Erstes Blatt
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Verantwort!» Redakteur: G. Schrecker in Hanau, '
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
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Vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für auswärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Gedruckt und verlegt in der Vuchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
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Nr. 165
Bezirks Fernsprechanschluß Nr. 98.
Donnerstag den 18. Juli
Vezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98.
1901
Landwirtschaftlicher Krcisvcrcin Hanau.
Der landwirthschafUiche Kreisverein hält am SSnntag den 21. Juli er., nachmittags 3 Uhr, in Niederdorfelden im Gasthaus „zur Linde" (Gastwirth H o l h o r st) eine Wanderoersammlung ab. Hierbei wird der Herr Obergärtner Huber am Pomologischen Garten zu Cassel einen Vortrag über „Obstbau" halten, zu welchem die Vereinsmitglieder, sowie die Landwirthe von Niederdorfelden und den umliegenden Ortschaften hiermit eingeladen werden.
Der Vorstand.
Die Herren Bürgermeister in Niederdorfelden, Oberdorfelden, Bischofsheim, Bergen, Gronau, Hochltadt, Wachenbuchen und Kilianstädten wollen obige Bekanntmachung des landwirth- schaftlichen Kreisvereins wiederholt in ihren Gemeinden in ortsüblicher Weise mit dem Hinzufügen bekannt machen, daß alle Landwirthe in der Versammlung als Gäste willkommen sind.
Hanau den 13. Juli 1901.
Der Königliche Landrath.
L 82 v. Schenck.
Gefundene und verlorene Gegenstände rc.
Gefunden: 1 Kinderstrohhut im Bureau des Waisenhauses liegen geblieben.
Hanau den 18. Juli 1901.
„Hunnenvriese".
Einer Lügenfabrit von sogenannten Hunnenbriefen sind die Behörden auf die Spur gekommen. Wenn auch jeder Einsichtige sich sein Urtheil über die Glaubwürdigkeit solcher Briefe längst gebildet haben wird, so verdient doch das nachstehende ,Vorkommniß, als ein bezeichnender Beitrag zu diesem Kapitel, der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten zu werden.
Gelegentlich der Ermittelungen über die Urheberschaft eines in der deutschen Presse veröffentlichten Briefes hat ein zur Unteroffizierklasse zählender Angehöriger des Ostasiatischen Expeditionskorps bei seiner verantwortlichen Vernehmung durch den Gerichtsoffizier ausgesagt, ein Handlungsgehilfe B. hätte ungefähr Mitte Februar d. Js. ein Packet Briefe, in Couverts mit vollständigen Adressen und der Ortsangabe Peking versehen, aus Luzern an ihn gesandt und ihn im Anschreiben gebeten, die Briefe an ihre Adressen — seine Verwandten und Freunde — von Peking aus abzusenden. Er habe dem B. damals auf offener Postkarte anheimgestellt, selbst nach China zu kommen und die Briefe selbst abzusenden, und, da ihm die Angelegenheit ohne besonderen Werth erschien, von einer Meldung an seinen Vorgesetzten abgesehen. Seinem Empfinden nach wollte B. bei seinen Angehörigen den Glauben seiner persönlichen Anwesenheit in China erwecken.
Die fraglichen Briefe — sieben an der Zahl — sind inzwischen an die heimathliche Behörde gelangt; aus ihnen einige Proben:
„. . . . Hier wird Tag und Nacht gemordet und gebrannt . . . . Wenn es gelingt, so werde ich desertiren .....
Euer Stiefsohn."
„Werthe Freunde!
.... Wollte ich von den Mordthaten erzählen, was ich gesehen, die Feder würde sich sträuben....."
„Werthe Verwandte!
. .... so wüßte ich nur von Mordthaten zu schreiben...... Sobald ich kann, werde ich über Nacht zu entrinnen suchen....... Werde viel Chinageld heimbringen....."
„Werther Freund!
.... Nächstens werde ich Dir über Mordthaten berichten ... ."
„Herrn Carl . . . .
.... Habe grauenhafte Mordgrnben gesehen....."
Wären diese Briefe von dem betreffenden Unteroffizier, der Bitte ihres Verfassers entsprechend, mit ihren genau bezeichneten Adressen in Peking zur Post gegeben, so würden sie, wohl zum größten Theil in die bekannten Hunnenbriefmappen gelangt, als echtes, unumstößliches Beweismaterial und als Leckerbissen für die Hunnenthaten-Entrüsteten in einem gewissen Theile der Presse mit Genugthuung veröffentlicht worden sein!
