Zweites Blatt
Bezugspreis :
Vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für auswärtige Abonnenten mit dem betresfenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev.
General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan.
Eiurückungsgebühr:
Für Stadt- und Landkreis £anau 10 Pfg. die fünf« gespaltene Petitzeile oder deren Ramu, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
M»I,»H»»I-S in H«»»». Ersch-Mt tägNch mii «xsmhm- dir Emn- und M-ri-g-, mit b-il-trijtisch-r Beilage. »--â.,L Mati™ : «. Sch,,--, in 4«.«.
Nr. 44.
FernsMll'anMuß Nr. 605»
Samstaa den 21. Februar
Fernsprechanschluß Nr. 605»
1903
Politische Rundschau.
Kaiserliche Anerkennung. Kieler Blättern zufolge richtete der Kaiier nach Aushebung der Blockade in Venezuela an Kommodore Scheder folgendes Telegramm: „Ich habe ans Ihren Berichten mit Befriedigung die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie, die Kommandanten und Besatzungen meiner SLiffe in den venezolanischen Gewässern während der Blockade-Operationen unter schwierigen Verhältnissen im vollsten Maße ihre Schuldigkeit getan itnb ihre Ausgabe gelöst haben. Mit Genugtuung nehme ich, nachdem nunmehr die Blockade aufgehoben ist, hieraus Veranlassung, Ihnen, den unterstellten^Offizieren und Mannschaften meine vollste Zufriedenheit für die geleisteten Dienste anszusprechen und beauftrage Sie, dies bekanntzugeben."
Kaiser Manöver. Das „Armeeverordnungsblatt" veröffentlicht eine kaiserliche Ordre vom 12. Februar betreffend größere Truppenübungen im Jahre 1903. Die Ordre bestimmt unter anderem: Das 4. und 9. Armeekorps halten Manöver vor dem Kaiser gegen das 12. (erste sächsische) und 19. (zweite sächsische) Armeekorps ab. Größere Pionierübungen werden an der Weichsel bei Graudenz und an der unteren Mosel und am Mittelrhein bei Koblenz abgehalten.
Regierungspräsident von Tepper-Laski in Köslin hat sein Abschiedsgesuch eingereicht.
Der Wechsel im Posener Oberpräsidium. Als Nachfolger des Oberpräsidenten von Bitter wird jetzt auch der Landeshauptmann von Posen, von Dziembowski, genannt. Vor seiner Wahl zum Landeshauptmann als Nachfolger des jetzigen Staatssekretärs Grafen Posadowsky war Herr von Dziembowski Oberprüsidialrat in Posen. — Nach einer Depesche aus Posen verlautet dort, daß die meisten Aussichten auf die Nachfolge Bitters der Landrat von Stubenrauch in Berlin und der frühere Regierungspräsident in Breslau, von Heydebrand, hätten.
PaPsi-JubilättM. Aus Rom wird telegraphiert: Gestern begannen die Feierlichkeiten anläßlich des 25jährigen Pontifikats-Jubiläums des Papstes. Mittags begab sich der Papst bei bester Gesundheit unter lebhaften Beifallsbezeigungen und Hochrufen in die Sala Regia und erteilte den dort Versammelten den Segen. In seiner Umgebung befanden sich die höchsten Würdenträger. Die Nobelgarden gaben das Geleite. Von der Sala Rema ging der Papst in den Saal der Seligsprechungen, wo sich 6000 Geladene, darunter eine kleine Schar belgischer Pilger, befanden. Unter neuen Beifallskundgebungen bestieg der Papst den Thron; zur Rechten nahm die Familie Pecci Aufstellung, zur Linken die außerordentliche spanische Gesandtschaft. Außerdem wohnten der Feier sieben Kardinäle, mehrere Bischöfe und andere Geistliche bei. Kardinal Fer-
Feuilleton.
Fräulein Professor.
Humoristische Skizze von Paul A. Kirstein.
(Nachdruck verboten.)
Fräulein Professor, Fräulein Professor . . .
