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Freitaq den 30. September 1904.
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Charakter und Entwicklung der Weltschissahrt
waren in den letzten Jahren durch eine Reihe finpuTarer Vorgänge beeinflußt, die erheblich mehr als in früherer Zeit den Umfang des erdumspannenden Ozeanverkehrs und seine Bedeutung für die gesamte kultivierte und kommerzielle Welt kennzeichnen. Nach dem Vorgänge der großen deutschen Schiffahrtsgesellschaften, des Bremer Lloyd und der Hamburg- Amerika-Linie, die seit langen Jahren bei ihren geschäftlichen Maßnahmen und Entschließungen neben- und miteinander gearbeitet haben, kam im Jahre 1902 unter der Führung des Hauses J. P. Morgan in Newyork die Vereinigung der Wichtigsten am transatlantischen Verkehr beteiligten Schiffahrtslinien in der International Me-cantile Marine Company zustande, der zwar auch die deutichen Gesellschaften beitraten, aber sich eine die eigenen Interessen in jeder Beziehung wahrende Sonderstellung zu sichern wußten. Hatte bis dahin Englands Handelsmarine nahezu völlig den Weltverkehr zuy See beherrscht, so trat in den ersten Jabren des Neuen Jahrhunderts zum ersten Male ein so vielseitiger Wettbewerb gegenüber der englischen Suprematie in die Erscheinung, daß seitdem erst an die Möglichkeit, auch auf dem Meere wieder eine gerechtere und der Bedeutung der einzelnen Nationen mehr enisprechende Verteilung der Arbeitsleistung und des Arbeitsgewinnes herbei- zuführen, überhaupt erst wieder gedacht werden kann. Endlich haben gerade die letzten Jahre ein Anwachsen des europäischamerikanischen Verkehrs, Tarif- und Jntercssenkämpfe, weitere Steigerungen der Schnelligkeit und wirt- schaftlichen Leistungsfähigkeit der Ozean- Fahrzeuge gebracht, wie sie von solchem Umfange und von so tiefgreifender Wirkung in einem gleich kurzen Zeitabschnitt früher kaum jemals eingetreten sind.
Aber alle diese Erscheinungen, so bedeutsam, so einflußreich sie waren und zum Teil noch sind, können sich an einschneidender Wirkung sowohl technischer wie wirtschaftlicher Natur mit jenen der gesamten Schiffahrtsindustrie möglicherweise bevorstehenden Revolutionen nicht vergleichen, die die E i n f ü h r u n g von Turbinen für Schiffsmaschinen im Gefolge haben kann. Die Entscheidung in dieser Frage wird voraussichtlich das kommende Jahr bringen und damit, wenn die Erwartungen, die man an die Turbinen-Maschinen knüpft, sich erfüllen, noch bedeutsamer werden für die Entwicklung des überseeischen Schiffahrtsverkehrs als die letzten vier, fünf Jahre mit ihren für den Charakter und Betrieb des Seeverkehrs wesentlichen Neuerungen. Deutschland, Eng land und Nordamerika werden sich an der Lösung der wichtigsten Frage beteiligen. In Deutschland hat, nachdem in England bereits einig Versuche ähnlicher Natur, wenn auch in kleinerem Maßstabe, mit Torpedobooten gemacht worden waren, die Verwaltung der Kriegsmarine die Aufgabe der Erprobung der Dampfturbinen für Hochseefahrzeuge in die Hand genommen. In England und Nordamerika unterliegt die Turbinenfrage der Beurteilung von privater Seite. Die A l l a n - L in i e hat für den Dienst auf der Route Gas ow— Montreal bezw. Quebec den Turbinen-Dampfer „Victorian" einer Belfaster Werft in Auftrag gegeben, der bei einer Länge von 158 Meter und 8000 Tonnen Deplacement eine Geschwindigkeit von mindestens 18 Knoten erhalten soll. . Dagegen hat die mit hoher staatlicher Subvention arbeitende Cunard Steamship Company in Liverpool ihr Ziel
Feuilleton.
Gift.
Novellette von Kurt Walthari.
(Nachdruck verboten.)
„Ein schöner Abend ist's, Fräulein Luise. Wollen wir nicht noch ein bischen in den Humboldthain gehen?"
„Ach, lassen Sie nur, ich bin zu müde."
„Nein, nein! Es wirb Ihnen gut tun." Und endlich überredete er sie, mitzuqehen.
