Erstes Blatt
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Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Psg. die üns- gespaltene PetitzeUs oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Reklamencheil die Zelle 25 Pfg..
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Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Gedruckt rmd verlegt in der Buchdrucker« des verein, w.
Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwortt. Redakteur: @. Schreckor in Hanau.
9ft. 75 Fernspre^anschluß Nr. 605.
Dienstaa den 29. März
Ferirsprechanschluß Nr. 605.
1904
Amtliches.
Candkreis Danau. Bekanntmachungen des Königl. Landratsamtes.
Tarif
der Sammelwasenmeisterei Bruchköbel.
L Der Eigentümer gefallener oder getöteter Tiere erhält für eine unbeschädigte verwertbare Haut:
1. von einem Stück Rindvieh, ohne Rücksicht auf die Rasse, im Alter von über 2 Jahren 10 Mk.
2. von einem Stück Rindvieh im Alter 1 bis 2 Jahren . 5 Mk.
3. vrn einem Pferd im Alter von über 2 Jahren 5 Mk. 4. von einem Fohlen im Alter von 1 bis 2 Jahren 3 Mk. Ponies werden den Fohlen gleich erachtet.
II. Für alles übrige Vieh, insbesondere Kälber und Fohlen unter 1 Jahre, wie auch für solches, welches auf Erfordern eines dem Stadt- und Landkreis Hanau nicht ungehörigen Eigentümers angeliefert wird, und für solche Tiere, die mit durchlöcherter oder aufgelegener Haut der Anstalt über- wiesen werden, wird eine Vergütung nicht geleistet.
III. Der Eigentümer hat zu zahlen, wenn er Tierkadaver ohne, oder mit gänzlich wertloser Haut abliefert, oder wenn die Verwendung der Haut polizeilich untersagt ist:
I. für ein Stück Rindvieh im Alter von über
2 Jahren......12 Mk.
2. für ein Stück Rindvieh im Alter von 1 bis
2 Jahren......8 „
3. für ein Pferd von über 2 Jahren . . 10 „
4. für ein Fohlen unter 2 Jahren, oder ein
Ponie, sowie für Kälber unter 1 Jahr . 5 „
IV. Für das Abholen von Kleinvieh, worunter Saugferkel und Sauglämmer im Alter von weniger als zwei Monaten, Hunde, Katzen, totgeborene oder während der Geburt verendete Tiere, Federvieh, verstanden werden, sowie für das Abholen von verworfenen Organen oder Fleischteilen, verdorbenen Fischen oder sonstigen Lebensmitteln sind ohne Rücksicht auf die Entfernung, jedoch nur wenn eine besondere Fahrt herbeigeführt worden ist, vom Eigentümer 2 Mk. zu zahlen.
Für das Abholen von Kälbern und Fohlen unter 1 Jahr, sowie von Schweinen, Ziegen, Schafen und Eseln, ist eine Entschädigung nicht zu leisten.
V. Als Futtergeld für einen innerhalb der Stadt Hanau eingefangenen, maulkorblosen Hund sind vom Eigentümer 2 Mark zu zahlen.
VI. Die Aus- und Einzahlung der in diesem Tarif festgesetzten Gebühren erfolgt bei der Kreiskommunalkasse Hanau, bezw. im Landkreis Hanau durch die Gemeindekassen.
, VII. Die Kosten der Benachrichtigung der Anstalt trägt der Viehbesitzer.
VIII. Ueber die Anwendung dieses Tarifs, besonders darüber, ob dem Viehbesitzer eine Entschädigung zu leisten ist, entscheidet vorläufig der die Abholung des Kadavers besorgende Beauftragte der Sammelwasenmeisterei.
3ft, der Eigentümer des Kadavers mit der vorläufigen Entscheidung nicht einverstanden, so steht es ihm frei, die Entscheidung des Königl. Kreistierarztes einzuholen, welche für beide Teile bindend ist. In den Ortschaften des Landkreises Hanau sind die Eigentümer berechtigt, die Vermittelung des Bürgermeisters in Anspruch zu nehmen.
