Zweites Blatt
Hanauer G Anzeiger
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General-Anzeiger.
Amtliches Orga« flr Stadt- und Landkreis Hanan
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Veraniwortl. Redakteur: ®. Schrecker in Hanau,
Nr. 139
Fernsprechansckluß Nr. 605*
Donuerstaa den 18. Juni
Fmls-rechanW«ß Nr. «05.
1903
Amtliches.
Hekamtmachunz fnr Keffelstadt.
An Stelle der ausscheidenden Beisitzer zum Gewerbegericht
Kesselstadt und zwar
1) aus dem Kreise der Arbeitgeber
a. Philipp Wild,
b. Philipp Stephan,
2) aus dem Kreise der Arbeitnehmer
a. Philipp Diehl IL,
b. Ludwig Geibel
hat eine Ersatz- bezw. Neuwahl zu erfolgen.
Die Liste der wahlberechtigten Arbeitgeber und Arbeiter liegt daher gemäß § 13 des Gewerbegerichtsstatuis vom 17. Juni er. ab 14 Tage lang zu jedermanns Einsicht aus, mit dem Bemerken, daß Personen, die in den Wählerlisten nicht eingetragen, auch nicht wahlberechtigt sind. Einwendungen gegen die Richtigkeit der Wählerlisten werden nur berücksichtigt, wenn sie spätestens innerhalb 3 Tagen nach beendeter Auslegung angebracht und entsprechend begründet werden.
Wählbar ist nur, wer das 30. Lebensjahr vollendet hate . in dem der Wahl vorhergehenden Jahre für sich oder sein, Familie keine Armenunterstützung erhalten, oder solche zurückvergütet hat und in dem Wahlbezirk mindestens 2 Jahre wohnt oder beschäftigt ist.
Wahlberechtigt ist, wer das 25. Lebensjahr vollendet hat und in dem Wahlbezirk wohnt oder beschäftigt ist.
Die Wahlhandlung findet am 10. Juli 1903 in der Zeit von 12 bis 3 Uhr im hiesigen Ratszimmer statt und zwar, Wahl der Arbeiter von 12 bis 2 Uhr und Wahl der Arbeitgeber von 2 bis 3 Uhr.
Kesselstadt den 12. Juni 1903.
Der Vorsitzende des Gewerbegerichts.
Geibel. 10687
polltUeke Rundschau.
Einführung der Einkommensteuer in Frankreich. Außer dem Budget für 1904 wird, wie aus Paris gemeldet wird, der Finanzminister der Kammer auch eine Vorlage, betr. die Einführung einer Einkommensteuer, vorlegen. Die Vorlage geht von dem Grundsätze aus, daß alle Bürger zu den Staatslasten beizutragen haben; doch ist in der Vorlage der Grundsatz der Proportionalität beibehalten, nach welchem gewisse Einkommen, deren Betrag einen bestimmten Mindestmtz nicht erreicht, von der Sreuer frei bleiben; für mittlere Einkommen wird ein Abzug gestattet, und auch die Anzahl der Kinder des Steuerpflichtigen wird bei Festsetzung
Feuilleton.
Das große Ereignis.
Humoreske von Richard Schott.
(Nachdruck verboten.)
Klinglingling — Klinglingling — Klinglingling —
„Ja doch! So hören Sie doch auf zu läuten! — Hier Regiments-Adjutant. Wer ist denn am Apparat?" — „Ach Du bist es, Egon! Was ist denn los, Du reißt uns ja die Klingel ab!"
„Was? Schon wieder Urlaub nach Heringsdorf? Du bist doch in den letzten sechs Wochen viermal drüben gewesen! Hat Deine Schwester vielleicht wieder Geburtstag oder so etwas?"
„Ach nee! Donnerweiter! Du gehst also aufs Ganze? Ja denn allerdings! Der Oberst muß jeden Augenblick kommen. Kannst Du in einer halben Stunde hier sein?"
„Bon — Schluß."
