Zweites Blatt.
Hamuer U Ameiger
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General-Anzeiger
Amtlilhes Organ fnr Stadt- und Landkreis Haaan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Bellage.
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Beraniwsrtl. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
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Nr. 169»
Ferusvrechanschluß Nr. 605»
Hreitaa &?h 22, Juli
FernlvrechanlLlnß Nr. 605
1904
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Polititoe Rundschau«
Der Kaiser besuchte in Drontheim gestern vormittags die Domkirche. Am Eingang wurde er vom Konsul Jenssen und einigen anderen Herren empfangen. Als der Kaiser die Kirche betrat, spielte die Orgel ein Präludium. Ein Männerchor trug zwei Gesänge vor und sodann, nachdem der Kaiser den Chor noch um eine Zugabe hatte bitten lassen, die norwegische Nationalhymne. Nach eingehender Besichtigung der Kirche, die der Kaiser unter Führung des Architekten vornahm, begab sich der Kaiser nach dem Landsitz deS Konsuls Jenssen, wo das Frühstück eingenommen wurde. Bei der Abfahrt von der Kirche wurde der Kaiser begeistert begrüßt.
Detttsch-russischer Handelsvertrag. Nachdem die grundlegenden Verhandlungen über den deutsch-russischen Handelsvertrag unter der persönlichen Mitwirkung des Reichskanzlers Grafen Bülow und des Herrn von Witte in Norder- ney beendet sind, werden die beiderseitigen Kommissare die weiteren Beratungen in Berlin vornehmen und wahrscheinlich auch hier zu Ende führen. Wenn über die Einz-lergebnisie der Norderneyer Verhandlungen naturgemäß zunächst nichts verlautet, so darf man die Tätigkeit der „Oberkommissionen" am Nordjeesiranee doch als ersprießlich bezeichnen. Es ist eine Basis für die Weilerverhandlungen, die bekanntlich abgebrochen worden waren, gefunden, und es kann beiderseitig die Absicht und Aussicht konstatiert werden, bald zu einem Ergebnis zu gelangen. Das Schweigen über den materiellen Stand der Verhandlungen ist wohl verständlich, immerhin kann gesagt werden, daß die Aussichten, zu einem für beide Seiten annehmbaren Resultat in absehbarer Zeit zu gelangen, durch die Norderneyer Aussprachen besser geworden sind.
Der Anfstand in Süvwestafrtka. Die „Nordd. Allg. Zig." meldet: Die Kommission, in deren Hände die Verteilung der zu Hilfeleistungen anläßlich des Hereroaufstandes bewilligten zwei Millionen gelegt wurde, konstituierie sich nunmehr in Wmdhoek. Sie besteht außer aus dem kaiserlichen Oberrichter Richter als Vorsitzendem aus folgenden Personen: dem Ansiedelungskommissar Doktor Rohrbach, dem Kaufmann Nitsche-Windhoek, dem Farmer Mittelstädt-Elisenheim, dem Farmer Erich Nust-Ondekaremba. Die Kommission nahm ihre Arbeiten unverzüg ich in Angriff.
Hochverrats- und Geheimbundsprozetz in Königsberg. In der gestrigen Verhandlung berichteten der Privatdozent Dr. Rost und der Schriftsteller Buchholz- Charlotlenburg, ein geborener Russe, der 7 Semester an der Universität in Petersburg Jura studierte, über die Attentate in Rußland und deren Ursachen. Letzterer gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß die große Mehrzahl der jüngsten russischen Altemaie rein akademuchen Charakters seien. Sie seien zurück-
zuführen auf die Studentenpestschungen und das Edikt, auf Grund dessen alle verdächtigen Studenten, ohne Rücksicht auf ihre körperliche Beschaffenheit, unter Verlust der Berechtigung zum Einjährig-Freiwilligendieust in die Kaserne gesteckt werden sollten. Auch die meisten anderen Attentate hätte» keinen parteipolitischen Charakter. Hierauf werden wiederum mehrere beschlagnahmte Schriften verlesen. Unter diesen zeichnen sich namentlich die Schriften von Burzeff durch die ärgsten Ausfalle gegen Kai'er Nikolaus aus. Auf Befragen der Verteidigung erklärt Buckholz, Burzeff werde ein Terrorist obne Terroristen genannt. Nach einer Pause gelangte eine Schritt der Gruppe Swoboda zur Verlesung, in der Kaiser Nikolaus für die Greueltaten in Kischinew verantwortlich gemacht wird. Im weiteren Verlaufe der Verhandlung verlas Privat-Dozent Dr. Ballod eine Denkschrift des jüdischen Gemeindevorstandes der Stadt Kitchinew an den Minister des Innern. Es wird darin ausgeführt, der Ueberfall des Pöbels auf Juden sei veranlaßt worden durch die antisemitische Zeitung „B.ssarabelz". Der Plan sei lange vor Ostern bekannt gewesen. Der Gemeinde- vorstand sei deshalb beim Gouverneur vorstellig geworden; dieser habe ibm die beruhigendsten Versicherungen gegeben. Polizei und Militär, die den Juden ihre Waffen abgenommen hätten, hätten den Pöbel durch ihre Untätigkeit indem Glauben bestärkt, die Regierung wolle d e Ausplünderung und Abjchlach- tung der Juden. Nach einigen weiteren Verlesungen erklärte der Vorsitzende die Beweisaufnahme für geschlossen. Heute beginnen die Plaidoyers.