1X. Dieser Tarif tritt am 1. April 1904 in Kraft.
Hanau den 28. März 1904.
Der Kreisausschuß.
Der vorstehende Tarif, welcher am 26. März d. Js. vom Kreistag genehmigt worden ist, wird hiermit veröffentlicht.
Die Herren Bürgermeister ersuche ich, vom 1. April ab die neuen Entschädigungssätze anzuweisen. Besonders mache ich darauf aufmerksam, daß den Viehbesitzern für Fohlen und Kälber unter einem Jahre eine Entschädigung nicht mehr gezahlt wird.
Hanau den 28. März 1904.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses.
v. Beckerath.
Stadtkreis Danau. ^etamttmachungen des Oberbürgermeisteramtes.
Bekanntmachung.
§ 1 des Gesetzes vom 2. Juli 1875 wird der d"rch Beschlüsse der städtischen Körperschaften uom-'p^
1904 fesim-setzten Baufluchtlinienplan für das Gelände zwischen Gelnhäuser- und Aschaffenburger Chaussee bis zur Gemarkungsgrenze vom 29. März d. J. an 4 Wochen lang im Rathause Zimmer Nr. 21 zu jedermanns Einsicht während der Geschäftsstunden offen gelegt.
Einwendungen gegen den Plan können nur innerhalb der genannten Frist erhoben werben und sind entweder schriftlich oder mündlich bei uns anzubringen.
Hanau den 25. März 1904.
Der Magistrat.
J. A.: Schmidt. 5977
Ortskrankenkasse GroH-Ächem.
Landkreis Hanau.
Den Kassenmitgliedern zur Kenntnisnahme, daß für die Ortskrankenkasse Groß-Auheim zwei Aerzte bestellt resp. wählbar sind. Es sind dies
Herr Dr. med. Freisfelo,
Herr Dr med. Rothschild
Der Ortskassierer.
Heinrich Jörg sen. 6008
Gefundene m verlorene Gegenstände rc.
Gefunden: 1 Schildkroithaarnadel, 1 kleines Portemonnaie ohne Inhalt, 1 Taschenmesser.
Verloren: 1 grünes Portemonnaie mit über 4 Mk. Inhalt, 1 kleine Schachtel mit 3 Broschen (1 Schmetterling mit roten und grüneu Kleinen, 1 Korallenbrosche und 1 in 2 Teile gebrochene Amethistbrosche), 1 Portemonnaie mit ca. 24 Mk., 1 Zehnmarkstück.
Z u geflogen: 1 große englische Kropflaube.
Entlausen:!, schwarzer, langhaariger Jagdhund männl. Geschlechts.
Hanau den 29. März 1904.
Betrachtungen über unser Schulwesen?)
Unsere Gymnasiasten haben während ihrer Schulzeit etwa 12500 (!) Unterrichtsstunden, die sämtlich gehaltreich und anregend sein sollen, auf bereit jede sich der Lehrer gründlich vorbereiten soll, damit er den „Lernstoff" wohlgeordnet zu schnellem Verständnisse bringe. So strömen im Laufe der Schulzeit unendlich viele Eindrücke und Anregungen auf den Knaben ein, so viele, daß er ihrer unmöglich Herr werden kann. Jeder Lehrer tritt mit Wärme für sein Fach ein. Ein wahrer Rattenkönig von Idealen, oder wie de Lagarbe sagt, ein Harem von Idealen streitet sich um die Seele des Knaben und zerrt sie so lange hin und her, bis sie sich willenlos hin- gibt und auf eigene Tätigkeit verzichtet. Schließlich bleibt nur der Kopf noch in Tätigkeit, der sich so viel einfüllen läßt, als er eben fassen kann. Das; dabei dem Schüler nicht wohl zu Mitte sein kann, leuchtet von selbst ein.
