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General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwortl. Redakteur: G. S ch r e ck e r in Hanau.
Nr. 265 Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98.
Dienstag den 12. November
Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98. 1901
Gefundene und verlorene Gegenstände re.
Gefunden: 9 Herrenkragen und 2 Manschetten. 1 Damenuhr. •
Verloren: 1 Portemonnaie mit 3 M. und einem Leih- Hauszeltel Nr. 10639. 1 Pferdedecke von Segeltuch.
Entlaufen: 1 halbjähriger, gelber, schottischer Schäferhund mit weißer Halskrause, vier halbweißen Beinen, m. Geschl., auf den Namen Lott hörend. 1 kleiner, schwarzer Rattenpinscher, m. Geschl.
Vom Hafenmeister am 11. d. Mts. eingefangen: 1 weißer Foxterrier mit schwarzen und rothen Abzeichen und am 12. d. Mts. 1 rother, glatthariger Bastard, beide m. Geschl. Hanau den 12. November 1901.
Kus Stadt und Eand.
Hanau, 12. November.
O Die Wetterauische Gesellschaft hielt gestern Abend im oberen Sälchen des Bürgervereins die erste diesjährige Monatsversammlung ab. Herr Fritz erstattete zunächst den Kassenbericht, worauf dem Kassirer Decharge ertheilt wurde. Sodann erfolgte statutengemäß die Wahl des Vorstandes für die Dauer von 1901—1904. Das Ergebniß war folgendes: Herr Dr. med. Lu c an us 1. Direktor, Herr Oberlehrer Rausenberger 2. Direktor, Herr Dr. med. Ambrosius, 1. Sekretär, Herr Oberlehrer Dr. phil. Zingel 2. Sekretär, Herr Lehrer Paul st ich Kassirer, Herr Earl Kirn Bibliothekar, Herr Carl Fried g6 Mobiliaraufseher. Der neugewählte Direktor der Gesellschaft, Herr Dr. med. Lucanus, gedachte dankend der Verdienste des Vorstandes, insbesondere der Thätigkeit des Herrn Professors Knoop, der 9 Jahre die Gesellschaft geleitet habe; sein Name werde in der Geschichte des Vereins immer mit ehrender Anerkennung genannt werden. Es folgte dann die Fortsetzung des Vortrages des Herrn Oberlehrers Dr. phil. Zingel über: „Die Geschichte der Wetterauischen Gesellschaft." Redner behandelte in den gestrigen Darlegungen den ersten Band der Annalen des Vereins aus dem Jahre 1803—1809. Die Einleitung ist in großen Lettern gedruckt, sie gedenkt der Aufgaben dieses Werkes und hofft zuversichtlich ein gutes Gelingen. Auf diese einleitenden Worte folgt das Verzeichniß der verschiedenartigen Mitglieder, cs ist eine stattliche Zahl für die kurze Zeit des Bestehens. Es folgen dann eine Reihe von Aufsätzen; sie behandeln Themen aus den verschiedensten Zweigen der Naturwissenschaft. Neben Männern der Wissenschaft kommen auch Männer des praktischen Lebens zum Wort. Freilich hat die moderne Wissenschaft manche der in diesen Abhandlungen ausgestellten Behauptungen und Annahmen widerlegt. Mit lebhaftem Interesse folgt? die Versammlung den vorzüglichen Darbietungen und dankte dem Referenten durch Erheben von den Sitzen.
