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Seite 10.________________________________________

im Sinne der englischen öffentlichen Meinung nur ein ve» schwindendes Interesse.

Nach der Erledigung der Zwischenfälle im Roten Meere bat sich die Aufmerksamkeit wieder mehr aus den Kriegs­schauplatz in Ostasien konzentriert. Die von dort ein- laufenden Meldungen lassen erkennen, daß die Japaner un­aufhaltsam vorrücken. Durch die Einnahme von Niutschwang Haben die Japaner einen neuen vorzüglichen Landungsplatz und einen Stützpunkt für kriegerische Operationen in der Mandschurei gewonnen, der im ebenen Gelände an einer großen Heerstraße und verbunden mit der Hauptbahnlinie Vorteile bietet, die bisher fehlten. Die Kriegslage hat sich operativ so zugespitzt, daß eine taktische Entscheidung großen Stils unmittelbar bevorsteht wenn nicht die russische Ober­leitung einem Entscheidungskampf auszuweichen für richtiger hält. Allerdings würde daS gleichbedeutend sein mit dem Aufgeben der militärisch wie politisch ungemein wichtigen Stellungen bei Liaojang und Milden, und weiterhin gleich­bedeutend mit einem für Rußland höchst ungünstigen Abschluß des ersten Abschnittes des Krieges.

Auch der Konflikt zwischen Frankreich und dem Vatikan drängt zur Entscheidung. Der Vatikan scheint fest entschlossen, gegen die Bischöfe, die dem Rufe nach Rom nicht Folge leisteten, die ganze Strenge der kirchlichen Strafmittel in Anwendung zu bringen, trotz des Protestes der französischen Regierung, die hierin eine Verletzung des Kon­kordats erblickt. Dann würbe der endgültige Abbruch der Be­ziehungen zwischen Frankreich und dem päpstlichen Stuhl un­vermeidlich sein.

Die Krisis in Marokko wird ebenfalls akuter. Der französische Gesandte in Tanger hat sich bereits genötigt ge­sehen, telegraphisch um zwei Kreuzer und Landungstruppen zu bitten. Wir werden auf diesem Boden noch Ueberraschungen erleben und glauben nicht, daß Herr Delcassä viel Freude an ihnen haben wird.

Das Unterrichtswesen in Deutschland.

Im Einvernehmen mit andern deutschen Unterrichts-Ver- waltungen hatte das preußische Kultusministerium es unter­nommen, auf der Weltausstellung in St. Louis das deutsche Unterrichtswesen in allen seinen Stufen und Zweigen vorzu- führen. Als ein hervorragender Teil dieser Ünterrichts-Aus- stellung ist im Verlage von A. Asher in Berlin ein Sammelwerk erschienen, zu dessen Herausgabe der Göttinger National- Oekonom W. Lexis eine Reihe von namhaften Fachmännern vereinigt hat. In vier stattlichen Bänden umfaßt das dem Kaiser gewidmete Werk die verschiedenen Gebiete des Unler- richtswesens.

Der erste Band handelt von den 21 Universitäten und von den sonstigen akademischen und akademieähnlichen Anstalten. An ben deutschen Universitäten ist die Zahl der Studierenden seit dem Jahre 1871 von 12256 auf 37677 im Jahre 1903 gestiegen. Die Zahl der Lehrenden betrug im Sommersemester 1903 insgesamt 2856, darunter 1160 ordentliche Professoren, 700 außerordentliche, 9 5 Honorar-Professoren und ' 900 Vrivatdozentenl Die Gesamtausgaben beliefen sich im Jahre 1903 auf nahezu 30 Millionen; doch sind in dieser Summe nur die ordentlichen Ausgaben enthalten, nicht die außerordent­lichen oder einmaligen, die für die preußischen Universitäten allein von 1876 bis 1902 beinahe 69 Millionen betrugen.

. Der zweite Band ist den höhern Lehranstalten und den Mädchenschulen gewidmet. Den 482 deutschen Gymnasien (davon in Preußen 315) stehen 131 Realgymnasien (in Preußen 87) gegenüber, ferner 69 Oberrealschulen und 314 Realschulen; außerdem gibt es noch 99 Progymnasien und 39 Realprogymnasien. Die Gesamtausgaben für diese Schulen beliefen sich im Jahre 1903 auf rund 83 Millionen Mark. Auf 10000 Einwohner kommen im deutschen Reiche 53 Schüler einer Hähern Lehranstalt.

