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Erstes Blatt.

Bezugspreis: vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für auZ- sartige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg. .

Gtllem-AAzemer. - ----«... *... v ~" "T gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg.,

im Reklamentheil die ßeife 25 Pfg., Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kann«. i»-«^» »

Gedruckt und verlegt in der Buchdrucker« des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage. BeraunvorN. Redakteur: G. Schrecker in Hanau,

Nr. 186.Fernsprechanschluß Nr. «05. Dienstag den 12. August.

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Fernsprechanschluß Nr. 605.

1902

Amtliches.

Stadtkreis Danau.

Bei einem im hiesigen Schlachthofe geschlachteten Schweine wurde die Rothlaitsfeitche festgestellt.

Hanau den 11. August 1902.

Königliche Polizei-Direktion.

P 7962 J. V.: Valentiner, Reg.-Assessor. _________

Gefundene und verlorene Gegenstände rc.

Gefunden: 1 gelber Damm-Glacehandschuh (rechter), 1 großer Schildkrott-Haarkamm, 1 großer Schraubenschlüssel, 1 Brille mit Futteral, auf dem Neustädter Marktplatz 1 Damen-Regenschirm.

Verloren: 1 Jnvalidenkarte, 1 Ortskrankenkassen­buch und 1 Wanderschein für Jakob Gläßner, 1 weißes Battist- taschentuch, 1 weiß- und schwarz-karrirter Damensonnenschirm, 1 Regenschirm.

Hanau den 12. August 1902.

Hue Stadt und Cand*

Hanau, 12. August.

Aus dem Gerichtsfaal.

Sitzung der Ferkenstrafkammer vom 1L August.

Eine Straßenscene in Fulda.

Im Mai hatten einige Knechte in Fulda in einer dortigen Wirthschaft ordentlich gezecht, wonach ihnen der Raufteufel in den Köpfen spukte. Weil in der Wirthschaft nicht die nöthigen Objekte vorhanden waren, gingen sie auf die Straße und rempelten dort die nächsten Passanten an, die ihnen in den Weg liefen. Da die Belästigten gleich die richtige Bezeichnung für diese Flegelei bei der Hand hatten, so war den radau- lustigen Zechern alsbald die gesuchte Gelegenheit zur Be­thätigung ihrer Rauflust gegeben. Sie wurden thätlich gegen die Leute und schlugen mit ihren Stöcken auf sie los, was das Zeug hielt, bis es den Angegriffenen gelang, sich den Händen der sonderbaren Helden durch die Flucht zu entziehen. Die Letzteren zogen im Bewußtsein ihrer Tapferkeit noch nacheiner anderen Wirthschaft, wo sie weiteren Becherfreuden sich Hin­gaben. Danach führten sie auf der Straße nochmals eine kleine Radauscene auf, bis die Diener der heiligen Hermandad ihrer verdienstvollen Thätigkeit ein Ende bereitete. DieBe­lohnung" für diese Heldenthaten theilte natürlich wie gewöhn­lich der Strafrichter" in Gestalt von freiem Quartier auf Staatskostm aus und er war in Anbetracht des Umstandes, daß in Fulda derartige Straßenscenen durchaus nichts Seltenes

Feuilleton.

Nikolaus Lenau.

Zum 13. August.

Nicht ohne ein Gefühl der Wehmuth kann man des Dich­ters gedenken, dessen hundertster Geburtstag heute wiederkehrt. Beklagen muß man das Schicksal des hochbegabten Poeten, dem alle Lebensfreude von tiefer Schwermuth vergällt wurde, dessen Seele zerrissen war von den Qualen des Zweifels, bis sein Genius schließlich in die finstere Nacht des Wahnsinns versank. Lenau (mit seinem vollständigen Namen Nikolaus Niembsch Edler von Strehlenau) selbst verglich sein Leben mit einem von sturmgepeitschten Wogen umher geschleuderten Schiffe, , und in der That ist dieses auf seinem Petschaft eingeprägte Bild das treffendste Symbol seines beklagenswerten Schicksals.

