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KilM w Nr 203 ta „AiMr".

SozialdemokatWe Mitläufer.

^Bei den letzten Reichstagswahlen sind bekanntlich im König­reich Sachsen mit einer einzigen Ausnahme in allen Wahl­kreisen die sozialdemokraiischen Kandidaten gewählt worden. Daß diejenigen, die durch ihre Stimmen der Sozialdemokratie zu^dem schmachvollen Triumphe verholfen hatten, über dem schönen Sachsenlande die rote Flagge gehißt zu sehen, keines­wegs etwa samt und sonders bewußte Sozialdemokraten waren, zeigte schon die Nachwahl in Marieuoerg-Tschopau, die einen erheblichen Rückgang der sosialdemokraiisch-'n Stimmzettel ergab und, wie man weiß, mit einer empfindlichen Niederlage der Sozialdemokraten endigte. Es waren also lediglich die so- genannten Mitläufer, die in ihrer Unzufriedenheit mit irgend welchen Vorgängen durch Abgabe eines sozialdemokratischen Wahlzettels ihrer Verärgerung Luft gemacht hatten — ein neuer Beweis, wie politisch unreif do^b noch immer weite Kreise des deutschen Bürgwtums sind. Das weiß die Sozial- demokratis sehr wohl und die Parteigewaltigen machen, wenn sie unter sich sind, auch gar keinen Hehl daraus, daß sie trotz Ier 3 Millionen Wahlstimmen in ganz Deutschland kaum einige 100 000 Mann als überzeugte Anhänger der sozialisti­schen _ Wahnideen ansprechen dürfen. Diese „Mitläufer" zu bewußten Genossen zu erziehen, ist daher eine Hauptaufgabe der sozialdemokratischen Propaganda und darum wird den Ge­nossen bei jeder Gelegenheit dringend aus Herz gelegt, die Organisation immer weiter auszubauen, ein Rat übrigens, den die bürgerlichen Parteien auch ihrerseits nicht genug beherzigen können. In der Tat ist die Zahl der in politischen Wahl- «nd ähnlichen Vereinen organisierten Genossen im Verhältnis zur Zahl der sozialdemokratischen Reichstagswühler erstaunlich gering. Beispielsweise gibt es im Königreich Sachsen, wie der sozialdemokratische Parteivorstand in seinem Rechenschaftsbericht an den bevorstehenden Parteitag mit sichtlichem Unbehagen zu- geben muß, nnr 38 764 organisierte Genossen, während dort bei den letzten Wahlen im Jahre 1903 nicht weniger als •111 764 Srimlyen auf die sozialdemokratischen Kandidaten fielen. Aber auch in anderen Teilen Deutschlands kann man ein gleich starkes Mißverhältnis zwischen organisierten, also zielbewußten Genossen und weniger zielbewußten Mitläufern feststellen. So zählt der sozialdemokratische Wahlverein für den Kreis Kalau-Luckau 460 Mitglieder, während bei der letzten Reichstagswahl dort 9163 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden und im Wahlkreise Ottensen-Pinne- berg haben die 16 sozialdemokratischen Vereine insgesamt .1502 Mitglieder, während 19144 Wähler ihre Stimmen für den sozialdemokratischen Kandidaten abgaben. Damit ist das Feld bezeichnet, auf dem die bürgerlichen Kreise und vor allem der „Reichsserband gegen die Sozialdemokratie" (Geschäfts­stelle: Berlin W. 9, Köthenerstr. 6) sich werden betatioen müssen. Die Mitläufer der Sozialdemokratie abspenstig zu machen der revolutionären Partei und sie zu vaterländisch ge­sinnten Staatsbürgern, zu Treue gegen Kaiser und Reich zu erziehen ist ein Ziel, das des Schweißes der Edelsten unseres Volkes wert ist. Dieses Ziel wird aber nur dann zu er­reichen sein, wenn das deutsche Bürgertum seine kleinlichen Streitigkeiten endlich als überflüssig und dem Staatswohl schädlich aufgibt und in geschlossenen Reihen, unbeschadet der besonderen Aufgaben der einzelnen politischen Parteien, dem sozialdemokratischen Gegner mit festem Willen entgegentritt. Noch besitzt die bürgerliche Gesellschaft, der Bebel auf dem Amsterdamer Kongreß soeben erst wieder einen Kampf bis

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Feuilleton.

Meine Tochter.

Novelle von G. v. Tchlippenvach (Herbert Rivulet.)

Schluß.

(Nachdruck verboten.)