Auf ein von den politischen Parteien heiß umstrittenes Ge­biet führt der dritte Band, der sich mit der Volksschule und dem Lehrer-Bildunaswesen beschäftigt. Ueberall in Deutsch-

»Dazu müssen wir aber Zusammenhalten," fuhr der Fremde fort,zersplittert nicht Eure Kräfte hier draußen auf dem Lande, wo Ihr elend bezahlt werdet. Da drinnen brauchen wir Männer, da drinnen in Berlin, dort bezahlt man Euch g»t, dorthin müßt Ihr ziehen, damit die Masse der Genossen anwachse, damit wir endlich stark genug werden, von Arbeitern zu Herren zu werden und unsere jetzigen Herren, die von unserem Schweiße leben, zu unsern Knechten zu machen, dann werden wir im Gelde nur so wühlen."

Bravo!" gröhlten viele trunkene Stimmen.

Lehman» drückte sich still wieder auS der Tür, der Lärm war ihm zu wüst, aber die Worte des Fremden hatten in seinem Herzen Wurzel geschlagen und überwucherte« bald seine stille Arbeitsfreudigkeit. Nie hatte er früher gesagt:Warum schaffe ich so viel?" Jetzt fing er an, nachzudenken, daß er eigentlich für seine viele Arbeit zu wenig Geld bekäme, und wie viel Geld man doch in Berlin verdienen könne, bei weniger Zeit.

Eines Tages war sein Entschluß fertig. Nach dem Essen sagte er:Marie, höre mal zu," er wischte schwer mit der Handfläche über den weißgescheuerten Tisch, als wollte er alte Erinnerungen herunter wischen,ich will Dir was sagen," fuhr er fort:ich verdiene zu wenig."

Na, die Kinder und wir sind doch noch immer satt ge- worden," wandte sie ein.

Das verstehst Du nicht, ich muß mehr verdienen, und ich will mehr verdienen," fuhr er die Erschrockene an und, auf den Tisch schlagend,ich will mehr verdienen! Also ohne lange Reden, wir verkaufen und ziehen in die Stadt."

Nach Berlin, ach Gott, das ist doch Dein Ernst nicht, Gustav," jammerte die Frau,was foU ich da, nein, ich gehe nicht mit."

Natürlich gehst Du mit, und nun keinen Ton mehr ober" er erhob seine Hand mit unzweideutiger Gebärde und stampfte wie ein Sieger heraus. Seine Frau blieb weinend zurück.

Samstag land ist die allgemeine Schulpflicht durchgeführt. Die Ge­samtausgaben für die Volksschulen beliefen sich im Jahre 4901 im Reiche auf 413' Millionen Mark, wovon 120 Millionen aus Staatsmitteln gedeckt wurden ; in dem genannten Jahre gab es 58164 Schulen mit 144 484 Lehrern (darunter " 22339 Lehrerinnen) und nahezu 9 Millionen Schülern. Durchschnittlich kommen auf den Lehrer 61 Schüler, die Unterhaltungskosten betragen für jeden Schüler 47 Mark. In den letzten zehn Jahren ist eine Vermehrung der Schulen um 1601, der Lehrer um 24 451, der Unter­haltungskosten um 170 Millionen Mark eingetreten. Von den preußischen Lehrern sind 69,7 v. H. evangelisch, 29,7 vom Hundert katholisch, von den Lehrerinnen 55 v. H. ka­tholisch, 44 v. H. evangelisch ein Beweis, daß von einer Zurücksetzung der Katholiken im Schulwesen nicht gesprochen werden kann.

Der letzte Band beschäftigt sich in drei Teilen mit den technischen Hochschulen, den Hochschulen für besondere Fach­gebiete und dem mittlern und niedern Fachunterricht. Die BesuchSzahl der neuen technischen Hochschulen deS deutschen Reiches ist von 1871 bis 1903 von 4710 auf 16 823 ge­stiegen. Der Schlußteil des Sammelwerkes umfaßt die man­nigfachsten Anstalten und Veranstaltungen, die zwischen den Hoch- und Volksschulen stehend, der Ausübung für irgend einen Fach betrieb diene».

