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Drittes Blatt.

Hanauer G Anleiger

Bezugspreis:

Vierieljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für auS- wärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag, Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.

Erdrückt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.

General-Anzeiger.

Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Sana«.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Einrückungsgebühr:

Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf- gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Reklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.

Berantwortl. Nedakreur: G. Schrecker in Hanau,

9?r« 232« Fernsvrt^ansHlaß Nr. 605«

Sn ntst an 1w 4. Oktober.

Fernsvrechanscklnß Nr. 605« 1902

Bekanntmachung.

Da den Bestimmungen des § 9 unseres Kassenstatuts, betreffend

Anmeldungen und Abmeldungen sowie Anmelvungen von ^obnvrränverunaen in letzter Zeit nicht immer die aewünschte Beachtung geschenkt wird, ersuchen wir hiermit wiederholt

alle Meldungen zur Ortskrankeukafse auf unsrem Bureau, Franr. Allee Nr. 181, innerhalb einer Frist von 3 Tagen zu bewirken.

Es wird noch bem-rft, dast auch

Dienstmädchen anzumelden sind, sobald ste geschä'tlicke Verwendung finden.

S'umiae Arbeitgeber, welche die Anmeldungen oder Lobn- v-rändernnasanreigen unterlassen. oder nicht recktz-itig ein- reitfen, haben in gewärtigen, daß ste die in einem solchen Falle gezahlten Unteritü^unaen an die Kasse zu ersetzen haben und daß außerdem gea-m ste Sirakantraa wegen Meldeübertretung bei bies. König'. Po'izeidirekiion gestellt werden wird. Statuten werden auf der Kaste verabfolgt.

Hanau, 3. Oktober 1902.

Der Vorstand der Hanauer Ortskranken-Kasie.

Müller,

Vorsitzender. 242

politischer Wochenbericht.

Von der Z o ! l 1 a r i f - K o m m iN i o w ist die zweite Lesung d-s Tarif-Entwurfes beendet worden. Dg die Mehr­heit der Kommission an der Steigerung der Mindestsätze für die einzelnen (Setreibearten über den Regierungs-Entwurf hinaus festgehalten und zugleich auch die Einführung von Minimalzöllen für Vieh und Fleisch belchloff-n hat, die Re­gierung ab-r beide Ford-runden mit Entschiedenheit ablehnt, ist eine Besserung der Aussichten für das Zustandekommen des Tarifwerkes mir noch von den Verhandlungen im Plenum zu erwartn. Bei einem endgiltigen Scheitern der Vorlage muß mit der Wahrscheinlichkeit gerechnet werden, daß der gegen­wärtige handelspolitische Zustand auf unbestimmte Dauer fort­bestehen bleibt. Die Industrie hatte unter der Unsicherheit der dann eintretenden Verhältnisse, denen die stete Gefahr einer kurzfristigen Kündigung der bestehenden Verträge innewohnt, schwer zu leiden. Stärker noch aber würde ohne alle Frage un'ere Landwirihsckaft aefcfäitat werden, der in dem Tarif- ßiuwurfe eine wesentliche Erhöhung der Getreide- und Vieh- Zölle zugedacht ist. Scheitert der Entwurf, so geht ste dieses Vortheils auf unabsehbare Zeit verlustig. Das sollten sich

Feuilleton.

Der billige Reuter. Bon August Hagernaun.

(Nachdruck verboten)

Und w-nn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch", so pflegen die Märchen zu schließen; aber beim Schlüsse eines Dichierlebens muß es heißen: W.mn er gestorben ist, dann fängt er erst richtig an zu leben; und wenn er lange genug tobt ist, dann findet er erst den Weg zu denen, für die er schuf und wirkte, den Weg zu seinem Vo ke. Daß es so sein muß! Der wackere Ferdinand Aoenarius hat vor einiger Zeit dem deutschen Reickstaye eine Petition unter­breitet, in der er den Gedanken vertrat, daß der Staat gleich­sam der Verwalter der geistigen Güter, der Verleger der Dichter werden und dafür sorgen sollte, daß die Schöpfungen echter Poesie von Anfang an den weitesten Volkskreiien zu­gänglich gemacht werden. Gewiß, das ist ein für jetzt un- durafühlbarer Gedanke; aber eine große und einfache Wahr- beit, die in unserem Geistesleben Wurzel fassen und Blüthen treiben muß, liegt darin, die Wahrheit», daß der Staat das Problem der Verwaltung der geistigen Güter der Nation noch gar nicht ernstlich ins Auge gefaßt bat und daß hier Kultur- möglichkeiten und Einnahmequellen liegen, von denen unsere heutige Generation vielleicht sich noch gar nichts träumen läßt. ...

