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29. Dezember ___________________

Hus aller Melt.

Ein verhängnttzuoller Kirchgang. Der „Negens- burger Anzeiger" meldet: Als die Frau des Praparandeu- lehrers Rubenbauer von hier den Dom betreten wollte, schlug der Sturmwind ihr die hölzerne Winierschutzihür sö heftig an den Kopf, daß der Schädel zertrümmert wurde und die Frau nach wenigen Augenblicken starb. Sie wurde unerkannt iNs Leichenhaus geschafft, wo erst nach einigen Stunden ihre Per­sönlichkeit festgestellt wurde.

Eine Engelmacherin in Nnsfisch-Polen. In Lodz vkruriheilte das Bezirksgericht die Engelmacherin Wagen zu zehnjähriger Zwangsarbeit in Sibirien und nachfolgender Ansiedelung daselbst. Die Wagen hat eine größere Anzahl der ihr zur Pflege übergebenen Kinder verhungern lassen und die Leichen in den Abort geworfen.

Bismalck und der Waffenstillsland im dentsch- sranzöstfchen Kriege. In Paris starb dieser Tage im 79. Lebensjahre der Advokat Cresson, ehemaliger Stabträger (Vorsitzender) der Pariser Anwaltskammer. Cresson war in den letzten Monaten des Kriegsjahres 1870/71 Polizei- prasek! von Paris und veröffentlichte einige Jahre nach dem Kriege eine in nur 110 Exemplaren gedrückte kleine Broschüre, in welcher er seine Kriegserlebnisse schilderte. Aus dieser halbvergessenen Schrift theilt ein Freund und Kollege des Verstorbenen in einem belgischen Blatte eine interessante Stelle mit: Es ist die Schilderung der drei Reisen, die der Polizeipräfekt mit Jules Favre nach . Ver­sailles gemacht hatte, um mit Bismarck über die Be­dingungen eines Waffenstillstandes zu unterhandeln. „Wir sprachen", so erzählt Creffon, „zuerst von den Lebens­mittel-Convois, die in die ausgehungerte Hauptstadt einziehen sollten. „Ich bin sehr zufrieden", sagte Bismarck, „Alles ist gut arrangirt, und ich werde glücklich sein, wenn ich die ersten Lebensmittel-Convois in Paris einziehen sehe. . ." Er lachte mit einem gewissen Behagen, und ich (Cresson) hielt seine Worte für den Ausdruck eines hochherzigen Gefühls: „Sie haben der Welt gezeigt, daß Sie ein furchtbarer Feind sind", erwiderte ich, „und wollen ihr jetzt wahrscheinlich be­weisen, daß Sie auch ein hochherziger Feind sein können." Der Kanzler goß sich ein neues Glas Wein ein und ant­wortete: „Oh, das ist es nicht! Es scheint mir nur, daß die Proviantzufuhr viel zur Hebung der Moral der Pariser bei­tragen wird." Diesen Spott konnte ich nicht unbeantwortet lassen: „Sie täuschen sich, Exzellenz," sagte ich, „und kennen sicher weder die Pariser noch ihren Moralzustand; ihre Moral ist ganz vortrefflich, und wenn man nach Paris gefragt hätte, würde es den Waffenstillstand ablehnen, da ihm Ruhm und Vaterland höher stehen als Brod." — „Ja, ja," lenkte Bismarck ein, „ich weiß wohl, daß es dort sehr tapfere Leute gibt, aber wenn in Deutschland ein General gewagt hätte, in einer Stadt, die keine Zitadelle besitzt, eine Bevölkerung von zwei Millionen dem Hunger preiszugeben, würden wir ihn einfach kriegsrechtlich verurtheilen lassen." Cresson schildert dann noch eine ansprechende Szene, die sich zwischen Bismarck und Jules Favre abgespielt haben soll. Bismarck ergriff Favres Hand und führte ihn zu Cresson, wobei er sprach: „Sehen Sie, das ist der beste, edelste, treueste Republikaner, den ich je im Leben kennen gelernt habe!"

