Zweites Blatt.
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Erdrückt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev.
General-Anzeiger.
AMiches Organ für Stadt- md Landkreis Hanan.
Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker in Hanau,
Nr. 236 Bqirls-Fcrnsprechanschlnß Nr. 98.
Mittwoch den 9. Oktober Bezirks-Fernsprechanschlnß Nr. 98. 1901
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politische Rundschau.
Oberbürgermeister Kirschner vom Kaiser empfangen. Oberbürgermeister Kirschner hat gemeinsam mit dem Stadtbaurath Hoffmann — vermuthlich zunächst in Sachen des Märchenbrunnens und der Lindenkreuzung — die j längst erbetene Audienz beim Kaiser erhalten. Der Kaiser ist, wie der „Reichs- und Staatsanzeiger" meldet, Dienstag Vormittag wohlbehalten im Jagdschlosse Hubertusstock eingetroffen und hat dort um die Mittagszeit im Beisein des Chefs des Zivilkabinets, Wirklichen Geheimen Raths Dr. von Lucanus, den Oberbürgermeister von Berlin Kirschner und den Stadt- I baurath Hoffmann empfangen.
Verleihung der Chinamedaitte an Loubet. Aus Paris wird berichtet, daß Kaiser Wilhelm dem Präsidenten Loubet die deutsche Chinamedaille verliehen hat. Die Verleihung soll von einem sehr warmen Schreiben begleitet gewesen sein. Dem Zaren hat der Kaiser die Chinamedaille bwährend dessen Anwesenheit in Danzig persönlich überreicht. Auch die übrigen Souveräne der an dem Feldzuge gegen China betheiligten Mächte haben das deutsche Erinnerungszeichen an diese Zeit gemeinsamer Waffenbrüderschaft erhalten.
Aus China. Der Hof, der, wie bereits gestern gemeldet, am 6. Oktober die Reise von Singanfu in der Richtung nach Kaifengfu angetreten hat, wird sodann die Route Hankau— Peking nehmen. Li-Hung-Tschang ist wiederhergestellt und hat die dienstlichen Geschäfte wieder übernommen. — Nach einer Reuter-Meldung erhielt Prinz Tsching die amtliche Mittheilung, der Hof nehme den ersten Aufenthalt während der Reise in Loyang, das wahrscheinlich in drei Wochen erreicht werde, und verweile dort einige Tage. — Ungefähr 3000 Mann chinesische Truppen, Infanterie, Kavallerie und Artillerie, hielten gestern in Gegenwart aller fremden Offiziere Uebungen auf einem Felde außerhalb der Stadt ab. Die Ausbildung und Ausrüstung der Truppen fanden günstige Beurtheilung.
Die serbische Regierung hatte bei der Pforte Schritte unternommen, um die Einwilligung zu erlangen, daß aus Altserbien nach Serbien eingewanderte Christen, 2Q00 bis 3000, ohne Gefährdung ihrer persönlichen Sicherheit nach der Türkei zurückkehren dürfen. Die türkische Regierung hatte die Einwilligung ertheilt, trotzdem sollen aber drei Serben, welche versuchten, nach Altserbien zurückzukehren, von den türkischen Lokalbehörden an der Grenze bei Javor verhaftet worden sein, was den serbischen Geschäftsträger veranlaßte, bei der Pforte entsprechende Schritte zu unternehmen.
Der türkische Ministerrath beschäftigte sich gestern mit der Note der französischen Regierung, welche den Antrag der Pforte, die Forderung Lorandos auf 185,000 Pfund herabzusetzen, ablehnt und an der Summe von 345,000 festhält und die sofortige Bezahlung verlangt. Ein Beschluß ist von dem Ministerrath in der Angelegenheit noch nicht gefaßt.
Schwierige Lage in Columbien. Die Lage in Columbien soll schlimmer sein als jemals seit zwei Jahren, vor welcher Zeit der Aufstand begann. Die Ernte kann nämlich wegen Mangel an Arbeitskräften nicht eingebracht werden; ein großer Theil verfault auch in den Eisenbahn-Stationen und in den Flußhäfen, weil er nicht fortgeschafft werden kann.