Uebrigens ist dieses Vorkommniß in einer von der „Köln. Volkszeitung" neuerdings gebrachten Zuschrift aus China vom 19. Mai bereits erwähnt worden. Den unentwegten Verfechtern der Echtheit der Hunnenbriefe muß diese Entdeckung und Veröffentlichung recht unbequem geworden sein, denn von der in dieser Hinsicht führenden Zeitung wird schleunigst der Spieß umgekehrt und zu der „kleinen Anekdote über den Ursprung der Hunnenbriefe, deren Erfindung den Schwurzeugen eines Khakiblattes vom Schlage des.....alle Ehre machen würde" die Gegenfrage gestellt: „Sollte der
augenscheinlich zum Zwecke der Entdeckung eingesädelte Briefschwindel nicht etwa nur als Diskreditirung der echten Hunnenbriefe wegen inszenirt worden sein?" Und um die Echtheit seiner Hunnenbriese zu retten, fügt das Blatt hinzu: „Die Hunnenbriefe, die in der deutschen Presse
veröffentlicht wurden, waren an
Angehörige der
Briefschreiber gerichtet und von diesen den Redaktionen übermittelt worden; jede Mystifikation war dabei ausgeschlossen." !!
Hierbei sei erwähnt, daß sich die Fälle mehren, in denen leider auch Angehörige des Expeditionskorps überführt worden < sind, Lügen über Greuelthaten nach der Heimath berichtet zu haben. Der amtlichen Sendung der vorerwähnten sieben Briefe war auch das Ergebniß der gerichtlichen Untersuchung eines solchen Falles beigelegt. Der betreffende, s. Zt. von vielen Zeitungen veröffentliche Brief enthielt die Angabe, der Verfasser und sein Kamerad hätten je einen Chinesen todtgeschossen, weil diese nicht von dem Wasser, das sie gebracht, trinken wollten. Das sei eine große Freude gewesen. Es werde nämlich Niemand geschont. Der Briefschreiber hat aber ausgesagt, er habe in dem Briefe sehr stark gelogen; weder er noch ein anderer Mann seiner Batterie hätte einen Chinesen getödtet. Als die Chinesen eines Tages von dem gebrachten Wasser nicht trinken wollten — wegen Argwohns der Vergiftung dazu aufgefordert — habe e r sie mit dem Wasser davongejagt. Das sei die ganze Thatsache 1
Ferner ist die nochmalige amtliche Bestätigung eingetroffen, daß wohl die Mannschaften wiederholt davor gewarnt worden sind, Unwahres nach Hause zu berichten, daß aber die Eröffnung von Privatbriefen und die Ausübung einer Kontrolle nirgends stattgefunden habe.
Hus Stadt und Land.
Hanau, 18. Juli.
* Personalien. Den Oberlehrern Dr. Heinrich Schäfer am Gymnasium in Marburg, Karl Hoffmann am Gymnasium in Fulda, Heinrich Franz am Progymnasium in Hofgeismar itnb Dr. Heinrich Iber am Wilhelmsgymnasium in Cassel ist der Charakter als Professor beigelegt worden.
* Prüfung der OuiLtUttgskarten. Sicherem Vernehmen nach findet von Montag den 22. ds. Mts. ab in hiesiger Stadt eine Prüfung der Quittungskarten statt, welche von Bureaubeamten der Landes-Versicherungsanstalt Hessen- Nassau in Cassel ausgeführt werden wird. Für Arbeitgeber, welche mit der Verwendung der fälligen Beitragsmarken noch int Rückstände sind, empfiehlt es sich daher, zur Vermeidung von Strafen und Weiterungen alsbald das Versäumte nachzuholen. Auch empfehlen wir, die Quittungskarten in der nächsten Zeit bereit zu halten, damit dieselben auch bei etwaiger Abwesenheit des Arbeitgebers oder Versicherten von den Angehörigen und Beauftragten dem Komrollbeamten alsbald vorgelegt und dadurch öftere Störungen und Zeitverluste für beide Theile vermieden werden können.
