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Zweites Blatt

Hanauer G Anzeiger

Bezugspreis:

Vierteljährlich 1,80 M., monatlich 60 Pfg., für aus- bärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postmyschlag.

Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg. ^

General-Anzeiger.

bedruckt und verlegt in der Buchdruckerei deZ »ji£ut. eo. , WaisenhaufeI in Hanau.

Amtliches Organ fit Stadt- und Landkreis Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme bet Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

M^. 78» Fernfpretlans'f'lttß Nr. 605.

Donnerstag den 2. April

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Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 ^/ die" Mf, 2^EW Miitzeüe oder daren Daum, st,>«tHZZ>â-« im Reklamelltheil die Sole 25 * - ''

für Auswärts 35 Pfg.

»etatIM Redaktem: G. Lchrâ^iis'H^^

Fernsprechansâlnß Nr. 605.

Amtliches

Candkms Banau. Bekaunimachunaen des Kömql. Landratsamtes. Jiiualideil-fSelbst-) VcrsiHermlg betreffend.

Trotzdem wiederholt öffentlich auf die durch das Jnvaliden- versiâerungsgesetz vom 13. Juli 1899 zugelassene Selbst- versicheritltg hingewiesen wurde, ist von derselben seitens der in Betracht kommenden Personen bisher in nur sehr ge­ringem Umfange Gebrauch gemacht worden. Es muß deshalb angenommen werden, daß die Beteiligten von den durch das genannte Gesetz gewährten Vergünstigungen immer noch nicht hinreichend unterrichtet ünd, um die Vorteile, welche ihnen geboten werden, zu erkennen und auszunützen. Ich nehme daher nochmals Veranlassung, auf die gesetzlichen Bestimmungen hinzuweisen.

Während zur Weiterversicherung alle diejenigen Personen befugt sind, welche aus einem die VersicherungSpfticht be­gründenden Verhältnis ausscheiden, sind zur Selbstvek- sicherung berechtigt, auch wenn sie noch niemals in einer versicherungspflichtigen Beschäftigung gestanden haben, indes nur so 'ange sie das 40. Lebensjahr nicht vollendet haben:

1. Betriebsbeamte, Werkmeister, Techniker, Handlungs­gehilfen und sonstige Angestellte, deren dienstliche Beschäftigung ihren Hauptberuf bildet, ferner Lehrer und Erzieher, sowie Schiffsführer, sämtlich, sofern ihr regelmäßiger Jahresarbeits- verdienst an Lobn oder Gehalt mshr ttls 2000 Mark aber nicht über 3000 Mark beträgt. Ausgenommen von der Sklbstversicherung sind jedoch Handlungslehrlinge.

2. Gewerbetreibende und sonstige Betriebsunternehmer, die nicht regelmäßig mehr als 2 versicherungspflichtige Lohnarbeiter beschäftigen, sowie Hausgewerbetreibende, sämtlich, soweit nicht durch Beschluß des Bundesrats die Versicherungspflicht auf sie ausgedehnt worden ist. Das letztere ist der Fall bei den Hausgewerbetreibenden der Tabakfabrikation und verschiedenen Hausgewerbetreibenden der Textilindustrie. (Weber, Wirker, einschließlich Inhaber solcher Nebenbetriebe). Abgesehen von den Hausgewerbetreibenden sind im allgemeinen hiernach zur Selbstversicherung befugt: Landwirte, Pächter, Kaufleute, Krämer, Händler, Hausierer, Gast- und Schankwirte, nicht in fremden Dienst stehende Handwerker, nicht versicherungspflichtige Schneiderinnen, Näherinnen, Stickerinnen u. s. w., Personen, die aus der Verrichtung von persönlichen Diensten bei wechseln­den Auftraggebern ein Gewerbe machen, z. B. selbständige Dienstmänner, Fremdenführer, Boten, Lohndiener, Hebammen, Krankenpflegerinnen rc.

Diese Personen können also von der Selbst Versicherung Gebrauch machen, wenn sie regelmäßig keinen oder einen

Feuilleton.

Der Zweck heiligt die Mittel.

Skizze von Hans Reis.

(Nachdruck verboten.)