Wie bescheiden waren die Anregungen, die ausreichten, Winckelmanii, den Begründer der klassischen Archäologie, den Lebensweg aus seiner sandigen Mark in die Welt griechischer Schönheit zu weisen? Bei Heinrich Schliemann genügte der elementarste Schulunterricht um seinem Willen für das ganze Leben Richtung und Ziel zu geben; Friedrich Hebbel erzählt selbst, wie er als Knabe das Nibelungenlied „fand", die Lektüre war nicht etwa auf 40 Schulstunden verteilt, er machte auch keine Klasstnaussähe über Siegfried und Krimhilde, aber er verschlang die Dichtung mit geistigem Heißhunger.
„Mir war", sage er, „als fäy ich selbst am Zauverborn
Von dem er spricht: Die grauen Nixen gössen
Mir alle irdischen Schmier durch das Herz . . .
Erst spät am Abend trug ich starr und stumm Das Buch zurück, und viele Jahre slohn
An mir vorüber, eh ich's wiedersah.
Doch unvergeßlich blieben dw Geitalum Mir eingeprägt, und unauslöschlich war Der stille Wunsch, sie einmal nachzubilve» llnd wär'S auch nur in Wasser oder Sand . . ."
So wirkte diese Dichtung auf ein unverbildetes, wissenS- durstiges, schönheitstrunkenes Gemüt. Die späte Frucht liegt vor in Hebbels Niebelungeu-Trilogie. So groß ist die Macht der Jugendeindrücke, wofern sie sich nicht durch Massenhaitig- keit gegenseitig verdrängen und ersticken.
Damit ist erst ein wunder Punkt, freilich der wundeste berührt, unmittelbar darauf folgt die bei uns übliche Behandlung
H Aus dem Buche: Der Deutsche und sein Vaterland. Politlich- pädagogische Betrach ungen eines Modernen. Von Dr. Ludwig Gur- litt, Berlin. Verlag von Wiezandt und Grieben. — Wir glauben gerade jetzt, zu Ostern, einiges aus diesem Buche veröffentlichen zu sollen, da wir überzeugt sind, daß mancher Leser unseres Blattes aus den Bemerkungen des angesehenen Pädagogen einigen Trost schönsen wird.
des Schülers. Ich verweise auf das, was darüber durchaus zutreffend Rudolf Lehmann in seinem Buche „Erziehung und Erzieher" gesagt hat, und empfehle als Heilmittel wieder eine Anlehnung an das freiere englische pädagogische Prinzip, über das uns Ludwig Wiese belehrt. Ich sage absichtlich nur Anlehnung, weil ich weiß, daß es unmöglich ist, ein Erziehungssystem von einem Volke auf das andere mechanisch zu übertragen, auch weiß, daß wir in unseren Schulen auch viele Vorteile haben, gegen die wir das Minderwertige nicht eintauschen wollen. Nur die Richtlinie läßt sich andeuten, in welcher wir die Reform suchen. Es ist damit nichts anderes ausgesprochen, als was unser Kaiser schon vor Jahren gefordert hat: weniger unterrichten und mehr erziehen. Ich glaube, daß Güßfeldt, dessen Schrift wegen einiger pädagogischer Mißgriffe von der fachmännischen Literatur weniger beifällig ausgenommen wurde, im wesentlichen doch die Schäden unserer Erziehung und die Wege der Besserung richtig erkennt und darstellt. Es ist offenbar, daß auch ihm das Bild der englischen Jugend vor der Seele geschwebt hat.
Wenn man allen Wissensballast aus den Schulen entfernt, dann werden die Schüler auch in der Mehrzahl ihre Klassenziele ohne große Not erreichen, dann werden vor allem auch wir Lehrer wieder zu innerer Ruhe, zu einer friedlichen Stimmung kommen und nicht zu hetzen, nicht zu pauken brauchen. Dann wird es vielleicht weniger schneidig, aber deshalb nicht minder förberiam in der Schule zugehen, denn „keine Klugheit, keine Weisheit erzielt, was allein ein warmes Menschenherz zustande bringt, ein Herz für die Sache, die zu lehren ist, und für die Menschen, denen sie gelehrt werden sollen". Dies sind, Worte einer der größten Philologen aller Zeiten, nämlich Friedrich Ritschl's (Opuscula, Bd. V, S. 30 f.).