Noch an demselben Abend traf Egon in dem Badeorte ein, dessen Name man, wie er behauptete, nicht aussprechen könne, o)ne Durst zu bekommen. Seine Schwester, durch ein Telegramm verständigt, empfing ihn dementsprechend mit einer köstlichen Psi ühbowle.
Sie bewomue mit Kurtchen, dessen „Fräulein" und einer Küchenfee eine allerliebste Villa dicht am Walde, mit der schönsten Aussicht auf die See. Da ihr junges Eheglück aber auf die Sonntage und den Ehemännerzug angewiesen war, lanoweite sich Frau Klärchen in ihrer Zurückgezogenheit und belohnte die gelegentlichen „Stippvisiten" ihres Herrn Bruders als erlösende Taten immer mit der zärtlichsten Fürsorge.
Aber schon das letzte Mal hatte Egon trotz aller schwesterlichen Liebe eine auffallende Neigung zu einsamen Spaziergängen an den Tag gelegt, und auch heute zog er sich trotz der
ber Steuer in betracht gezogen. Die Einkommensteuer besteht 1. aus einer Personalsieuer von 1^2 Prozent des Gesamteinkommens, wobei gewisse Abzüge gestattet sind; 2. aus einer Mielsteuer im Betrage von 4 Prozent der Wohnungsmiete. Die neue Einkommensteuer tritt an Stelle der bisherigen Personal- und Mobiliar- sowie Tür- und Fenstersteuer. Das Budget für 1904, das der Finanzminister in der Deputierten- kammer vorlegen wird, schließt in der Ausgabe mit 3 571 800 000 Franken (gegen 3 528 400 000 im Budget für 1903) und in der Einnahme mit 3 513 700 000 Franken ab, weist also einen Fehlbetrag von 58100 000 Franken auf.
Englisches Unterhalts. In Beantwortung einer Anfrage über die Beziehungen Englands zu Serbien erklärte Balfour, die diplomatischen Beziehungen hätten mit dem Tode des Königs aufgehört und seien nicht erneuert worden. Die Regierung habe erwogen, ob sie ihrer Mißbilligung über die Verbrechen, welche der serbischen Hauptstadt Unehre bereiteten, durch Abberufung des britischen Vertreters Ausdruck geben solle, sie habe es aber für besser erachtet, daß derselbe an seinem Platz bleibe, um die Ereignisse zu beobachten und zum Schutze der englischen Interessen die nötigen Schritte zu ergreifen. Er werde bei der neuen Regierung nicht beglaubigt werden, ehe die englische Regierung im Besitze oeuauer Nachrichten darüber sei, wie jene zur Macht kam. Die Negierung höre, daß andere Mächte, über deren Haltung Nachrichten eingin"en, ihren Vertreter anwiesen, die vorläufige Regierung als de kueto-Anto- rität anzunehmen, mit der die lausenden Geschäfte zu erledigen seien.
Rittzlan- und Serbien. Die „Nowoje Wremja" schlägt einen scharfen Ton gegen die Serben an wegen ihrer Gleichgiltigkeit gegenüber der Bluttat im Konak und fragt, wer jetzt den serbischen Soldaten trauen könne. Eine Gerechtigkeit lebe aber noch. Wolle sich Serbien nicht von dem allen Menschenherzen Teuren lossagen, so müsse es der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen.
