Verantwort!. Redakteur: G. S ch r e ck e r in Hanau.
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Erstes Blatt.
1901
BezirkS-FernsPrechanschluß Nr. 98.
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Bezugspreis:
Vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für auswärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Dienstag den 6. August
Nr. 181
Bezirks Fernsprechanschluß Nr. 98.
Amtliches Glgsn für Stadt- und Landkreis Hanau.
Amtliches.
Stadtkreis Ran au,
Bekanntmachungen des Oberbiirgermersteramtes.
Am Mittwoch den 7. August d. Js., nachmittags von 5 Uhr ab, findet im unteren Sitzungssaale des Neustädter Nathhguses, Zimmer Nr. 1, öffentliche Sitzung des Gewerbegerichts statt, in welcher Parteien etwaige Streitigkeiten, Klagen rc. zur Schlichtung anbringen können.
Hanau den 5. August 1901.
Der Vorsitzende des Gewerbegerichts.
Dr. Gebeschus. 12745
Grundstücksverklmf.
Die zu dem Nachlaß des verstorbenen Schuhmachers Wenzel Tilychter von Bergen gehörigen Grundstücke Kartenblatt K K Nr. 38, 39 und 94 „an der Kirchgasse" der Gemarkung Bergen von zusammen 3 ar 29 qm Flächengehalt sollen Samstag den 10* d. Mts., vormittags 11 Uhr, im Nathhaussaal zu Bergen öffentlich meistbietend unter den im Termin bekannt gemacht werdenden Bedingungen verkauft werden.
Hanau den 2. August 1901.
Reinhardt, Dvmänen-Rentmeister. 12754
Das Ableben der Kaiserin Friedrich.
Cronberg, 5. August. Die Kaiserin Friedrich ist heute Nachmittag 6 Uhr 15 Minuten gestorben. (Bereits durch Extrablatt verbreitet).
Nach längerem, von periodisch wiederkehrenden schweren Krisen begleiteten Leiden ist die zweite Kaiserin des Deutschen Reiches, Viktoria, oder, wie sie sich zum dauernden ehrenden Gedächtnisse ihres so früh dahingeschiedenen Gemahls seit dessen Tode nannte, Kaiserin Friedrich, aus diesem Leben abberufen. Der Tod hat ein Fürstendasein zum Abschlusse gebracht, in dessen Verlaufe die Höhen des Glückes mit den Tiefen härtester Prüfungen in ungewöhnlich scharfem Kontraste neben einander stehen. Welch eine Fülle verheißungsvollen Glückes und künftigen Glanzes schien einst das Leben dieser ältesten Tochter der jüngst Heimgegangenen Königin von England bieten zu sollen, und mit einer wie tiefen, herzerschütternden Tragik ging es schließlich zur Neige. Wenn die Jugend der verstorbenen hohen Frau an die Worte des Brentanoschen Liedes erinnert: „Wie war dein Morgen so voller Glanz", so offenbarte sich an ihr in späteren Tagen auf schmerzlichste Weise die ernste Wahrheit des Wortes: „Kronen schützen nicht vorThränen".
Am 21. November 1840 ist die Kaiserin Friedrich gebor.n, mit Jubel begrüßt als erstes Kind des Prinz- Gemahls Albert und der Königin Viktoria von Großbritannien und Irland. Tas fürstliche Elternpaar ließ sich mit ganz besonderer Sorgfalt die Erziehung der jungen, gleich ihrer Mutter Viktoria genannten Prinzeß Royal angelegen sein. Eine möglichst einfache Erziehung für das Familienleben war der leitende Grundsatz der Mutter, die selbst das schönste Glück im Kreise ihrer Familie suchte und fand. Sie sorgte insbesondere für die Entwickelung des religiösen Empfindens im Herzen ihrer Tochter. „Die religiöse Erziehung," sagte sie, „wird den Kindern am besten Tag für Taz an den Knien ihrer Mutter zu Theil." Der Prinz-Gemahl theilte in dieser Beziehung vollkommen die Anschauungen der Königin. Lebhaft interessirt für alle künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen, ging sein Bemühen dahin, die Tochter von früh an für gleiche Ideale zu begeistern. Auch politische Fragen wurden in den Kreis der Betrachtungen gezogen, und zeitig lernte die Prinzessin die bevorzugte Stellung und reiche Begabung ihrer Nation in hohem Maße schätzen. Ebensowenig wie in der geistigen Ausbildung wurde in körperlichen Uebungen etwas versäumt, mib mit stolzer Befriedigung konstatirten die Eltern, daß ihre Tochter geistig wie körperlich eine große Frühreife zeigte.