Bayerische Kammer der Abgeordneten. Bei der zweiten Beratung des Militäretats erklärte Kriegsminister Frhr. v. Asch unter anderem, von eurem Abschiedsgesuch des Präsidenten des bayeri chen Senates des Rricksmilitärgerichts sei ihm dienstlich nichts bekannt, ebensowenig davon, daß bei der Besetzung von Stellen in diesem Senat eine Aenderung gegen das bisherige Verfahren eintreten solle.
Englisches Oberhaus. Lord Burgbolere lenkte in der gestrigen Sitzung die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Vorschläge der Regierung über die Heeresorganisation Carl of Roberts, billigte einige Vorschläge, während er einige andere als den Interessen des Heeres nachteilig bez°ichnct. Parlamentsekretär des Kriegsamtes Earl of Donaughmore und der Minister des Auswärtigen, Lord Lansdowne verteidigten demgegenüber die Vorschläge der Regierung. Lord Lans'owne erklärte, die Vorschläge stellten nicht die endgültigen Beschlüsse der Regierung über alle Punkte der Heeresreform dar.
Englisches Unterhaus Laune erklärte, er stelle seine Anfrage beireffend Bejchlagnabme en li cher Dampfer bis Montag zurück, weil ihn der Unterstaatssekretär des Aeußeren darum ersuchte und weil er die Wichtigkeit der Frage anerkenne. Gison Bowles fragt an, ob die „Malakka" von Port Said
im Besitze einer russischen Brisenmannschaft abgesegelt sei und ob Baliour vor Ende der Session eine Erklärung über die ganze Frage geben könne. Balfour erwidert, er glaube, daß die „Malakka" tatsächlich im Besitze einer Prisenmann- schaft von Port Said abgesegelt sei. Er müsse zweifellos vor Ende der Session dem Hause eine Erklärung über die sehr ernste Frage der Beschlagnahme englischer Dampfer durch Schiffe bet russischen Freiwilligenflotte geben, indessen halle er eine verfrühte Erklärung nicht für wünschenswert. Auf eine weitere Anfrage erklärte Kolonialsekretär Lyttelton, die Regierung habe Lord Milner ersucht, General Hildyard gu benachrichtigen, daß die Veranstaltung militärischer Ehrenbezeugungen beim Leichenbegängnis Klägers die volle Genehmigung der Regierung finden werden, wenn solche Anerkennung der hervorragenden Stellung, die Krüger so lange inne hatte, für die Familie Krügers und die Buren annehmbar sei. Wenn jedoch Milner vom Gegenteil überzeugt sei, sollte er keine entsprechenden Schritte tun. — Im Laufe der Verhandlungen über den Etat des Kolonialamtes erklärte der Minister für die Kolonien, Lyttleton, die Regierung habe beschlossen, daß im nächsten Jahre 5 Mitglieder des gesetzgebenden Rates von Transvaal, die von der Regierung ernannt werden, durch gewählte Mitglieder ersetzt werden sollen. Die Wahl werde zeigen, ob die Regierung hinsichtlich des Verfahrens betr. Heranziehung chinesischer Arbeiter gerechtfertig dastehe. (Beifall.)