Wieder und wieder hole ich Margarete zum Tanz. Es ist ein neuer Ton in unserem Verkehr, nichts mehr von dem „alten, väterlichen Freunde" meinerseits, der mir in der Er­innerung lächerlich vorkommt. Und ihr Wesen hat nichts mehr von Abschließung und Steifheit: sie ist fröhlich wie ein Kind, heiter und natürlich — kurz bezaubernd, und nicht allein in meinen Augen: Überall höre ich das Lob des geliebten Mäd­chens.

„Denke Dir, es ist Margaretens erster Ball," vertraut mir Thea an, nachdem wir uns von unseren Gästen verabschiedet. „Sie saat, es sei herrlich, zu tanzen."

* * *

Am Morgen des Hochzeitstages kommt meine Schwester zu mir in mein Zimmer, wo ich eben einige Drahtnach­richten empfangen habe, Glückwünsche für das junge Paar.

„Walter," sagt Selma auf ihre gerade Art," ich möchte etwas mit Dir besprechen."

In ihrem frischen, vollen Gesicht spiegelt sich jede Regung ihres lebhaften Gemüts, und noch ehe sie ein Wort sagt, fühle ich, daß sie über Margarete sprechen will. Ich lehne mich mit dem Rücken gegen das Licht an das Fenster und versuche ruhig zu sein. ‘ Sollte die scharfsichtige Frau alles erraten haben ?

Ihre ersten Worte sagen es nur.

»Bruder, Du liebst Margarete Stein, nicht wahr?"

Und wie in meiner Knabenzeit vertraue ich mich meiner so

Mittwoch den 31. August 1904.

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aufs Messer angekündigt hat, Kraft genug, sich ihres Feindes zu erwehren, aber sie muß von dieser Kraft auch wirklich Ge­brauch machen.

Kus aller Welt.

Ein seltsamer Konflikt zwischen Magistrat und Stadtverordneten ist in Salzwedel ausgebrocheu: D-r Magi­strats weigert sich, selbst in geheimer Sitzung den Stadtvätern 31t Jagen, weshalb der bisherige Standesbeamte, Stadirat Brückner plötzlich seines Amtes" enthoben worden ist. Alles Interpellieren ist vergeblich, weshalb die Stadtverordneten eine geharnischt« Beschwerde gegen den Magistrat an die Regierung abgesandt haben. Da die Neuaufteilung eines Ersatzbeamien mit Kosten verbunden ist, haben naturgemäß die Stadtverord­neten ein verbürgtes Recht, Auskunft zu verlangen, und die Regierung muß in ihrem Sinne entscheiden. Da ferner die Stadtverordneten die Anstellung eines Beamten infolge des Verhaltens des Magistrats abgelehnt haben, ist Salzwedel augenblicklich ohne Standesbeamten. Die armen Heirats­lustigen !

70 Personen ertrunken» Von einem schweren Un­glück wird aus Lodz (Rußland) berichtet: An einer Ueber- setzungsstelle des Flusses Kamie bei Uftkowswy wollten sich 100 Personen zusammen auf das andere Ufer übersetzen lassen. Der Lenker weigerte sich, mehr als 30 Personen auf einmal auf- zunehmen, wurde aber dazu gezwungen. In der Mitte des Flusses sank die Fähre. Dreißig Personen wurden gerettet, die übrigen fanden in den Fluten den Tod.

Ein AnLomobir-UnfaA der Miß ALiceRoosevelt wird aus New-Pork gemeldet. Alice Roosevelt, die Tochter des Präsidenten, wurde bei einem Zusammenstoß zwischen dem Automobil des Mr. Payne Thompson, in dem sie sich befand, mit dem Kraftwagen des Mr. Denavarro aus dem Wagen geschleudert und blieb mehrere Minuten lang bewußtlos liegen. Sie trug jedoch keine Verletzungen davon. Der Chauffenr Denavarros wurde verhaftet.

Die Schreckensnacht in Sorrent. Wie bereits be­richtet, ist Sorrent in einer der letzten Nächte von einer Windhose heimgesucht worden, die in dem idyllischen Städtchen furchtbare Verwüstungen angerichtet hat. Von der Höhe aus gesehen, erscheint die Stadt fast wie von einem Bombardement heimgesucht. Fast alle Däch«r sind von der Gemalt des Wirbelsturmes forkgeriflen, die Olivengärten und Oraugen- Haine zerstört. Der erzbischöflicke Palast und die anliegende Kirche sind von einem Schutthaufen umgeben, einzelne Mauern durch den Zyklon eingedrückt, sodaß man in das Innere sieht. Ueber dem Hotel Tasso brach eine Mauer des Paulklosters zusammen und stürzte ihre Steinmassen durch Fenster und Türen in die Zimmer, sodaß die Gäste entsetzt aus ihren Betten flohen und hilfeschreiend auf die Straßei: eilten. Eine amerikanische Dame wurde nur durch ihre Steppdecken davor geschützt, daß herabfallende Steine sie schwer verletzten. Ein Herr erlebte, wie auf Sturmesflügeln ein Gartentisch in sein Fenster hineinflog. Im Volksquartier wurde eine ganze Fa­milie unter den Trümmern ihres Häuschens begraben. Als man sich an die ReitnugsarSeiten machte, fand man drei Tote und zwei Verwundete.

