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Zweites Blatt.

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MU.

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Waisenhauses in Hamm.

Erscheint tägsich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Bnanmartl. Redakteurc G. Schrecke: in Hauau.

^T. 166. FernivrechMschluß Nr. 605»

Dienstaq den 19. Juli

Fernsprechanschkuß Nr. 605.

1904

Politische Rundschau*

Das deutsche Geschwader in Holland. 35 Offiziere deS deutschen Geschwaders sind gestern aus Vlissingen in Rotter­dam eingetroffen und am Bahnhöfe vom deutschen Konsul und dem Vorsitzenden der deutschen Kolonie empfangen worden. Nach einem Frühstück beim deutschen Konsul fand eine Boot­fahrt durch den Hafen statt. Heute abend gibt der deutsche Verein ein Mahl, an das sich ein Gartenfest anschließt.

Der Ausstand in Deutsch-Südwestafrika. Die K. $/ meldet aus Coblenz: Bon dem hiesigen Telegraphen- Bataillon sind heute früh 42 Mann zur Mitbildung der neuen Telegraphen-Abteilung nach Südwestafrika abgegangen. Auf dem Bahnhöfe waren die Offiziere der zusammengesetzten Kompanien, viele Angehörige und eine große Menschenmenge versammelt. Der Bataillons-Kommandeur brächte ein Hurra auf die Scheidenden aus, die Musik spielte die Nationalhymne und Abschiedslieder.

Der Geheimbundprozetz in Königsberg. Während der gestrigen Verhandlung verlas der Vorsttzendeein Schreiben Plechanoffs, in welchem dieser erklärt, er lehne eS ab, in Königs­berg als Zeuge zu erscheinen, da er befürchte, nachdem er seiner Zeugenpflicht genügt habe, an die russische Grenze gebracht zu werden. Der als Zeuge und Sachverständige vereidigte Pro­fessor Dr. von Reußner erklärte dann auf Befragen, der § 241 des russischen Strafgesetzbuches werde bei Majestätsbeleidigungen nicht angewandt, da e>ne Verletzung dieses Paragraphen die Todesstrafe zur Folge habe. Der Sachverständige, welcher an» gab, er sei russischer Untertan und aus seiner Professur des Staatsrechtes an der Universität Tomsk anläßlich der dortigen Studentenunruhen freiwillig ausgeschieden, bemerkte, bei dem hier in Betracht kommenden Paragraphen sei seines Wissens keine Gegenseitigkeit gewährleistet. In Rußland gebe es keine Religions-, Preß-, Vereins- oder Versammlungsfreiheit, kein Petitionsrecht. Außer d'N öffentlichen Gesetzen gebe es noch geheime Ukase. So seien Auspeitschungen gegen die auf­ständischen Bauern in Smolensk auf Grund eines geheimen Ukases Kaiser Alexander III. vorgenommen worden. Die finnische Verfassung sei durch einen Staatsstreich beseiint worden. Der Gerichtshof beschloß, durch Vermittelung des Juinzministers das Auswärtige Amt um amtliche Auskunft zu ersuchen, ob bezüglich des § 260 des russischen Strafgesetzbuches ein Staats­vertrag oder veröffentlichtes Gesetz bestehe, kraft dessen dem deutschen Reiche die Gegenseitigkeit gewährleistet ist. Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen wurden auf Antrag der Verteidigung mehrere Angestellte der Buchhandlung und der Expedition des Vorwärts" und der Stadtverordnete Bruhns-Berlin über den Verkehr von Russen in den Räumen desVorwärts" ver­nommen. Brubns gab zu, daß an ihn einmal ein Paket aus

Feuilleton.

Berlin vor 25 Jahren.

Von F. Kunze.

I.