Ein beklagenswerther Unfall ereignete sich vor­gestern Abend auf dem Bahnhof in Demker. Der Skendaler Personenzug fuhr bei der Einfahrt auf Bahnhof Demker über das» Bahnhofsterrain hinaus und mußte deshalb ein Stück zurück. Die Fahrgäste stiegen, trotzdem der Zug noch nicht hielt, fast sämmtlich aus den.Koupees; einige stürzten nieder, andere über sie weg, und es ist ein Wunder, daß nur ein Unglücksfall passirte. Eine junge Dame, Fräulein Louise Borstel aus Hüselitz, wurde umgeworfen, gerieth mit dem rechten Arm unter den Zug, und es ging ein Rad über den­selben fort. Die Hand wurde ihr zur Hälfte abgerissen, drei Finger wurden vollständig losgelöst. Ein Arzt aus Bäthen legte der Ohnmächtigen einen Verband an.

Mordthat. Ueber eine Mordthat auf dem Wege zwischen Glöthe und Eickendorf wird der „Magd. Ztg." Fol­gendes berichtet: In die Stille des Weihnachtsheiligenabenbs ist die Kunde von einem schrecklichen Raubmord gedrungen, der am Dienstag Abend auf dem Wege von hier nach Eicken­dorf verübt worden ist. Das Opfer, der 28 Jahre alte un- verheirathete Inspektor Uhlmann der Firma Köhne, Lücke u. Böckelmann, die auch hier und in Eickendorf Besitzungen hat, wurde gestern Morgen von Arbeitern, die sich von Eickendorf nach Glöthe begaben, todt im Chausseegraben aufgefunden. Die Leiche wies einen Stich in die Schläfe auf; der Ver­wundete hatte die tödtliche Wunde mit seinem Taschentuche zu- zudrücken versucht. Die Leiche wurde aufgehoben und vor­läufig nach dem Herrschaftshause hierselbst gebracht. Der In­spektor war Dienstag gegen Abend mit seinem Fahrrade nach dem Gute in Eickendorf gefahren, um dortselbst die Löhnungen, die in der Regel erst am Freitag stattfinden, vorzunehmen. Nachdem dies beendet war, war er in der Dunkelheit wieder hierher zurück­gefahren. Auf diesem Wege ist er alsdann überfallen, durch einen Stich mit dem Mesfer tödtlich verwundet und in den Straßengraben geworfen worden. In der Nähe der Leiche lagen das Fahrrad, ein entleertes Portemonnaie, in dem sich bei der Abfahrt von Eickendorf ca. 200 Mk. befunden haben sollen, und ein zweites Portemonnaie, in dem noch 40 Mk. in Gold vorhanden waren, das von den Räubern jedenfalls unbemerkt geblieben oder nach dem Raube wieder verloren worden ist. Auch die abgerissene Uhr lag neben dem Todten. Ein Soldat, der gegen halb 10 Uhr abends den Weg von Eickendorf nach Glöthe zurücklegte, will auf diesem Wege ein Stöhnen vernommen, dieses jedoch nicht beachtet haben, da er glaubte, es liege ein Betrunkener am Wege. Er ging eilig seines Weges weiter. Der schwer Verwundete mußte bis zum frühen Morgen im Graben liegen; bei schneller ärztlicher Hilfe hätte er vielleicht noch gerettet werden können. Er wurde von einem jähen Tod ereilt, kurz bevor er den ^r>eihnachts- urlaub zum Besuch seiner in Schlesien lebenden, Eltern an­treten konnte. Ueber die Mordthat gehen hier un Orte die

Montag

verschiedensten Gerüchte um; die einen wollen aus dem Um­stände, daß ein abgezogenes Halenfell unweit der Leiche lag, auf die Thätigkeit von Wilderern schließen. die von dem In­spektor abgefaßt worden seien und ihn getödtet hätten; andere Personen sprechen wieder von einem Racheakt, doch scheint letz­tere Annahme bei der allgemeinen Beliebtheit des Inspektors wenig wahrscheinlich. Die meisten Ansichten gehen dahin, daß es bei dem Morde auf eine Beraubung abgesehen gewesen ist, und daß die Thäter unter Personen zu suchen sind, die von der außergewöhnlichen Löhnung am Dienstag Kenntniß gehabt haben müssen. Bis jetzt hat das Dunkel, das über der Mord- Hatt liegt, noch nicht gelichtet werden können.

Kunst und Leben.

Flüssige Lust und reiner Sauerstoff. Professor Pictet führte im Laboratorium der Gesellschaft für flüssige Gase zu Berlin einem geladenen Publikum seine neue Methode der Luftverflüssigung und eine Reihe interessanter Versuche vor. Die neue Methode Pictets besteht darin, Luft unter sehr ge­ringem Druck in eine Kühlschlange zu pressen, die sich in einem Bade von bereits vorhandener flüssiger Luft befindet. Die Hauptbedeutung von Pictets Methode, flüssige Luft darzu- stellen, liegt aber darin, daß es ihm gelingt, aus dieser Luft einen verhältnißmäßig reinen Sauerstoff zu gewinnen, dessen Preis außerordentlich niedrig ist.