* Vor trag. Gestern Abend wurde der erste der Abonnementsvorträge im evangelischen Vereinshause von Herrn Pastor Cremer aus Berlin über die evangelische Frauen- hilfe gehalten. In schlichter, überaus anziehender Weise schilderte derselbe, wie schon seit den ältesten Zeiten der christlichen Kirche Frauen und Jungfrauen in den Dienst barmherziger Liebe getreten sind und wies besonders auf das bahnbrechende glaubensmuthige Wirken der Amalie S i e v e k i n g in Hamburg hin. Ihre Gedanken auch heute noch zu verwirklichen, evangelische Frauen und Jungfrauen zur persönlichen Bethätigung christltcher Liebe anzuregen und dadurch auch den vielbelasteten Diakonissen eine Hilfe zu verschaffen, sei die Aufgabe der „evangelischen Frauenhilfe". Mit dankbarer Freude konnte der Redner mittheilen, welch regen Aniheil unsere Kaiserin an den Arbeiten der Fraueuhilfe nimmt und welch reichen Segen die in dieser Arbeit Stehenden selbst schon empfangen und Anderen gebracht haben. Wir dürfen wohl hoffen, daß die herzgewinnenden Gedanken des Vortragenden auch in vielen Herzen der Zuhörerinnen^ fruchtbaren Boden gefunden haben und daß an Vielen die Verheißung sich erfüllt: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
* Krankenpflege im Hause. Im 2. Vortrage am Mittwoch den 6. Novbr. gab Herr Dr. P a n kr i t i u s zunächst nochmals in kurzem Auszuge einen Ueberblick über den Bau und die Vorrichtungen des normalen menschlichen Körpers und besprach alsdann eingehend das Grund- und Elementar- organ alles Lebens, die Zelle, ihre Form, ihre Ernährung und Ausscheidung, ehre Bewegung, Formveränderung und Fortpflanzung, dkedaer berührte die Unterschiede und Wechselbeziehungen pflanzlichen und thierischen Lebens und wies nach, daß für Pflanze ww Ihrer, eins Bießlich des Menschen, in der Jelle die besondere L>orm des Lebens und das Leben in der Thätigkeit der 3eKc 4" s^n sei, in ihr auch die Grund
ursache einer jeden Erkrankung, die von ihr aus den Ge- sammtorganismus ergreife. Wie dann an diesem zu erkennen sei, ob er gesund oder krank sei, und aus den Einzelerscheinungen, wo der lokale Sitz der Krankheit sich befinde, wie die Krankheit hiernach je nach der Art der Entstehung zu gruppiren und zu bezeichnen sei, welche Bedeutung diese Entscheidung für den Kranken selbst, für das Pflegepersonal und die nähere und weitere Umgebung, schließlich für das Gemeinwohl habe bezw. haben könne, setzte der Vortragende dann des Weiterèn auseinander. — Im nächsten Vortrage, morgen Mittwoch nachm. präzise 3 Uhr im Diakonissenheim, gedenkt Herr Dr. Pankritius das Krankenzimmer — Größe, Lage, innere Einrichtung, Lüftung, Heizung, Reinigung — Krankenbett und Allgemeines über die Pflege des Kranken (Lagern desselben, Pflege der Haut und des Kopfes), soweit angänglich mit praktischen Vorführungen zu besprechen.
* Oratorienverein. Wir machen nochmals darauf aufmerksam, daß das heute Abend stattsindende Konzert des Oratorienvereins (Die Schöpfung von Haydn) präcis 7 U h r im „Deutschen Haus" seinen Anfang nimmt.
* Hofbrauhaus Hanan vorm. G. Ph. Nicolay, Akt-Ges. Der über das 5. Geschäftsjahr erstattete Bericht umfaßt wiederum ein günstiges Ergebniß und zeigt das Unternehmen in fortschreitender Entwickelung. Der Bierverksuf erreichte — excl. Haustrunk — die Höhe von 64 515.03 Hektoliter gegen 61778.35 Hektoliter im Vorjahre, mithin wurden 2736.68 Hektoliter mehr abgesetzt. Der erzielte Bruttogewinn betrug. 269 942.49 Mk., wovon nach den reichlichen Abschreibungen ein Reingewinn von 176 444.86 Mk. verbleibt. Aus diesem Reingewinn wird die Vertheiluttg einer sechsprozentigen Dividende (gleichwie in den Vorjahren) vorgeschlagen. Wir werden später noch Gelegenheit haben, auf den Bericht zurückzukommen.
* Ein karnevalistisches Konzert hatte die „Erste Hanauer Karneoalgesellschast" vorgestern Abend in dem zu diesem Zwecke reich dekorirten Saale des „deutschen Hauses" arrangirt und hiermit einen vollen Erfolg erzielt. Die humoristischen Musikpiecen der Ulanenkapelle, unter Leitung des Königs. Musikdirigenten Herrn Urbach, die Vorträge der Herren Sohn lein, Rohde, Kresse buch, die Lichtbilder des Herrn Stoll u. a. m. trugen wohl dazu bei, die Saison würdig einzuleiten.