Verfolgt man heute mit Aufmerksamkeit die innere und äußere Entwickelung unserer großen Städte, so kann man sich der Einsicht nidst verschließen, daß dieselbe eine geradezu über­raschende ist. Mit der rapiden Steigerung der Seelenzabl geht zugleich eine erfreuliche Vervollkommnung privater und öffent­licher Einrichtungen, gew rblicher Anlagen, sozialer Zustände rc. Hand in Hand. Am zutreffendsten. dürfte diese Behauptung wohl für Berlin, die berühmteStabt der Intelligenz", sein, denn gerade hier tritt der gleichsam wuchernde kommunale Aufschwung ganz augenfällig zutage. Der eingeborene Spree- residenzler merkt den riesigen Fortschritt seines welibekannten Wohnsitzes" meist weniger demlick als der ab und zu mal Berlin vergnügungshalber oder geschäftlich heimsuchendePro- vinzler", dessen forschendes Auge auf Schritt und Tritt hervor­stechende Neuerungen imponierenden Charakters wahrnimmt. Handel und Gewerbe. Kunst und Wissenschaft, Politik und Kultus, Mode und Luxus, Vergnügungssucht und Wohlfahrtssinn, be­sonders aber das stetig wachsende Bildungs- und Verkehrs- bedürfnis sind als maßgebende Faktoren bei der Hervorbringung jener riesenstädtischen Erscheinungen am meisten in Betracht zu ziehen. Natürlich fallen auch noch zahlreiche andere Beweg­gründe ins Gewicht, doch können selbige nicht alle namhaft gemacht werden, wie sich denn überhaupt die nachstehenden Zeilen nicht mit Berlins gegenwärtigen Zuständen zu befassen haben, sondern eine kurze Schilderung der residenzlichen Ver­hältnisse im Jahre 1877 geben sollen.

In jenem Jahre (1877) erschien ein interessantes Werk unter dem Titel:Vergleichende Kulturbtlder aus den vier

England gekommen sei, und daß als Name deS Absenders der Mädchenname seiner Frau angegeben war. Nach der Vereini­gung der Zeugen wurde die Verhandlung auf heute vertagt.

In der Angelegenheit der Rückberufung der Schweizer Militärmission von dem russischen Haupt­quartier in Ostasien teilt das Schweizer Militärdepartement amtlich mit: Oberst Amäaud ist am 15. Juli aus Rußland zurückgekehrt und erstattete dem Militärdepartement über die mutmaßliche Veranlassung der Rückberufung Bericht. Er be- streitet mit aller Entschiedenheit den Vorwurf, beleidigende Aeußerungen über die russische Armee getan zu haben und er­klärt auf das bestimmteste, daß er nie beabsichtigt habe, Unan­genehmes oder gar Beleidigendes über die russische Armee zu sagen. Aus der Mitteilung fremder Offiziere im russischen Hauptquartier glaubt Andäoud schließen zu können, daß es sich wahrscheinlich um Mißverständnisse oder um eine entstellt wiedergegebene Aeußerung handelt, an die er sich selbst nicht erinnert, welche aber jedenfalls keinen beleidigenden Sinn haben konnte. Da Autäoud im russischen Hauptquartier keine Ge­legenheit gegeben wurde, sich über die gegen ihn erhobene An­schuldigung zu äußern, so wird erst nach dem Eintreffen der von dem Bundesrate sofort von Rußland gewünschten näheren Auf­schlüsse es möglich sein, festzustellen, ob es sich um ein Mißver­ständnis, eine unrichtige Interpretation oder um ähnliches handelt, oder wie sonst der Audäoud gemachte Vorwurf entstanden ist. Gegenüber einzelnen Meldungen ist zu berichtigen, daß Audsoud in Petersburg keinen schriftlichen Protest gegen seine Abberufung abgegeben hat, sondern sich wegen der Abwesenheit des Kriegs­ministers schriftlich verabschiedet und sich bei diesem Anlässe für die den Schweizer Offizieren gewährte Aufnahme bedankt hat.

Ausstände in Oesterreich Ungarn. In Boryslaw überfielen am Samstag zahlreiche Ausständige einen Schacht der Karpaten-Petroleumgesellschakt und versuchten, die Arbeiten zur Ableitung des Rohöls in Behälter zu verhindern. Mili­tär vertrieb die Streikenden. Auch in Weglowka sind die Naphtha-Arbeiter in einen Ausstand getreten. In Rowno- Rogi (Bezirk Krosna) und in Weglowka haben die Unter­nehmer die Streikenden aufgefordert, am Montag die Arbeit wieder aufzunehmen, weil sonst der Dicnstverlrag als gebrochen gelten müsse. Wegen der Ausbreitung des Streikes im west- galizischen Petroleumreviere ist das Militär dort weiter ver­stärkt worden.