Alles in allem gewährt jeder Teil des groß angelegten Werkes ein erfreuliches Bild rastlos strebender Tätigkeit, und wenn in St. Louis infolge der großen Entfernung die deutsche Industrie nicht nach ihrer internationalen Bedeutung vertreten ist, so kann wenigstens die deutsche Unterrichts-AuSstellung drüben melden, daß man in Deutschland rüstig an der geistigen und technischen Ausbildung arbeitet.

ßandwirtfcbaftllcbes*

Wochenbericht der Berliner Produktenbörse. Im internationalen Getreidehandel hat während der am 27. Juli beendeten Berichtswoche die Festigkeit der Tendenz weitere Unterstützung erfahren durch die Preissteigerungen an dem Budapester und dem Pariser Markte. Ungarn hat zweifellos ein bedeutendes Mindererträgnis in nahezu allen Getreide- arie^ Dies macht sich bereits dadurch bemerkbar, daß öster­reichische Gebiete, die ihren Bedarf bisher aus Ungarn deckten, im Auslande Ankäufe zu machen suchen. So scheint in deut­schem Roggen eine Ausfuhr nach Böhmen bevorzustehen. In Frankreich hat der im Süden und im Zentrum dieses Landes bereits begonnene Ausdrusch des Weizens große Enttäuschungen bereitet und zu der oben erwähnten Aufwärtsbewegung der Weizenpreise Anlaß gegeben. In Nordamerika hat sich die Haltung nach vorübergehender Steigerung zur Abschwächung, welche in günstigerer Beurteilung der Weizenernte ihren Grund hatte, wieder gebessert angeblich auf politische Befürchtungen. Nur die englischen Märkte zögern, sich der nach oben gerichteten Preisbewegung anzuschließen, da die wieder umfangreicher sich gestaltenden Verschiffungen Argentiniens und Ostindiens eine Deckung des Bedarfs an Brotstoffen erleichtern. In Berlin konnte das Geschäft wegen der Störung der Schiffahrt keinen großen Umfang annehmen. Bezüglich der Tendenz fanden die vom Auslande kommenden Anregungen für eine Aufwärts­bewegung der Hreise gute Aufnahme. Zum Teil hat dieS seinen Grund wiederum in der Annahme baldigen Inkraft­tretens der erhöhten Zollsätze. In Weizen und Roggen war daS Angebot neuer Ware gering, weil die Landwirtschaft zu stark von Feldarbeiten in Anspruch genommen ist. Für den PreiS der Julk-Lieferung wirkten Deckungskäufe, für spätere Lieferung Meinungskäufe anziehend, Die Proben neuer Ernte auch von Gerste und Hafer waren durchweg befriedigend. Ein regelmäßiges Geschäft hat vorerst allerdings nur Roggen neuer Ernte. Das Lokogeschäft in Hafer ist unbedeutend geblieben, da der Konsum die gestellten hohen Preisforderungen nicht be­willigen will; auf spätere Termine dagegen herrschte ziemlich rege Kauflust infolge der wenig erfreulichen Ernteaussichien für diese Frucht. Mais war knapp anaeboten und infolge

Nach wenigen Tagen war das Haus an einen Groß­bauern verkauft, der eS braucht«, um sein Grundstück abzu- runden, eigentlich war es verschleudert. An einem kalten Septembermorgen packten sie ihre Habseligkeiten, lauter ge­diegene alte Bauernsachen, in einen Leiterwagen, den ihnen der Käufer des Hauses aus alter Freundschaft für den Um­zug zur Verfügung stellte. Bei dichtem Nebel fuhren sie ab. Marie mit den Kindern auf dem Wagen, sie wollte nichts von der Trennung sehen und »einte ^rzzerbrechend in ihre Schürze. Gustav Lehman» stampfte mit dem Pferdeknecht stolz neben dem Wagen her.

Um 11 Uhr kamen sie in Berlin an. Der Fremde vom Sommer, der sich Haubold nannte, hatte ihnen eine Woh­nung besorgt und die kleine Karawane am verabredeten Platze erwartet.