* Gewerbe- und Handwerkerverein. Gestern Abend fand eine außerordentliche Generalversammlung statt, in der der Vorsitzende, Herr K. Müller, Bericht gab von der Entwickelung der Betheiligung an dem Unterricht der städtischen gewerblichen Fortbildungsschule. Bezüglich der neulich erwähnten Eingabe an den Magistrat, betr. Erweiterung des Obligatoriums auf die bis jetzt noch nicht schulpflichtigen Lehrlinge, konnte Redner mittheilen, daß der Herr Oberbürgermeister der Frage sympathisch gegenüberstehe und daß Aussicht vorhanden ist, daß die bis zum Herbst in die Prüfung kommenden Lehrlinge zuvor noch Unterricht in den wichtigsten Fächern erhalten. Der Anfang des gewerblichen Buchführungskursus für Meister bei Herrn Handelslehrer Ramb beginnt in der nächsten Zeit uud sind schon eine Anzahl Unterschriften gesammelt. Es ist wünschenswerth, daß alle Meister an dem Unterricht theilnehmen und nehmen weite« Anmeldungen der Vorsitzende des Handwerkervereins, Herr Schneidermeister Kaspar Müller, sowie Herr Handelslehrer Ramb noch gerne entgegen. — Das Statut für die in der Umwandlung zu einer Bundessterbekasse begriffene Stcrbekasse wurde zur letzten Ausarbeitung an eine engere Kommission verwiesen.
* Einer umfangreichen Diebstahls- und Hehlerei-Affaire, zum Nachtheil der Kleyer'schen Fahrradfabrik, ist man auf die Spur gekommen. Nachdem der Vertreter der Kl.'schen Fahrradwerke in Offenbach, mit Zweigniederlassung in Hanau, schon kürzlich in Haft genommen worden ist, erfolgte gestern auch die Verhaftung des Geschäftsführers K. der Hanauer Zweigniederlassung. Zugleich wurden in der hiesigen Zweigniederlassung eine große Anzahl Reservetheile von Radern, selbst ganze Räder, beschlagnahmt, die von einem Angestellten der Frankfurter Werke dem hiesigen Geschäft zugeschmuggelt
worben sind. Die beschlagnahmten Waaren dürften eine ganze Wagenladung repräsentiren.
* Die Veert nirermngerr des verstorbenen Kasstrers vom Spar- und Vorschußverein zu Langenselbold wurden anfänglich etwas niedrig veranschlagt, doch kann jetzt, obwohl die Revision noch nicht beendet, die Höhe des Betrages der Unterschlagungen auf über 40,000 Mk. angenommen werden.
* Das Hantiren mit Schußwaffen seitens halbwüchsiger Burschen hat wiederum ein Unglück gezeitigt, ein Menschenleben gefordert. Am Dienstag Nachmittag begab sich der 17jährige Schuhmacher Valentin Hohem Gemeinschaft mit dem 18jährigen Taglöhner Karl Roye nach der Volksbadeanstalt, um dort zu baden. Roye trug ein Terzerol bei sich, das er, am Mainkanal angekommen, aus der Tasche nahm, um die „Schußfähigkeit" desselben zu prüfen. Der Schuhmacher Hohe trug die Patronen des Roye und ließ sich dann die Schußwaffe geben, um einen Schuß abzugeben. Als er die Waffe mit einer Patrone versah, kam er in unvorsichtiger Weise dem Abzug zu nahe, die Waffe entlud sich und das Geschoß drang dem Roye in den Unterleib, in die Gegend der rechten Bauchhöhle. Nur unter größter Selbstüberwindung vermochte sich der Getroffene nach dem Landkrankenhause zu schleppen. Die Verletzung war jedoch eine derart gefährliche, daß er gestern Abend 8^2 Uhr dort verschied. Der Valentin Hohe, der in der für seinen Kameraden so verhängnißvollen Weise mit der Waffe hantirt hatte, wurde in Haft genommen. Hieraus sieht man wiederum, in welch tragischer Weise die von halbwüchsigen Burschen beliebte Spielerei mit Schußwaffen enden kann.
* Zusammenkunft ehemaliger 83er. Wie aus dem Annoncentheil unseres Blattes ersichtlich, findet am Sonntag den 4. August a. cv nachmittags 3 Uhr, im Gasthaus des Herrn Dückhardt in Langendiebach eine Zusammenkunft ehemaliger 83er statt, wozu alle Kameraden, welche bei genanntem Regiment gedient haben, herzlich willkommen sind.