Frankreich und der Batikan. DerFigaro" meldet aus Rom: Der Papst lasse sich durch die Androhung des völligen Abbruches der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und der Kurie nickt einichückleru und erhalte die den Bischöfen von Laval und Dison erteilten Befehle, vor der Kongregation des heiligen Offiziums zu erscheinen, aufrecht; er sehe diese Befehle als ein-n Akt der päpstlichen Gewalt an,

i europäischen Millionenstädten" von Julius Faucher in welchem Berlin, Wien, Paris und London einer ziemlich ein­gehenden Betrachtung unterzogen werden. Trotzdem die deutsche Reichshauptstadt damals nur 968 000Zivil-Einwohner" auf- zuweisen hatte, so rechnet sie der lokalprtriotische Verfasser er war Berliner Kind mit Einschluß der 30 000 Seelen Charlottenburgs doch zu den europäilchen- Millionenstädten, während er Petersburg und Konstantinopel wegen ihres orientalischen Charakters unberücksichtigt läßt.Berlins öffent­liches Fuhrwerk" steht in erster Linie der interessanten Er­örterungen, und selbstredend wird begonnen mit dem häufigsten Verkehrsvehikel Spree-Aihens, mit der unvermeidlichen DrsHke.

Der Kutscher ist polizeiwidrig nicht auf dem Bock, sondern in dem benachbarten Viklualienkeller, bei dessen Entdeckung uns das Herz alsbald noch tiefer fällt. Will man ihn haben, so muß man über einen tiefen Rinnstein springen oder auf weitem Umwege über eine Rinnsteinbrücke gehen, aus Holz­brettern lose gezimmert, welche, wenn man nicht auf der rich­tigen Stelle auflritt, vielleicht in die Höhe schlauen." Nun, heutzutage brauchte der Verfasser solche tragikomischen Klagen nicht mehr laut werden zu lassen, denn nach dieser Richtung hat sich in Berlin eine ganz augenfällige Vervollkommnung vollzogen.

Ebenso dürfte gegenwärtig auch folgende Behauptung nicht mehr zutreffen:Ein Berliner Droschkenkutscher hört niemals, und sehen kann er auch nicht. Fast stets ist er mürrisch, unb man sieht es, daß er mürrisch ist, weil er sich für einen un­glücklichen, mißhandelten Menschen hält, der gegen sein Geschick und gegen die Taxe nicht anzukämpfen vermag. Mühe um Fahrgäste gibt er sich gar nicht; sie werden ihm schon kommen, unb wenn sie kommen, nimmt er sie hin wie eine Gabe des Schicksals." Sollen sich doch einst nachts bei abscheulichem Weiler vor einem Berliner Bahnhöfe zwei dieser kuticherbock- drückendenDiener der öffentlichen Fortbewegung" über ihre irdische Bestimmung ganz interessant unterhalten haben. Der eine sagte u. a., indem er sich die kalten Hände warm schlug:

der kein Bischof der Welt sich entziehen könne. Falls die französische Regierung die Bischöfe von Laval und Dison unter ihren Schutz nehme und dem Nuntius seine Pässe über- sende, werde der heilige Stuhl die Mächte über die Angelegen­heit eingehend unterrichten und über die widerspenstigen Bischöfe die große Exkommunikation verhängen. Man finde in vatikanischen Kreisen, daß die französische Regierung als Anlaß für einen Bruch kein günstiges Feld gewählt habe, da die Angelegenheit des Zwistes die innere Disziplin der Kirche angehe und das Recht des heiligen Stuhles unzweifelhaft sei. Was das Konkordat anlangt, so erklärte der Papst seit langem, daß es für die bürgerliche Gewalt zu günstig sei, und daß er zwar nichts tun werbe, um dessen Aufhebung zu befördern, aber auch nichts, um sie zu verhindern. Anderer­seits wird berichtet, daß Nuntius Lorenzelli wahrscheinlich nach der amtlichen Ueberreichung des Ultimatums nach Rom abreisen werde, ohne bie- Zustellung seiner Pässe abzuwarten.

