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Vecantwortl. Redakteur: G, S ch r e ck e r in Hanau,
Nr. 58 BeKIr-Femsprechmschluß Nr. 98.
Montaq den 10. März
Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98. 1902
Eine Perle.
In der Reichstagssitzung vom 6. März beschwerte sich ein freisinniger Redner über den Erwerb der ehemals spanischen Inselgruppen in Polynesien (Karolinen, Mariannen, Paula- Jnseln), weil ihr wirtschaftlicher Werth überschätzt worden sei und den gezahlten Kaufpreis nicht rechtfertige. Ob der Erwerb ein gutes Geschäft im kaufmännischen Sinne war, kann erst die Zukunft lehren. Entscheidend war nicht der Nutzen, der aus dem Bau von Kakao, Tabak, Kaffee und Kokokspalmen gezogen werden kann, sondern der politische Werth dieser Inseln, die eine natürliche Brücke zwischen Neu- Guinea und den Marschall-Jnseln bilden, so daß wir nun ein abgerundetes Kolonial-Gebiet in Polynesien mit allen maritimen und sonstigen Vortheilen besitzen. Darauf wurde von dem Grafen Bülow das entscheidende Gewicht gelegt, und hiervon ist durch kalkulatorische Aufrechnung von Ausgabe und Einnahme nichts hinweg zu nehmen.
Wie ist es denn mit Samoa gegangen? Unsere Gegner einer kräftigen Kolonialpolitik haben sich gegen den Erwerb dieser Insel an 20 Jahre gesträubt, bis er schließlich zur nationalen Ehrensache geworden war. Und was hören wir jetzt über die Entwicklung Samoas? Der Gouverneur Dr. Solf hat wirkungsvoll unter dem lebhaften Beifall des Reichstages dargelegt, wie günstig sich die Zustände dort entwickeln: „Samoa ist thatsächlich die Perle der Südsee; und ich würdeJhnen dankbar sein, wenn Sie bei der Fassung dieser Perl? nicht zu sehr am Golde sparten." Diese Perle verdanken wir der großen diplomatischen Geschicklichkeit des Grafen Bülow, der Deutschland dort aus einer sehr schwierigen Situation befreite und nach heftigen Kämpfen und bösen Streitigkeiten unter den Vertretern der drei interejsirten Mächte, Deutschland, England und der Vereinigten Staaten, das Eiland dem deutschen Kolonialbesitz hinzufügte, nachdem er gleich beim Eintritt in das Auswärtige Amt vor fünf Jahren Gelegenheit gehabt hatte, die kühne Initiative unseres Kaisers bei der Eroberung eines Platzes an der Sorme in Ostasien wirksam durchzu- führen.
In liberalen Blättern ist in der letzten Zeit dem Grafen Bülow hier und da Mangel an Entschiedenheit vorgeworfen worden, weil er in der innern Politik, namentlich in der Zolltarif- und Handelsvertrags-Frage, eine mittlere Linie einbalt und den Wünschen und Bedürfnissen der ländlichen Bevölkerung weit entgegengekommen ist. Dieser Vorwurf mangelnder Entschlossenheit gegen den Grafen Bülow ist, an seinem Verhalten zum Ausland und seinen Leistungen in der aus- wärngen Politik gemessen, geradezu abmrd. Die Gesamml- Jnteressen des Reiches werden jedenfalls viel besser durch entschiedene Vertretung der deutschen Rechte und des deutschen Ansehens nach außen wahrgenommen, als durch einen Reichskanzler, der seine Force darin sähe, den im Innern vorhandenen Konfliktsstoff zu verschärfen und mit großen, die Kraft der Nation am stärksten veriretenden Parteien ohne Noth zu karamboliren. Wir zweifeln nicht daran, daß, wenn wirklich ein gefävrUcher innerer Konsiikt durchzukämpfen wäre, Graf Bülow auch da mit ebenso viel Beharrlichkeit als Klugheit seinen Mann stehen würde.
Bus Stadt und £and.
Hanau den 10. März.
* Hafenbau-Angelegenheit. Den Stadtverordneten sind jetzt die Eingaben des Oberbürgermeisters und des Stadtverordnetervorstehers an den Kommunallandtag und den Kreisaus'chuß betr. die Mainkanalisirung und den Hafenbau im Wortlaut per Druckschrift zugegangen. Die betreffenden Eingaben haben bekanntlich sowohl den Kreistag bf8 Kreises Hanau, wie auch kürzlich den Kommunallandtag beschäftigt, worüber wir kürzlich eingehend berichteten.