Der Athener Solon, einer der sieben Weisen Griechenlands, sagte schon, daß der Staat durch Belohnungen und Strafen erhalten würde. Er nennt verständiger Weise die Belohnungen an erster Stelle. Was für den Staat gilt, sollte in noch höherem Grade für die Schulen gelten. Bei unseren Vätern war es noch Regel, daß man Knaben, die ihre Pflicht getan, zumal im Betrage«, in Aufmerksamkeit und Fleiß Zeugnisse mit reich bemessenem Lobe erteilte: „vorzügllich, lobens- wert, musterhaft" waren keine seltenen Urteile. Die auf - geklärterePädagogik u«serer Tage hat die Erkenntnis gefunden, daß der getreue Knecht nicht mehr alsseine Pflicht tue, wenn er allen Ansprüchen d er S ch ule g enü g e, und daß ein schlichtes „gut" deshalb der Anerkennung mehr als genug sei. Es fehlte nur noch, daß wir das Vorbild der Polizei nachahmend in die Zeugnisse nur die Worte schrieben: „Nachteiliges über den Schüler ist der Lehrerkonferenz nicht zur Kenntnis gelangt". Auf ein Lob in unseren Schulen kommen 50 Tadel, und die Mehrzahl der Schüler bringt es in ihren Leistungen bei bestem Willem kaum je über ein „Genügend" und „Noch nicht völlig genügend" — „Turnen und Singen: gut". Auch dieses Kargen mit der Anerkennung wirkt entmutigsnd, erstickt alle Freudigkeit an der Arbeit und verleidet unseren Jungen den Aufenthalt in der Schule.
„Das sich auf die Stunde freuen, ist ein etwas antiquierter Begriff, den hoffentlich die Heranwachsende Jugend unseres Berufes zu neuem Leben erwecken wird" (O. Jaeger). „Und wo sollte", fragt J. Norrenberg (a. a. O.), „auch, die Freude und die Liebe zur Schule Herkommen, wenn im ewigen Einerlei eine jede Stunde mit einem 20—30 Minuten langen Verhöre beginnt, wenn bei jedem Worte aus dem Munde des Lehrers die unheimliche Mahnung als Oberton mitklingt: Gib acht, daß du daS hier empfangene übermorgen in bar wieder auszahlen kannst!"
Diese starken Ansprüche an eine unausgesetzt gleichmäßige Aufmerksamkeit wirken besonders nervenerschöpfend. ^Man bringt bei den Berechnungen der Schülerleistungen einen Faktor meist gar nicht mit in Rechnung, der der schwerwiegendste ist, nämlich die Angst und Erregung. Ruhige geistige Arbeit, wie sie der Gelehrte auf seiner stillen Studierstube leistet, kann ohne Schädigung der Gesundheit ein erstaunlich hohes Maß erreichen. Was an den Nerven zehrt, das sind Angst und Sorge. Sie reiben den Menschen schnell auf. Nun versuche man sich einmal wieder gegenwärtig zu Hallen, wie mancher strenge Lehrer die Herzen der Knaben zittern machte, erinnere sich an die eigene Verzweiflung, wenn man jeden Augenblick fürchtete bei einer Unwissenheit ertappt zu werben, erinnere sich an die Tränen, an das Stottern, die bleiche Gesichtsfarbe des Ertappten, dem ein Tadel, ein Arrest, eine Mitteilung an den Vatertraf, derbci der Prüfung vor Angst kein Wort hervorbrachte und nun wochenlang in Sorge schwebte, daß ihm ein schlechtes 4eugni8, ein Sitzenbleiben bevorstehe. Die heutigen Schüler müßten anders geraten fein, als wir eS waren, wenn sie nicht darin die Hauptpein des Schullebens empfänden. Darin liegt