Der Landgerichtsrat Lenze war ein großer Jäger vor dem Herrn. Auch heute war er wieder bei Zeiten auf den Anstand gegangen.

'Hurra! Der Vater ist wieder da!" Der siebenjährige Hans schrie es mit bemerkenswerter Lungenkraft in die Wohn­stube. Schmetternd fiel die Tür hinter ihm ins Schloß.

Die beiden andern hoffnungsvollen Sprößlinge der Familie, der zehnjährige Kurt und der dreizehnjährige Helmut stürmten gleichfalls in den Korridor. Mit wahrem Jndianergeheul um- tanzten sie den kühnen Jäger.

Hast Du was geschossen, Vater? Hast 'nen Haien?' An, ich seh'n schon! Die Jagdtasche ist ganz dick."

Mutter! Mutter! Er hat einen!"

Ruhig, Jungens! Ihr seid ja wieder ganz außer Rand und Band. Zum Donnerwetter, ruhig hab' ich gesagt! Kurt laß die Jagdtasche hängen! Na ... . meinetwegen." Er uch n höchstselbst mit triumphierender Miene einen prachtvollen Hasen aus der Jagdtasche.Bringt ihn mal Mutiern."

In dem gemütliâeu Wohnzimmer begrüßte der Heimge­kehrte zunächst die Gattin, eine noch jugendlich auSsehende zarte Blondine. Das achtzehnjährige Töchterchen Mieze erhielt einen Kuß auf die rosige Wange und der Pfarrer Brenzel, sein Schwager, den üblichen Händedruck.

Na, Kinder, was sagt Ihr zu Eurem Vater?" Der Herr Rat rieb sich schmunzelnd die Hände.Ein kapitales Haschen, was?"

Herrlich!" lobte die Gattin. Und zu dem Bruder ge­wandt'fügte sie hinzu:Otto ist wirklich ein Prachtmaun!

höchstens zwei versicherungspflichtige Lohnarbeiter beschäftigen. Ihr Selbstoersicherungsrecht wird sonach nicht ohne weiteres durch die Beschäftigung von mehr als 2 Lohnarbeitern ausge­schlossen. Dies ist nur dann der Fall, wenn die Beichäfti-

Sg regelmäßig, also eine ständige ist und wenn die beschäf- !N Lohnarbeiter versicherungspflichtig sind. Das Selbst­versicherungsrecht wird durch eine vorübergehende ausnahms­weise Beschäftigung von mehr als 2 versicherungspflichtigen Lohnarbeitern nicht beeinträchtigt. Nichtoerfichernugspflichtige Lohnarbeiter (z. B. gegen freien Unterhalt tätige Angehörige, Lehrlinge) berühren das Recht zur Selbstversicherung nicht (also ist z. B. ein Handwerker, der zwei Gesellen und außer­dem mehrere Lehrlinge, diese aber nur gegen freien Unterhalt, beschäftigt, selbstversicherungsberechtigt).

3. Personen, die für ihre Arbeitsleistungen nur freien Unterhalt bekomme!! und die nur vorübergehend Dienstleistungen verrichten und deshalb der Versicherungspflicht nicht unterliegen. Wenn sich diese Personen selbst versichern, so können sie von ihren Arbeitgebern die Zahlung der Hälfte der geleisteten Ver­sicherungsbeiträge verlangen.

Allen den vorstehend unter 1 bis 3 genannten Personen, von denen viele selten sich in besseren wirtschaftlichen Verhält­nissen befinden werden, als die der Versicherungspfticht unter­worfenen Personen, kann die Selbstversicherung warm emp­fohlen werden, da sich diese Versicherung als die beste Ver­zinsung der durch die geringen Beiträge aufgewendeicn Summe darstellt.

Die freiwillige Versicherung ist an die Entrichtung von Beiträgen einer bestimmten Lohnktasse nicht gebunden, die Wahl der Lohnklasse steht dem Selbstversicherer frei.

Hanau den 28. Februar 1903.

Der Königliche Landrat.

J. 147 v. Beckerath.

Eine Lektion.