NNW
Als Friedrich Wilhelm 1851 anläßlich der Weltausstellung zu London mit seinen Eltern in England verweilte und zum ersten Male die kaum 11jährige Prinzessin sah, war das Projekt einer künftigen Verbindung bereits in Erwägung gezogen. Der Herbst 1855 sollte die Entscheidung bringen. Damals weilte der junge Hohenzoller bei dem englischen Königspaare zu Balmoral in den schattigen Bergen. Der Plan einer Verbindung war bereits fest in Aussicht genommen, aber die Verlobung sollte bis nach dem 17. Geburtstage Viktorias hinausgeschoben werden, damitdiePrinzessin sicheinstweilennoLunaestört ihrer sorglosen friedlichen Mädchenzeit freue. Diese kluge Berechnung vergaß jedoch, das feurige Temperament der jungen Leute, die zu einander eine tiefe Neigung empfanden, in Rücksicht zu ziehen. Als der Prinz bei einem Ausstuge der königlichen Familie einen prächtigen Strauß weißblühenden Haidekrautes erblickte, das in Schottland für eine glückliche Vorbedeutung gilt, sprang er vom Pferde, pflückte und überreichte ihn der Prinzessin mit Worten, die über seine Gefühle für sie keinen Zweifel mehr ließen. Es war am 29. September 1855 und diesen Tag haben Beide stets als ihren wahren Verlobungstag betrachtet.
Die offizielle Bekanntgabe der Verlobung erfolgte erst viel später, im Mai 1857, und am 25. Januat 1858 ward in London mit großem Prunke die Hochzeit gefeiert. Nachdem dann das junge Paar am 8. Februar unter dem Jubel der Bevölkerung in Berlin eingezogen und die Reihe der glänzenden Empfangsfeste verrauscht war, verlebten sie bis zur Fertigstellung des ihnen als Wohnung überwiesenen und noch im Umbau begriffenen Palastes in Berlin die ersten glücklichen Monate in dem romantisch gelegenen Schlosse Babelsberg bei Potsdam. Am 27. Januar 1859 wurde ihnen der erste Sohn, unser jetziger Kaiser, geboren.
Am 24. Juli des nächsten Jahres erblickte die erste Tochter, Prinzessin Charlotte, am 14. August 1862 Prinz Heinrich das Licht der Welt. Bald sollten aber auch trübe Tage folgen.
Während der Kronprinz im österreichischen Feldzuge Kriegsruhm erntete, starb daheim der 1864 geborene Prinz Sigismund. Im selben Jahre war dem Kronprinzenpaar noch ein Sohn, Prinz Waldemar, geboren, und in den nächsten Jahren folgten noch zwei Prinzessinnen, Sophie (geboren 1870) und Margaretha (geboren 1872). Und ein anderes freudiges Ereigniß in der kronprinzlichen Familie war die Vermählung der ältesten Tochter, Prinzessin Charlotte, mit dem Erbprinzen Bernhard von Sachsen-Meiningen, welche am 18. Februar 1878 erfolgte. Durch die Geburt des ersten Kindes dieser Ehe am 11. Mai 1879, der Prinzessin Feodora, wurde der Kronprinz zum ersten Male Großvater. Zwischen diese erfreulichen Ereignisse aber siel ein jäher Schlag. Prinz Waldemar, ber dritte Sohn des Kronprinzen, der am 10. Februar 1878 als Seconde- leutnant in das erste Garderegiment zu Fuß eingetreten war, erkrankte am 24. März 1879 an der Diphtheritis und starb am 27. Das kronprinzliche Paar. machte Reisen, lebte abwechselnd in Deutschland, Italien und England. Da begann der Prinz im Jahre 1887 über Heiserkeit zu klagen. Nachdem er noch an der Feier des 90/Geburtstages seines Vaters theilgenommen, stellte sich ein quälender Husten ein, gegen den eine Kur in Ems vom 14. April bis 21. Mai nichts half. Die ganze kronprinzliche Familie reiste nach England zum fünfzigjährigen Negierungsjubiläum der Königin von England. Das waren die letzten frohen Tage der fürstlichen Familie. Die Schreckenszeit, da der hohe Patient im sonnigen Italien litt, die letzten hundert Tage, da er nach Deutschland heimgekehrt, als Kaiser ^Friedrich auf dem Lager der Schmerzen einem zu frugen Ende entgegenschritt, sind noch in frischem Gedächtniß, doch auch, was in dieser Leidenszeit die Kaiserin Viktoria dem Gemahl war. Am 15. Juni 1888 entschlief Kager Friedrich in den Armen der Kaiserin, die mit Helden- müthiger Standhaftigkeit ihm die letzten Lebenslage eine treue Pstegerin gewesen. Unb bis über den Dod hlnauv hat die hohe Frau dem theuren Gemahl diest treue Liebe
bewahrt. Sie nannte sich fortan Kaiserin Friedrich zum Gedächtniß an den Unvergeßlichen, an ein verlorenes Lebensglück.