Die Unruhen in der Türkei. Am Montag fand bei Tepajchaschi, 5 Stunden südöstlich von Monastir, ein Kampf zwischen Truppen und einer IMpsigen Bande statt, bei dem 2 Soldaten und 5 Komitalschis getötet wurden. Der Rest der Bande entfloh. Es ist festgestellt worden, daß die Bande eben erst aus Bulgarien gekommen war.
Die Tibet-Expedition. Dem Reuterschen Bureau wird von der Tibcicxpeoilion gemeldet, daß die englischen Truppen den Kharolapaß überschritten hätten. Sie fanden nur schwach-n Widerstand. Die Truppen lagern jetzt 92 Meilen von Lhassa entfernt. Die Verluste der Engländer sind unbedeutend.
Der Herero-Ansstand-
Ergreifende Bilder aus dem deutschen Feldlager enthält ein soeben im Verlage der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle a. S. erschienenes Heft: „Reise- und Kriegsbilder von Deutsch-Südwestafrika, aus Briefen des bei Onganjiva am 9. April gefallenen Frhrn. v. Erffa (Preis 80 Pfg.)", eine Schrift, deren Lektüre wir unsern Lesern aufs beste empfehlen. U ber die erschütternden Szenen, die sich nach dem Kampfe auf dem Verbandsplätze und im Lazarett abgespielt haben, heißt es in der Schrift:
Feuilleton.
Der weibliche Doktor.
Bon E. von Serien geb. v. Thadden?)
Der weibliche Doktor — der bin ich na:ürlicb, denn ich bin Landwirissrau, und wenn wir Landwirtsfrauen nichts vom Doktern verstehen, dann sind wir überhaupt nicht zu brauchen.
Gestern galt es einem Huhn, das „sehr betrübt sieht," die Diagnose zu stellen, die kurzerhand auf Abschlachten hinaus« lief, ein ander Mal muß einem jungen Bullen eine Portion Glaubersalz verordnet und verabfolgt werden, — und gar in der Jnfluenzazeit — da öffnet sich alle Tage die Türe.
„Ine Fru, ick wull man frage, ob Sei nich'n poor Druppe hewe." „De Ollsch" — (das ist die Schwiegermutter) oder irgend ein anderes Familienglied ist von irgend einem Leiden befallen.
Nun geht man mit und gibt, den oft seltsamen Symptomen entsprechend, sein Gutachten ab.
Da sitzt so eine alte Frau, das unvermeidliche Tuch um den Kopf, in ihren buntgewürfelten Betten und beginnt mit klagenden Tönen, die seltsamerweise nicht aus dem Munde, sondern aus der Nase ihren Weg in die Außenwelt finden : „Ach ne, ’jne Fru, wenn ick dit doch man blot wüßt, wat dit is und wat dit nich is. Js dit wat von Rißmatismus, oder ts dit wat von Magen kander oder is dit wat von Jnfaulenzia. Jk Hew dat so up d' Bost, un denn statt mi dat so in d' Sier (Seite) un denn riet mi dat so in'n Bein. Kiek es blot, jne Fru, mien Bein! Wie drög is dat, di reine Stück! Man nich? Jk kannst jor nich miehr uthulle. Die janz Nacht hew ik möte rum momiseire, un so 'ne Hauste! Ach ne, so 'ne Hauste! 'Ine Fru jlöwe dat jor nich, wenn mi dat denn
*) Aus „Entenrike und andere Hinterpommersche Geschichten". Wol- senbüttel, Verlag von Julius Zwißler.
so ankümmt, wo ’ne Hauste as dat is. Un rare (reden) kann | ’f ok jor nich miehr l De Tung is mi ümmer so drög und denn steckt mi dat so im Krüz, un denn backt mi dat ’o up d' Bost, un denn treckt mi dat so'n Weihdag inst janz L ef rümme. Dat is nu jrad, as sik dat rejeirt, un so as fit rejeirt, so is dat ok. Ete kann ’f jor nich miehr, blot immer drinke, un wat dat Schlimmst' is: rare kann ’f jor nich mihr. Wat hew ik süst nicht rare künnt! Man nich Milie?" (zur schweigenden Schwiegertochter gewendet.) „Awernu? — Sie! Jlik kömmt mi ümmer d' Hauste an. Jk hew da all so veel för mbrukt — Milie, hal' eis jne Fru de Bottels, jne Fru will fe jirn bekieke."