Herr Eisner und Fräulein Melz kannten sich schon über Jahr und Tag. Sie wohnten bei derselben Witwe, die Fräulein Luise schon seit ihrer Kindheit kannte. Herr Eisner war Buchhalter, und Fräulein Melz, jetzt elternlos, hatte sich infolge zurückgegangener Familienverbältnisse gezwungen gesehen, selbst Geld zu verdienen. Allmählich war sie bis zur Kassiererin eines größeren Geschäfts in Berlin N. emporgestiegen. Jetzt war sie Mitte der Zwanziger. Eisner war ein paar Jahre älter. Schon vor längerer Zeit hatte er sie gebeten, seine Frau zu werden, und — hatte einen Korb bekommen. Als Beamtentochter hatte sie sich nicht an den. Gedanken gewöhnen können, Buchhaltersgattin zu werden. Und dazu fühlte sie sich noch so jung — damals. Er hatte nicht wieder davon geredet, aber ihr kameradschaftlicher Verkehr hatte nicht darunter gelitten, da sie ihn für einen ehrlichen anständigen Charakter hielt.
Jetzt gingen die. Zwei durch den schönen Sommerabend zum nahen Park. Müde des Wanderns wählten sie dort eine Bank, von der der Blick sich erholen konnte am Grün des Rasenteppichs und der ihn umsäumenden hohen Bäume,
„Will's wieder nicht mehr, Fräulein Luise?"
Sie antwortete nur mit einem Seufzer.
„Sie müssen vernünftig sein und ausspannen."
sehr viel weiter gesteckt. Die beiden im Bau befindlichen Tur- bin-ndampser dieser Gesellschaft fassen bei einer Länge von 244 Meier und einer Breite von 24,4 Meter ein Deplacement von 40000 Tonnen und sollen bei einer Maschinenleistung von 70 000 bis 75 000 HP. eine Geschwindigkeit von 25 bis 26 Quoten erzielen und damit, der Fahrtleistung der besten deutschen Schnelldampfer überlegen, den Rekord auf der nord- atlantischen Route wieder der englischen Flagge sichern. Irr den Vereinigten Staaten sind die Versuche mit den verschiedenart'gsten Turbinen-Systemen anscheinend noch nicht abgeschlossen; vielleicht will man auch dort erst die Leistungen der neuen Cunard-Schiffe abwarten, ebe man zu der Turbinen- Frage endgültig Stellung n'mmt. Was bisher in England mit Turbinen-Fakrzeugen geleistet wurde, sann für die Haltung der großen Schiffabrtsgefcllschaften nicht ausschlaggebend sein, da alle jene Versuchs- und Probefahrten nur mit kleinen Fahrzeugen und auf kurze Entfernungen vorgenommen wurden. Einer nicht allzu fernen Zukunft wird es Vorbehalten sein, darüber zu entscheiden, ob dieKolbendamps- mafchine sich neben der Dampfturbine behaupten kann, oder ob die Weltschiffahrt an der Schwelle einer neuen großartigen Entwicklung steht.
Handel, Gewerbe und Verhebe
Zentrale für Sptritnsverwertnng. Die Zentrale für Spiritusverwertung hat den Mitgliedern des Verwaliungs- verbandes deutscher Spiritusfabrikanten durch Zirkular mitgeteilt, daß sie behufs Erleichterung des Kartoffelankaufs für die aus eigener Erzeugung nur unzureichend versorgten Brennereien eine Zentralstelle zur Entgegennahme von Kaufs- und Verkaufsofferten für Kartoffeln errichtet habe. Die Dermitt- lung, die keinerlei Unkosten für die Interessenten im Gefolge hat, soll sich nur auf das Zusammenführen der Käufer und Verkäufer, welche sich örtlich und dem Preise nach für einander eignen, beschränken. Die neue Organisation hat auch für Händler mit Kartoffeln Interesse.
Hus aller Welt»
Typhusepidemie» Seit einigen Tagen herrscht in Dirschau in der Neustadt im nördlich vom Bahnhof gelegenen Stadtteil eine Typhusepidemie unter den in fiskalischen Gebäuden wohnenden Eisenbabnbediensteien. Es find bisher 22 Erkrankungen und ein Todesfall zu verzeichnen. In den letzten 24 Stunden ist kein neuer Erkrankungsfall gemeldet. Seitens der Polizeibehörden und der Eisenbahnbetriebsinspeklion sind umfangreiche Maßnahmen getroffen, um eine weitere Verbreitung der Epidemie zu verhindern. Der Dielengraben ist als verseucht erklärt worden.
