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Hanauer G Anzeiger

Bezugspreis:

Vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für aus- pärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag, Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.

Erdrückt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau. .

General-Anzeiger.

Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- unb Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Eiuruckungsgebühr:

Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf» gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 45 Pfg., im Reklameutheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.

Verantwortl. Redakteur: G. Schrecker in Hanau,

Nr. 195. Fernsvrechanschluß Nr. 605. ^reitaa fren 22. Anqust.

Fernsprechanschluß Nr. 605.

1902

Lehnn.

Vor Kurzem haben in Marseille, der zweitgrößten Stadt Frankreichs, die Gemeinderaihs-Stichwahlen stattgefunden. Die­selben ergaben einen vollständigen Sieg des bürgerlichen Kartells. Die sozialdemokraiischen Stadtleiter, die das Regi­ment in Marseille seit zehn Jahren führen, haben während dieser Zeit eine Mißwirthschaft sondergleichen heraufbeschworen, die Finanzen der Stadt völlig zerrüttet, das städische Be- amtenthum corrumpirt, alle Zügel der Disziplin und Ordnung gelöst, die Aufgaben kommunaler Wohlfahrtspflege gänzlich ver- nachtässigt, die gesummte Verwaltungsmaschinerie ins Stocken gerathen lassen, kurz das ihren Händen anvertraute Gemein­wesen nahezu an den Rand des Verderbens gebracht. Darüber wuchs dann der allgemeine Unwille mehr und mehr und brächte eine Einigung des Bürgerthums zu Stande, der es gelang, die sozialdemokratischen Gewalthaber hinwegzufegen.

Der Empörung des wohlgesinnten Theils der Marseiller Bürgerschaft über das unverantwortliche Treiben des sozial- demokratischen Bürgermeisters Flaissieres und seiner Clique hat der neuerwählte Bürgermeister Chanot in einer Rede Ausdruck gegeben, die zugleich einen lehrreichen Blick in den ganzen Umfang und die ganze Tiefe der voraufgegangenen sozial­demokratischen Mißwirthschaft thun läßt.Unsere Aufgabe", sagte er,ist schwer, und wir werden fortgesetzt der größten Anstrengungen bedürfen, um zum Ziele zu gelangen. Unser mit Schulden überhäuftes Finanzwesen, die in völlige Zucht- losigkeit ausgeartete Polizei, das gänzlich vernachlässigte städtische Bauwesen, kurz alle Zweige der städtischen Ver­waltung werden wir in die Bahnen der Ordnung und Regel­mäßigkeit zurückführen müssen. Wenn wir so handeln, sind wir uns bewußt, daß wir bei der großen Menge, die denen zujubelt, die ihr zu schmeicheln wissen, auf Entgegenkommen und Beliebtheit nicht zu rechnen haben, aber wir werden uns damit trösten, die Achtung des anständigen und gebildeten Theiles der Bevölkerung zu erwerben, welcher die Bemühungen Derer anzuerkennen weiß, die ohne viel Aufhebens die Wohl­fahrt ihrer. Mitbürger befestigen und fördern."

Die Marseiller Vorgänge sind unter verschiedenen Gesichts­punkten lehrreich. Zunächst empfangen wir hier wieder ein­maleinen deutlichen Vorgeschmack von den Segnungen und Beglückwünschungen sozialdemokratischer Herrschaft. Man kann sich danach etwa ausmalen, wie es im vielgepriesenen Zu- kunftsstaate hergehen würde. Zwar ist die gänzliche Unfähigkeit der Sozialdemokratie, ihre Theorien auch nur annähernd in die Praxis zu übersetzen, schon vielfach an den Pranger ge­stellt worden. Aber jedes neue Beispiel verstärkt doch das Gewicht dieser Lehren, und so gründlich wie in Marseille ist das Fiasko sozialdemokratischer Regierungskunst kaum jemals gewesen, so grell ist der Zwiespalt zwischen sozialdemo­kratischer Theorie und Praxis kaum irgendwo in die Er­scheinung getreten.