Am 13. August 1802 in dem ungarischen Dorfe Csatad als Sohn eines leichtlebigen österreichischen Reiterofstziers ge­boren, verlor er schon in früher Jugend seinen Vater. Unter mancherlei Entbehrungen wuchs er auf, und schon damals mag die Schwermuth in seiner Brust Wurzel geschlagen haben. Au^ die ersten Keime des Zweifels wurden ihm von einem Verwandten eingeimpft, der,' ein Verehrer des Spötters Voltaire, den frommen Kinderglauben untergrub, in welchem die Mutter den Knaben auferzogen hatte. Als er mit 17 Jahren die Universität Wien bezog, studirte er zuerst Philosophie. Aber bei der Beschäftigung mit dieser Wissenschaft, in der er statt der Lösung nur neue Räthsel fand, bemächtigte sich seiner ein düsteres, unheimliches Wesen, und mit Mißbehagen wandte er diesem Studium den Rücken, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen. Aber auch hierin fand er keine Befriedigung und ging nun zum Studium der Medizin über, &k er einen Wider­willen vor allem Studiren bekam und sich an Geist und Leib völlig gebrochen fühlte. Zweifel und Schwermuth, das waren

sind, gar nicht geizig damit. Es erhielten der Knecht R. 4 Monate, der M. 2 Monate, der F. 14 Tage Gefängniß. Die Angeklagten sind von dieser Art Freiguartier nicht sonder­lich erbaut und möchten am liebsten von einer solchen Aner­kennung ihrer verdienstlichen Thätigkeit ganz verschont bleiben. Die Strafkammer zeigt dazu aber wenig Lust und erkennt auf Verwerfung der Berufungen des R. und des F. und nur dem M., der an dem 2. Akte der Aufführung unbetheiligt war, wird ein Monat von seiner freien Beköstigung abgenommen.

D i e b st a h l.

Der Taglöhner H. von Sinding hat kurz nacheinander 2 Diebstahlsstrafen bekommen. Als er kaum aus dem Ge­fängniß entlassen war, quartierte er sich im April dieses Jahres bei einer Frau in Fechenheim unter der un­wahren Angabe ein, er hätte Arbeit in der chemischen Fabrik bekommen und wolle dort bleiben. Nach 2 Tagen verschwand er von dort und hieß die einem ebenfalls bei der Frau wohnenden Taglöhner gehörige Uhr und ein Paar Schuhe mitgehen. Der Angeklagte hat eine von der Wiesbadener Strafkammer erkannte Gefängnißstrafe von 5 Monaten zu verbüßen, mit dieser zusammen wird auf 9 Mo­nate erkannt.

Jagdvergehen.