Mittrauernd steht die Nation an dem Todtenbette der verewigten Kaiserin. Möge unser Kaiser bei dem schweren Verlust, der ihn betroffen, in der mitfühlenden Theilnahme des deutschen Volkes einigen Trost finden!
Berlin, 5. August. Eine Sonderausgabe der „N o r d d. A U g. Z t g." schreibt: Eine Fürstin von seltener Bedeutung wird uns durch den Tod der Kaiserin Friedrich entrissen. Mütterliche Fürsorge für die Erziehung ihrer Kinder, unermüdliches Wirken in allen Zweigen der Wohlthätigkeit und reges Interesse für Kunst und Wissenschaft vollenden das Bild der Frau, die wie durch Rang und Geburt auch durch Geist auf der Höhe des Kulturlebens stand. In der Seelengröße, mit der sie ein unheilbares Leiden ertrug, erwies sie sich als echte Gefährtin des deutschen Helden, der durch sein Dulden und seine Thaten den Herzen des Volkes immer theuer im Gedächtniß bleibt. Ihr Name wird fortleben unter den großen Fürstinnen, die den Hohenzollernthron geziert haben.
Hd. Berlin, 6. August. Die Nachricht vom Ab--
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leben der Kaiserin Friedrich hat unter der Bevölkerung Berlins, trotzdem sie nicht unerwartet kam, große Bestürzung hervorgerufen. Allenthalben wurde die Theilnahme der Verstorbenen für alle gemeinnützigen Bestrebungen Berlins und seine Wohlthätigkeitsanstalten betont. Trotz der vorgerückten Stunde wurden auf zahlreichen Gebäuden die Flaggen auf Halbmast gezogen. Viele Menschen pilgerten nach der Straße Unter den Linden vor das Palais Kaiser Friedrichs, wo ebenfalls die Flaggen auf Halbmast gehißt waren. Ueber die letzten Augenblicke der Kaiserin Friedrich meldet der „Lokal-Anzeiger": DaS Krankheitsbild war im Laufe des Tages zunächst das gleiche geblieben. Lichte Augenblicke wechselten mit Bewußtlosigkeit. Eine weitere Herabminderung der Kräfte machte sich vorläufig nicht bemerkbar. Die kaiserliche Familie blieb nahezu unausgesetzt im Krankenzimmer. Gegen 4 Uhr nachmittags trat jedoch eine so rapide Verschlechterung ein, daß die Augenblicke der kaiserlichen Dulderin gezählt schienen. Der Pfarrer der englischen Kirche wurde wiederum aus Homburg gerufen. Die Mitglieder ~ der Familie wichen nicht mehr aus dem Sterbezimmer. Kurz vor 6 Uhr nahm die Kaiserin etwas Eis zu sich. Eine Viertelstunde später trat völlige Agonie ein. Die Athemzüge wurden schwächer und schwächer und um 6 Uhr 15 meldete Professor Renvers dem Kaiser, daß das Herz der Kaiserin Friedrich aufgehört habe^ zu schlagen. Sanft und schmerzlos war die Kaiserin Hinübergeschlummert. Der englische Pfarrer sprach ein Gebet. In tiefster Ergriffenheit nahmen der Kaiser und alle Familienmitglieder Abschied von der theuern todten. Weiße Lilien wurden ihr in die Hand gegeben. Im Innersten erschüttert verließen die Familienmitglieder das Sterbezimmer. Dann führte der Kaiser selbst das Hauspersonal an das Lager seiner todten Mutter, jvo die alten Getreuen eine kurze Andacht verrichteten, sobald auf Befehl des Kaisers die Flaggen auf Halbmast aehißt waren, sprengten Gendarmen und Husaren heran und besetzten das Schloß auf allen Seiten. Die Ju- fanterieposten wurden verstärkt, Ordonnanzen zu Pferd und zu Rad jagten vom Schloß in die Stadt. ^ Im Augenblick' waren Trauerfahnen gehißt. Die Bevölkerung nahm die Meldung von dem Hinscheideu imt innerster Theilnahme auf. Unter dem Eindruck der allgemeinen seelischen Erschütterung beschloß das Kaiserpaar abends 9 Uhr die Rückkehr nach dem Homburger Schloß. Prinz Heinrich ist rechtzeitig benachrichtigt worden, wirb aber erst zu den Trauerfeierlichkeiten in Potsdam em- treffen können. Der Leichenfeier im Friedrichshofer Schloß wird kein großer Trauerakt vor sich gehen. Von _ einer öffentlichen Ausstellung der Leiche wird Abstand ^ genommen werden. Glockengeläute der evangelischen und katholischen Kirche in Cronberg verkündeten eine
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