Erstes Blatt.
Bezugspreis: vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für aus- ,artige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev.
General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Hanan.
Anzeiger
Einrückungsgebühr:
Für Stadt- und Landkreis Hanan 10 Pfg. die fünf» gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Reklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Derantwortl. Redakteur: G. S ch r e ck e r in Haua«,
^L 12 Bezirks-Fernsßrechanschlnß Nr. 98.
Mittwoch den 15. Januar
Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98.
1902
Amtliches.
Candkreis Danau, Bekanntmachungen des Königl. Landrathsamtes.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises werden hierdurch darauf aufmerksam gemacht, daß die Qutttttngskarten Formulare für das Jahr 1902 hier zur Abholung innerhalb 4 Wochen bereit liegen.
Hanau den 8. Januar 1902.
Der Königliche Landrath.
J 30 v. Schenck.
Ausschreibe».
Die Dienstmagd Margarethe Louise Schäfer aus W i N d e ck e n hat sich am 2. d. Mts. von dort entfernt, um in ihren Dienst nach B ü d e s h e i m zurückzukehren, ist dortselbst jedoch nicht eingetroffen. Die nach dem Verbleib der p. Schäfer angestellten Ermittelungen sind bisher ohne Erfolg geblieben, es ist daher die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß ihr ein Unfall zugestoßen ist.
Die p. Schäfer ist 15 Jahre alt, schlanker Statur, hat blonde Haare, Nase und Mund sind gewöhnlich. Bekleidet war dieselbe mit rothbraunem Rocke, schwarz-weißer Blouse, keine Kopfbedeckung.
Um Anstellung" von Recherchen nach der p. Schäfer und sofortige Nachricht hierher, falls dieselbe betroffen wird, wird ersucht.
Hanau den 13. Januar 1902.
Der Königliche Landrath.
V 449 v. Schenck.
Handelskammer zu Hanau.
Plenarsitzung
Donnerstag den 16, Januar 1902, nachmittags 4^2 Uhr, im Sitzungssaale der Handelskammer (Stadtschloß).
Tagesordnung:
1. Konstituirung der Handelskammer.
2. Prüfung der Legitimation der wieder- und neugewählten Mitglieder. X
3. Ministerialerlasse.
4. Mittheilungen.
5. Bildung von Stipendienfonds für die Zeichenakademie in Hanau.
6. Entwürfe eines Reichsgesetzes über die Sicherung der Bauforderungen.
7. Antrag zur Konkurs-Ordnung.
8. Abkürzung der Einlieferungsfriften für Bahnfrachtgüter in Fulda, Gelnhausen, Hünfeld, Schlächtern, Salmünster.
9. Der Jahresbericht für 1901.
10. Vertrauliches. 1025
Gefundene und verlorene Gegenstände rc.
Gefunden: 17 Notenblätter zu einer amerikanischen Harfenzitter. 2 Schlüssel in einem Täschchen.
Hanau den 15. Januar 1902.
Gras Bülow und die Polen.
Graf Bülow hat seine Erfolge als Staatsmann bisher hauptsächlich auf dem Gebiete der auswärtige» Politik errungen. Diese kennt er von Grund aus, sie ist seine eigentliche Domäne, und wenn er im Reichstage das Wort ergreift, um eine Frage der auswärtigen Politik zu erörtern, dann kann er des Beifalls der weit überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes sicher sein. Durch die Rede, die Graf Bülow als preußischer Ministerpräsident am Montage im Abgeordnetenhaus gehalten hat, ist von ihm der Beweis geliefert worden, daß er auch in der innern Politik Zuhause ist und hier dasselbe Vertrauen verdient wie in der auswärtigen.