* Karolinen-Brücke. Wie uns aus unserem Leserkreise mitgetheilt wird, sind heute 20 Jahre vergangen seit der Fertigstellung der Karolinen-Brücke und es dürfte mit Rücksicht auf diese Thatsache ein kurzer Rückblick auf die Entstehungsgeschichte derselben von Interesse sein. Ende der 70er Jahre machte sich mit dem steigenden Verkehr der Mangel einer direkten Verbindung nach der Nußallee zu immer empfindlicher bemerkbar, sodaß von den interesurten Kreisen allerlei Pläne für die Abhilfe des Uebels geschmiedet, auch Anwälte zu Rathe gezogen wurden u. s. w. Schließlich ging Frau Karoline I. zum Oberhaupt der Stadt, stellte ihm in Ruhe die Sachlage dar unb ließ sich mit dessen Hilfe ein erläuterndes Schriftstück anfertigen, womit sie dann Unterschriften sammelte und in kurzer Zeit von den als Voranschlag angesetzten 2000 Mark 1500 Mark zusammenbrachte. Nun konnte der Bau der nach jener Frau benannten Brücke in Angriff genommen und bald vollendet werden. .
* Neue Ansichtskarten. Der J. Loewenthalsche Verlag in Frankfurt a. M., Fahrgasse 10, bringt soeben einige neue Ansichtskarten in den Verkehr, worunter auch eine verkleinerte Reproduktion der Titelseite des „Hanauer Anzeiger". Durch eine unterhalb des Titels zur Darstellung gebrachte hübsche Szenerie beim Stadtschlosse wird das Bild der Karte lebhafter und der Gesammteindruck ein recht guter. Die Karten sind durchaus sauber und fein ausgearbeitet und veranschaulichen die ihnen zu Grunde liegenden örtlichen Momente mit anerkennenswerther Naturtreue. Besonders ist dies der Fall bei einer das Altstädter Rathhaus nebst Nachbargebäuden darstellenden Karte. Obgleich das schmucke Aeußere des genannten Bauwerkes schon öfters auf Ansichtskarten prankte, so ist die uns vorliegende Abbildung doch als eine reizende Neuheit in Bezug auf die Perspektive der Aufnahme zu bezeichnen. Einen gleich netten Eindruck macht eine andere in Lichtdruck aus- geführte Karte, die die das Rathhaus einschließende Häuserreihe und den Marktplatz mit Grimmdenkmal darstellt.
* In Brand gerieth gestern Mittag auf der Messe eine seitwärts gestellte große mit Stroh und Papier gefüllte Kiste. Die Sache wurde vom Eigenthümer noch rechtzeitig bemerkt und die Gefahr von der Feuerwehrwache unterdrückt.
* Einbruch. In verflossener Nacht zwischen 11 und 12 Uhr wurde in einem in der Krämerstraße zu ebener Erde belegenen Bäckerei-Verkaufsladen mittels Nachschlüssels eingebrochen und neben baarem Geld von etwa 5 M. Verzehrungs
gegenstände entwendet. Jedenfalls ist der Einbruch von emer mit den Verhältnissen etwas betrauten Person ausgeführt worden.
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Q Kesselstadt, 12. Novbr. Die gestern gemeldete Messer-Affaire ist glücklicherweise für die Betreffenden nicht so schlimm abgelaufen, als wie anfänglich vermuthet wurde. Der 10jährige Junge H. hat nur eine leichte Fleisch- wunde erhalten, von einer Verbringung in das Hospital konnte demzufolge auch Abstand genommen werden. — Am Sonntag Abend hielt unser Zimmer stutzen-Verein ein Preisschießen unter seinen Mitgliedern, mit darauffolgendem Ball im Saale zum Kaiser Friedrich ab. Dem besten Schützen wurde ein von Kunstgärtner Emmrich aus allen möglichen Erzeugnissen der Landwirthschaft prachtvoll zusammengestelltes Bouquet als 1. Preis feierlichst überreicht. Der Verein gewinnt immer mehr Anhänger, selbst Damen fehlen an -den Schießabenden fast nie, verfolgen mit Begeisterung die Uebungen und lassen es bei Hervorraaenden Treffern an Beisallsbezeugungen nicht fehlen, kein Wunder also, wenn man schon die Zusammenstellung einer „Damen-Abtheilung" erwogen hat.