Aber noch eins lehren die Marseiller Dinge. Die So­zialdemokratie weiß mit Geschick den Schein zu verbreiien, als sei ihre Position vielerorten bereits uneinnehmbar und es gibt zahlreiche Leute, die sich diese angenommene Sicherheitsmiene imponiren lassen und nun in thatenscheuem Pessimismus jeden Widerstand meiden. Das ist jedoch so verkehrt wie möglich. Marseille lehrt uns, daß selbst dort, wo die Revolutionspartei üch noch so fest eingenistet hat, ihre erfolgreiche Bekämpfung möglich ist, wenn uur das Bürgerthum seine Reihen schließt und in geeinter Kraft vorgeht. Ganz be­sonders für Deutschland sollte man sich dies merken. Nicht oft genug kann es in das Land hineingerufen werden: Einig­keit thut Noth. Wo diese auf Seiten der staatserhaltenden Parteien vorhanden ist, da ist es mit der sozialdemokratischen Herrlichkeit allemal vorbei.

Ersparniß Sei dem Rcichszuschuß zur Jn- validitnlö- und Altersversicherung.

Wie aus dem letzten Finalabschluß der Reichshauptkasse hervor- geht, hat sich für das Etatsjahr 1901 bei den Ausgaben des Reichs- amts des Innern auf Grund des Jnvalidenversicherungsgesetzes eine Crsparniß von 214 000 Mk. festfiellen lassen. Da bei dem Reichsamt des Innern solche Juvalidenversicherungsausgaben, welche das Reich als Arbeitgeber zu bestreiten hat, nicht oder doch nur in ganz beschränktem Umfange Vorkommen, so handelt sich hier um eine Ersparniß, die bei dem Reichszuschuß Mr Jnvalidiläts- und Altersversicherung gemacht ist. In dem Etat für 1901 war dafür die Summe von 64 086 000 Mark eingestellt. Die wirkliche Belastung des Reiches aus den auf Grund des Jnvalidenver- Ncherungsgeietzes zahlbaren Renten hat sich demgemäß für das zerflossene Rechnungsjahr auf nicht ganz 34 Millionen -ueark gestellt. Im Uebrigen ist die Erscheinung, daß die

wirkliche Ausgabe bei dieser Position hinter dem Eiatsansatze zurückgeblieben ist, schon seit dem Jahre 1895)96 nicht zu be­obachten gewesen. In der ersten Zeit des Bestehens der In­validenversicherung haben die Etatsanlätze vielfach mehr als ausgereicht zur Bestreitung der thatsächlichen Ausgaben, von da ab aber hat sich bis 1900 jedesmal ein Manko ergeben. Es belief sich in 1895/96 auf 1 Million, 1896/97 auf mehr als 1 Million, 1897/98 auf nahezu ^2 Million, 1898 auf 0,8 Millionen, 1899 auf über 1 Million und 1900 auf 1,1 Millionen Mark. Für 1901 hat sich nach einer längeren Reihe von Jahren wieder zum ersten Male feststellen lassen, daß in Wirklichkeit nicht mehr für die Invaliden- und Altersrenten verbraucht zu werden brauchte, als im Etat angenommen war, daß vielmehr noch eine kleine Ersparniß gemacht werden konnte. Hoffentlich macht sich die gleiche Erscheinung auch für das laufende Etatsjahr bemerkbar, für welches der betreffende Fonds um nicht weniger als 4,1 Mill. Mark im Etat erhöht worden ist. Da didZahl der laufenden Invalidenrenten auch in letzter Zeit ganz er­heblich steigt, so wäre es natürlich verkehrt, auf Grund der im Jahre 1901 beobachteten Erscheinung anzunehmen, daß die Ausgabesteigerungen auf diesem Gebiete eine wesentliche Ab- schwächung schon in einer nahen Zeit erfahren würden. Man wird vorläufig immer noch mit einet jährlichen Steigerung des Reichszuschusses zur Jnvaliditäis- und Altersversicherung in Höhe von 34 Millionen Mark rechnen müssen.

Hub Stadt und Cand.

Hanau, 22. August.

* Zu welcher Tageszeit dürfen Wechselproteste ausgenommen werden? Nach dem heutigen Rechts- zustand ist für die Vornahme der Proteste eine bestimmte Tages­zeit nicht vorgeschrieben. Gegenwärtig befindet sich nun im Reichsjustizamt der Entwurf einer reichsgesetzlichen Regelung dieser Frage in Vorbereitung; ebenso beschäftigen sich die Re­gierungen der Bundesstaaten auf Anregungen des Reichsjustiz- amtes mit der Frage, ob eine gesetzliche Festlegung der Protest­stunden möglich ist. Der Deutschnationale Handlungsgehilfen- Verband hat unlängst diesen Behörden eine Eingabe unter­breitet, in der betont wird, daß die Geschäfte vielfach abends um 5 oder 6 Uhr geschlossen werden; weshalb bestimmt wer­den solle, daß die Aufnahme von Wechselprotesten nur in den Stunden von 9 bis -12 Uhr vormittags und von 2 bis 5 Uhr nachmittags zulässig sei. In der Eingabe wird ferner darauf hingewiesen, daß der Samstag - Frühschluß bei den Banken und Großgeschästen schon sehr verbreitet ist. Dessen Beseitigung sei nun zu befürchten, wenn nicht vorgeschrieben werde, daß an den Samstagen nach 12 Uhr mittags Wechselproteste nicht mehr erboben werden dürfen.