Seit den Tagen des Fürsten Bismarck ist von keinem Staatsmanne die Bedeutung der Polensrage für Preußen- Deutschland so meisterhaft gewürdigt worden, wie jetzt von dem Grafen Bülow: „Ich halte sie — erklärte der Ministerpräsident unter lebhafter Zustimmung — nicht nur für eine der wichtigsten Fragen der Politik, sondern für diejenige Frage, von deren Entwicklung die nächste Zukunft unseres Vaterlandes abhängt." In diesen Worten liegt der Kern der Bülowschen Rede; und was Graf Bülow dazu ausführte, das war von kräftigem Nationalgefühl getragen. Schon früher hatte er keinen Zweifel darüber gelassen, daß er weder für
eine Politik im Interesse einer Konfession, noch für eine bestimmte Partei zu haben sei, sondern nur für eine Politik, die die Wohlfahrt des Staates ihm vorschreibt. Diesmal fügte er hinzu: „Wenn ich also „liberal" denke, in nationalen Dingen verstehe ich keinen Spaß! Es handelte sich — so fuhr Graf Bülow fort — nicht um eine Veränderung der katholischen Kirche nnd des katholischen Glaubens, sondern darum, daß der deutsche Staat und die nationale Gesinnung, daß die deutsche Sprache und Gesittung nicht zu Grunde geht." Daß aber diese Gefahr besteht und von Jahr zu Jahr größer wird, das wußte er mit hinreißender Beredsamkeit und gestützt auf eine Fülle von Material überzeugend nachzuweisen.
Worauf sind die Fortschritte des Polenthums zurückzuführen? Nur auf die deutsche Kultur. Statt dafür Dank zu ernten, werden die Deutschen von den Polen überall zurückgedrängt und boykottirt, und zwar in der Hoffnung auf Wiederherstellung des Königsreichs Polen. Die Polen also sind die Angreifer und Friedensstörer in den Ostmarken. Das alles setzte Graf Bülow streng sachlich, wie immer, auseinander, und er erklärte es dann mit zwingender Folgerichtigkeit dieser Gefahr gegenüber für die Pflicht der Staatsregierung, die deutschen Elemente zu sammeln, zu stärken und widerstandsfähiger zu machen.
Die vom Grafen Bülow vorgeschlagenen Mittel zum Zweck werden jeden Vaterlandsfreund mit Genugthuung erfüllen. Dahin gehört vor allen die Fortsetzung der zielbewußten Sied- lungs-Politik durch die Einsetzung neuer deutscher Bauern und deren Stärkung durch die Bildung von Genossenschaften, von Kreditvereinen und die Förderung des Verkehrs und der Produktion. Auch die Majorate und Fideikommisse, die gerade in den östlichen Provinzen eine hervorragende Bedeutung haben, sollen vermehrt und wirthschaftlich gekräftigt werden. Die Fürsorge der Regierung wird sich ebenfalls auf die Städte erstrecken. Hier wird namentlich die Hebung des deutschen Mittelstandes, als eines festen Bollwerks gegen das Polenthum, in Frage kommen, ferner die Gründung deutscher Vereine, sowie die Förderung von Kunst und Wissenschaft. Von großer Bedeutung dürfte sich auch die Belegung einiger Städte mit deutschen Garnisonen erweisen.
Diese Absichten glaubte die Regierung ohne neue Gesetze in die That umsetzen zu können. Nur größerer Geldmittel bedarf sie. Nach der Aufnahme, die die Rede des Grafen Bülow im Abgeordnetenhause gefunden hat, werden sie mit überwältigender Mehrheit bewilligt werden, zumal da auch aus den Reihen des Zentrums der Kampf gegen die großpolnische Agitation als eine Nothwendigkeit bezeichnet ist. Jedenfalls wird die Gefahr im Osten nur dann beseitigt werden können, wenn die dort wohnenden Deutschen, dem Appell des Grafen Bülow entsprechend, nicht Alles von der Regierung erwarten, sondern nach dem deutschen Spruche handeln: Selbst ist der Mann!
Hus Stadt und £and.
Hanau, 15. Januar.