Vor einem schmutzigen Hause im fernsten Norden blieb der Wagen halten. Neugierig musterten ein paar schlumpige Frauen den Aufzug:Wieder welche vom Lande, als wenn wir selbst nicht schon zu wenig zu essen hätten."

Marie hatte die wenigen Worte aufgefangen, seufzend half sie beim Veraufträgen der Sachen. Sie hatten nur das Nö­tigste mitgenommen, aber die verräucherte Küche und das Hofzimmer daneben boten auch hierfür kaum Platz. Das war ihr Heim, diese Spelunke hatte sie für ihr behagliches Haus da draußen unter den grünen Linden eingetauscht. Dort war sie ihre eigene Herrin gewesen, hier sollte sie mit etwa hundert Familien sich in die vieltreppige Miets­kaserne teilen.

Aber auch ihr Mann war unzufrieden, wo war der viel­gepriesene Glanz?

Die Arbeit verlief wie daheim, nur nicht in der behag­lichen Selbständigkeit des dörflichen Handwerkers, sondern zu­sammen mit vielen zusammengelaufenen Gesellen, deren rohe Reden ihn oft kränkten. Einmal halte er über Königstreue und Gottesfurcht Worte fallen lassen, war aber schön ausge­lacht »erben. Sein einfacher Verstand hatte schließlich auch

: 0. Juli dessen höher, auch für spätere Sichten zogen die Preise an. Für September-Lieferung wurden schließlich folgende Preise notiert: Weizen 172,75 Mk., Roggen 139,75 Mk., Hafer 139,50 Mk., Mais 115,00 Mk.

Preise des städtischen Schlachtvieh-Marktes. I. Ochsen: a) vollfleischige, ausgemästete höchsten Schlachtwerts, höchstens 7 J. alt 69-73 Mk., _ b) junge, fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 6368 Mk., c) mäßig genährte junge und gut genährte ältere 6162 Mk., d) gering genährte jeden Alters 5860 Mk. II. Bullen: a) vollfleischige, höchsten Schlachtwerts 6568 Mk., b) mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere 6264 Mk., c) ge­ring genährte 5461 Mk. III. Kühe: a) vollfleischige aus­gemästete Kühe höchsten Schlachtwertes, höchstens 7 Jahre alt 6062 Mk., b) ältere ausgemästete Kühe und weniger gut ent­wickelte jüngere Kühe 5658 Mk., c) mäßig genährte Kühe 5054 Mk., d) gering genährte Kühe 4549 Mk. IV. Kälber: a) feinste Mastkälber und beste Saugkälber 78 bis 80 Mk., b) mittlere Mastkälber und gute Saugkälber 6670 Mk., c) geringe Saugkälber 5460 Mk., d) ältere gering ge­nährte Kälber 5060 Mk. V. Schafe: a) Mastlämmer und jüngere Masthammel 6971 Mk., b) ältere Masthammel 62 bis 68 Mk., c) mäßig genährte Hammel und Schafe 56 bis 60 Mk. VI. Schweine: a) vollfleischige kernige Schweine feinerer Rassen und deren Kreuzungen von höchstens l1,! Jahren 53 Mk., b) fleischige 50-52 Mk., c) gering ent­wickelte 4749 Mk., d) Sauen 4647 Mk.

Aus aller Meit«

Eine furchtbare Seereise. Die Mannschaft der italenischen BarkeSan Pietro" hatte eine furchtbare Reise von Montevideo nach Italien. Am 8. Juli sah der Kapitän des deutschen DampfersTenedos" das Schiff im Norden der Madera-Jnsel unter Notsignalen fahren. Der Kapitän des Segelschiffes war gestorben und in die See bestattet worden, und der Maat, der einzige von der Mannschaft, der etwas von Schiffsführung verstand, lag sterbend in seiner Kabine. Der Rest der Mannschaft stand halbverhungert und erschöpft auf Deck. Das Schiff hatte kein Wasser und keine Lebens­mittel mehr und die Mannschaft hatte bereits jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben, als die Notsignale von derTenedos" gesehen wurden. Der Arzt derTenedos" half dem kranken Maat, während der Kapitän Anbei das Schiff reichlich mit LebenSmittel und Wasser versehen ließ und dem ersten Offizier und einem Seemann befahl, dieSan Pietro" nach Genua zu bringen.

