Trabe vorbei, das ist alles.

Nach etwa dreiviertel Stunden führt die weiße Wege. Markierung von der Landstraße rechis ab durch wogende Gc- treidefelder der Höhe zu und es geht wieder im Schatten von ' -tannen und Fichten bergan. Die Wälder strömen einen herr­lichen Harzdust aus, in den sich der Geruch von frischem Heu ' und trockenen Tannennadeln mischt. Zuweilen tritt die Straße wieder aus dem Wald heraus, an hochstehenden Kornfeldern vorüber, in denen grellrote Klatschrosen leuchten. Heckenrosen wuchern üppig am Wege und Brombeerstauden ranken am ab- ; Menden Wegrand herauf. Mit jeder Wegebiegung wechselt das Panorama und mit jedem Kilometerstein tritt das eigen­artige Gepräge der Gebirgslandschaft deutlicher hervor. Ein ' Habicht zieht hoch über den Baumkronen seine rnhigen Kreise und ganz fern im Tale drunten kriecht ein Ochsengespann durch die Felder, kaum noch zu erkennen. Ein bläulich-grauer Dust liegt über den Wäldern und am Horizont zerfliegen die letzten Nebelstreifen. Eine klingende Ruhe liegt über der Erde, kaum daß eine Vogelstimme aus umbuschten Nesten tönt. In ruhigen,

Die heutige Nummer umfaßt ausser dem rlttteLhaltmrHZblatt 12 Seite«.

freien Atemzügen trinkt die Brust die herrliche, reine Frühluft und ein lange nicht mehr gekanntes, unsäglich wohltuendes Gefühl der Geborgenheit durchzieht die Seele. Scharf heben sich die schwarzgrünen Tannenkronen vom klaren Himmel ab und in dem Dunkel des Unterholzes scheinen tausend flimmernde Wunder ^zu stecken. Eine selige Gedankenlosigkeit legt sich all­mählich über die Sinne und man möchte träumen, so weiter- trâumen ein ganzes Leben lang .....

Schließ' nur die Augen eine Weile Und spinne Deine Träume fort! Hier schreckt Dich keines Tagwerks Eile Und keiner Pflichten rauhes Wort: 3m flöhrenwald rauscht ernst, gelassen D-c alte Märchenmelodie:

Im Wachen sannst Du sie nicht fassen. Doch wenn Du träumst, verstehst Du sie.

Sie sagt: es gibt ein Glück im' Leben, Wie es die Welt Dir nie verleiht, Brauchn's nur vom Wege aunnheben Wie heißt es doch? - Die Einsamkeit! Wenn du ein Leid ihr zugetragen, Sie weiß, wie sie die Schmerzen bannt, Und Wunden, die die Welt geschlagen, Heilt sie mit sanfter Pflegerhand.

Drückst du die kampfesheißen Wangen In ihren Schoß, sie streicht und süßt Die Stirne dir, bis all' dein Bangen Aus deiner Brust verflogen ist.

Kem dankend Wörtchen darfst du reden. Wenn dir die Augen übergeh'n; Sie hilft und tröstet ungebeten, Ihr Lohn ist's schon, dich froh zu fd/n.

Schließ' nur die Augen, träum' und sinne So lang', bis du die Welt vergißt. Daß dir die Stunde nickt verrinne, In der du wunschlos glücklich bist. Die Einsamkeit iuebt ihre Faden Dir still zum Schleier weich und dicht Und wehrt den Schatten, die dir nahten Still! stört mir meinen Träumer nicht!

Auf! die lyrische Regung muß abgeschüttelt werden wie die Moosflöckchen, die beim Äufstehen an den Kleidern hängen bleiben. Nun geht es lange, lange über die Hohe Warte, bald hier durch schwärzlichen Kiefernwald, bald wieder durch freundlichere Laubholzbestände. Auf einer Waldlichtung tritt ein Reh aus den Büschen und schaut neugierig sorglos den Vorübermandernderi an. Immer die weißen Markierungs- ftriche im Auge behaltend, deren Nichtbeachten den Unkundigen leicht weit vom Wege abführen kann, folgt der Fuß willig den vielen Wegekrümmungen, die sich über die Höhen ziehen. Da endlich klettert der Pfad in ein Wiesental herunter, das von i einem raschen Flüßchen durchschnitten wird. Eine fruchtbare Niederung, rings von Bergen eingeschlossen. Und drüben aus alten Bäumen leuchten die Turmdächer des Mittagszieles her- s vor: Schloß Mespelbrunn. Eine knappe halbe Stunde und i <8 liegt vor den überraschten Augen wie ein Märchenschloß in ; einem verzauberten Walde. Düster romantisch wächst das j alte Schloß zwischen den Bäumen hervor und spiegelt seine | Fassade in dem trüben Teich, der es umgibt. Ein malerischer ! Anblick, wie er nicht oft sich bietet, und um das ganze Bild . der schwermütige Hauch einer längst toten Zeit. Im Forst- : Hause, von dessen Garten aus man immer das Schloß vor ! Augen behält, wird ein nicht opulentes aber vortrefflich mun- ; dendes Frühstück eingenommen. Einige Stunden Rast sind i notwendig, um die etwas angegriffenen Glieder wieder in i mkrschfâhigen Zustand zu versetzen und wie gerne hält man sie ' hier! Das ist ein Anblick, den die Seele noch lange, lange fest halten wird.

Nach ein paar Stunden wirbeln die Füße wieder Staub- ' Wölkchen von der Straße auf, die sich nun, fast fortwährend öüeigenb, durch das stille, malerische Elsavatal zieht, das zu -eibett Seiten von bewaldeten Höben eingesäumt wird. Eine rucktbare Gegend, mit herrlichen Wandergelegenheiten, die ihre eh schlossenen Schönheiten auch schon der Schar erholunqs- I durstiger Sommerfrischler preisgeben mußte. Das altertüm- ' Uche Fleckchen Eichau, ein freundlicher, anheimelnder Ort,