^ Witterungsabnormttät. Herrlicher Frühlingssonnenschein lächelte gestern seit frühem Morgen am azurblauen Himmelszelte. Am Nachmittag gegen 1/a3 Uhr verhüllte sich indessen das Firmament überrasch und schnell und ein heftiges Schneegestöber überdeckte die Landschaft unter scharfem Nordwinde mit einem Leichentuche. Der Schneeteppich wurde jedoch alsbald wieder von der aus dem Wolkenschleier hervorbrechen- den Sonne aufgezehrt. Nur die Höhen des nahen „Freige- richts" tragen noch dichte Schneehauben. Die ganze Szenerieumwandlung, ein imposantes Naturschauspiel, vollzog sich innerhalb weniger Minuten.
* Erfreuliches vom Eleririzitätswerke. Wie wir vernehmen, entwickelt sich das städtische Elektrizitätswerk in erfreulicher Weise, sodaß begründete Aussicht vorhanden ist, daß das Etatsjahr 1902 schon mit einem kleinen Reinerträge rechnen darf.
* Abwasser. Die in bestimmten Zeiträumen fortlaufend stattfindenden Untersuchungen über das Maß der Verschmutzung des Mainwassers durch die Einführung der Abwässer hat ergeben, daß nur eine kaum wahrnehmbare Verunreinigung statt- findet, sodaß jedenfalls die rein mechanische Klärung für unsere Verhältnisse ausreichend sein wird.
* Frühlingsboten. Die bisherige gelinde Witterung hat in der Natur manche Abnormitäten gezeitigt. In dem Scarisbrick'schen Garten trägt ein Strauch voll entwickelte Blüthen, dasselbe wird auch aus Kesselstadt von der Kastanien- allee berichtet, wie auch aus einem Garten in der Hainstraße dahier. Außerdem überbrachte man uns gestern einen Schmetterling (Citronenfalter), der sich in dem Deines'schen Garten lustig getummelt hatte.'
J. 8. Verworfene Revision. Die Revision des wegen Mordes vom Schwurgericht Hanau am 15. November verurteilten Ziegclarbeiters Johann Gläser aus H e r o l z beschäftigte gestern den vierten Strafsenat des Reichsgerichts. Die Revision erhob prozessuale Beschwerden und rügte, daß den Geschworenen keine Frage gestellt sei bezüglich mildernder Umstände, trotzdem dieses vom Vertheidiger des Angeklagten beantragt sei. Der Herr Reichsanwalt hielt die Revision für unbegründet, wenn dem Anträge des Vertheidigers nicht Folge gegeben, so sei zu beachten, daß die Geschworenen diese Frage nicht brauchten, zumal die Hauptfrage schon bejaht ist. Ein Rechtsirrthum sei in dein angefochtenen Urtheil nicht zu erkennen und die Schuld des Angeklagten in ausreichender Weise festgestellt. In Uebereinstimmung mit diesen Ausführungen hat das Reichsgericht die R e v i s i o n kostenpflichtig verworfen.
