Samstag den 23. Juli 1904,
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Das neue französische Wehrgesetz.
Die französische Deputiertenkammer hat vor einigen Tagen ein Wehrgesetz angenommen, das das Gesetz vom Jahre 1889 ersetzen soll. Die Einstellung aller körperlich brauchbaren Leute zu einer zweijährigen aktiven Dienstzeit ist die wichtigste Bestimmung des neuen Gesttzes. Von diesem Grün' atze gibt es keine Ausnahme. Selbst diejenigen Leute, die bisher wegen Mindermaßes (unter 1,54 Meter) vom Dienste befreit waren, müssen jetzt dienen. Auch jene Leute, die als Ernährer ihrer Familie anerkannt find, sollen nun, wenn fie dienstbrauchbar sind, zum Dienst ausgehoben werden. Staat, Departement und Gemeinde teilen sich nach einem bestimmten Prozentsatz in die Unterhaltungspflicht der betreffenden Familien während der Dienstzeit ihrer Ernährer. Desgleichen ist für diejenigen jungen Leute, die als aktive Offiziere weiter dienen oder Reserve-Offiziere werden wollen, eine zweijährige aktive Dienst- zeit im Mannschaftsstande vorgeschrieben.
Während das französische Heer bisher, abgesehen von den Freiwilligen, Kapitulanten u. s. w., aus drei verschiedenen Arten von Soldaten besteht, nämlich aus Leisten, die 3, 2 und 1 Jahr dienen, wird es in Zukunft nur Soldaten haben, die alle gleichmäßig zwei Jahre dienen müssen. Da auch die Zahl der Kavitulanten und Kapitulanten-Unieroffiziere um 30 000 bis 33 000 Mann vermehrt werden soll, darf wohl angenommen werden, daß der innere Wert der Armee, besonders der der Reserven, nicht unerheblich steigen wird. Fraglich dürfte es nur erscheinen, ob für die berittenen Waffen eine zweijährige Dienstzeit genügt. Deshalb soll bei der Kavallerie eine große Anzahl dreijährig Freiwilliger eingestellt werden, denen bedeutende Pensionen zu zählen sind.
Obgleich in Frankreich von den jährlich gestellungspstich- tigen bereits gegen 70 v. H. zum aktiven Dienste ausgehoben werden (gegen 28 v. H. bei uns), genügen die körperli^ vKkommen brauchbaren Leute nicht, um 570 000 Mann, die bisherige Effektivstärke, unter den Waffen zu erhalten. Es sollen deshalb jährlich 7000 Mann eingestellt werden, die wegen geringer körperlicher Fehler für den Service auxiliaire (Hülfsdienst) bestimmt sind. Sie sind etwa dasselbe wie unsere Ersatz-Reserve und sollen als Burschen oder Handwerker und Verwaltungs-Soldaten Verwendung finden.
Schon das Militärgesetz von 1889 war in Frankreich eine Wehrsteuer emgeführt, die im Durchschnitt jährlich 2,3 Millionen Francs eingebracht hat. Das neue Wehrgesetz rechnet mit einem Ergebnis von 4,8 Millionen. Zunächst sollen alle jene Leute, die, obgleich sie in ihrem Zivilberufe vollkommen erwerbsfähig, doch wegen geringer körperlicher Fehler nur für den Service auxiliaire bestimmt sind, aber im Frieden nicht zum Dienst herangezogen werden, eine Wehrsteuer zahlen, wenn sie »der ihre Verwandten ersten Grades zu einer Staatssteuer von 10 Francs oder mehr veranlagt sind. Drei Jahre lang sollen sie das Zweieinhalbsache der Staatssteuer als Wehr- steuer zahlen, wozu noch für jeden Franken 10 Centimes Erhebungsgebühren kommen. Der Kriegsminister rechnet, daß jährlich 54 000 Mann zu dieser Steuer veranlagt werden. Weist aber ein Mann, der mit 10 Francs Staatssteuer veranlagt ist, bei seinem Urbertritt zur Landwehr, also wenn er etwa 34 Jahre alt ist, nicht nach, daß er verheiratet oder Witwer mit Kindern ist, so hat er 12 Jahre lang den doppelten Satz der Staatssteuer als Wehrsteuer zu zahlen. Es ist dies also eine Art Junaaeiellen-Steuer, wobur* die Re->
Feuilleton,
UeLerrumpelt.
Humoreske von Bruno Wehner (Dellwig, Rheinland).
(Nachdruck verboten.)
(Schluß aus dem dritten Blatt.)
