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Reicbstagswäbkr

des Wahlkreises ^anau-Gelnhausen-Orb !

Nur kurze Zeit noch trennt uns von dem Tage, der darüber entscheiden soll, in wessen Hönde das deutsche Volk für die nächsten fünf Jahre seine höchsten Interessen legen wird. Groß ist die Zahl derjenigen, welche bereit sind, Euer Wohl und Wehe im Reichstage zu vertreten. Wenn der Wähler aber die Liste der diesmaligen Kandidaten überblickt, fällt ihm trotzdem die Wahl nicht schwer. Denn er wird naturgemäß demjenigen Kandidaten seine Stimme geben, welcher durch seine Person und durch die politischen Grundsätze, zu denen er sich bekennt, die Gewähr dafür bietet, daß er das auch halten wird, was er verspricht, und der in der Lage ist, unabhängig von jedem Zwang nur nach eigenem Ermessen in jedem Falle seine Entscheidungen zu treffen. Alle diese Vorzüge findet der Wähler in der Person des Kandidaten der Freisinnigen Volkspartei, Herrn Rudolph Küstner, vereinigt. Außerdem verpflichtet sich Herr Küstner im Falle seiner Wahl für die gerechten, den Zeitverhältnissen angepaßten und allen deutschen Bürgern ohne Unterschied des Standes, der Partei und der Konfession zu Gute kommenden Forderungen der Freisinnigen Volkspartei einzutreten, als da sind:

Erhaltung aller dem Volke durch die Verfassung gewährleisteten Rechte, insbesondere des geheimen, gleichen direkten Wahlrechts für den Reichstag. Das Vorgehen der Konservativen, Nationalliberalen und des Zentrums in der Zolltarif-Angelegenheit im Reichstage läßt in dieser Beziehung das Schlimmste befürchten.

Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Größere Berücksichtigung der Bürgerlichen bei der Besetzung der höheren Beamtenstellen.

Dauernde Sicherstellung der zweijährigen Dienstzeit. (Dieselbe ist an das sog. Quinquennat gebunden, welches im Jahre 1904 abläuft, und wird, falls die bisherige Mehrheit wieder in den Reichstag kommt, nur auf Kosten weiterer erhöhter Militärforderungen wieder zugestanden werden).

Verminderung jedes unnützen Aufwandes für Heer und Marine. Beförderung von Offizieren lediglich nach Maßgabe der Tüchtigkeit. Wirksame Maßnahmen gegen Soldatenmisshandlung. Herabsetzung der Ausgaben für die Kolonien.

Beschränkung aller Ausgaben im Staatshaushalt. (Millionen werden in Deutschland alljährlich verschwendet für gänzlich zwecklose Versetzungen von Beamten aller Kategorien u. a. m.)

Im IntCrCSSC der Reamten tritt die Freisinnige Volkspartei u a. ein für eine höhere Servisklasse für Hanau, was bei den teueren Lebensverhältnissen daselbst eine wohl berechtigte Forderung ist. (Ueberhaupt sind die berechtigten Forderungen der Unter­beamten von den Rednern unserer Partei im Reichstage, wie Goldschmidt, Müller-Sagan, Funk, Kopsch, Dr. Hirsch und Dr- Crüger immer ganz energisch vertreten worden.)

Alle Massnahmen, die zur Hebung des Mittelstandes dienen können, finden durch die Vertreter unserer Partei die wärmste Unterstützung. Dieselben sind: Gewerbefreiheit, Fortentwickelung des Genossenschaftswesens auf der Grundlage der Selbsthülfe, Pflege der Handwerker- und Gewerbevereine, zweckmässige Gestaltung des öffentl. Submissions wesens, Abänderung des Börsengesetzes, und Aufhebung aller Bestimmungen desselben, welche das Großkapital begünstigen und die natürliche Preisgestaltung erschweren. Energisches Eintreten gegen die Zollpolitik im Dienste von Sonderinteressen (Großgrundbesitz u- Großindustrie), und Beschaffung billigen Rohmaterials. Zu diesem Zwecke sind langfristige Handelsverträge mit dem Auslande vonnöten, welche gegenüber den Forderungen des Bundes der Landwirte, wie sie auch der hiesige Candidat der Nationalliberalen vertritt, niemals zustande kommen werden.