* Konzert in Wilhelmsbad. Am Tage 30 und mehr Grad C. Hitze, in der wahrhaft erquickenden Abendkühle ein Konzert sim herrlichen Kurpark in Wilhelmsbad. Was nicht in der Sommerfrische weilt, oder das Kellerfest besuchte, zog da selbstverständlich nach Wilhelmsbad. Und draußen war ein köstlicher Abend! Schnaken- und staubfrei, unter den mächtigen alten Bäumen, wo erfrischende Waldlust wehte, konnte man sich vom Staubschlucken erholen und zugleich ein herzerfreuendes Konzert geniessen. Ein reizender Damenflor in den reichen Sommertoiletten belebte das Bild und durch die Bäume tönen die wiegenden Klänge eines Walzers und Melodien aus „Lohen- grin" oder „Oberon", die Kapellmeister Schmidt wieder trefflich zu Gehör bringt. Dann webt die Nacht traumhaft ihre Schleier um den Park, durch die Bäume glänzt ein Stern nach dem andern und es wird ganz anheimelnd in den weiten Anlagen. An den Fenstern des Kurhauses entzünden sich bunte Lämpchen, unter den Bäumen Lampen und bunte Papierballons und zu dem abendlichen Bilde passen die schmetternden Klänge des tscherkessischen Zapfenstreichs, mit denen eben die Kapelle beginnt. Dann lösen andere Weisen die vorigen ab. „Tiefer Friede" tönt aus den Melodien, die zart unb traut herüber klingen und „König Wilhelm saß ganz heiter" hören wir heraus. Da hinein schmettern plötzlich Trompetenstöße und das friedliche Bild ist mitten durchgerissen durch die „Kriegserklärung", die den Schnitter von der Ernte, den Handwerker aus seiner friedlichen Arbeit, den Sohn von der Mutter, den Bruder von der Schwester reißt, und sie hmrust zu den Fahnen, denn es gilt, deutschen Herd und deutsches Land zu schützen. Reserve und Landwehr werden einberufen und alte vertraute Soldatenlieder: „Ach welche Lust", „Morgen marschiren wir und „Muß i denn", verkünden die Einberufung und den Abmarsch der Truppen aus ihrer Garnison. Ein Eisenbahnzug rasselt heran, fahrt ab und entführt die Streiter nach dem bedrohten „Vater Rhein. Doch sie bleiben nicht stehen, vorwärts gehts in das Land des Feindes nach alter deutscher Art, um ihn zu strafen für den, freventlich vom Zaun gebrochenen Krieg. Harmonische Retraiten verkünden das reute friedliche Bivouac; „Morgenroth, leuchtest mir zum frühen Tod , er- iunert den Reitersmann mit bösen Ahnungen, an den bevorhebenden blutigen Streit. Alarm ertönt, der Feind wird angegriffen, Sturm wird geblasen und donnernd krachen die Salven in die feindlichen Reihen, untermischt mit Hurrah und dem Donner der Kanonen, Schlachtmusik feuert die Streiter an und der Feind ist geworfen. T>en Sieg der Deutschen verkündet: „Lieb Vaterland magst ruhig seln^. Doch der Feind ist noch nicht endgiltig besiegt, nach Paris heißt es noch weiter. Der „Pariser Einzugsmarsch" verkündet das vollzogene Ereigniß, der Zapfenstreich heißt die Truppen zur Ruhe gehen und im „Gebet" dankt der Deutsche für den verliehenen Sieg. »Fneve ist wieder eingezogen, „Heil Dir im Siegerkranz" erlöst die ängstlich- Spannung und die letzten Melodien verklingen tm Um^- Jnfanteriekapelle hatte Saro's erhebendes Tongemalde: „Deutschtands Erinnerungen an die Kriegsjahre 1870/71" wieder einmal herrlich zum Vortrag gebracht und lauten Beifall gefunden. , Eine wogende Menschenmenge bezeichnete das Interesse, das noch immer der Ausführung des Schlachtenpotpourris entgegengebracht wird.
* Ketterfest. Das durch die Ungunst der Witterung schon wiederholt unmöglich gemachte Kellerfest auf der „Schönen Aussicht" konnte endlich gestern Abend bei prachtvollem Wetter abgehalten werden und verhalf sowohl sin Bezug auf seinen Verlauf wie Besuch dem Sprüchlein wieder zu neuem Rechte: „Was lange währt, wird gut." Gut