Ach, sie hatte die Menschen gehaßt, die sie mit ihrem Stu- >inm neckten, die diesen Spitznamen für sie erfanden, nur weil pe nicht so oberflächlich war, wie sonst die jungen Damen ihres Kreises, nur weil sie höher hinaus wollte und ernsteres er- i rekte, clu es sonst üblich war. Sie hätte mit kaltem Blute den umbrmgen können, der neckend zuerst bas „Fräulein Professor gebrauchte, denn schon nach wenigen Tagen nannte sie seder so, schon nach wenigen Wochen schien jeder ihren eigentlichen Namen vergessen zu haben, und sie hörte es noch immer, trotzdem nun Jahre verflossen und sie selber eine junge Frau, eine Frau Doktor war.
Aber gleich nach der Schulzeit begann der Jammer schon. Damals war sie gerade sechszehn Jahre alt, und man entließ sie, weil sie auf der Schule nichts mehr lernen konnte.
„Lassen Sie Ihre Fähigkeiren nicht verkommen, liebste Else," hatte die Lehrerin gesagt, die eigentlich auch ihre treueste Freundin war. „Die jetzige Zeit^ ist den Frauen günstig. Und wer in der glücklichen Lage ist, etwas leisten zu können, der soll es tun — um seiner selbst mitten .... und für die anderen Frauen, denen er damit die Wege ebnen kann."
Und Else Rewald, die Tochter des reichen Rentiers Rewald, hatte ihr die Hand gedrückt: „Ich möchte ja so gerne studieren, nur weiß ich nicht, ob mein Vater einverstanden ist. Ich getraue mich kaum, es ihm zu sagen."
Von der Freundin geleitet, hatte sie es endlich gewagi. ,
„Meinetwegen," hatte der Vater geantwortet. „Wenn s Dir Spaß macht ... Es ist immer noch besser, als den Tag
rare verlas namens der lombardischen Pilgerschaft eine Glückwunsch-Adresse. Der Papst dankte und erteilte den Segen. Darauf wurden dem Papst mehrere Geschenke, darunter eine Tiara, überreicht. Um I Uhr begab sich der Papst unter neuen enthusiastischen Kundgebungen in seine Gemächer zurück.
Dcntschcr Reichstng.
(Sitzung vom 20. Februar.)
Etat des Reichsamts des ^iutmt.
Eingegangen ist die Novelle zum Krankenkassengesetz. Die zweite Beratung des Etats des Reichsamts des Innern wird fortgesetzt bei dem Titel „Kosten der Maßregeln gegen die Reblaus" und dem dazu vorliegenden Anträge Blankenhorn-Dein- Hardt. — Nach längerer Debatte wird der Titel bewilligt, die Resolution beinahe einstimmig angenommen. Titel 16 und 17 werden debaiielos genehmigt. Bei Titel 19 „Förderung wissenschaftlicher Bestrebungen auf dem Gebiete der Landwirtschaft" wünscht Abg. Herold (Bin), daß eine Statistik der Getreibepreise durch eine Art amtlicher Korporation festgestellt werden möge. Er hofft davon größere Stabilität der Ge- ireidepreise. — Abg. Süd ekum (Soz.) erklärt, daß derartige Forderungen doch zu weit gingen. — Staatssekretär Graf Posadowsky: An und für sich sei der Zweck einer solchen Statistik nützlich und daher fördernd, aber an der Preisbildung habe nicht nur die Landwirtschaft teil, sondern auch Handel und Müllerei. Vorläufig habe sich irgend eine Vereinigung oder Korporation noch gar nicht gebildet, die man etwa staatlich unterstützen könnte. — Abg. Freese (sri. Vereinig.): Er sei einigermaßen erstaunt über die naiven Forderungen Herolds. Ein sehr richtig gehendes Instrument für die Feststellung der Preise, nämlich der Terminhandel, sei toigeschlagen worden. Oder sollte etwa der Bund der Landwirte unterstützt werden? — Abg. Herold (Zenir.) weist letztere Bemerkung zurück. Er wünsche selbstverständlich, daß Handel und Müllerei sich an diesen Feststellungen beteiligen. Tatsache sei, daß seit Abschaffung des Terminhandels die Preisschwankung abgenommen habe. — Gras Schwerin- Löwitz (kons.): Gedacht sei die betr. Korporation als deutsche Sektion der bereits bestehenden internationalen Vereinigung zur Ermittelung der Getreidepreise, die ihren Sitz in Paris habe. In Amerika sei die gleiche Sache bereits organisiert. — Staatssekretär Gras Posadowsky: Nur unter der Voraussetzung, daß die internationale Vereinigung in durchaus objektiver wissenschaftlicher Weise verfährt und seine politischen oder handelspolitischen Tendenzen verfolgt, sind wir imstande, eine Unterstützung zu gewähren. — Abg. Rösick e-Kaiserslautern (Bund der Landwirn): Es handelt sich durchaus nicht um politische Agitationen. Für
WU WtMinBWVIHWWIIMI I.IHHIIIII M jtmBWWMMBaWWMMMMMM über hernmznlungern, als Klavier zu pauken und Deckchen zu sticken."