Erna, tye bei dem Anblick ihres Geliebten alle Fassung verloren hatte, warf sich, heiß erglühend, in dessen ausge- oreiteie Arme. Lisa und Tante beobachteten das Gesicht des Majors, das sich im Moment schwer definieren ließ, jedenfalls aber war es io urkomisch, daß die Tante hinter ihrem Taschentuch in ein schüchternes, Lissi dagegen in ein schallendes Gelächter ausbrach, das den Major noch konfuser machte. Er wollte sprechen, seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut kam zwischen ihnen bervor.
Da stürzte Erna zu ihm Bin) küßte ehrerbietig seine Hand und sagte in ihrer schlichten, aber herzlichen Weise: „Lieber verehrter Herr Major, ich Bin Erna Menting. Zürnen Sie mir nicht, wenn ich mich Ihnen nicht sogleich entdeckte, aber Lissi und Kurt meinten . . ."
„Geliebtes Väterchen," nahm Liffi das Wort, „wirwußten uns nämlich keinen andern Rat, höre nur! Ich kenne Erna schon von der Pensionszeit her und habe fie schätzen und lieben gelernt. Als ich nun neulich Kurts Brief las, war ich glücklich, sie, an der ich mit ganzem Herzen hänge, zur Schwester zu bekommen. Als ich dann sah, wie Du über den Inhalt dieses Schreibens dachtest, sagte ich mir sofort, daß ich durch Gegenreden und Ueberzcuqenwollcn einen ganz falscher Weg einschlagen würde; so baben wir denn gegen Dich, Herzensväterchen, dieses Komplott geschmiedet."
„Du solltest, ohne jegliche Voreingenommenheit, Erna mit all ihren Tugenden kennen lernen und beurteilen, deshalb haben wir ihren Vaternamen geheim gehalten."
gierung offenbar der fortwährenden Abnahme der Geburten (1880: 920 000; 1902 : 845 000 entgegenwirken will.
Jedenfalls legt das neue Wehrgesetz dem französischen Volke große Opfer auf. Die Kosten des Heeres betragen danach etwa 30 bis 40 Millionen Franken mehr als bisher, dazu kommt die persönliche M-hrbelastung. Die Vert^eler des französisches Volkes haben diese Opfer aber nahem einmütig, mit 517 gegen 43 Stimmen, gut geheißen, weil sie notwendig sind, um das Heer schlagfertig zu erhalten. In Fragen der nationalen Wehrkraft hört eben bei den Franzosen der Partei- Unterschied auf. Ein schönes Zeichen vaterländischer Gesinnung, das der Nacheiferung würdig ist.
Der französische General Canonae über deutsche Kriegführung 1870,71.
Die Veröffentlichung der Briefe des Generals v. Kretsch- man hat, so liest man in den „M. N. N.", in Frankreich lebhaft, s Echo hervorgerufen; überall weist man auf die angeblich von den Hessen in dcr Stadt Sens verübten Schandtaten hin, aber keinem Blatte ist es bis jetzt eingefallen, aus diesen Briefen u. a. auch anzufübren, wie drei deutsche Offiziere auf ihren Ordonnanzrilien von Bauern aus b-m Hinterhalte heraus erschossen worden. „La France Miliiaire" hat schon Ende Oktober v. Js. die Bürger von Sens aufgefordert, sich über die Taten der Hessen zu äußern, allein bis heute hat die Zeitung noch keine Antwort erhalten, ein deutlicher Beweis dafür, daß die Sache erlösen ist, denn andernfalls hätten die Franwien sich beeilt, die angeblichen Mordtaten und Plünderungen öffentlich zu brandmarken. Der bekannte Militärschriftsteller General Canongc nimmt die Briefe zum Anlaß, dem französischen Volke wieder die ^rewftnten der Deutschen in das ^ebä^tniS zurückzurufen, indem er in einem langen Artikel „Procedes allemands" im Supplement illustre au „Petit Journal" vom 1. Mai 1904 eine Anzahl von Fälleb erzählt, in welchen friedliche Einwohner von den Deutschen erwerbet/ d. h. standrechtlich erschossen worden sind. Hierbei unterläßt es aber der französische General, darauf hinzuweisen, daß diese Leute meist nur deshalb zum Tode verurteilt wurden, weil sie aus dem Hinterhalte heraus einzelne Deutsche erschossen oder weil sie deutsche Telegraphenleitungen zerstört haben. In seinem Werke „Histoire Militaire" u. f. w. sagt General Canonae in Dd. II, S. 238 selbst, daß die Deutschen sofort nach ihrem Eintreffen in einer Stadt oder einem Dorf die Einwohner unter Androhung der schwersten Strafen davor gewarnt haben, feindliche Handlungen gegen das Heer zu begehen, es baben sich daher die Bestraften in den meisten Fällen ihr trauriges Los selbst zuzuschreiben. Wir wollen den Franzosen wieder in das Gedächtnis zurückrufen, in welch' verbrecherischer Weise damals die französische Presse zum Volkskrieg aufgefordert bat. Bevor noch ein Kanonenschuß gefallen war, schrieb „Le Journal de PariS" am 23. Juli, man solle Treibjagden auf den Feind veranstallcu, die Scheunen, in denen Feinde schlafen, bei Nacht niederbrennen und die Preußen aus dem Hinterhalte erschießen. Die algie- rische Zeitung „L'Jniövendance" gab den Turkos die Parole mtt: „Mordbrenner:, Tod und Plünderung ist jetzt eure Aufgabe, schneidet Köpfe ab, je mehr Köpf-, umso größer die E^re." „La Liberty" forderte auf, die Feinde in der Stille der Nacht wie tolle Hunde zu töten, „Le Figaro" sagt am 17. August in menschenfreundlicher Weise, jeder greife zum Gewebr o^er zum Messer, und wenn auch die M-sser fehlen,
Jndem nun Kurt und Erna je eine Hand des allmählich austauenden Majors ergriffen und ihm bittend in die Stirnen sahen, sagte Kurt: „Willst Du uns zu dem Bunde nicht deinen Segen gebest?"