* Die Herbstaussichten für bett Weinbau sind trotz des nicht allzu günstigen Wetters doch derart, daß man noch auf einen Mittelwein hoffen darf, wenn sich die Witterung für die nächsten Wochen einigermaßen gut hält. Aus Rhein­hessen, dem Rheinstau, von der Mosel und der Haardt kommen Nachrichten, daß die Trauben schön in der Reife begriffen sind.

* Oratorienvereiu. Wie aus dem heutigen Inserat ersichtlich ist, wird der Oratsrienverein nächsten Dienstag den 26. August mit seinen diesjährigen Proben beginnen. Die Leitung des Vereins ist, wie schon bekannt gegeben, Herrn K ü ch l e r, Lehrer am Dr. Hoch'schen Konservatorium zu Frankfurt a. M. und Mitglied des berühmten Professor Heer- mann'schen Quartetts, für diesen Winter übertragen worden. Von größeren Werken werden in der kommenden Concert- saison zur Aufführung gelangen:M essias" von Händel und dasRequiem" von Mozart. Das ausführlichere Pro­gramm wird nächstens zur Veröffentlichung gelangen. In dem heutigen Jnseratentheil bittet der Vorstand des Oratorien- vereins stimmbegabte Damen und Herren dem Verein beitreten und so die Sache desselben fördern zu wollen. Wir können dies nur warm befürworten, denn dadurch wird der Verein immer besser in den Stand gesetzt,, sich auszugestalten und die Werke, die er auf sein Programm gesetzt, mit erhöhter Wirkung zur Ausführung zu bringen. Zudem verdient auch ein Verein, der, wie der Oratorienverein, nur idealer Tendenz huldigt, nämlich vorzugsweise würdiger, klassischer Oratorienmusik hier eine bleibende Stätte zu sichern, und der dem hiesigen Publi­kum schon oft hervorragende Werke in für die hiesigen Ver­hältnisse achiungerweckender Weise dargeboten, (Heilige Elisa­beth von Liszt, Glocke von Bruch, Requiem von Brahms, Schöpfung und Jahreszeiten von Haydn, Scenen aus Faust von Schumann, Judas Maccabäus von Händel 2c.) in höherem Maße Unterstützung, als alle Vereine privaten oder geselligen Charakters. Aus diesem Grunde ist schon die Unterstützung durch tüchtige musikalische Kräfte als einem edlen Zwecke dienend anzuerkennen. Außerdem werden die nenein-

treienden Damen und Herren an dem Studiren der groß­artigen Oratorien nicht allein ihre helle Freude haben und sich erbauen und veredeln, sondern auch technisch in musikalischer Beziehung manchen Gewinn aus den Uebungen ziehen. Zum Schlüsse möchten wir noch dem hiesigen Publikum ans Herz legen, den Concerten des Oratorienvereins auch im kommen­den Winter stets ein warmes Interesse entgegenbringen zu wollen, damit er auch für die Mühen und hohen Kosten, die er sich aber im Hinblick auf das erhabene Ziel gerne aufer­legt, stets durch ein vollbesetztes Haus belohnt werde.

* Marianifche Jünglingssodalität. Wie bereits mitgetheilt, wird Herr Pfarrer W a h l i g von Kleinsteinheim den zweiten Vortrag in unserem Vereine heute Abend um ViO Uhr halten. Nachdem der erste Vortrag so beifällig auf- genommen und ein so großes Interesse erweckt hat, dürfte es wohl genügen, nur darauf hinzuweisen, um alle Mitglieder und die Herren Ehrenmitglieder zu veranlassen, heute Abend zu erscheinen.

K. Katholische Gemeinde. Wir wollen nicht ver­fehlen, darauf hinzuweisen, daß zu dem am Sonntag stattfin- benben Kirchweihfeste der Karten-Vorverkauf bisher ein so reger war, daß nur noch eine geringe Anzahl im Vorverkauf erhält­lich ist (30 Pfg.) Der Kassenpreis am Abend ist 50 Pfg. (Siehe heutiges Inserat).