Einen seltenen Fang machte — so schreibt Herr Dr. med. Elichner aus Duhrmas^of in „Wild und Hund" — der Landwirt Schale in Ratzdorf b. Landsberg a. W. Als er auf dem Hofe beschäftigt war, stieß plötzlich ein mächtiger Raubvogel in seine Gänseherde und strich mit einer Gans in den Fängen ab. Schale bewaffnete sich mit einem handfesten Knüppel und stellte sich auf die Lauer. Nicht lange Zeit war verflossen, als der Räuber wieder erschien und abermals mit einer Gans aufstieg. Plötzlich entfiel ihm die Beute und stürzte in einen Brunnen. Der Räuber stieß hinterher, konnte aber aus dem engen Raume nicht wieder heräu^kommen, sodaß tmSWMWMmWMSMMKMK^^ Ull.U» I^V^^^^-^^^^TII^ K«^:?«r«V
„Und meine Stelle; drei Tage Ferien nützen nichts; nachher hat sie ein anderer."
„So leicht wird Herr Schulz Sie nicht gehen lassen. Er weiß, was er an Ihnen hat."
„Ach Gott — wie'viele laufen stellungslos umher. Und manche ist viel tüchtiger als ich."
„Schön. Aber ausruhen müssen Sie mal wieder. Eine neue Stelle findet sich schon.
„Vielleicht — vielleicht auch nicht. Aber was nützt es? Wieder dann ein Jahr solcher Arbeit, ununterbrochen von früh bis spät abends, tagein — tagaus, und es ist wieder das alte Lied und Leid." Dann fuhr sie müde, verzweifelt fort: „Das heißt nun Leben! Wie anders habe ich mir's früher gedacht. --Nein! und es ist recht so! Arbeiten! und immer, immer arbeiten, bis die Maschine aanz abgenutzt ist!"
„Und was haben Sie davon?"
„Dann findet sich schon ein Ende."
Sie schwiegen beide, bis sie wieder begann: „Keine Eltern, keine Geschwist-r! Nichts, was einem nahe steht! Für wen arbeitet man denn?! Keine Freude, keine Hoffnung! Wozu das alles?"
„Sie sind krank, Luise."
Sie achtete seines Einwurfs nicht, sondern sprach jetzt leise, schnell, wie im Fieber weiter: „Wissen Sie, was ich mir jetzt schön dächte? Nicht schön, aber so beruhigend! Ich möchte Gift bei mir haben. Dann läg's doch in meinem Willen, ein Ende zu machen, wenn's nicht mehr geht."
„Solch ein Gedanke!"
„3ft der so n »vernünftig? Dann ist man doch wirklich Herr seines Schicksals, und wenn's zu viel ist..."
Eisner blickte sie forschend von der Seite an: „Würde Sie das wirklich beruhigen?" fragte er.
„Ja, ganz sicher."
„Da blitzte es in seinen Augen seltsam auf. „Ich könnte Ihnen etwas geben," sagte er ruhig.
er erschlagen wurde. Es war ein alter Steinadler mit 2,70 Meter Flügelspannung.
Ein fünfjähriger Lebensretter. In London hat dieser Tage ein kleiner Knabe von fünf Jahren eine wahre Heldentat vollbracht. Der Knirps, James Neidl, befand sich mit seinem noch nicht ganz zwei Jahre alten Brüderchen allein im Hause. Plötzlich brach Feuer aus, die Stube füllte sich mit Rauch, und der kleine James eilte die Treppe aus der ersten Etage hinunter, um ins Freie zu gelangen. Unterwegs entsann er sich, daß sein Bruder oben ruhig im Bette schlafe. Schnell entschlossen machte er kehrt und holte, obwohl der Treppenflur schon mit so dichtem Qualm angefüllt war, daß der kühne, kleine Mann kaum atmen konnte, den Schlafenden aus dem Zimmer und rettete ihn glücklich ins Freie. Als bald darauf die Feuerwehr eintraf, hatte das Feuer bereits solche Dimensionen angenommen, daß das Haus bis auf die Grundmauern niederbrannte.
Durch einen wütenden Bullen tödlich verletzt wurde ein Mann namens Güssefeld in Wolmirstedt. Er war im Stalle dem Bullen zu nahe gekommen, der ihn sogleich auf die Hörner nahm und in die Krippe warf. Das wütende Tier bohrte dem Bedauernswerten ein Horn in den Unterleib und schlitzte ihm bis an die Rippen den Leib auf.