Doch das ist Zukunftsmusik, und ich höbe von einer sehr viel er liegenden Thatsache zu reden. Das ist die That­sache, b^fi der große niederdeutsche Volke dichter Fritz Reuter an o 1904 aus dem Grab: des Verlegermonopols auserstehen undfrei" werden wird. Da nun der Verleger so klug war, das Prävenire zu spielen, so sind Reuters Werke schon jetzt

alle wahren Freunde der heimischen Landwirthschaft wieder und wieder überlegen.

Einen schweren Verlust hat die preußische Monarchie und das gesammte deutsche Vaterland durch den Tod des Ober- präsidenten von Westpreußen und früheren Kultusministers Gustav von Goßler erlitten. Die Amtsführung des Ministers von Goßler war nach drei Seiten bin von hervor­ragender Bedeutung. Unter ihm fand der Kulturkampf mit Aufhebung und Abänderung der sogenannten Maigesetze seine Beendigung, durch sein Bemühen wurde die äußere Lage der Geistlichen und Lebrer wesentlich verbessert, und ihm endlich verdanken Wissenschaft und Kunst ungemein vielseitige und nachhaltige Fürsorge und Förderung. Was der Verstorbene weiterhin an der Spitze von Westpreuren geleistet, steht noch vor aller Augen. Auf den mannigfachsten Gebieten ist er in unermüdlichem Pflichteifer und mit klarem, weitfchauendem Blicke für das Wohl der seiner Sorge ««vertrauten Provinz thätig gewesen. Nun ist der treue Mann heimgerufen; sein Andenken wird allezeit in Ehren gehalten werden.

Die österreichisch-ungarischen Ausgleichs- Verhandlungen sind noch immer nicht beendet. Zu ver-schiedenen Malen fanden die Verhandlungen letztbin unter dem Vorsitze des Kaisers statt ; außer den beiden Minister­präsidenten nahmen auch mehrere Fachminister an derselben theil. Die Berathung des Tarifs scheint nunmehr bei jenen Punkten angelangt zn sein, die für die österreichische Industrie die wichtigsten sind und einer Verständigung das größte Hinderniß bereiten. Um jeden Tarifsatz wird aufs Heftigste gekämpft. Man glaubt aber dennoch, daß unter dem Einflüsse des Monarchen eine Einigung erfolgen werde.

In den B a lka nl ändern geht es gegenwärtig recht lebhaft zu. Fkstesklänge und kriegerische Töne schwirren bunt durcheinander. Die großen bulgarischen Manöver, denen auch ein Glied des Zarenhauses, der Großfürst Nikolai Nikola- jewitfch als Vertreter des Kaisers Nikolaus II. beiwohnte, fanden ihren Höhepunkt in der Einweihung der Schipkakirche durch den russischen Protobresbyter Shelo- bowski. Der russische Charakter die er Feierlichkeit wurde in Erinnerung an die verlustreichen und ruhmvollen Kämpfe der russischen Armee, die zur politischen Emanzipation Bulgariens führten, mit besonderem Nachdrucke betont, und von Seiten Bulgariens ver äumte man nichts, um der Dankbarkeit gegen­über Rußland einen recht in die Augen fallenden Ausdruck zu geben.