Da platzte der Major endlich los: „In drei Teufels Namen, ja! oder ich wollte sagen" — und dabei wischte er sich verstohlen eine Träne aus dem Auge — „das ist sogar für mich eine rechte, rechte Freude. Komm an mein Herz, Erna, und auch Du, mein Sohn, seid glücklich auf eurem Lebensplade, den J^r von nun an gemeinsam wandeln wollt, und Gott sei mit Euch!"
„Nun, Lissi, Du kleines Teufelchen in Menschengestalt, weißt Du nickt, was Du jetzt zu tun hast? Hierher und Deinem Vater hübsch abgebeten."
Und jauchzend hing sich Lissi an seinen Halst und weinte Freubentränen.
Der Major küßte sie auf das Blondhaar und sagte scherzend : „Schäme Dick, Du Wild^ang, ist das Kindesliebe, wenn man seinen eigenen ergrauten Vater so hinters Licht führt?"
Lissi aber verschloß ihm mit einem herzhaften Kuß den Mund. Als der Major wieder das verräterische Naß im Auge werkte, wandte er sich schnell um und winkte einem Kellner Herbst, der dann in kürzester Zeit einige Flaschen Champagner in Eis brächte.
Mitten in den Dfielstenden erinnerte sich plötzlich Liisi daran, was ihr Kurt vorhin ins Ohr geflüstert hatte und fragte den glücklichen Bräutigam: „Was wolltest Du mir denn vorhin lagen, Kurt?" und dieser antwortete laut: „Mein Freund Stauen läßt Dir die herzlichsten Grüße entbieten und Dir sagen, er müßte Dich nach Deiner Rückkehr nach etwas fragen. Mir wollte er es durchaus nicht anvertrauen und ich habe natürlich auch nicht die geringste Ahnung, um was es sich handeln könnte." Dabei blinzelte er sein Schwesterchen so schelmisch an, daß dieses purpurrot wurde, sich plötzlich ganz unmotiviert an Ernas Hals hing und sie stürmisch abküßte.
I dann bleibt uns noch der Arsenik. Am 5. September verlangt ■ der „Figaro" für Schmuggler und Wilderer Schußpramien für jeden getöteten Preußen, da dieses Geld gut angewendet sei. Mehrfach werden die Schmuggler und Wilddiebe der Vogesen aufgefordert, die Feinde aus dem Hinterhalt zu töten, hinter jedem F-lsblock, aus jedem Busche soll ein Schmuggler bereit sein. Am 30. August fordert ein Pariser Blatt auf zum heiligen Kriege gegen die Mordbrenner von Forbach, zum Schutze des französischen Herdes und unserer Götter, jeder Busch, jede Hütte diene den Wilddieben und Jägern zum Kinterbast, jede Quelle, jeder Brunnen werde zur Todesstätte für den F°ind. „Le Gaulois" meint am 16. August, man solle kurzerhand jeden Deutschen in Paris erschießen, da ja Spione unter den Deutschen sein können. Am 22. August schrieb „Le Public": „Wir sümpfen mit wilden Bulldoggen, wo sie durchkommen, verheeren sie und metzeln Verwundete nieder, sie töten Kinder, schänden Frauen, morden Greise. Wie Wölfe und Tiger mästen sie sich in unserem Blute. Diese niederträchtigen Aufhetzungen der Pariser Presse, mit welchen man ganze Bände füllen könnte, werden dem heutigen Geschlecht sorgfältig verheimlicht, sie tragen aber in erster Linie die Schuld daran, daß der Krieg in dieser Weite ausgeartet hat. Die volle Verantwortung für das, was die deutschen Truppen zu ihrer Sicherheit nach Kriegsrecht tun mußten, trägt lediglich die französische Regierung, welche diese barbarischen Hetzereien der Treffe ce» duldet hatte.