Drohende Unruhen in Afghanistan. Aus Kabul wird der Ausbruch schwerer Unruhen infolge des Ableberrs des Emirs als unmittelbar bevorstehend gemeldet. Andere Söhne des Emirs wollen angeblich die Thronfolge Habib Ullah-Khans S aufs Schärfste bekämpfen; Rußlands Intervention wird als sicher erachtet. Es herrscht große Beunruhigung betreffs der Aufrollung der afghanischen Frage.
England und Transvaal.
Telegramme.
W. London, 8. Oktober. Lord Kitchener telegraphirte unterm 7. Oktober: Die Operationen an der Grenze von Natal haben an Bedeutung verloren. Die dort stehenden britischen Heerestheile und andere Truppen tödteten in der vorigen Woche 50 Buren, 26 wurden verwundet, 244 gefangen, 60 ergaben sich. Am 6. Oktober waren Kitcheners Truppen 15 Meilen nordöstlich von Vryheid im Kampf. Der Feind suchte nach Norden auszuweichen. In den Halazatebergen kümpft Hamilton mit den Buren. Die Generäle Methuen und Fetherstonehaugh wandten sich gegen Delarey und Kemp, deren Kommandos sich nach dem Angriff des Oberst Kekewich zerstreuten. Kekewich ist von seinen Wunden wieder hergestellt und übernimmt heute sein Kommando. In der Kapkolonie ist das Kommando Myburgs durch die jüngsten
Ereignisse im Nordosien der Kolonie völlig lahmgelegt. Fouchä und Wessels stehen an den Südabhängen der Drakensberge. Smuts ist nach Norden abgetrennt und steht in der Nähe von Barrington. Scheepers Kommando steht bei Niederockertskraal. Allen diesen Burenkommandoâ sind die Engländer dicht auf den Fersen. Fast täglich finden Gefechte statt.
W. London, 8. Oktober. Dr. Krause erschien heute wiederum vor dem Bowstreet-Polizeigericht. Er wird des Hoch- verraths und der Aufreizung zum Morde bezichtigt. Der öffentliche Kläger führte aus: Bei der Uebergabe Johannesburgs erhielt Krause, der damalige Burenkommandant der Stadt, von Lord Roberts einen vierundzwanzigstündigen Waffenstillstand auf die Angabe hin zugebilligt, daß dadurch ein Straßenkampf vermieden würde. Krause aber benutzte die Zeit, um die Machtmittel der Republik zu stärken, indem er 180,000 Pfund Sterling von Johannesburg nach Pretoria schaffen ließ. Die Anklage brachte sodann Material bei, welches geeignet ist, darzuthun, daß Krause mit dem vor wenigen Tagen wegen Hochverraths Hingerichteten Broecksmer in Verbindung gestanden habe. Krause soll dann in englische und holländische Blätter bestimmte Auslassungen lancirt und diese als wahre Aeußerungen der öffentlichen Meinung nach Südafrika gesandt haben, um den Widerstand der Buren zu beleben, in der Hoffnung, eine fremde Macht werde sich einmischen. Die Anklage bemüht sich ferner, nachzuweisen, der Angeklagte hätte in Briefen an Broecksmer diesen aufgefordert, den dem Stabe Lord Roberts zugetheilten Rechtsanwalt Douglas Foster, dem Krause grollte, zu erschießen. Krause soll ferner Flugblätter geschrieben haben, worin er die Buren aufforderte, ihren Eid zu brechen und Verräther zu erschießen.
W. London, 8. Oktober. Die Prozeßverhandlung gegen Dr. Krause ist auf eine Woche vertagt worden, um das Eintreffen weiterer Schriftstücke abzuwarten.
W. London, 8. Okt. In der heutigen Prozeßoer- Handlung gegen Dr. Krause vor dem Bowstreet Polizeigericht wurde, wie noch hervorzuheben ist, vom Staatsanwalt mitgetheilt, daß Briefe von Krause an Broecksmer im Hause des Letzteren gefunden seien und daß Krause in diesen Briefen darauf hingewiesen habe, der dem Stabe Lord Roberts zugetheilte Rechtsanwalt Douglas Foster müsse erschossen oder auf andere Weise aus dem Wege geschafft werden, weil er über Dinge unterrichtet sei, die der Burensache gefährlich werden könnten.