Während aber die Scheinkämpfe der manövrirenden Trup­pen auf bulgarischem Boden stattfanden, spielten sich auf makedonischem Boden sehr ernst gemeinte blutige Kämpfe zwischen den vom makedonischen Comi 6 in Sofia er­munterten und unterstützten bulgarischen Banden und den in

um die Hälfte und mehr billiger geworden; und so werden sie jetzt in lausende von Häusern ibren Weq finden, in denen ür den tbeuern Reuter kein Platz war. Und von Herzen hoffen Und wünschen wir, daß in der Tbat reckt viele deutsche Lands- leute die neue günstige Gelegenheit, Reuter zu ihrem Haus­freunde zu machen, benutzen mögen; denn die geistigen und litterari'chen Verhältnisse des Augenblicks sind so, daß wir Fritz Reuter und seine Werke geradezu als ein Gesundungs- miltel, als eine heilsame Kur bezeichnen können. Aus diesen schlichten Erzählungen sieht uns m't leuchtenden Augen das Bild der Gesundheit an und vor diesem Bilde verbleichen die frauenhaften Gestalten, die heute als letzte Mode einer sogen, ästhetischen Kultur in den Gehirnen spuken. Wie dumm und gemein erscheinen die hüstenlosen, sezessionistisch gekleideten, & la Cleo de Mörode frisirten, neurasthenischen und natürlich auch ein wenig perversenIdeale" modernster Litteratur neben Reu­ters wackeren Dirnen, die Kopf und Herz am rechten Flecke boben, die allen Künsteleien fremd, das Leben fo natürlich und ver­ständig anieben uud von denen der warme Sonnenschein echter, unerschöpflicher Frauenliebe ausstrahlt! So wird auch die Lektüre von Reuters Werken, wie zu hoffen steht, ein ge­sundes Gegenmittel werden gegen den Stil und Geist jenes in Sckwana gekommenen P'eudomystiZismus, als wie:Die sieben bleichen Jungfrauen zünden am blauen Ufer des Baches ihre sieben silbernen Leuchter an." Wenn etwas in dieser Modemystik wahr ist, so ist es das naive Eingeständniß der Dichter, daß sie zum Lallen der Kinder zurückkehren müssen, um sich verständlich zu machen. Aus Reuters Dichtungen aber spricht ein Mann, ein Mann, der Leid und Sorge genug gekostet und sich auch von Schuld nicht freigehalien und der sich doch zuletzt ein im wahrsten Sinne unschuldiges, ein echtes Kinderberz b-wabrt hat. Und so wird die Auf­nahme, die Reuters nun allgemein zugängliche Werke finden, Aufschluß barüb r geben können, ob der Geschmack des deutschen Volkes einen frischen und gesunden Trunk oder ob er ein ge­pfeffertes und überreizendes Gebräu vorzieht.

Macedonien stehenden türkischen Truppen ab. Besonders im Vilajet Monastir herrschen Zustände, die der offiziöse Telegraph als sehr ernste bezeichnet. Und die macedonischen Wirren wirken erhitzend und erbitternd nach Serbien und Albanien hinüber, so daß auch zwischen Serben und A l b a n e n fast Tag für Tag Kämpfe statifindeu. Kurzum, es sieht auf der Balkanhalbinsel zur Zeit recht bedenklich aus. Zwar die Re­gierungen wollen durchweg ehrlich und überzeugt den Frieden, aber in den Leiden'chasten der Völker und den ungeregelten Strömungen der öffentlichen Meinung liegt eine Gefahr von unberechenbarer Grö'^e und Tragweite.

Ein Engtliilder über unsere Flotten- Vcrmehluun.