Der furchtbare Brand auf Korsika, der drei Tage wütete, hat einen Schaden von mehr als 8 Millionen ange­richtet. Vernichtet worden sind: 1200 Hektare Weinberge, 5000 Cedra-, 1500 Oliven-, 3000 Obst-, 3000 Kastanien- viel älteren Schwester an. Ich lege ein umfassendes Geständ­nis ab und erwarte ihren Rat.

„Bist Du denn blind, alter Junge? Siehst Du nicht, daß auch sie Dir von ganzem Herzen gut ist? Ich habe es schon früher geahnt und gehofft, jetzt finde ich es bestätigt."

„Du kannst Dich irren, Schwester, Margarete ist schwer zu verstehen."

„Ich bin meiner Sache sicher," 'beteuert sie kurz. „Ich weiß, Du hast unter ihrer Kälte und Schroffheit gelitten, aber das war nur unbewußte Notwehr und wirb' sich alles ändern, wenn sie sich geborgen weiß in den Armen eines so starken, guten Mannes, wie Du, mein Walter, den sie liebt und der das Glück über dieses stolze Mädchen bringen soll!"

„Selma! Selma!" jubele ich nud umfasse die rundliche Gestalt, meiner Schwester. „Ja, ich will Deiner Erfahrung und Deiner Menschenkenntnis vertrauen. Aber wie soll ich Gewißheit erlangen? Ich fühle mich wie ein SSulknabe ihr gegenüber, wenn ich sie fragen soll. Hilf Du mir, Du Gute!"

Einen Augenblick sinnt meine Verbündete nach, dann hebt sie den Blick lachend zu mir empor.

„Laß mich nur sorgen ! Erst nach der Abreise des jungen Paares, wenn auch die Gäste Heimtal verlassen haben, darfst Du mit Margarete sprechen; sie bleibt bis morgen früh hier. Ich werde einen Vorwand finden, sie in das Erkerzimmer zu schicken, dort wirst Du sie erwarten, alles übrige ist Deine Sache."

„Du bist mein Helfer in der Not!" rufe ich in heller Begeisterung. „Wer weiß, ob ich den Mut gefunden hätte, zu sprechen. Ich habe die Jugend allzu lange hinter mir..."

„Ach, Torheit! Mit Deinen vierzig Jahren und dem ver­nünftigen arbeitsamen Leben, das Du geführt, da ist man jung . . . wenn auch verräterisch einige Silberfäden aufzn- tauch-u beginnen", setzt sie schelmisch hinzu.

Thea ist eine liebreizende Braut, und auch Franz sieht neben ihr schmuck aus. Nun sind sie ein Paar.

Das große Speisezimmer faßt kaum die Zahl der Gäste.

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bäume; 5000 Hektare sind vollkommen verwüstet und außer­dem zahlreiche Haustiere verbrannt oder erstickt. Eingeäschert ist der Bahnhof von Bravone, stark mitgenommen der von Alistro; außerdem ist der Leuchtturm dieses "letzteren Ortes von den Flammen so beschädigt worden, daß er wahrscheinlich neu aufgebaut werden muß. Die Telegraphenleitungen sind auf eine Länge von 25 Kilometer vernichtet. Die Untersuchung hat ergeben, daß der Brand von Schäfern angelegt worden ist. Diese wurden bereits verhaftet.

^euersbrunst in einer Stadt auf den Phi­lippinen. Eine furchtbare Feuersbrunst vernichtete die Stadt Binan in der Provinz Laguna. Ueber 200 Menschen kamen in den Flammen um, gegen 5000 sind obdachlos. Der Schaden i;t enorm. Die Regierung sendet Lebensmittel und andere Unterstützungen.