* Lbstbauverein für den Regierungsbezirk Caffel. In Cassel fand Samstag Vormittag unter Vorsitz des Herrn Oekonomieraths Gerland die ordentliche Hauptversammlung des Obstbauvereins für den Regierungsbezirk Cassel statt. Als Vertreter der Königlichen Staatsregierung wohnten Herr Oberregierungsrath W iß m a n n und Herr Regierungsassessor zur Rieden der Versammlung bei. Nach der üblichen Begrüßung gedachte der Vorsitzende der im Laufe des Jahres verstorbenen Mitglieder, deren Angedenken zu ehren, die Versammlung sich von den Sitzen erhob. Den Geschäftsbericht erstattete Herr Huber. Redner gedenkt alsdann noch der wesentlichen Förderung, welche der Verein der Königl. Generalkommijsion, den Spezialkommissionen und der kommunalständischen Verwaltung durch seine Thätigkeit gewährt. Die Zahl der Mitglieder ist wieder gestiegen und beträgt z. Z. 308—310 persönliche, sowie 30 Vereine und Korporalionen. Angegliedert sind dem Vereine außerdem
noch 15 Zweigvereine mit etwa 3000 Mitgliedern. Im vorigen Jahre wurde zum zweiten Male ein Versuch mit einer Bezirksausstellung gemacht und zwar in Hersfeld. War die Hersfelder Ausstellung auch geringer beschickt als die in Fritzlar, so war dieselbe da'ür doch um so reichhaltiger. Wie in den vorausgegangenen Jahren wurde auch im letzten wieder ein Obstmarkt abgehalten. Das Ergebniß des Marktes war ein befriedigendes, es wurde ziemlich viel Obst verkauft. Es gelangen bann noch einige weitere, rein interne Fragen zur Besprechung, worauf Herr Huber seinen Bericht mit der Erklärung schließt, daß der Verein mit dem, was er bis jetzt erreicht, wohl zufrieden sein könne. Der nun zum Vortrage gebrachte Kassenbericht läßt Einnahme und Ausgabe mit 2610 Mark balanciren und weist außerdem einen Kassenbestand von 122,20 Mk. nach. Das Vereinsvermögen beziffert sich auf 1122,20 Mk. Die Versammlung überläßt dem Vorstände, Tag und Ort der nächsten Obstausstellung zu bestimmen. Herr Oekonomierath G e r l a n d bemerkt, daß dieselbe wahrscheinlich in die Zeit vom 3. bis 6. Oktober falle. Eine von Herrn Huber begründete Abänderung der Satzungen, bedingt durch die Eintragung in das Vereinsregister, wird von der Versammlung genehmigt. Die darauffolgende Ersatzwahl des Vorstandes ergibt die einstimmige Wiederwahl der ausscheiden>cn Herren Oekonomierath Gerland, Stadtgarteninspektor Eubell, Landwirthschaftsschuldirektor Hesse - Marburg, Kammerherr von und zu Gilsa und Königlicher Garteninspektor Junge-Cassel, durch Zuruf. Als Ort der nächsten Generals-Versammlung wählte die Versammlung Eschwege, den Zeitpunkt dem Vorstand überlassend. Nach kurzer Besprechung hält dann Herr Landwirthschaftsschuldirektor Dr. Hesse-Marburg einen | Vortrag über „die Obstverkaufsvermiitelungsstelle in Marburg." Nach längerer Diskussion gibt endlich noch Herr Gtadtobst- gärtner H. Grau-Magdeburg eine Reihe höchst schätzens- werther Aufschlüsse über „Mittel und Wege, den Obstbau in in den Bezirken der Obstbauvereine zu fördern." Nachdem auch hier eine Besprechung stattgefunden, erfolgt gegen 3 Uhr Schluß der Versammlung.