Für viele Engländer ist es ein Dogma geivorden, das Wachsthum der deutschen Flotte als gegen die englische See­herrschaft gerichtet zu betrachten. Die Ueberzeugung, daß Deutsch­lands Anstrengungen auf dem Marinegebiete ausschließlich gegen Englands Stellung gerichtet seien, hat bei dem Durchschnitts- Engländer so tiefe Wurzeln geschlagen, daß ein Blatt mit dem dreisten Vorschläge hervortreten konnte, England sollte von Deutschland Erklärungen über die Absichten fordern, die mit der Verstärkung der Flotte verfolgt werden. Wenn diese Er­klärungen nickt befriedigten, so sollte England die Einstellung der deutschen Schiffsbauten verlangen und eventuell die Folgen aus der Ablehnung dieser Forderung ziehen. Bei dieser Stim­mung ist es von hohem Werth für die Beziehungen zwischen beiden Völkern, daß sich eine englische Stimme vernehmen läßt, die nachdrücklich einer faUchen Auffassung von den Zecken der deutschen Flotte entgegentritt und die Annahme, daß diese gegen England gerichtet sei,, für eine Verrücktheit erklärt. Es ist Herr William Laird Clowes, der in derDaily Mail" seine Landsleute zu einer vernünftigen und ruhigen Auffassung der Dinge zu überreden sucht. Da Herr Clowes einer der ange­sehensten Marineschriftsteller unserer Zeit ist, hoffen wir, daß seine Worte nicht wirkungslos verhallen werden. Er setzt, wie wir derVoss. Ztg." entnehmen, seinen Landsleuten aus­einander, daß unsere Flotte nicht zum Angriff, sondern aus­schließlich zur Vertheidigung bestimmt sei und Deutschland in den Stand fe^n solle, im Falle eines russischen oder fran­zösischen Angriffs seine Küsten zu schützen und den Krieg rasch in Feindesland hinüber zu tragen. Herr Clowes führt ferner aus, daß der Nord-Ostseekanal nur deshalb gebaut wurde, um in einem neuen Kriege nicht den Uebelständen ausgesetzt zu sein, die sich zu Beginn des Krieges gegen Frankreich fühlbar machten. Es ist Herrn Clowes' Ueberzeugung, daß durch die Vereinigung beider Küstenränder zu einem einzigen die strategische Stellung Deutschlands in einem Kriege gegen Frankreich oder Rußland

Die Kunst der Geaenwart, Dichtung wie Malerei, wird in einer bedenklichen Weise von der Großstadt beeinflußt, viel­leicht beherrscht. Erst in diesen Tagen hr' ein begeisterter Verehrer des französischen Impressionismus er ganz naiv aus- aeplaudert, daß seine Entwickelung die des Verhältnisses des Großstädters (b. h. in diesem Falle des Parisers) zur Natur widerspiegele. Welche Gefahr es aber für die Kunst in sich schließt, wenn der in einen todten Steinhaufen gebannte, mit der Natur nur an Feiertagen in Berührung tretende, in höchst komplizirten Verhältniffen lebende Groß- und Weltstädter den Gang und Geist der Dichtung und der Kunst bestimmt, das bedarf hier wohl keiner weiieren Erörterung. Darum ist es ein Segen, daß den Deutschen, und ganz besonders auch dem deutschen Großstädter, in Reuters Werken die ganze Fülle und die ganze Originalität des Land- und des Kleinstadtlebens einmal vor Äugen geführt wird. Ja, meine Damen und Herren, überzeugen Sie sich nur: man lebt wirklich^ und wahrbaitig auch in der belächelten Kleinstadt, in Niaen-Strelitz und Nigen-Bramborg, dort, wo man nicht jedesAllerneueste" gelegen und aesehen und über Alles sein Urtheil parat haben muß. Wie der, der den Becher Weines Tropfen um Tropfen bedackt'am schlürft, davon höheren Genuß hat, als der, der den T'ank schnell in den Hals gießt, so ist das stille Leben der Kleinstadt oft gebastvoller, als das wilde unruhige Dasein im Trubel der Großstadt; und wenn Goethe darin Recht hat:

Höchstes Glück der Grdenkinder 3it doch die Persönlichkeit,

so wächst, wie man aus Reuters Dichtungen lernen kann, die kernige, ureigene Persönlichkeit, das Original öfter und echter im stillen Winkel, als anderswo.Heimaihskunst" ist Heut ein allgemeines und b siebtes Schlagwort geworden: Reuter bietet echte Heimathskunst, solche, die im Boden der Heimath wurzelt, aber ihre Krone ausbreitet über das ganze deutsche Vaterland. Die Krait, der Geist, die Gedanken- nnd Gefühlswelt eines der prächtigsten deutschen Stämme ist von