X. Laugeudiebach, 11. Novbr. (Lp rech verkehr.) Wie wir hören, hat seit einigen Tagen das hiesige Postamt wieder direkten telephonischen Anschluß mit Hanau erhalten, die bisherige zeitraubende Umleitung über Langenselbold ist aufgehoben worden. Dank der Posibehörde, welche veranlaßte, daß die bereits früher bestandene direkte. Verbindung mit Hanau wiederhergestellt wurde, denn es ist zweifellos, daß unser Ort mit der nah' gelegenen Kreisstadt geschäftlich eng verknüpft ist und wohl der größte Theil des telephonischen Verkehrs mit Hanau abgewickelt wird.
Aus dem Gerichtssaa! Sitzung des Schwurgerichts vom IL Novbr.
Meineid.
Ein ebenso sensationeller wie intriguenreicher Meineids- prozeß hat mit der 2. Woche des Schwurgerichts begonnen. Nach den Bekundungen einzelner Zeugen bildet dieser sogen. „Fall Oestreich" auch schon seit Monaten, das Tagesgespräch in Fulda. Cs sind über 50 Zeugen geladen, von denen die Hälfte für, die Hälfte gegen die Angeklagten Partei nehmen. Ängeklagt sind der Schneidermeister Johann Oestreich zu Fulda, geboren 1867 zu Stockhausen bei Lauterbach, und dessen Ehe-, frau Elise, geb. Felsing, geboren 1871 zu Rüsselsheim bei Groß-Gerau, weil sie hinreichend verdächtig erscheinen, am 6. November 1900 vor der Strafkammer zu Fulda den vor ihrer Vernehmung geleisteten Eid wissentlich durch ein falsches Ieugniß verletzt zu haben. Ein an sich nicht bedeutender Vorfall bildet die Vorgeschichte zu diesem seltsam verwirrten und räthselhaften Prozeß.
Die Eheleute Oestreich bewohnten früher ein Haus in der Pfandstraße in Fulda und kauften Anfangs 1900 ein Haus in derselben Straße, das sie im selben Jahre auch bezogen. In diesem Hause wohnte die Familie des Kassen-Assistenten Kramer, mit der es bald der Kinder wegen zu Zank und Streit kam.- Eines Tages rückten die Eheleute Kramer den Oestreichs in die Wohnung und da ging es denn ziemlich hoch her. Es flogen Schimpfworte hinüber und herüber und das Ende vom Liede war, daß Oestreich gegen die Kramer's eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs, Bedrohung und Beleidigung machte. Die Anklage gegen Kramer wurde auch erhoben und die Affäre kam am 6. November v. Js. vor der Strafkammer zu Fulda zur Verhandlung. Hier hatten nun die Eheleute Kramer zu ihrer Vertheidigung geltend gemacht, die Oestreichs seien unverträgliche zänkische Leute, die mit den früheren sowie mit den jetzigen Nachbarn alsbald nach dem Beginn der Nachbarschaft Streit und Zank angefangen hätten. Zum Beweis wurden insbesondere zwei Begebenheiten von ihnen in's Treffen geführt. Als Oestreich das Haus gekauft hatte, solle er, obwohl er noch gar nicht dort wohnte, schon mit der Nachbarin einen Streit begonnen haben. Er sei eines Tages in das leer stehende Logis gekommen, woselbst eine Reparatur ausgeführt wurde. Ein Maurer habe in der Küche den Verputz abgekratzt und als die Nachbarn Fritzsche verlangt hätten, das Fenster sollte geschlossen. werden, habe der Maurer dies verweigert. Als man von Seiten Fritzsche's immer dringender wurde, rief der Maurer den Oestreich und dieser soll gleich gesagt haben: „Wenn die da drüben wieder was wollen, haust Du sie mit dem Besen, daß sie verrecken." Es habe da schon einen ausgedehnten Streit gegeben, der von dem neuen Nachbarn nichts Gutes hoffen ließ. Der zweite angezogene Fall betraf die Frau Oestreich. Diese soll in der alten Wohnung den gegenüberwohnenden Nachbarn die Zunge herausgestreckt und ihren Kin-