8 . Hahnenkammfest. Am Sonntag den 17. d. M. tvar von Seiten der vereinigten Touristen-Vereine ein Sommer- fest auf dem Hahnenkamm vorgesehen, welches fast durch die Ungunst der Witterung vereitelt zu werden schien. Aber wie immer, lassen sich die Touristen und Touristinnen durch einige Tropfen Regen nicht zurückhalten von den einmal vorgenom­menen Touren und so zog denn auch eine ansehnliche Zahl unserer Naturfreunde mit den verschiedenen Zügen nach dem Kahlgrunde, Um von Kälberau aus den nächsten Aufstieg zum Hahnenkamm zu benützen. Ein starker Regenschauer, der sich um 2 Uhr einstellte, vermochte die Stimmung nicht zu ver­eiteln und als nach kurzer Betrachtung unter dem Regenschirm sich die Sonne wieder zeigte und der ganze Berg zu dampfen anfing, da hoben sich die Gemüther wieder zu der fröhlichsten Stimmung und das Sommerfest nahm seinen Verlauf, ganz wie es vorgesehen war. Musik, Speisen und Getränke waren vorzüglich und trugen zur gehobenen Stimmung wesentlich bei, sodaß die zahlreichen Theilnehmer erst gegen 6 Uhr an den Abstieg dachten. In' Alzenau und Kahl, wo Fortsetzung der Fidelitas vorgesehen war, blieb ebenfalls in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrig und wird den Theilnehmern auch dieses Hahnenkammfest in bester Erinnerung bleiben, so daß wir den Touristen für daS nächste Fest heute schon ein kräf­tigesFrisch auf" zurufen!

* Eine eigenartige rothe Färbung zeigte vorgestern Abend der nordwestliche Himmel. Bis zum Zcnith war der Himmel mit einer intensiv röthlich-gelben Nebelschicht bedeckt, von der sich hellgraue Wolkengebilde ab- hoben. Die Erscheinung, die kurze Zeit auch am östlichen Horizont zu beobachten war, ist jedenfalls darauf zurückzu- führen, daß die untergehende Sonne in den gegenüberstehenden Wolken Reflexe hervorrief, die zurückgeworfen, dem Abend­himmel die herrliche Färbung gaben.

* In Lebensgefahr gerieth gestern Abend gegen 7 Uhr in der Frankfurterlandstraße ein etwa 4jähriger Junge dadurch, daß er in eine Jauchegrube fiel. Durch rechtzeitig eintreffende Hilfe konnte der Junge aus der gefährlichen Situation befreit werden.

* Pharusplan Frankfurt a. M. mit Um­gebung nebst Führer und Stratzenverzeichuttz. Preis Mk. 1.. Nach dem Muster des Düsseldorfer Pharus- planes, der seit der Eröffnung der dortigen Ausstellung sich allgemeinen Beifall erworben hat, ist im Pharus-Verlage ein nach gleichen Grundsätzen gefertigterPharusplan von Frank­furt a. M." mit einem vollständigen Straßenverzeichniß und Führer versehen, soeben zur Ausgabe gelangt. Dieser Plan zeichnet sich gleichfalls durch Uebersichtlichkeit und Klarheit aus und ist auch dem Ortsunkundigen sofort verständlich. Diese Vorzüge, in Verbindung mit der Gefälligkeit des geschmackvoll kolorirten Gesammtbildes, machen diese Art Pläne zu einem wirksamen Mittel zur Hebung des Fremdenverkehrs, indem sie die Reize des Stadtbildes und der einzelnen Theile dem Fremden in vortheilhaftes Licht stellen und zu längerem Ver­weilen einladen. Die neuartige Darstellung der Bahnhöfe, der Eisenbahntafeln, aus denen die Ankunfts- und Abfahrts­richtung sofort abzulesen sind; die Auszeichnung der Haupt­straßen von den Nebenstraßen u. s. w. geben dem Plane ein überraschend übersichtliches Bild über das ganze Stadtgebiet und seine Umgebung. Besonders interessant ist ferner die naturgetreue Abbildung der charakteristischen Bauwerke, die zur schnellen und sichersten Orientirung dienen. Der kartographisch musterqiltig ausgeführte Plan empfiehlt sich Einheimischen und