Sport.

Die Entstehung des Fußballspiels und feine Geschichte. Nicht mit Unrecht kann man auch den Ursprung des Fußballspiels ins Alterthum verlegen. Im ersten Jahr­hundert nach Christi Geburt kannten die Griechen als Episkyros, die Römer als Harpasium ein Spiel, bei dem zwei Parteien auf einem abgesteckten Platze mit einem kleinen Ball einander zurückzudrängen suchten. Der schon bekannte Hohlball wurde nicht dazu benutzt. Sehr wahrscheinlich ist es, daß römische Truppen das Spiel nach Britannien brachtest. Eine alte Sage meldet, daß die Einwohner des Ortes Derventio (heute Derby) im Jahre 217 n. Chr. eine römische Abtheilung über- fielen und niedermachten und seitdem finde alljährlich zu Derby ein großes Fußballspiel zur Erinnerung statt. Geschichtlich wird Fußball unter diesem Namen zuerst 1349 in einem Ver­bote Eduards III. erwähnt, das alles Fußballspielen unter­sagt, weil das nützlichere Bogenschießen darunter leide. In ber Folgezeit sahen sich noch mehrere Herrscher genöthigt, Edicte gegen das Ueberhandnehmen des Fußballspieles zu erlassen; dem schottischen König Jacob IV. (um das Jahr 1500) passitie es, sein eigenes Verbot zu über­treten. Auch Polizeivorschriften (so in Manchester und London) blieben wirkungslos. Das „Footballe", wie es damals hieß, war eigentlich mehr alles Andere als Fußballspielen. Es war, kurz gesagt, ein Gebalge der männlichen Einwohner zweier benachbarter Dörfer, wobei die Parteien versuchten, eine aufgeblasene, in Leder genähte Thierblase in das Dorf der Gegner zu bringen und an einer bestimmten Stelle niederznlegen. Im wesentlichen war es eine Art Rugbyspiel. An einigen Orten spielten sogar die jungen Frauen gegen die Jungfrauen; erstere siegten stets. Solche Kämpfe fanden noch bis ins 19. Jahrhundert statt. Bauern und der Mittelstand der kleinen Städte waren die Haupttheil- nehmer, und sie spielten mit dem Eifer und der Wuth zweier aufeinander neidischen Dörfer. Der Adel hielt Fußball nicht für standesgemäß. Die Geistlichkeit eiferte .auch dagegen. Trotzdem war es schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein allgemein beliebtes Volksspiel; Shake­speare setzt es als ganz bekannt voraus. Es gab auch schon eine Beschränkung des oben beschriebenen Spieles, das später nur noch am Fastnachtstage stattfand, auf ein kleines Spiel­feld und 20—30 Spieler. Ein ähnliches, aber weiter ausge­bildetes Spiel gab es zur selben Zeit in Italien. In Frank­reich gab es dieselben zwei Arten: das eine, noch urwüchsiger als das englische Fastnachtsspiel, und das andere mit einem von Papier überspannten Faßreifen als Goal.

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Drahtnachrichten.

Zur Hnmbert-Affaire.

Paris, 29. Dezbr. Vor der Conciergerie hatten sich gestern Abend zahlreiche Neugierige angesammelt, welche die Ankunft der Familie Humbert erwarten wollten. Die Menge zerstreute sich erst gegen 1 Uhr nachts, als bekannt wurde, daß die Humberts erst heute früh ankommen werden. Nach den letzten Meldungen sollen die Humberts mit dem gegen halb 8 Uhr auf dem Bahnhöfe Quai d'Orsey eintreffenden Schnellzuges der Orleans-Bahn ankommen. Um Ansammlungen und Kundgebungen hintanzuhalten, hat die Polizei verfügt, daß die Humberts den Zug schon auf dem außerhalb von Paris gelegenen Frachtenbahnhof verlassen und dann mittelst Wagen nach der Conciergerie gebracht werden.

Chamberlain in Südafrika.