Ein großes Fischsterben gab es in Berlin am Dienstag abend in der Spree. Infolge der starken Gewitter­neigung, die stundenlang anhielt, konnten die Fische auf dem Grund deS Flusses nicht die nötige Luftmenge finden. Sie drangen deshalb nach oben und machten hier krampfhafte Ver­suche, Luft einzuatmen. Die meisten legten sich nach kurzer Zeit auf den Rücken und gingen ein. Zwischen dem Mühlen« damm und der Waisenbrücke, wo man an daS Wasser heran kann, machten sich Erwachsene und Kinder die Not der Fische zunutze und fingen sie mit der Hand oder mit Keschern, da die geängstigten Tiere jede Vorsicht außer acht ließen.. Namentlich an der StraßeNeu-Köln am Wasser" wurden auf diese Weise von Kähnen aus viele Hunderte von Fischen gefangen.

Ein abscheuliches Verbrechen ist Mittwoch nach-^ mittag in der Schönholzer Heive entdeckt worden. Eine An­zahl von Kindern, Zöglinge der Erholungsstätte Dom Roten Krenz, stießen beim Spielen auf der Wiese an der Jeverschen Baumschule auf Niederfchönhausener Gebiet auf eine Kindes­leiche, welcher der Kopf fehlte. In der höchsten Erregung eilten die Kinder nach der Roten Kreuz-Station, von der aus die Polizei benachrichtigt wurde. Die Beamten fanden den be­reits in Verwesung übergegangenen Leichnam eines etwa zehn Tage alten Kindes, der ursprünglich in einem Paket aus starkem Packpapier eingeschnört war. Nach längerem Suchen stieß man in einiger Entfernung auch auf den Kopf des Kindes, geglaubt, daß dererlei Dinge nur für Reiche da seien. @r hatte gelernt, mit auf jeden Befsergesiellten und jegliche Auts^ rität zu schimpfen, und war gleich seinem Arbeitsgenossen ein waschechter Socialdemokrat in seinem Gehabe und seinen Reden geworden, ohne eigentlich zu wissen weswegen, ohne tieferes Verständnis für die Bestrebungen der Partei^

In Berlin war ihm der Wert des Geldes erst so recht klar geworden. Zwar verdiente er schon mehr als daheim, 33 blanke Mark wurden ihm an jedem Lohntage aus- gezahlt. Aber hier hieß es Miete bezahlen, den Ansprüchen' der^ unersättlichen Parteikasse gerecht zu werden und alles, kaufen, was der heimische kleine Garten fast umsonst gebracht hatte. Draußen im Dorfe war es doch besser gegangen.

Marie wurde hohläugig, die Kinder bekamen blasse Backen, und Fritz tauschte seine harmlose Fröhlichkeit gegen die rohe Weise der Jungen ein, mit denen er auf Hof und Straße herumtollte. Die tägliche Not wurde allmählich häufiger bei Lehmanns, und mit ihr zogen Krankheit, Unzufriedenheit und Zanksucht ein. Nicht wie ehemals suchte Leymann seine Er­holung in dem eigenen Heim, aus welchem das Behage« schwand. Haubold, welcher eine Schlafstelle im gleichen Hause inne hatte, wurde sein täglicher Genosse. Immer wieder konnte er dessen Worten lauten und sich an den Herrlich­keiten deS verheißenen Zukunftsstaates berauschen. Seine Un­zufriedenheit über alles Bestehende im allgemeinen und die eigene Not im besondern wuchs dabei von Tag zu Tag.

An einem warmen Juni-Abend war er besonders ver« bissener Stimmung, der Durst quälte dazu, was war natür­licher, als daß er, um besserer Laune zu werben, erst ein Gläs- wen trank. Zum ersten Male überwand er sich nicht, nach der Lohnzahlung gleich nach Hause zu eilen, um das Geld an Marie abzuliefern. Aus dem einen Glase wurden viele, nnb erst um 12 Uhr kehrte er taumelnd heim.

^'^""Sst hatte seine Frau auf ihn gewartet, weinend warf sie sich je^t vor dem Trunkenen hin und flehte ihn an, er solle an seine Kinder denken, die Miete müsse bezahlt werden,