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Mittwoch

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8. Januar-

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Er fahr empor, rieb sich das Antlitz und merkte, daß er geschlafen hatte.

Schon so spät?" meinte er verwirrt, indem er von dem zitternden Weibe hinweg zu der Uhr hinübersah.

Es schlug halb zehn,

Annie schüttelte aufatmend den Kopf.

Aber nein, Berti, ich bin ja gar nicht in dem Vortrag gewesen. Gleich wieder zurückgekommen bin ich."

Er verstand das nicht. Er richtete sich ganz aus seiner Versunkenheit im Stuhle auf und nahm erschreckt ihre Hände.

Aber Du weinst ja, Lieb! Was ist denn passiert ?A

Da kniete sie vor ihm nieder und legte demütig den Kopf auf seine Knie.

Ich bin einen so falschen Weg gewandelt, Berti, ich bin so schlecht gewesen in meinem Wahn von Gleichheit und Frei­heit. So schlecht und eaoisti'ch."

Immer leiser sprach sie. Von dem Tode des fremden Mannes, und von der großen, großen Angst, die plötzlich in ihr wach geworden.

Angst?" fragt er erstaunt.Aber um was den», Kind?"

Sie schmiegte sich fester an ihn.

Um Dich," flüsterte sie, unter Tränen lächelnd.Weiß ich doch jetzt erst, was Du für mich bedeutest."

Er zog sie empor. Ganz nahe an sein Herz bettete er das blonde Haupt.

Wenn Ihr doch alle, alle wüßtet, Ihr klugen, geliebten Frauen, wo Eure Gleichheit und Freiheit herrscht, wo Euer Wirkungskreis so groß und herrlich ist, daß er ein ganzes Menschenglück in sich birgt," sagte er weich.Ob Du'S jetzt weißt, Annie?"

Sie nieste. Sie sah durch die halb angelegte Tür in daS Kinderzimmer und von dort zurück in die plötzlich f» hellen, frischen Augen ihres Mannes. Wunschlos küßte sie ihn und lächelte.

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so ohne jedes Wort Hinwegzugehen für immer. Ich habe meinen Mann drei Jahre gepflegt während seiner Krankheit und nach seinem Tode das befreiende Bewußtsein gehabt, meine Schuldigkeit bis zum letzten Augenblick voll und ganz getan zu haben. Dagegen Frau Geheimrat Wächter, mein Gott, ihre Verzweiflung gibt ihr die schrecklichsten Ideen ein! Sie behauptet fortwährend, ihren Mann zu wenig lieb gehabt zu haben, ja, sogar vernachlässigt hätte sie ihn in der letzten Zeit. Und nun sitzt das arme Hakcherl in ihrer großen, leeren Wohnung, ruft seinen Namen, gibt sich schuld an seinem Tode und hat die zärtlichsten Schmeichelworte für den Verstorbenen. Es war gräßlich !" Ich bin völlig ratlos gegen solchen Jammer gewesen. Sagen Sir selbst, Frau Annie, hätten Sie das unserer mutigen Frauenrechtlerin zugetraut, daß sie sich dermaßen ihrem Schmerz hingibt ?Un« würdige Schwäche," nannte es Dr. Maria Hallig, als sie über die verschiedenen Kämpfe der Frauenberzen sprach. Gerade bei derartigen Anlässen zeigt sich ber. Geist einer modernen Frau am allermeisten. Beansprucht sie Gleichberechtigung mit dem Manne» muß auch der unnütze Geiüblsballast welchen, der dem schwächer« Geschlecht seit Jahrhunderten «nhastet. Habe ich nicht recht, meine liebe Freundin?"

Annie wußte kaum, was sie sprach. Sie saß und starrte mit leeren Augen durch daS geöffnete Wagenfenster. Ver­worren drang das Slraßengeräusch in ihre Ohren, weich wehte der Früh lingswind über sie hin und erweckte eine Angst in ihrer Brust, riesengroß. Ein paarmal strichen ihre Finger über Siirn und Augen. Was war es nur, das wie ein schmerzhafter Druck auf ihren Sinnen lag, ihr fast den Atem nahm vor ruhelosem BaNgen?

».Der Wagen hielt, und ßlettbettb ergoß sich das elektrische über die beiden Frauengestalien. Annie folgte der Ba- wie im Tranm in das Vestibül des Hauses. Ein paar ,en begrüßten sie, sie nickte, ohne zu wissen, wer vor ihr stand. AsS die Garderobiere ihr den Mantel von her Schulter nehmen wollte, hielt sie ihn fest.

Nein, ich will nicht," stieß sie schweratmend hervor.

Die Baronin, die bereits in voller Toilette neben ihr stand, wandte ganz erstaunt den Kopf.

Aber Kind, es ist die höchste Zeit! Mein Gott, was haben Sie denn, Sie sind ja totenblaß?"

Annie schluckte und stotterte. Fester zog sie den Mantel um den Körper.

Ich ich mir ist wirklich nicht wohl, Frau Baronin. Wollen Sie mich entschuldigen bei den Damen? Ich", das klang ja beinahe wie ein Aufschluchzenich fahre wieder nach Hause."

Und sie schritt die Treppe hinunter, die Straße entlang bis zur nächsten Droschkenhaltestelle.

Mit gefalteten Händen saß sie dann und immer noch diese Angst, dieses Erzittern in ihrer Seele. Es dünkte sie eine Ewigkeit, bis die Droschke hielt. In Alberts Arbeitszimmer war das Fenster geöffnet. Lichtschein drang daraus über die Straße hin.

Annie lief die Treppen hinauf, wie einst zur Zeit ihrer jungen Ehe, wenn sie nicht früh genug an das Seihten ihres Kindes kommen konnte. Als sie leise, leise die Tür aulge- schloffen und über den dunkeln Korridor schritt, mußte sie so« gar einen Augenblick rasten, bis sie in das Zimmer ihres Mannes schritt.

Nein sie hatte ihn niemals gestört, wenn er, von der Arbeit auffebend, seinem Wribe znnick-e, und ibre Hände neben dem Schreibtisch winzig kleine Strümpfchen aus rosa Wolle entstehen ließen.

Instinktiv durchschritt sie erst das Kinderzimner, warf einen langen Blick auf den ruhig schlummernden Knaben und legte die Hand aufs Herz. Um nun trat sie in den kleinen, matt erhellten Raum, in dem ein einsamer Mann zusammen­gesunken über seine Arbeit saß.

Das Gesicht so blaß, die Augen geschlossen, die Arme in müder Abspannung am Stuhle herabgemnkcn.

Albert I" schrie sie auf und noch einmalAlbert!"