Als der Gendarm Bullerdick von Bruchköbel am 2. Weih­nachtsfeiertag die Straße nach Roßdorf zu ritt, bemerkte er im Felde zwei Männer, welche augenscheinlich das Terrain ab- suchten. Sich näher für die Leute interessirend, gewahrte er auch noch, daß einer von den Beiden ein Gewehr unterm Arm hatte. Sobald die Beiden das Interesse des Gendarmen für ihre Beschäftigung bemerkten, gaben sie Fersengeld, wurden aber eingeh-lPund nach der Art ihres eigenthümlichen Feier- tagsipazierganges befragt. Sie hatten inzwischen Zeit ge­funden, das Gewehr zu verstecken, leugneten den Besitz eines solchen und gaben ihrer Anwesenheit auf dem Felde eine ganz harmlose Deutung. Der Gendarm erwies sich in Bezug aus Märchenerzählung sehr ungläubig, requirirte polizeiliche Assi­stenz von Roßdorf und fand bei der Rückkehr den Eisenbahn­arbeiter P. gerade dabei, wie er den Gewehrlauf wieder ver­stecken wollte. Letzterer gab nun an, er habe die Flinte seit langen Jahren besessen und nur mal 'probiren wollen, ob sie noch losginge. Sonderbarer Weise kam auch das Schöffen­gericht zu Windecken auf den Gedanken, daß das Probiren auf das Hasenschießen hätte hinauslaufen sollen und verur- theilte P. zu 20 Mk. Geldstrafe. Sein Begleiter, der Zimmer­mann R., wurde freigesprochen, da seine Angaben, daß er die Gräben habe besichtigen wollen, in welchen er nächstens Arbeiten vornehmen sollte, und den P. nur zufällig getroffen habe, nicht so ganz unwahrscheinlich klang. Der Amisanwalt huldigte die Resultate seines Forschens, nirgends hatte er die Wahrheit und in dieser den Frieden gefunden. Der Tod seiner Groß­mutter machte den jungen Studenten zum Erben eines kleinen Vermögens, und nun beschloß er, sich der Litteratur zu wid­men und seine . lange im Verborgenen gehaltenen Gedichte herauszugeben, zu welchem Zwecke er nach Stuttgart reiste. Von Wien nach Stuttgart, von Oesterreich nach Schwaben und wieder zurück, das waren fortan die Hauptlinien, auf denen sich sein ruheloses Leben bewegte, ein eigentliches Heim hatte er nicht. Im Umgänge mit den schwäbischen Dichtern Uhland, Schwab, Kerner u. s. w. vergaß Lena» eine Zeit lang seinen innern Zwiespalt; aber lange ließ es ihm auch hier keine Ruhe, denn plötzlich, während des Druckes seiner Gedichte, kam ihm der Gedanke, zur Ausbildung seiner Poesie, die in der Natur lebe und webe, gehöre es durchaus, daß er in die nordamerikanischen Urwälder ziehe. Ende Juli 1832 führte er seine Absicht aus, bereute sie aber bald wieder und kehrte in die Heimath zurück, da sein idealer Sinn sich von dem Materialismus der Amerikaner abgestoßen fühlte. Mit Jubel wurde er begrüßt, da während seiner Abwesenheit Gustav Schwab seine Gedichte veröffentlicht hatte, die ihn mit einem Schlage berühmt machten.

Die nächsten Jahre vergingen in litterarischer Thätigkeit und unstätem Wandern; endlich in seinem 42. Jahre, im August 1844, als er sich in dem Badeorte Baden aushielt, faßte er eine herzliche Neigung zu einem Fräulein Marie Behrends aus Frankfurt am Main und verlobte sich mit ihr. Er fühlte sich wie neugeboren, die Vergangenheit versank hinter ihm, und freudig sah er der Zukunft entgegen. Schon machte er Pläne für seine künftige Existenz, um die Geliebte heimzu­führen, als plötzlich sein Geist sich nmna^teie und unheilbarer Wahnsinn ihn befiel. Der unglückliche Dichter^ wurde in die Heilanstalt Minnenthal bei Stuttgart und 1847 in die Irren­anstalt zu Oberdöblin bei Wien gebracht, wo er nach sechs Jahren des tiefsten Elendes am 22. August 1850 starb. Wie in seinem Leben, so ist auch allen seinen Dichtungen ein

aber anderer Ansicht und legte Berufung gegen das frei­sprechende Erkenntniß ein. Die Strafkammer glaubt ebenfalls ni^t an die Geschichte von der Grabenbesichtigung und er­kennt unter Aufheburrg des ersten Urtheils wegen Beihilfe zum Jagdvergehen auf 10 Mk. Geldstrafe.

*

Sitzung des Hananer Schöffengerichts vom 12. August.

Wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz werden ein Metzgermeister und sein Geselle zu 30 bezw. 20 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Es bandelt sich um die alte Streitfrage des Stärkemehlzusutzes zur Wirrst als Bindemittel. Die Ange­klagten hatten der Fleischwurst Stärkemehl zugesetzt, weil das Fleisch sog.schlechtes", d. h. stark wasserhaltiges und daher sehr breiig war. Der Landwirth A. von Bruchköbel be­leidigte ein dortiges Dienstmädchen durch Thätlichkeiten. Er erhält 60 Mk. Geldstrafe. EinKünstler" Schackwitz aus Osterode zog am 20. Juli von Wirthschaft zu Wirthschaft mit Puppen Vorstellungen als Bauchredner gebend. Er hatte aber keinen Wandergewerbeschein und wurde deshalb nach dem Polizeigefängniß zitirt, wo sein mißachteter Künstler­stolz in bedenklicher Form zum Ausbrnch kam. Als er reoi- dirt werden sollte, wurde er sehr rabiat, beehrte den Ge- fängnißwärter und den Schutzmann mit allerlei Bezeichnungen aus der edlen Gaunerzunft und ließ schließlich eine Einladung an die Beamten ergehen, die aus Göthes Götz von Berlichingen bekannt ist. Der rabiateKünstler" beruhigte sich erst, als die Thür sich hinter ihm schloß. Er erzählte heute eine recht gruselige Geschichte von der schlimmen Behandlung im Gefäng- niß, die aber bei dem mit den Verhältnissen hinter schwedischen Gardinen äußerst vertrautenKünstler" höchst unglaubwürdig klingt und auch durch die Verhandlung widerlegt wird. Wegen der Beleidigung wird auf 2 Monate, wegen der Gewerbe- übertretung auf 24 Mk. Geldstrafe erkannt.