Im Unterseeboot eingeschloficn auf demMeeres- grunde. Aus New-Pork wird gemeldet: Fast eine volle Stunde hat die Besatzung deS Unterseeboots „Porpoise" der amerikanischen Marine in Todesgefahr auf dem Meeresgrunde zugebracht. Der Unfall ereignete sich auf der Höhe der Jnsek Leng Island. Die „Porpoise" stand unter dem Befehl des Leutnants Nelson nnd hatte außer ihm den Leutnant Shaplay und eine Besatzung von acht Mann an Bord. Infolge eines Maschinenfehlers blieb das Boot bei einer Tauchübung nicht in der gewüaschten Tiefe liegen, sondern sank immer weiter, bis es schließlich in einer Tiefe von 120 Fuß hilflos auf dem Meeresgrunde ruhte. In den Maschinenraum ergoß sich jetzt Wasser, und die an Bord Befindlichen erkannten, daß ihnen ein furchtbares Schicksal drohte. Sie mären im Wasser be­graben, da das Boot infolge des übergenommenen WasserS außerstande war, zur Oberfläche ewporzusteigen. Der Druck des Wassers auf das gebrechliche Fahrzeug war so stark, daß die Tauchtanks sich fast ebenso schnell mit Wasser füllten, wie die Mannschaft sie entleeren fomte, um das Schiff hoch zu bringen. Außerdem entstand noch ihm Torpedorohr ein Leck, durch das der Maschinenraum überschwemmt wurde. Nur zwei Ncttungswcge waren vorhanden, entweder muß«« das Boot mit Hilfe der Pumpen gehoben werden, ober die Leute mußten versuchen, durch das Torpedorohr nach oben zu gelangen. Nur ein Mann war willens, einen solchen Versuch zu unternehmen, aber Leutnant Nelson verweigerte seine Erlaubnis. Glücklicher­weise blieb die Luft im Boot ziemlich gut, und so arbeiteten die Leute in Schichten mit verzweifelter Energie unablässig an den Pumpen. Langsam drängten sie das Wasser Zoll um Zoll aus dem Boot, das sich allmählich hob. Endlich war es nach 11 Uhr abends wieder an der Oberfläche, nachdem es- um ^ll untergetaucht war.

Verschwundene Gletscher. Ein seltsames Phänomen wird . im oberen Saviore-Tal unweit Bergamo infolge der tropischen Hitze beobachtet. Die starken Vergletscherungen am Pig Uda, an den Monti Venerscolo und Malonno und am Farno bei Miller sind gänzlich abgeschmolzen und als Eis- und Schlammlawinen in die umliegenden Täler gestürzt, wo sie stellenweis große Verheerungen anrichteten. Noch jetzt dauert der Lawinensturz fort. Die Valle Saviore ist damit wahrscheinlich für alle Zeiten ihres stolzen Gletscher- und Firnenschmucks beraubt.

Tod eines Erfinders. Im tiefsten Elend starb in Paris Charles Sargent, der 1863 das Patent auf die erste Velokette und das erste Tandem erhielt. Sargent, der auch Erfinder des Karussels für Kinder war, hat ein Alter von 80 Jahren erreicht.

Trinksprüche, Reden, frohe Weinlaune, mich umschwirrt alles wie im Traum. Wie ein Traumgebilde erscheint mir auch jene hohe Frauen gestalt in dem elfenbeinfarbenen Seidenkleide, die mir gegenübersitzt. Ich erhebe mein Glas und trinke ihr zu. Liegt in meinem Blick etwas, das sie versteht? Heiße Glut schießt in ihre Wangen, die dunkelgrauen Sterne sprechen eine sichere Sprache, bei der mein Herz stockt: es ist die Sprache des Weibes, das sich dem Manne beugt, der ihr ganzes Sein sieghaft erobert hat. Ja, Selma hat recht, jubelt es in mir . . .

Zum legten Male halte ich meine Tochter umfangen. Wir sagen uns Lebewohl. Thea hängt weinend an meinem Halse; Franz sieht dabei wie ein Räuber, der das Recht hat, mir mein Kleinod zu entführen.

„Mache sie glücklich, mein Junge", sage ich mit schwanken­der Stimme. „Sie ist mein einziges Kind."

Aber noch ehe er mir recht antworten kann, ruft der Schaffner:, „Einsteigen, Ansteigen."

Das junge Paar zeigt sich am Fenster der ersten Klasse. Sie machen eine Hochzeitsreise nach Italien.

„Adieu, Papa", ruft Hagen.

„Lebewohl, lieber, lieber Vater",' ruft zu gleicher Zeit meine rvchker und beide winken mir einen Gruß zu.

In einer Rauchwolke verschwindet der Zug. Heil ihnen und ihrem Glück.

Am Abend sind die Gäste fortgefahren. Nur Frohnerts sind geblieben. Bedeutungsvoll raunt Selma mir zu: „Geh in das Erkerzimmvr, Bruder."

Unb da stehe ich nun und warte mit wildklopfendem Herzen. Was wird die nächste halbe Stunde mir bringen? Ich doch so zuversichtlich bei meiner Schwester Worte, jetzt pa

^S sehe Margarete durch die lange -g,m‘e^ ihre Kleider rauschen naher und näher. »t