* Landwirthschaftlicher Kreisverein Hanau. Die am Samstag stattgefundene Versammlung des landwirth- schaftlichen Kreisvereins Hanau war überaus stark besucht, ein Beweis, daß besonders wichtige Fragen auf der Tagesordnung standen. Zunächst wurde über eine eventuelle Verlegung der Deckstation von Wilhelmsbad nach Langenselbold berathen, da in früheren Sitzungen dahingehende Wünsche geäußert worden waren. Auch Herr v. N a t h u s i u s, der Direktor des Dillenburger Landesgestüts, war anwesend, gleichfalls der stellvertretende Vorsitzende des landwirthschaftlichen Kreisvereins Gelnhausen, Herr Gutsbesitzer Knauer von Altenhaßlau. Herr v. Nathusius stellte sich auf völlig neutralem Boden, er gab nur anheim, daß bei Jnstallirung der Station in Langen- seibold jedenfalls drei Hengste zur Verfügung gestellt werden könnten, da dort auch der Kreis Gelnhaustn mit versehen werden könne. Aus einer statistischen Aufstellung war zu ersehen, daß der westliche Theil des Kreises fast noch einmal so Diel Stuten schickt als der östliche Theil. Die weitaus größte Zahl der Mitglieder war denn auch für Belassung der Deckstation in Wilhelmsbad und die Abstimmung ergab ein diesbezügliches Resultat. Herr v. Natbusius, der mehrfach in die Diskussion eingriff und dabei u. A. auch die Vorteile des kalten Schlages besonders beleuchtete, gab die Erklärung ab, daß er nach Erfüllung der Vorbedingungen nicht abgeneigt sei, eventuell auch im K r e i s e Gelnhausen einen Hengst zu installiren, womit auch die Interessen des dortigen Krei'es gewahrt seien. — In der Erledigung der weiteren Berathungsgegenstände fortschreitend, mürben ' als Delepirte für die am 12. ds. Mts. in Cassel stattfindende 10. Generalversammlung des Vereins-Ausschusses der Land- wirih'chaüskammer die Herren G o e b e l s -Mainkur und Domänen-Rentmeister Reinhardt -Hanau gewählt. Eine Aenderung der Statuten, wonach die Amtsdauer des Vorstandes auf 3 Jahre festgesetzt werden soll, fand Annahme.— Zum Schluß hielt Herr Dr. Staehly von der Landwirth- sckaftskammer aus Cassel einen Vortrag über Zolltarif und Handelsverträge. Der Herr Referent behandelte die'es höchst aktuelle Thema in gemeinverständlicher, interessanter feetje und erntete hierfür den lebhaften Beifall der Anwesenden.
* Kreisthierschau. Nachdem bereits in einer früheren Sitzung des landwirthschasilichen Kreisvereins Hanau die Abhaltung einer Kreisthierschau angeregt worden war, beschloß die letzte, am Samstag dahier stattgefundene Versammlung des Kreisvereins, diese Kreisthierschau nunmehr endgiltig in den ersten Tagen des Monats Juli in Wilhelmsbad abzu- halten. Der Vorstand der Landwirthschaftskammer hat in an- erkennenswerther Weise zugesagt, die Gewährung einer Beihilfe von 660 Mk. bei dem Vereins - Ausschusse der Landwirthschaftskammer befürworten zu wollen. Eine Kommission,
bestehend aus dem Vorstand des landwirthschaftlichen Kreise vereins und mehreren noch hinzuzuziehenden Mitgliedern, wird die Einzelheiten der Thierschau regeln.
* Landes-Versicherungsanstalt Hessen-Naffau. Für den Kreis Hanau — Land — stellen sich die Ergebnisse der Bewilligung von Alters-, Invaliden- und Kr ankcn-Renten in der Zeit iiom 1. Januar 1891 bis Ende Dezember 1901 wie folgt:
Davon sind sriedigt durch
Gejamint-
JaftreS- betrag bet bewilligten
Stellten
18o i oen Dienten» empfängern sind bzw. waren befdiäfttgt
,M
10
99
20
24
2
46
152
15
19
6
25
108
89
Stach Abgang durch Tod rc. bleiben noch zu zahlen
Mtertrenteu Juval.-Rent. ftrauteiirent.