* Verliehen. Dem Eisenbahn-Stationsvorsteher 1. Kl. Wilhelm Meyer zu Hanau (Westbahnhof), der kürzlich sein siEjähriges Dienstjubiläum feiern konnte, wurde der Rothe Adlerorden 4. Kl. verliehen.

Unfall. Ein bei einem hiesigen Oekonomen bediensteter Knecht fuhr gestern auf einem Wägelchen, das eine Kuh zog, die Steinheimer Landstraße entlang, dem nahen Feldgrundstücke zu. Unterwegs fiel der Knecht, dessen Gleichgewicht jedenfalls durch besondere Umstände ins Wanken gekommen war, vom Wagen herunter und zog sich einige Verletzungen zu, die Knh kam mit dem Wagen allein auf dem Felde an.

* Katzensteuer. In Augustusburg in Sachsen ist vom 1. Januar 1902 an eine städtische Katzensteuer eingeführt worden. Der Steuer unterliegen alle im Stadtbezirk lebenden, düsterer Leidenszug, eine elegisch-schwermüthige Stimmung aus­geprägt. Daß sein Schmerz nicht gekünstelt war, wie man es bei anderen Dichtern findet, das geht aus seinem leidens- reichen Lebensgange deutlich hervor. Selbst in seinen herr­lichen Naturdichtungen (wie denSchilfliedern") drückt sich seine schmerzliche Stimmung aus, wenn sie auch zu elegischer Weichheit gemildert erscheint. Außer seinem Schmerze und der Natur, mit der er sich wie nur wenige Dichter aufs Engste verwachsen fühlte, entnahm Lenau seine dichterischen Vorwürfe den Erscheinungen seiner ungarischen Heimath. Das wilde, einsame Leben der Hirten auf der Pußta, die romantischen Gestalten der Räuber und Zigeuner, das alles schildert er mit feurigen Farben und einer plastischen Kraft, die von seiner sonstigen Weichheit wirksam absticht. Ebenso fand er begeisterte Töne zum Preise des Vaterlandes und der Freiheit.

In der reinen Lyrik erschöpfte sich aber Lenaus poetisches Schaffen keineswegs; es drängte ihn, seine Gedanken über Gott und Welt, über Glauben und Wissen in größern epischen Dichtungen anszusprechen. Seine traurigen Erfahrungen aus seinen Geisteskämpfen legte er vor Allem imFaust" nieder, der zwar viele Schönheiten: prächtige Naturschilderungen, treffende Bemerkungen und schöne lyrische Parthten enthält, nach seiner Grundidee aber verfehlt ist und auch in der Form nicht befriedigt. ImDon Juan", den Lenau selbst für sein bestes Werk hielt, wollte er den Faust fortsetzen; auch dieses Werk hat die Fehler und die Vorzüge des vorigen, entbehrt jedoch der künstlerischen Harmonie, so daß es noch weniger erquicklich wirkt. Sein reifstes und ansprechendstes Gedicht ist seinSavonarola", ein polemisch-didaktisches Werk. Mit ihrem strengen Ernste und ihrer glühenden Glaubenssehnsucht bleibt diese Dichtung die schönste Hinterlassenschaft Lenaus, des un­sterblichen Sängers der Poesie des Schmerzes.

Paul Zunk.