Recht ernst war es ihm nicht, aber Else fragte, nicht viel danach. Die Hauptsache war ihr, daß sie nun Freiheit hatte, und sie nutzte sie aus, daß die anderen bald die Köpfe schüttelten. Den ganzen Tag saß sie über den Büchern und arbeitete nnd lernte, als müßte sie einmal davon leben.
„So ’ne Dummheit!" sagten die Freundinnen nnd Cou- sinen. „Dabei kriegt sie 300 Mill« mit und später sicher noch einmal so viel--"
„Ach, laßt nur," antworteten die Onkel und die Tanten, „wenn der Richtige erst kommt, dann fliegt das ganze Studium über den Haufen, und sie ist glücklich und zufrieden, daß sie verheiratet ist."
Else hörte das alles wohl, aber achtete nicht darauf. In zwei Jahren erhielt sie das Reifezeugnis für die Universität, und drei Monate später ging sie als richtige Studentin in die Hörsäle.
Damals wurde sie „Fräulein Professor". Niemand wußte, wer den Spitznamen aufgebracht, aber er blieb bestehen und saß fest, trotzdem Else in ihreni Aussehen und Wesen durchaus nichts zeigte, was dazu Veranlassung gab. Sie war lustig und vergnügt, kleidete sich modern und geschmackvoll und hatte so gesunde Farben, wie sie sonst die Stndierstnbe nicht gerade hervorzubringen pflegte.
Aber der Name blieb ihr. In den Salons mußte er wohl entstanden sein, wo man ihr Vorhaben unerhört fand, wo man den alten Rewald „nicht begriff", und wo man seiner Entrüstung nicht anders Herr werden konnte, als eben mit Höhnen nnd Schimpfen.
Selbst persönlich rückte man Else's Vaier auf den Pelz. Jedoch -— her lachte.
„Laßt sie doch, Kinder, sie tut ja keinem weh. Nölig hat sie â auch nicht, und wenn andere malen und iSiupf lernen, warum soll sie nicht Chemie studieren?!"
„Und der Umgang mit all den jungen Leuten?"
den guten Nat der Linken, der Börse und ihrer Spekulation zu folgen, danken wir, da wir doch nur diejenigen sein werden, die den Geldbeutel der Spekulanten füllen. Die Regierung möge sich nicht von der Linken umgarnen lassen, sondern den beliebten Mittelweg gehen. — Abg. Goth ein (frs. Vp.): Aus den Reden der Rechten gehe nur der Wunsch hervor, daß die Herren wieder wie früher Preisnotierungen haben wollten. Früher hätten sie das Barometer zerschlagen und jetzt solle die Regierung für Ersatz sorgen. Im Statistischen Amt könne sehr wohl eine Erweiterung ein treten, die die Getreidestatistik in jeder Weise ausbaut. Es solle nur die Zeitschrift des Profefsors Ruhland „Der Getreidebau" subventioniert werden. Dabei hat gerade dieser Herr zur wüstesten Spekulation ausgesordert. — Nach weiteren Bemerkungen der Abg. Herold und Gothe in führt Fahr. v. Wangenheim aus, die gegenwärtige Berichterstattung auf diesem Gebiete sei vollkommen unzulänglich. Von Amerika aus erhielten wir nur tendenziöse Nachrichten. — Es folgen weitere Bemerkungen der Abgg. Freese und Graf Schwerin- Löwitz. — Nach einigen Ausführungen der Abgg. Go th e i n und Heyl zuHerrnsheim schließt diese Besprechung. Bei Titel „Reichsschulkommission" rügt Abg. Pach nicke (fr. Vgg.) die Zustände am ritterschaftlichen Lehrerseminar in Lübtheen (Mecklenburg). Die Reichsschul- kommission hätte sich über diese Zustände bereits dahin geäußert. Die Ritterschaft