Die nie zu Worte kommende Milie bringt, auf ihren runden Leib gestemmt, eine ganze Batterie kleinerer und größerer Fläschchen. Sie will was sagen.
„Kiek es, jne Fru", fällt die Alte eifrig ein, „dit hew ik all allens utbrukt! Dit hew ik mi sölwst noch halt ut de Regenwuller Aftheik, dit kost fiel Jrösche, und dit hier, dat hett mi Milie nt de Labser Aftheik milbröcht, dit kost sünfund- siebzig Pennig, dit janz klein Boitel! — Wo dür! Man nick? Awerst hulpe hett dit ok nich. Dit hew ’f von ner Fru sofft, wat ümmer so mit Stint rümmtreckt, dat schall siehr nützlich sien, kost 80 Pennig, awerst mi hett dat ok nich hulpe. Stu segge 's immer von der Wangriner Aftheik; da schall so'n swart Pulver sin, dat hett oll Gnebuschsch ehr Vodder, wat nu bot is, dem hett dat eifte sihr hulpe, segge 's, — as hei noch in st Semen wir. — Ach ne, ach ne rare kann ’f ok jor nich miehr! — Da schall Vodder nu up'n Sünndag hen gahn un schall dat hale, ob dat nich helpen ded."
„Nach Wangerin? Das ist ja aber vier Meilen weit!" warf ich ein.
„Ja, bat helpt nißt: hei möt dem Aftheiker bat vörstrllen, un denn möt hei dat schwart Pulver mitbringe, dat ik doch webber so raiet keim, bat ik ete un rare iünn. Blot up wat Suret (Saures) Hew ik Appentit auf, Fru Postern her mi all ’n Jlas Honnig schickt, awerst so recht wat Suret is dat ok nich, wenn jne Fr« mi wull'n ’n Flajch Wien schenken, dat j
I ik doch wedder miehr tau Kräften keim, dat mi bat Raren nich mihr so für füll'--"
Die Flasche Wein wurde sofort bewilligt, sie schlug ganz nach Wunsch an, was die Sprachentfesselung der rasch Genesenden betraf, der ich jetzt noch etwas scheu aus dem Wege gehe.
- Aber nich immer werden meine Heilmittel, so zweckmäßig angewandt. Neulich wurde ich zu einer Familie gerufen, da war „Hei" krank, d. h. der Hausvater, und das wird immer ernst genommen. Den bisher kerngesunden Mann hatte sein plötzliches Leiden sehr erregt und dadurch mitteilsamer gemacht, als der ländliche Pommer im allgemeinen ist.
Er hatte Schmerzen im Bein.
„Up ’n Fridag, as ik mit Roggen nah de Stadt wier, bin ik da all biem Doktor mit ran west."
„Was sagt er denn?"
„Ja jnedj' Fru, der seggt, bet wier sehr schlimm, seggt hei. Mein lieber Mann, seggt hei, dat iS sehr schlimm vernachlässigt, seggt hei. Sie haben auch ein schlimmes Aussehen, seggt hei. rein unersetzlich mager. Jk frog ein nu, wat dat för ’n Krankheit wier un wo dat heiten ded, wiel dad ik den Name von weitem müßt. Mein lieber Mann, seggt hei, un schüttelköppt, bat is eine Nervenerkältung — ne — oder feggt hei Blutentzündung." (Der Patient kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr.) „Na, wo seggt hei doch man! — Ja! — so seggt hei: Mein lieber Mann, seggt hei, das is eine Nervenverkältung, die jeht schon bis ans Knie raune, das is die höchste Zeit damit, seggt hei, denn wenn sie ein, zwei Zoll höger rauf jüng, denn wär' sie bis ans Herz ran, dann wär' das Schlaganfall; denn müssen Sie opferiert werden, mein lieber Mann, seggt bei." „Sei", d. h. die Frau, beaan« sich mit der Schürze die Augen zu wischen. . . „ |
„Hat er Ihnen denn was verschrieben?" fragte ich einig maßen konsterniert.
„3°, fer fiftig Pf-m-m zum Jnn-w-M ^er bR gW LinderniS. Natt kann ik da äwerall nrch «P »tzuue ok nich un nich heil «n nich drög.5