W. Liverpool, 8. Okt. Gelegentlich der Vertheilung von Kriegsmedaillen an die Soldaten hielt Lord Roberts eine Ansprache, worin er den Wunsch ausdrückte, den Krieg in Südafrika bald beendigt zu sehen. Die Behauptung, es werde nicht alles gethan, den Krieg schleunigst zu einem befriedigenden Abschluß zu bringen, sei unbegründet. Sowohl er wie Kitchener, dem alle unbedingt vertrauten, stellten nicht ein einziges Mal eine Forderung betr. Entsendung von Mannschaften, Pferden und Vorräthen, die nicht sofort erfüllt wurde. Dies geschehe auch fernerhin, so lange der Krieg dauere. Roberts sprach dann von den Schwierigkeiten der Kriegssührung und wies auf die Geländekenntniß des Feindes hin. Er betonte, daß erst kürzlich die englischen Heerführer einen Erfolg verzeichneten und schloß mit der Aufforderung, die Nation möge auch ferner die bewunderungswerthe Geduld zeigen, wie während der Tage des Dezembers 1899.
Bandel, Gewerbe und Verkehr.
Ernteaussichten in Indien. Der Vicekönig von Indien telegraphirt: Es ist wenig oder kein Regen gefallen, ausgenommen in Murma, Bengal, Madras, Bombay und Deccan. Die Lage gibt zu Besorgniß Anlaß in Panjah und in einem Theil der Nordwestprovinzen Rajputana und Indore, wo Regen nöthig ist, um ein weitgehendes Mißrathen der Herbsternte in den nicht bewässerten Feldern abzuwenden und die Frühlingssaat zu ermöglichen. Die Ernteaussichten sind gut in Madras, Bengal, Bombay und Deccan, ziemlich gut in den Centralprovinzen und dem größeren Theile der Nordwestprovinzen.
Berlin, 8. Oktober. Produkt enma rkt. Weizen per Oktober 155.50, per Dezember 160.—, per Mai 164.50. Roggen per Oktober 133.—, per Dezember 135.75, per Mai 140.50. H afer per Oktober 135.25, per Mai 142.75. Mais amerik. Mixed loco, per Oktober 127.50, per Dezember—.—. Rüböl per Oktober 54.80, per Mai 51,60. Spir i = t u s, 70er loco 38.80, 50er—.—.
Amsterdam, 8. Oktober. Roggen per Oktober —.—, per März 123.—.
Hus aller Mell.
Aus der Leutnantszeit des Generals von Lentze, der, wie berichtet, am 2. d. Mts. sein 50jähriges Militärjubiläum feierte, erzählt ein etwas jüngerer Offizier: „Ich habe den Vorzug gehabt, ein Jahr lang Lentzes Schüler
und Zeuge des gewaltigen plötzlichen Wechsels seiner militärischen Laufbahn zu sein. Im Jahre 1864 wurde ich von meinem Regiment nach Schloß Engers als Portepee-Fähnrich zur Kriegsschule kommandirt, wo der Premier-Leutnant Lentze vom 26. Regiment als Taktiklehrer besonders gefürchtet war. . . . Bei dem mündlich-praktischen Examen im Terrain ritten wir unter Lentzes Leitung nach Neuwied zu einer Gefechtsübung. Wir waren abgesessen, und einer der Kameraden, v. M., hielt gerade Vortrag, als derselbe plötzlich unterbrochen wurde. Ein Wagen fuhr in scharfem Trabe vor. Der Kriegsminister v. Roon und General v. Kameke, der spätere Kriegsminister, standen vor uns. Sie wollten znhören; was sie hörten, hatten wohl Beide nicht geahnt. Lentze rekapitu- lirte die eben vollendete Uebung mit einer Gründlichkeit, daß beide Generale erstaunt diesem einfachen Infanterie-Leutnant zuhörten. Ich werde den Anblick nie vergessen. Da stand er in seiner legeren Haltung, den Kopf an den Hals seines Pferdes gelehnt und mit dem Zügel spielend, ganz unbekümmert um die Gegenwart so hoher Vorgesetzten. Als Lentze geendet hatte, schritt Roon auf ihn zu und gab ihm die Hand. „Wahrlich, meine Herren," sagte er zu uns, „Ihnen wird es leicht gemacht bei solchen Lehrern, wir haben es nicht so gut gehabt. Ich danke Ihnen, Herr Leutnant Lentze. Sie werden Weiteres von mir hören." An demselben Tage ging eine Depesche nach Berlin, der Leutnant Lentze, der junge Premier- Leutnant, war als Hauptmann erster Klasse in den Großen Generalstab versetzt und übersprang dadurch vierhundert Vorderleute in der Armee. Acht Tage später war ich zufällig der Erste, der Lentze sah, als er in voller Uniform eines Generalstabsoffiziers sich meldete. „Gratulire, Herr Hauptmann!" Er blieb lachend stehen — das erste Lachen, das idj. von ihm hörte — und sagte: „Machen Sie es doch nach!"