Alle Sachverständigen stimmen darin überein, daß die Zer­störung der schwachen, meist aus hölzernen Schiffen bestehenden Kriegsflotte der Spanier bei Manila keine große Heldentat war. Gleichwohl gilt Admiral Dewey in Amerika als großer Held, und es mag auch nicht geleugnet werden, daß er sich als tüchtiger Seemann bewährt hat. Es ist Sache der Ame­rikaner, wie hoch sie seine Taten bewerten wollen. Der Ame­rikaner hat viel Selbstgefühl und liebt den Ruhm. Ins Ex­treme ennvickelt, wird das Selbstgefühl zum Protzenürm, die Ruhmliebe zur Reklame. Der Amerikaner entschuldigt solche Auswüchse leichter als der Europäer ; es gehört zum Geschäft, und in der geschäftlichen Rührigkeit ist er Meister.

Bis nachts um 2 Uhr war er im Schwurgericht, und nun heute nachmittag schon wieher auf Jagd."

Herrgott macht doch kein Aufhebens von solch 'ner ein­fachen Sache." Wohlgefällig strich sich der Landgerichtsrat über den schon stark mit grau gesprenkelten Bart.War ja 'ne Kleinigkeit! Meine Frau sagt zu mir: Otto, ich könnte wohl einen Hasen gebrauchen; aber Du bist natürlich zu müde. Was? sage ich. Einen Hafen? Du hast nur zu befehlen!"

Ein feistes Bürschlein! Dabei strich der Herr Pfarrer dem armen Lampe fast zärtlich über das braune Fell.Ja, ja, wenn mich mein Beruf nicht hinderte, so würde ich auch gern dem edlen Waidwerk obliegen."

Oh, Onkelchen, jeder trifft aber nicht so gut wie der Vater," bemerkte die blonde Mieze etwas schnippisch.

, Der Landgerichtsrat strahlte. Er tat nichts lieber, als sich so in der allgemeinen Familienbewunderung sonnen. Die Jungens umdrâttgen ihn jetzt stürmisch.Ach, Väterchen, er­zähl doch. Bitte! Wie war cs?"

Ja, Kinder, diesmal war es wirklich keine Kleinigkeit. Ich möchte beinahe sagen, Ihr könnt stolz sein auf Euern Vater. . Als ich ranskam, war es schon schummerig. Weit und breit kein Lampe zu sehen. Ich wartene Viertelstunde . . . ne Hälfte Stunde . . . Da auf einmal .... geht mein W aus so auf sünfzig bis sechzig Schritt und äugt mich an. . Als ich die Flrnte an die Backe nehme und loS- drucken will^ mein Hase heidi! Nur die Blume sah ich noch . ."

Was fürne Blume?" Hänschen bohrte seine neugierige : case förmlich in das Antlitz seines Erzeugers.

Dummer Junge! Den Sâwanz nennt man Blume. Also ich schieß, und ich sag Euch, Kinder unterm Feuer lag er da."

Ah!" machte alles, nur Kurt schloß sich aus.

Das ist doch aber komisch, Väterchen," sagte er langiam mit nachdenklicher Miene.Du schoß' st von hinten, und sieh' mal, der Schuß sitzt vorne dicht neben dem Auge."

Der Landgerichtsrat fuhr ärgerlich auf.

Aber selbst nach amerikanischen Begriffen ist Admiral Dewey als Redner nicht so glücklich wie als FloUrusührer. Kürzlich hat er sich abfällig über die KriegLtüchtigkeit her deutschen Marine geäußert und sich gerühmt, mit seinem großen Uebungsgeschwader im karaibischen Meer während der deutsch- englischen Blockade vor Venezuela dem deutschen Kaiser eine Lektion erteilt zu haben. Sollten wir unS darüber aufregen? Gewiß nicht; denn jedermann weiß, auch in Amerika, daß die wenigen deutschen Schiffe nicht zn einer Kraftprobe unserer Seemacht nach Venezuela geschickt waren. Einige Zeitungen wollten zwar wissen, daß der deutsche Gesandte Frhr. Speck von Sternberg zu schleunigem Bericht über die Rrdeaffaire aufgefordert oder gar zur Erhebung von Vorstellungen bei dem Kabinett in Washington angewiesen worden wäre. So auf­geregt sind der Reichskanzler und das Auswärtige Amt nicht, und es wäre ein schlechter Vertreter, der nicht von selbst über einen Vorfall wie diesen berichtete. Denn bemerkenswert war er immerhin, zumal der Admiral Dewey eine hohe aktive Stelle in der Seemacht der Vereinigten Staaten bekleidet. Präsident Roosevelt hat es aus freiem Antriebe für nützlich gehalten, den redefreien Admiral vor sich zu laden und ihm Vorhal­tungen über das Unpassende seines Verhaltens zu machen. Auf diesen Beweis von Takt konnten die Leiter der deutschen Poli­tik ohne weiteres rechnen, und daß sie sich nicht verrechnet haben, kann uns nur in jeder Beziehung zur Genugtuung gereichen.