Der Opfertod eines Vaters. Eine rührende Geschichte von aufops.rnder Elternliebe ist dieser Tage in der Nähe von Jassy (Rumänien) passiert. Der Bauer Ivan Dobosaru fuhr mit seinen beiden kleinen Kindern von Jassy nach Podol Jloanei. Unterwegs brach auf dem schlechten Wege der altersmorsche Wagen entzwei. Es war noch weit bis zu dem Dorfe und niemand in der Nähe, der hätte Hilfe bringen können. So sah sich der Bauer genötigt, mit seinen Kindern die Nacht" aus dem freien Felde zuzubringen. Es war bitter kalt, ein Nordostwind wehte mit schneidender Schärfe, und die frierenden Kleinen schmiegten sich zitternden den Vater. Vergeblich suchte dieser ihnen mit seinem Körper Wärme zu spenden; er zog deshalb schließlich seine Ober- kleider aus, hüllte damit die Kleinen ein und legte dann seine Lieblinge auf eine Böschung. Um sie aber noch weiter vor Kälte zu schützen, legte er sich über sie hinweg und verharrt- in dieser unbequemen Lage. Am nächsten Morgen fanden vorüberziehende Wanderer den Bauern tot. Er war erfroren, unter ihm aber krochen seine Kinder hervor, die am Leben geblieben waren.
Standesamt der Stadt Hanan.
Verzeichnis
der in der Zeit vom 22. September bis 29. September vorgekommenen
Aufgebote.
Am 22. Sept. Wilhelm Pfeil, Fabrikarbeiter in Fechen- heim, mit Anna Barbara Moos daselbst. 23. Ernst Hermann Glaser, Buchbinder in Heiligenstadt i. E., mit der Witwe Maria Margaret« Glaser geb. Meisner dahier. 23. Kar! Justin Steigerwald, Fahrbursche dahier, Witwer, mit der geschieh. Katharine Elisabeth Lydia Maria Schmidt geb. Weisbeck dahier. 26. Ferdinand O tto, Taglöhner in Griesheim a. M., mit Luise Pracht daselbst. 26. Anton Georg Appel, Silberformer dahier, mit Margarete Senzel in Bieber. 28. Karl Paul Wilhelm Petri, Feldwebel dahier, mit Florentine Louise Pauline Söhnlein dahier. 28.
„Herr Eisner!" Mehr Schreck noch als Freude klang auS ihrem Ansruf.
„Aber Sie wissen, Fraulein Luise, wer einem anderen unerlaubt Gift zum Gebrauch überläßt, ist strafbar."
„Nie wird einer erfahren, woher ich's habe."
„Und Sie müßten mir auch versprechen, es nicht eher zu gebrauchen, als bis es wirklich Matthäi am letzten ist."
„Das versprech' ich Ihnen. Bei Gott!"
„So fallen Sie's haben, sprach er ruhig und ernst.-- Nach Haus zurückgekehrt, gab er ihr eine kleine Pastille.
„Tul's weh?" fragte sie zaghaft.
„Nein, nur etwas bitter schmeckt's. Sie müssen's in etwas Wasser fliRösen; dann legen Sie sich hin. Sie schlafen ganz ruhig ein&. '
Sie dankte ihm. Als er gegangen war, schloß sie hastig die Tür ab und entkleidete sich. Gedanken durchzuckten sie wirr: „Gift hat er mir gegeben. Er liebt mich sicher nicht mehr. — Ach, warum wollte ich auch damals so hoch hinaus! Wie gut könnte ich's doch bei ihm haben."
Scheu blickte sie zu der kleinen braunen Pastille hinüber, die sie auf den Tisch gelegt hatte.
„Wenn ich sie nähme? — Jetzt gleich?--Dann ist alles vorbei!"
Erst graute sie's noch vor dem Gedanken, bald aber über- siek sie von neuem große Müdigkeit nnd mit ihr immer heftiger das Trost- und Hoffnungslose ihrer Lage. Nicht sah sie daS Licht mehr, das auch ihrem Leben leuchtete. Ueberall erblickte
sie um sich und in sich tiefen Schatten. Dann — in einem Augenblick wilder Verzweiflung warf sie das Gift ins Wasser und trank das Glas aus, hastig, in der Angst, dieser Entschluß könnte sie noch reuen. &
Nun wurde sie ruhig. Sie legte sich nieder und schlief, übermannt von Mattigkeit, sogleich ein. ;---, ,
Karl Eigner saß an seinem Arbcilstisch und laS. Ab un zu lauschte er, ob sich nicht nebenan m Linsen «tube etwas reae. Aber alles blieb still. Endlich stand er auf und ging