Zusammen:
272
322
8
602:
210
55
7
28747
20
257
43
22
35316
60
8
—
——
1158
60
103
7
475198.29
14753 60
21259 60
3991—
16|39|29|254 36412|20
3
1
65222] 40| 197] 156
8
Bon der Landes-Versicherungsanstalt Hessen-Nassau, bereit Bezirk die Regierungsbezirke Cassel und Wiesbaden, sowie das Fürsienthum Waldeck umfaßt, sind seit dem 1. Januar 1891 überhaupt bewilligt:
8246 Altersrenten im Äesammt-Jahresbetragc von 1,1l2,678.60 M. 17451 Invalidenrenteil „ „ „ , 2,364,546.30 „
531 Krankenrenten „ „ „ „ 80,169.80 „ 26228 Renten mit einem Gesammt-Iahresbetragc von 3,557,394.20 M.
Hiervon sind nach Berücksichtigung der buri) Tod rc. erfolgten Abgänge Ende Dezember 1901 noch zu zahlen:
3610 Altersrenten im Gesammt-Jahresbetrage von 507,382.60 M. 11026 Invalidenrenten , „ „ „ 1,517,747.40 . __336 Krankenrenten „ , „ „ 50.216,— „
Renten mit einem Gesammt-Iähresbetrage von 2,075,346.— M. - r von dem Reiche jit leistende Zuschuß beträgt 718,600.— „
Mithin bleiben Ende Dezember 1901 aus Mitteln der Landes-Versicherungsanstalt Hessen-Nassau au Renten zu zahlen jährlich....... M. 1,326,746.—.
* Wichtig für Kaufleute. Der au der hiesigen städtischen Mädchen-Mittelschule und der kaufmännischen Fortbildungsschule thätige Lehrer Herr Jean G ö b e l hat die Zahl der Werke über doppelte Buchführung um ein äußerst praktisches Werk bereichert, das in den weitesten interessirten Kreisen volle Beachtung verdient. Betitelt ist das 88 Seiten umfassende Buch: „Zehn Uebungs-Aufgaben zum Erlernen der doppelten Buchführung". Der Ver- faffer erläutert nach einem kurzen Vorwort die gesetzlichen Vorschriften über Buchführung und sucht in 10 Aufgaben die Lernenden schrittweise in die doppelte Buchführung einzuführen unter Berücksichtigung des pädagogischen Grundsatzes: „Gehe vom Einfachen zum Zusammengesetzten". Das in Frage kommende Werk ist im Selbstverlag erschienen und zum Preise von 1.20 Mk. pro Exemplar zu haben. Da es jungen Kaufleuten ein werthvoller Rathgeber ist, so sei es hiermit zur Anschaffung bestens empfohlen. Auch dürfte es sich zur Einführung in kaufmännischen Fortbildungsschulen eignen.
* Zu Gunsten des Saalburg-Aonds wurden im Hippodrom zu Frankfurt a. M. gestern Abend Vorträge mit Lichtbildern abgehalten. Die Veranstaltung ging von einem auf Anregung des kommandirenden Generals und General- Adjutanten v. Lindequist zusammengetretenen Komitee aus. Diesem Komitee gehörten aus Hanau die Herren Landrath v. Schenck, Oberst v. Tempsky, Oberst Frhr. v. Fritsch, Kammerherr v. Strahl und Privatier Fritz Scarisbrick an. Nach den den Abend einleitenden Musikstücken folgte zunächst ein interessanter Vortrag des Herrn Gymnastaldirektors Dr. Schulze: „Ueber Entstehung und Ausbau der Saalburg", erläutert durch eine Reihe von Aufnahmen. Aus dem Vor-- trage ging hervor, daß das wieder errichtete Prätorium ein Museum werden soll in der Weise, daß es, für den praktischen Gebrauch möglichst hergerichtet, zu einem vorzüglichen Lehr- unb Anschauungsmittel wird. Den zweiten Vortrag hielt der in den weitesten Kreisen durch seine Forschungen und Erlebnisse im Innern Afrikas bekannt gewordene Reisende Herr C. G. Schillings über das Thierleben der äquatorialen Wildniß in Ost- und Zentralafrika, durch eine Reihe von farbigen Lichtbildern illustrirt. Der Vortragende schilderte zunächst kurz die Reise, den Hafen von Sansibar, die Landung in Pangani, den Verkehr mit den Trägern, AskariS und Führern und die Art und Weise eines Marsches des Expediiionstruppes. Eine weitere Serie von Bildern veranschaulichte die Vegetarien des durchzogenen Gebietes, in der Hauptsache der Massaristeppe, und gab Ansichten von den Schneebergen des Kilima-Ndjaro-Gebietes. Nach einer Pause ging dann der Vortragende genauer auf sein Thema ein. Er hat dem Thierleben ganz besondere Aufmerk-