Zur sozialen und wirtschaftlichen Hebung der unteren Volksklassen erstrebt die Freisinnige Volkspartei: Reichsgesetz­liche Regelung des Vereins- und Versammlungsrechts auf freiheitlicher Grundlage, Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung, Verbesserung der Arbeiterversicherung, sowie billige Volksernährung und ausreichende Arbeitsgelegenheit, wie sie durch Handelsverträge mit dem Aus­lande gesichert werden.

Zur Hebung der Landwirtschaft fordert die Freisinnige Partei: Die Schaffung von Verkehrswegen, den Bau von Kleinbahnen, billige Tarife für die Zufuhr von Dung- und Futtermitteln, Ermässigung der Fahrpreise dritter Klasse auf die Sätze der vierten Klaffe, Hebung der Viehzucht, Erleichterung des Erwerbs von Grund und Boden, Erweiterung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens, Beseitigung der kommunalen Privilegien des Großgrundbesitzes, Selbstverwaltung der Landgemeinden nach dem Recht der Städte, insbesondere auch Wahrnehmung der Polizei- verwaltung durch die Gemeindevorsteher, überhaupt Alles, was dem kleinen und mittleren Bauer förderlich und dienlich ist Hierzu rechnet sie nicht den Zoll­tarif, welcher dem Klein-Bauer die notwendigen Bedarfsartikel und landwirtschaftlichen Geräte, ebenso wie die Futtermittel verteuert, ohne daß ihm die Getreidezölle den geringsten Nutzen bringen.

Keinerlei Erhöhung der Tabak- oder Brausteuer, wie sie von der Regierung und dm ihr ergebenen Parteien gefordert werden wird. (In Betreff der für unseren Wahlkreis so hochwichtigen Frage der erhöhten Tabak-Besteuerung hat der Kandidat der Konservativen in unserem Wahlkreise keine bindende Zusage gegeben; ebensowenig betr. der Brausteuer. Der Genannte hat es überhaupt abgelehnt, in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung ein festes Programm aufzustellen).

Friedlicher Ausgleich der entgegenstehenden Interessen aller Stände und Berufsklassen auf dem verfassungs­mässigen Boden des Bundesstaates und in Treue gegen Kaiser und Reich. Entschiedene Stellungnahme gegen jede Erregung von Klassens oder die Hineintragung des religiösen Elements in die Politik und in Fragen, die lediglich wirtschaftlicher Natur sind.

Nur wenn ein entschiedener Liberalismus bei der Wahl zum Siege gelangt, dann können wirksam die Volksrechte gewahrt werden gegenüber dem Andrängen der Reaktion. Die Sozialdemokratie mit ihren extremen Forderungen und ihrem absolut negativen Verhalten ist weder stark genug, noch geeignet, diesem Ansturm von rechts zu begegnen Dazu bedarf es einer starken bürgerlichen Linken. Wer dazu beitragen will, daß einer solchen zum Siege verholfen wird, der wähle den

Kandidaten der freisinnigen Volkspartei, Herrn Budolph BGästnex*, Hanan.

He** Rudolph Küstner hat lange Jahre unter uns gelebt und jeder Zeit bereitwillig die reichen Gaben feines Geistes und Herzens zu Nutz und Frommen feiner Mitbürger in den öffentlichen Dienst gestellt. Die Kraft seines Willens und die Klarheit seiner Auffassungen bieten uns die Sicherheit, daß er dir Grundsätze, zu denen er sich bekennt, auch wirksam vertreten wird.

Darum gebe der Wähler am 16. Juni seine Stimme keinem anderm als

Herrn Rudolph Küstner, Hanau.

Hanau, im Juni 1903.

Druck von Georg Heydt Nachf. in Hamm.

Der Vorstand der Freisinnigen Volkspartei.