Wenn man heute den Deutschen die standrechtliche Erschießung derer, welche auf eigene Rechnung den Krieg führten, zum Vorwurf macht, so ist es für ewige Zeiten ein Schandfleck für la grande nation, daß sie in der geschilderten Weise das Volk zur RaLe hetzte. General Canonge führt natürlich auch wieder die Städte Bazeilles, Rambervillers, Cbateaudun, Ablis, Varize u. s. w. an, welche von den Deutschen bar- barischerweise und ohne Grund niederaebrannt wordey seien, er bringt die alte Legende von dcr Ermordung von Unschuldigen und von Frauen in Bazailles vor, aber obgleich der General in seinem Buche selbst angibt, daß die Einwohner in Bazeilles und Cbateaudun selbst am Kampfe teilgenommen haben, so stellt er doch wieder die Behauptung auf, diese Orte seien in frevelhafter Weise zerstört und von den Deutschen mit Petroleum in Brand gesteckt worden. Wir sind allen diesen niederträchtigen Verläumdungen schon früher entgegengetreten, wir wollen aber den Franzosen in das Gedächtnis zurückrufen, daß nach den eigenen Schilderungen französischer Schriftsteller, wie Dick de Loulap, Canonge, Lauth u. a. die Bürger von Weißenburg, von Bazeilles, von Cbateaudun, Rambervillers u. a. Orten entgegen allem Völkerrecht selbst am Gefecht teilgenommen haben. Gerade wegen dieser Teilnahme der Bürgerschaft am Dampfe haben vor einigen Jahren diese Städte das Recht erhalten, den Orden der Ehrenlegion int Wappen zu führen. Weil sich diese Einwohner hier- .mit außerhalb des Völkerrechts gestellt haben, fielen sie auch, wie dies der französische General Trochu selbst zugibt, unter das harte Kriegsgesttz, und sie hatten es sich selbst zuzuschreiben, wenn nun im Kampfe um die offenen Städte die Häuser in Flammen aufgingen oder wenn zur Strafe für Verrat Orte niederaebrannt wurden. In leichtsinniger Weise haben die Fran- zo'en den Krieg vom Zaune gebrochen, in verbrecherischer Weise haben sie ihre Leute zu barbarischer Kriegsführung auf- gefordert und sind damit für alle Folgen selbst verantwortlich.
Es ist nach so lana-r Zeit und da dit Truppenteile nicht an-
Der Major zog die Augenbrauen in die Höhe, kniff ein Auge zu und stieß einen leisen kurzen Pfiff aus, wobei ek denken mochte, „also aus der Ecke pfeift der Wind!" und zu Lisfi sagte er: „Ich habe heut früh übrigens mit unserm Herrn Wirt gesprochen, und will er uns die Zimmer »och sechs Wochen üb-rlassen, was ich ualürlich sofort acceptiert habe, in der festen Voraussetzung, daß ich meiner Tollster damit einen ganz besonderen Gefallen erweise. Ich sind's hier auch in der Tat ganz reizend in bieiem S. Die denkbar beste Ver- pfleoun«, prächtige Kulturanlagen, alle Bequemlichkeiten, Konzerte, Theater, Deine nette Konditorei mit den verlockenden Süßigkeiten, dann aber auch die herrlicken Anssiüge. . ."
„Ach, Väterchen, hör' auf," wehrte Lissi, „Bitte, bitte, reifen wir doch so bald als möglich nach Hause. Unser Hauptzweck ist ja, gottlob, erreicht, und ich glaube, ich würde jetzt alles sehr langweilig finden, wenn wir noch länger hier blieben, und dann sehne ich mich auch schon so sehr — nach meinen lieben häuslichen Geschäften."
„Schön, schön, mein Döchting," lachte der Major in vergnügtester Laune, „also Kinder, wenn's Euch allen recht ist, so reisen wir übermorgen."
Lissi schrie der Tante diesen Vorschlag wiederum ins Ohr. Diese nickte lächelnd Beifall und empfing dafür unter dem Tisch einen warmen, herzlichen Händedruck.
Nun hob der Major sein Glas in die Höhe und rief: „Unser Brautpaar soll leben!"
Und Li'si ergänzte: „Unser Herzenspapa daneben!"
„3a, ja." lachte der glückliche Brautvater, „den Ihr diesmal zum erstes, aber auch zum letzten Male regelrecht „überrumpelt" habt.
Albumblätter.
Anfang, Mittel und End' allein, Laß Gott in allen Sachen fein, Denn was mit Gott wird angefangen, Ist niemals übel auigegangen.