Durban, 28. Dezbr. Chamberlain ist heute Nachmittag nach Pietermaritzburg abgereist. Eine große Volksmenge brächte ihm lebhafte Huldigungen dar. Während des gestern Abend zu Ehren des Ministers gegebenen Festmahls verlangte die Bevölkerung stürmisch das Erscheinen desselben. Chamberlain hielt darauf vom Balkon des Hotels eine Ansprache, in welcher er betonte, welches Interesse das Mutterland an seinen Kolonien nehme, und zugleich die Kolonien aufforderte, sich ihrer Pflichten gegenüber dem Reiche bewußt zu sein, welches auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe­leistung errichtet sei.

Graf Lamsdorff in Bulgarien.

Belgrad, 28. Dezbr. Der K 5 n i g schenkte dem Grafen L a m s d o r f f, welcher den höchsten serbischen Orden bereits besitzt, sein Bildnitz in kunstvoll gearbeitetem Rahmm.

Aus China.

London, 29. Dezbr. Der „Standard" meldet aus Shanghai: Auanshikai hat seinen von der Regierung gut­geheißenen Plan entworfen zur Errichtung eines Verkehrs- departemenls nach japanischem Muster, das mit der Oberauf­sicht über den ganzen Postdienst Chinas betraut werden soll. — Am 28. d. Mts. wurde in feierlicher Weise der Grund­stein zum neuen deutschen Postamt in Shanghai gelegt.

Defraudation.

Berlin, 29. Dezbr. Die Morgenblätter melden: Der zweite Vorsteher der Potsdamer Filiale der Nationalbank für Deutschland, Albert Heyde, kam am Samstag nicht, wie erwartet wurde, vom Urlaub zurück. Eine ange­stellte Untersuchung habe ergeben, daß für 95 000 Mk. Werth­papiere fehlen.

Erdbeben.

Syrakus, 28. Dezbr. Heute Abend wurde hier ein wellenförmiges Erdbeben wahrgenommen, welchem ein unterirdisches Getöse vorausging.

Petersburg, 28. Dezbr. In Bijsk (Gouvernement Tomsk) wurde heute ein 23 Sekunden dauerndes wellen­förmiges Erdbeben verspürt.

Erschossen.

Paris, 29. Dezbr. Die Blätter bestätigen, daß Senator Garran de Balzan sich entleibt hat. Garran, welcher seit längerer Zeit an Darmkrcbs litt, schickte gestern früh unter irgend einem Vorwande seine Wärterin fort und jagte sich dann eine Revolverkugel in den Kopf.

* * *

Madrid, 28. Dez. Nach einer Depesche des „Jmparcial" aus Tanger sollen die Verluste, welche die Truppen des Sultans bei dem letzten Zusammenstoß mit den Auf - st ä n d i s ch e n erlitten habest, 2000 Todte und Verwundete betragen.

Petersburg, 28. Dezbr. Der Kaiser und die Kaiserin empfingen heute Abend während der Galavorstellung im kaiser­lichen Theater den General v. S ch w a r tz k o p p e n und die zur Jubelfeier des Pagenkorps hierher entsandten preußischen Kadetten.

Tanger, 28. Dez. (Meldung der „Agence Havas"). Wie die marokkanischen Behörden versichern, sind die Gerüchte von einer großen Niederlage der Truppen des Sultans übertrieben. Richtig sei, daß ein Theil der Truppen desselben sich dem Führer der Aufständischen, Buttamara, angeschloffen habe, wodurch die dem Sultan treuen Truppen bis Fez zu­rückgetrieben seien.

Patent-Ertheilungen.

Nr. 138 799. Vorrichtung zum Anzeigen von Kurz- schlüffen; Zus. z. Pat. 138 329. — Hartmann L Braun Aktien-Gesellschaft in Frankfurt a. M.-Bockenheim, vom 31. Dezember 1901 ab. Kl. 21c.

Nr. 138 688. Presse mit sich drehendem Formtisch. — Carl Fickelscheer u. Fa. L. Reuse in Caffel, vom 8. Januar 1902 ab. Kl. 80a.

Nr. 138 879. Vorrichtung zum Entleeren von Siloi- o. dgl. — Wenzel Miersch in Frankfurt a. M., Am städts schen Hafen, von: 9. Januar 1902 ab. Kl. 81e.

Schiffsberichte.

Hamburg, 25. Dezbr. Der Dampfer „Arabia" von der Hamburg-Amerika-Linie ist gestern in New-Orleans und d»r Dampfer „Jihaka" vorgestern in St. Thomas eingetroffen.

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