* Ehrenvolle Auszeichnung eines Hanauers. Dem am 16. März 1862 in unserer Vaterstadt geborenen und jetzt in München lebenden Bildhauer Georg Busch wurde am Neujahr von Sr. Königl. Hoheit dem Prinzregenten von Bayern der Titel „Professor" verliehen. Diese huldvolle Auszeichnung unseres Landsmannes, der als hervorragender Künstler durch seine tüchtigen Leistungen schon längst unb weithin sich einen Namen gemacht hat, dürfte die Bewohner unserer Stadt mit gerechtem Stolze erfüllen. Busch wurde schon des öfteren von fürstlichen Personen ausgezeichnet; so wurde sein „Betendes Mädchen" von Sr. Majestät Kaiser Wilhelm II. für die National-Gallerie in Berlin erworben. „St. Antonius" von der verstorbenen Kaiserin von Oesterreich, und eine herrliche Gruppe „Charitas" von der Kaiserin von Rußland angekauft. Hier in H a n a u hatten wir Gelegenheit bei einer Ausstellung in Königl. Zeichen-Akademie die Kunstschöpfungen des Herrn Professors Busch zu bewundern und ist ganz besonders der in Holz geschnitzte Altar „Mariensänger" noch in lebhafter Erinnerung. Ein Bruder des vorerwähnten Professors Busch, der am 21. April 1860 zu Hanau geborene Jakob Busch, Inhaber einer unter der Firma Georg Busch Söhne in Groß-Steinheim in größeren: Stile betriebenen „Werkstätte für'Kunst und Kunstgewerbe", welcher mehr auf dem Gebiete der streng kirchlichen Kunst thätig ist, hat sich ebenfalls einen großen Namen errungen. Wir erinnern nur an die herrliche Arbeit in spätgothischem Stil auf dem Nochusberg bei Bingen, die großartige Kanzel, welche auf der letzten Pariser Weltausstellung mit der „Goldenen Medaille" prämiirt wurde, ein reiches Altarwerk im Erzbischöflichen Museum zu Köln u. v. m. Beide Brüder, Schüler der hiesigen Zeichen-Akademie, beweisen durch ihre hervorragenden Schöpfungen, wie schon so manch' andere aus diesem Institut hervorgegangene Größe, daß dgssclbe wohl in der Lage ist, tüchtige Männer heranzubilden und daß auf dem Gebiete der Kunst die Söhne unserer Stadt es erfreulich vorwärts bringen. — Herrn Professor Busch wünschen wir zu der ihm gewordenen hohen Anerkennung von Herzen Glück. Möge es ihm vergönnt sein, fernerhin noch Größeres zu leisten sich und seiner Vaterstadt, sowie seiner ganzen Familie, in der unverkennbar wahre künstlerische Begabung und Tüchtigkeit zu Hause ist, zur Ehre, der aufstrebenden christlichen Kunstrichtung in München möge dieser Beweis fürstlicher Huld gegen einen ihrer vorzüglichsten Vertreter zur ersprießlichen Förderung gereichen, zumal unser hochsinniger Kaiser erst kürzlich der gediegenen Arbeit ernster Bildhauerkunst Lob gesprochen hat. Den Lehrern der hiesigen Akademie, als den intellektuellen Urhebern dieses schönen Münchener Erfolges, Herrn Professor Busch und seinen Brüdern rufen wir ein herzliches Vivat entgegen.
* Turngemeinde. Gestern Abend fand in der „Cen- tralhalle" die diesjährige Hauptversammlung derTurn- gemeinde statt. Aus dem erstatteten Jahresbericht geht u. A. hervor, daß die im Vorjahre anläßlich der Erhöhung der Mitgliederbeiträge gehegte Befürchtung, es möchte ein Rückgang der Mitgliederzahl eintreten, nicht eingetroffen ist, sondern erfreulicher Weise das Gegentheil. Während der Mitgliederstand am 1. Januar 1901 465 betrug, waren es am Schluß des gleichen Jahres 476, also eine Zunahme. Auch der Turn- besuch, insbesondere der Jugendabtheilung, ist ein regerer geworden. Die Kassenverhältnisse sind z. Z. als sehr günstige zu bezeichnen, der Vermögensbestand beträgt rund 70 000 Mk. Der Neubau des Vereinshauses ist in der abgelaufenen Bau- periode rüstig gefördert worden und wird die Einweihung voraussichtlich im Juni stattfinden; ein Ausschuß hierfür ist bereits gebildet. Der Vertrag mit dem Kgl. Gymnasium bezüglich der Ermiethung der Turnhalle ist zum endgiltigen Abschluß gelangt. Bis auf das sein Amt niederlegende Vorstandsmitglied Herrn Weidert wurde der alte Vorstand wiedergewählt, für den Ausscheidenden wurde Herr Homburg neu gewählt. Außerdem erfolgten noch die übrigen Wahlen zum Gau, Kreis rc.,