Zur Lage in Serbien. Das „Journal de Genüv.". veröffentlicht folgende Proklamation des Königs von Serbien: An das serbische Volk! Die Gnade Gottes und der Wille des Volkes beriefen mich auf den Thron meiner Vorfahren. Ich erkläre, daß ich mich der Entscheidung des Volkes unterziehe und heute den serbischen Thron besteige. Ich betrachte es als meine erste Pflicht, Gott für die Gnade zu danken, und spreche gleichzeitig die Hoffnung aus, daß die Mächte meine aus gesetzlichem Weg vollzogene Thronbesteigung anerkennen werden, dies umsomehr, als ich entschlossen bin, Serbien einer Aera der Ruhe, Ordnung und Wohlfahrt zuzuführen. Ich erkläre, daß ich mein Königswort gebe, daß ich die Rechte aller achten werde. Ich werbe mein Möglichstes tun, um ein
Pfirsichbowle gleich nach dem Abendbrote meuchlings zurück. — Wohin? Weshalb? —
Ja, ja, der Regiments-Adjutant hatte die Sache erfaßt: Egon ging aufs Ganze. — Im vorigen Winter hat er Ella bei einer befreundeten Familie kennen gelernt, aber in Berlin keine Gelegenheit gefunden, ihr näher zu treten. Dann waren sie sich in Heringsdorf wieder begegnet und in der Sommerfrische hatte sich alles bald von selbst gemacht.
Segelpartien — Picknicks im Walde — Radler-Ausflüge bolen nur allzuguten Nährboden für den keimenden Bazillus der Liebe. Bald hatten sich auf beiden Seiten ernsthafte Symptome gezeigt, und jetzt war der Zustand bei Egon so akut geworden, daß nur eine schleunige Operation Hilfe bringen konnte.
Die Operation war gefahrvoll, das wußte Egon, denn, wenn er auch Ellas sicher zu sein glaubte, so hatten doch deren Eltern bisher noch recht wenig Teilnahme für seine Beklemmungen an den Tag gelegt. Im Gegenteil, der Geheimrat, als Leuchte der ärztlichen Wissenschaft eine sehr skeptische Natur, schien geneigt zu sein, daS ganze Leiden bei Egon mehr in der Portemonnaie- als in der Herzgegend zu vermuten, und auch die Frau Geheimrätin hatte sich in der letzten Zeit auffallend abgeneigt gezeigt, als Egons Huldigungen ihr einen allzu ernsthaften Charakter an zunehmen schienen. Aber das schreckte ihn nicht, und wenn Ella ihn nur einigermaßen ermutigte, sollte diesmal der große Schritt gewagt werben.
Um sich diese Ermutigung zu holen, war er der schwesterlichen Psirsichbowle untreu geworden unb auf die Promenade geeilt. Der Geheimrat liebte abendliche Spaziergänge, und richtig, kaum war Egon an der Landungsbrücke als er in zwanzig Schritt Entfernung unter einer Bogenlampe^ einen grauen Zylinder auftauchm sah, daneben^ einen mächtigen Busch violetter Blumen und einen kleinen Strohhut morosem Bande, unter dem hervor bald darauf zwei elektrische Funken auf ihn übersprangen, die sein Herz zu wilden Schlägen an
konstitutioneller König und Hüter der Gesetze und des Wohlergehens meines teuren Volkes zu sein. Darum fordere ich mit meinem ersten Manifest alle Kirchenhäupter, Staatsbeamte und Militärchefs auf, in ihren Funktionen zu verbleiben. Ich empfehle ihnen, die ihnen anvertrauten Obliegenheiten gewissenhaft zu erfüllen, und erkläre, daß ich alle die persönlichen Vorkommnisse, welche in den letzten 40 Jahren unter den außerordentlichen Verhältnissen einander folgten, der Vergessenheit übergebe. Jeder aufrichtige Serbe wird unter meiner Regierung den nötigen Schutz für ein moralisches und materielles Leben finden. Die Devise meiner Dynastie war immer: „Für das heilige Kreuz und unsere teure Freiheit!" Mit dieser Devise, die mich einerseits an die Armee und andererseits an die orthodoxe Kirche bindet, besteige ich den Thron als Peter I., König von Serbien. Ich bitte Gott, seine Gnade über mein Volk zu verbreiten, und sende allen meine königlichen Grüße.