täte aber absolut nichts, um ihnen abzuhelfen: nur das Reich könne hier helfen, da die mecklenburgische Ständeschaft zu rückständig sei. Mecklenburg müßte endlich in die Reihe der Verfassungsstaaten eingeführt werden. Vizepräsident Büsing ruft den Redner zur Sache. — Abg. Herzfeld (Soz.) stimmt dein Vorredner zu. Er möchte am liebsten ein Reichsschulamt eingeführt wissen. Als Redner sich über die materielle Lage der mecklenburgischen Lehrer verbreitet, wird er vom Vizepräsidenten Bünng unterbrochen, protestiert aber lebhaft dagegen. Es entspinnt sich zwischen ihm und dem Vizepräsidenten eine heftige Auseinadersetzung. Redner fährt fort, über die Lage der Lehrer zu sprechen, sodaß Vizepräsident Büsing schließlich Veranlassung nimmt, ihn zur Sache zu rufen. Herzfeld setzt jedoch seine Betrachtungen weiter fort nnd bei den Worten: „Was sind 800 Mark für einen Lehrer?" wird er unter lebhaftem Bravo der Rechten und des Zentrums zum zweitenmale zur Sache geruf n. Er läßt darauf eine längere Pause ein- treien, worauf die Mehrheit in stürmische Heiterkeit ausbricht, was er mit den Worten erwidert: „Ihr Lachen beweist mir nur, daß Sie für Kulturfragen und Volksschulen kein Jn- haben (erneute Heiterkeit); der Staatssekretär wird finden, daß es die Kultur des Deutschen Reiches erfordert, dem Lehrerstand das zu geben, was ihm znkommt." — Abg. Rettig (kons.)
„Du lieber Gott — den hat sie doch sonst auch. Wir Alien pflegen ja doch auch nicht zu tanzen, zu radeln oder gar Tennis zu spielen. Das ist eben heute mal so . . . ."
Es war eben mit dem alten Rewald auch nichts anzufangen.
„Sie sind beide überspannt." Damit tröstete sich schließlich der große Kreis der Mißvergnügten.
Elle aber wuchs in all dem Widerstand und widmete sich mit noch größerem Eifer ihrer schönen Aufgabe.. Schon im vierten Semester veröffentlichte sie in Fachblättern einzelne Resultate ihrer Studien. Sie wurden anerkannt und gelobt, und bald sprach man von ihr, wie von Jemanden, auf dem recht große Hoffnungen standen.
Nach neun Semestern machte sie summa cum laude ihr Examen, wurde Doktor — und hätte nun eigentlich recht glücklich und zufrieden sein können, wenn nicht ... ja wenn das nicht für den ganzen Kreis wieder ein Moment gewesen wäre, „ihr und dem alten Rewald gehörig den Kopf zu waschen."
Bei ihr hatte man wenig Glück.
„Hat's Euch geschadet? fragte sie lächelnd — und als man darauf hinwies, daß es ihr schaden, ihr die beste Partie verschlagen könnte: „Hat sich schon einer beschwert, daß er mich deshalb nicht nehmen könne?"
„Nein, aber sie wagen sich an Dich nicht heran. Das solltest Du fühlen!"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich fühle es nicht, denn erstens . habe ich an heiraten noch nicht gedacht, und zweitens — wen mein Studium abschreckt, den würde ich ohnehin nicht nehmen." ,
Mit ihr war nichts anzusangen, das war ja klar, aber ihr Vater, der konnte--
„Nein, meine Herrschaften, ich kann nichts. Meine CI ist jetzt mündig, sie hat ihr mütterliches Erbe, sie samt machen, was sie will!"
Und wieder waren alle Warnungen vergeblich gewesen.
Elfe schmerzte es zwar, daß man ihre Absichten so sehr