Eine originelle Geschichte wird in Bochum viel besprochen. Kommt da vor einiger Zeit zu einem hiesigen Lotterie-Kollekteur ein Bäuerlein von auswärts und verlangt ein Loos für die Metzer Dombau-Lotterie. Als ihm der Kollekteur eins aushändigt, weist er es zurück mit dem Bemerken : „Dat gewinnt ja nich; eck well Lons-Nummer 42 hemm !" „Nr. 42 habe ich leider nicht hier, nehmen Sie doch ein anderes!" „Un eck baut nicht," sagte hartnäckig der Bauersmann, „42 gewinnt! Wenn gi mi dat beschaffen wollt, est gout, bau gi dat nich, est auk gout, denn segg eck atjüs." Der Kollekteur erwarb ihm die Nummer, und — sie gewann. Wie er nun die fälligen 100 Mark ausbezahlte, legte er seine Verwunderung dar. „Jo", sagte das Bäuerlin, „dat well eck ink es vertellen; lustert es. Es droim in äner Nacht von de Siem (7). Am annern Monargen sag eck vör mine Frau: „Frau eck hev van de 7 gedroimt!" „Wat", sag mine Frau, „ick hev ja auck von de 7 gedroimt!" „Nu dach eck: 7 mol 7 est 42, dat Lous mauste kaupen. Un kiek gi, et het gewunnen."
Von den Herbststürmen in Europa. Immer neue Hiobsposten laufen noch über das Unwetter vom Sonntag ein. Namentlich auch aus Westfalen, wo der Sturm streckenweise große Verwüstungen angerichtet hat. In Königshardt war gerade Kirmes, als ein Orkan plötzlich sämmtliche Schau- und Krambuden erfaßte und dem Erdboden gleichmachte ; mehrrre Personen wurden durch herabstürzende Balken verletzt. In der Nähe von Weiderich stürzte ein dreistöckiger Neubau theilweise ein. Bei Styrum wurden die Bahngeleise durch abgedeckte Hausdächer verschüttet, wodurch der Eisenbahnverkehr stundenlang unterbrochen war. Bei Mörs wurden mehrere Scheunen vollständig umgeweht. Bei Duisburg ist ein 6000 qm großes Holzlager zerstört worden. Sämmtliche Schuppen stürzten ein und bedecken jetzt die Hafenbahngleise., Bei Speldorf wurde ein zwölfjähriger Knabe von einem niederstürzenden Baume erschlagen. In Bergeborbeck stürzte das Gerüst zum Thurmbau der katholischen Kirche ein und die abschließende Bretterwand stürzte auf die Gemeinde. Bei der großen Panik, die entstand, wurden zwei Kinder lebensgefährlich verletzt. — Auch aus dem übrigen Europa liegen noch zahlreiche Mittheilungen über große Sturmeswehen vor: In Ostende wurden infolge des Sturmes sämmtliche Fenster des Kurhaussaales eingedrückt, auch an mehreren Villen und Häusern ist großer Schaden verursacht worden. Ein im Bau. begriffenes Haus stürzte ein, eine Kirche wurde vollständig abgedeckt. Ein Fischerboot wurde an den Strand geworfen, und die Mannschaft konnte nur mit großer Mühe gerettet werben. — Nicht minder groß ist der Schaden, den das Unwetter in ganz England angerichtet hat. Zahlreiche Verletzungen sind vorgekommen, darunter viele mit tödtlichem Ausgange. In Storkwell-Road wurde ein kleiner Knabe durch herabfallende Ziegel getödtet. Die Jsolirbaracke eines Krankenhauses, in der sich 20 Kinder befanden, hat der Sturm theilweise umgeworfen. Der Feuerwehr gelang es nur mit Mühe, sämmtliche Kinder zu retten, die alle unverletzt geblieben sind.