Der Mürst von Montenegro sandte an König Peter eine Depesche mit dem Ausdruck seiner herzlichen Glückwünsche zur Thronbesteigung. Er hoffe, daß die schweren Zeiten für die serbische Nation jetzt vorbei seien und eine bessere Zukunft für alle Serben vom Adriatischen Meer bis zur Donau heraufkomme. Die Freundschaft und Brüderlichkeit zwischen Serbien und Montenegro seien von nun an unauflöslich. Das ganze serbische Volk wünsche Glück für die Zukunft des Königs Peter, des Schwiegersohnes und geliebten Bruders des Fürsten Nikolaus. — Der Sekretär des neuen Königs erwiderte einem Interviewer auf die Frage, wie es sich mit der durch die Presse gehenden Nachricht verhalte, Folgendes: „Die Skupschtina hat die Immunität der Teilnehmer an der Verschwörung ausgesprochen.
Aus Marokko. Der „Times"-Korrespondent Karris wurde in der Nähe von Zeerat von Gebirgsbewohnern gefangen genommen.
Die deutschen Handwcrlcr-OrMisationeu.
In dem neuesten Hefte der Conradschen Jahrbücher findet sich ein höchst interessanter und lehrreicher Aufsatz über die deutschen Handwerker-Organisationen. Es wird darin der Stand der betreffenden Organisationen dargelegt und auf dem Wege des Vergleiches gezeigt, welche Wirkungen das Gesetz vom 26. Juli 1897, das sogenannte Handwerksgesetz, in dieser Richtung ausgeübt hat.
Wie sich die Verhältnisse der Innungs-Entwicklung seit dem Inkrafttreten des Handwerksgesctzes gestaltet haben, zeigt eine vergleichende Statistik der Jahre 1896 und 1902. Es hat in diesem Zeitraum die Anzahl der Innungen um 69 zu- zugenommen, und die Zahl der Mitglieder ist von 331364 auf 457283, also um 125919 oder um 3'8 v. H. gestiegen. Die Zahl
feuerten und sein ganzes Sein mit leidenschaftlicher Spannung erfüllten.
In diesem Augenblick stand es bei Egon fest: Dieses Mal oder nie!
Wenn nur irgend ein großes Ereignis bei der Hand gewesen wäre, um die Attacke vorzubereiten. Aber soviel er auch darüber nachdachte, es wollte ihm nichts Vernünftiges einfallen, und bis in die Nacht hinein verfolgten ihn diese quälenden Gedanken.
Zivar rettete er im Halbschlaf den Geheimrat mehrmals nom'fuÈern Tode, und sogar ins Damenbad verirrte sich seine aufgewühlte Phantasie. — Ein furchtbarer Schrei — er sah die Geheimrätin in den Wellen verschwinden. Ohne sich zu besinnen, in voller Uniform, sprang er ihr nach. Endlich hatte er sie, und trotz ihrer neunzig Kilo trug er sie sicher ans Ufer. — Schluchzend umarmte ihn der dankbare Gatte! Mein Sohn! Mein Sohn! Da hast du deine Ella.
Trage sie eben so sicher durchs Leben, wie du ihre Mutter durch die Fluten getragen hast. — Ach es war himmlisch!
Aber um so schrecklicher war das Erwachen. — So friedlich lag draußen im goldigen Schein der Morgensonne die See. — Da gab es nichts zu retten! ,
Ein Königreich für ein großes Ereignis!
Niedergeschlagen erschien er beim Tee. Frau Klärchen war etwas verschnupft.
„Du hast mich schön versetzt, gestern abend," sagte sie, „dir werde ich bald wieder eine Pfirsichbowle anrichten. Aber zur Strafe laß' ich dich heute den ganzen Vormittag los. Du kannst mit Kurtchen an den Strand gehen, und ich komme später nach." ,,
„Ich? Mit Kurt an den Strand?" rief Egon entsetzt.
„Das fehlte gerade noch!"
„Ja natürlich! Das Fräulein ist krank. Das Kind ist an die Seeluft gewöhnt. Etwas wirst du doch wohl für deine arme Schwester tun könnens