Englichss Unterhaus. In Beantwortung einer Anfrage erklärte der Staatssekretär für Indien Lord Brodrick, die russische Regi-ruug sei, um Mißverständnissen vorzubeugen, anfang Juni benachrichtigt worden, daß die britische Regie­rung an ibrer in der Depesche von 6. Nov. 1903 erklärten Politik bezüglich Tibets festhalte. Es sei aber augenscheinlich, daß ihr Vorgehen von der Haltung der Tibetaner selbst bis zu einem gewissen Grade abhängig sei und die Regierung sich daher nicht verpflichten könne, nicht eventuell von der am 6. Nov. 1903 dargelegten Politik abzuweichen. Die Regie­rung habe jedoch erklärt, solange keine andere Macht in die tibetanischen Angelegenheiten sich einzumischen versuche, werde die britische Regierung keinen Versuch machen, Tibet zu annek­tieren, ein Protektorat über Tibet zu errichten oder die innere Verwaltung von Tibet zu kontrollieren. Die Regierung be­absichtige nicht, dem Hanse den weiteren Schriftwechsel gegen­wärtig zu unterbreiten. Laune (kons.) interpelliert über die Durchsuchung englischer Schiffe durch den russischen Dampfer Petersburg". Unterstaatssekretär Earl es Percy erwidert, daß dies ein Gegenstand von größter Wichtigkeit sei und die Regierung ihm besondere Aufmerksamkeit zuwende. Da sie aber noch nicht Kenntnis von dem Tatbestände erhalten habe, bitte er um Vertagung der Interpellation bis Donnerstag. Mc. Neill (irischer Nationalist) fragte an, ob die Regierung in Erfüllung des Wunsches Krügers gestatten werde, daß dessen Leiche in der Familiengruft in Transvaal beerdigt werde. Premierminister Balfour erwidert, falls ein diesbezügliches Ge­such eingehe, werde die Regierung ihr Möglichstes tun, ihm zu willfahren. Auf Anfrage Bowles (kons.) erklärt Balfour, nach Erlaß der notwendigen Gesetze über die englisch-französische Konvention betr. Neufundland würden Schritte zur Ratifi­kation getan werden. Campbell-Banuermann (lib.) richtet eine

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Wenn ick man wüßte, wozu unser eens in die Welt is ?" Et wird woll von wegen die Fahrgäste sein," antwortete der andere mit stiller Resignation. Faucher erinnert sich noch der goldenen Zeit,wo ein Droschkenkutscher, wenn man anrief, für die damalige _ gleichförmige Taxe von fünf Groschen nach dem äußersten Osten der Stadt zu fahren, sich zwar gehorsam fügte, dann aber ungefähr in der Mitte des Weges stille hielt". und, darüber zur Rede gestellt, schalkhaft erwiderte: Et is man, damit mein Pferd denkt, et sind zwei Touren. Ick muß mir sonst vor bet Beest schämen." Berlin zählte damals, vor 25 Jahren,ungefähr 7000 öffentliche Drosch­ken", doch spricht sich der anspruchsvolle Verfasser im Hinblick auf Wiener, Pariser und Londoner Verhältnisse keineswegs günstig über diesesöffentliche Fuhrwerk" aus.

Der zweite Abichnitt behandelt dasBerliner Theater- leben", und zwar mit einer ziemlich breiten Ausführlichkeit, weil unsere Residenz in Wien in jenen Tagen als dieStadt der Theater" bezeichnet wurde. In der alten, absolutistischen Zeit gab es in Preußens Hauptstadt nur drei Theater, näm­lich das Opernhaus Friedrichs des Großen, das Schauspielhaus

Lchinkels weitaus selbständigster und genialster Bau und bos Königstädter Theaterüber der Spree". Daneben existierten auch noch verschiedene Liebbaberbühnen für geschlossene Ver­einigungen, z. B. dieUrania", dieEoncordia", die Thalia^ u. s. w., auf denen ebenfalls wie dort klassische Stücke zur Aufführung kamen. Ein großer Teil deS residenzlichen Publikums ging damals täglich ins Theater, begrüßte sich dort untereinander wie in einer Kaffeegesellschaft und fand hier die beste Gelegenheit zum vergnüglichen Geldausgeben, derm Reisen ins Bad und nach dem Nordland waren noch nicht so an der Tagesordnung wie in der Gegenwart. Das war etwa in den 50er Jahren der Fall, wo man selbst in Berliner Thegtern noch keine besondereToilette" studieren konnte.«» Damen trugen jeden Abend dasselbe dunkle lse-denUew, t leicht drei Jahre hindurch, und es war ihrer Freun bekannt wie ihr Gesicht; jung- aber mußten mit einem ««y-n