Einzelne deutsche Blätter haben die Angelegenheit benutzt/ um den Wun'ch zu äußern, unser Kaiser möge mit Freundlich­keiten gegenüber Amerika sparsamer sein. Insbesondere wurde darauf verwiesen, daß der Kaiser dem Präsidenten Roosevelt habe wissen lasten, wenn die amerikanische Uebungâflotte nach Europa komme, werde sie auch in Kiel willkommen sein, und daß der Präsident geantwortet habe, die Flotte gehe nur nach den Azoren, ohne europäisches Festland zu berühren. Wir sehen nicht ein, rote man darin etwas Nachteiliges für uns erblicken kann. Den Wunsch, mit den Vereinigten Staaten in möglichst freundlichen Beziehungen zu leben, hegen wir doch nicht um der schönen Augen der Amerikaner und Amerikane­rinnen willen, sondern weil er unsern politischen Interessen entspricht; und ihn zu erkennen zu geben, wäre nur dann ein _ Fehler, wenn Ansichten ü la Dewey in Amerika herrschten. Daß dies aber nicht der Fall ist und vielmehr derselbe Wunsch bei den verantwortlichen Staatsmännern der Vereinigten Staaten besteht, hat gerade die freiwillige und schnelle Lektion des Präsidenten Roosevelt wegen der Rede- entgleisung des Helden von Manila deutlich bewiesen, deut­licher, als es die Annahme einer von vornherein bedingten, gelegentlichen Einladung nach Kiel hätte tun können.

Red' Du doch, wenn Du gefragt wirft, ja! Es ist ein zu naseweiser Bengel! Das nimmt auch immer mehr zu!"

Im Kasino war Ball. Alle Räume strahlend erleuchtet.

Pst, pst. Mieze! Lauf mir doch nicht davon. Ich bin ja froh, daß wir hier mal ein paar Augenblicke allein miteinander plaudern können."

Der die niedliche Mieze Lenze also abrief, war ein großer, blonder Herr mit ein Paar lustigen Augen und einem kecken Schnurrbârtchen.

Ach Gott, Max . . . Wenn aber der Papa kommt."

Unbesorgt. Der sitzt mit zwei gesinnungstüchtigen Män­nern beim Skat. Für einige Stunden ist er unschädlich ge­macht."

Pfui! So etwas sollst Du nicht sagen."

Gut, ändern wir das Thema. Du siehst heute wieder reizend aus, Mieze!Einen" Kuß muß ich haben."

Zuerst sträubte sie sich zwar etwas, dann aber duldete sie.

Oh, nein . . . Max!" Jetzt war sie ernstlich empört. Du das warenvier" Küffe!"

Verzeih', Schatz. Kopfrechnen war immer meine schwache Seite." <

Cs ist aber doch Unrecht. Der Vater sagte erst heute vor dem Ball: daß Du mir nicht wieder soviel mit Assessor Glogau tanzt. Ich will das nicht."

Oh weh! Oh weh! Der alte Herr beehrt mich also immer noch mit seiner Ungnadei"

Sie nickte nur.

Ich weiß gar nicht, was er an mir auszusetzen hat? Ich bin doch in der Wahl meiner Eltern sehr vorsichtig gewesen. Auch bin ich weder polizeilich bestraft noch sonst mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch in Konflikt geraten. Ich war erst selten verliebt und noch niemals verlobt. Wer kann das alles heutzutage von sich sagen?" .

Ich glaube, Max, Du bist ihm nichtbescheiden" genug. Der Vater hat es gern, wenn man ihn so'n bischenhofiert."