Zweites Blatt
Bezugspreis:
Vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für aus- Wär'tge Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
Amtliches Organ sät Stadt- und Landkreis Kanas
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Einrückungsgebühr:
Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf* gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker in Hanau«
Nr. 145
Bezirks Fernsprcchanschlllß Nr. 98.
Dienstag den 25. Juni
Vczirks-Fcrl'spre^ Nr. 98.
1901
Politische Rundschau.
General-Adjutant General v. Schweinitz f. Der frühere Botschafter in Petersburg, General-Adjutant weiland Kaiser Wilhelms L, General v. Schweinitz, ist in Cassel gestorben. — Hans Lothar v. Schweinitz, der bekannte General und Diplomat, ward geboren am 30. Dezbr. 1822 zu Kleinkirchen bei Lüben in Schlesien. 1840 trat er in das 1. Garde-Regiment zu Fuß ein. In den Jahren 1851 und 1852 bereiste er England, Frankreich, Spanien und Italien. Seine litterarische Thätigkeit verschaffte ihm 1854 einen Ruf als Adjutant zum Oberkommando der deutschen Bundestruppen. 1857 wurde er Adju'ant des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, 1861 Major im Generalstabe und Militär-Attache in Wien. 1863 kehrte er an den kronprinzlichen Hof zurück. Nach Antheilnahme an dem schleswig-holsteinischen Feldzuge wurde er 1865 Flügeladjutant des Königs und Militärbevollmächtigter am Zarenhofe. Zur Verhinderung des Krieges unternahm er, allerdings vergeblich, einige diplomatische Reisen, 1869 wurde er Gesandter des Norddeutschen^ Bundes in Wien und Generalmajor. 1871 erhielt er den Ranz als Botschafter und die Ernennung zum Generalleutnant, 1884 die zum General der Infanterie. Zum Botschafter in Petersburg war er 1876 ernannt worden. Ende November 1892 nahm er seine Entlassung. Seitdem lebte der Heimgegangene in Cassel, wo er noch im vorigen Herbst sein 60jähriges Dienst-Jubiläum feiern konnte.
Waldersees Rückreise. Feldmarschall Graf Waldersee siedelte, wie aus Nagasaki gemeldet wird, am Sonntag von der „Hertha" auf den Dampfer „Gera" über, wo sich das Oberkommando vollzählig eingeschifft hatte. Außerdem waren 300 Rekonvaleszenten an Bord. Bald darauf fuhr die „Gera", welche einen mächtigen Heimathwimpel aufgezogen
hatte, unter dem Salut sämmtlicher im Hafen liegenden Kriegsschiffe ab. Sie hat zunächst neun Tage direkte Fahrt bis Batavia. Die Fahrt geht über Singapore, Port Said und Gibraltar, die Landung erfolgt in Hamburg. Der Tag der Ankunft Waldcrsees in Hamburg steht noch nicht genau fest, sie wird aber, wie bereits mitgetheilt, Anfang August stattfinden. Der Kaiser hat zwar einen größeren Empfang für Waldersee geplant und einigen in Frage kommenden Personen seine Pläne mitgetheilt, doch ist etwas Bestimmtes noch nicht festgelegt worden; es werden in dieser Richtung erst noch Besprechungen mit dem Generaldirektor Bullin und der Famüie Waldersee gepflogen werden. Daß dem Feldmarschall die Landung in Hamburg angenehmer ist, als an jedem anderen Platze, ist leicht zu begreifen, steht er doch gerade dort zu zahlreichen Personen in den engsten Beziehungen, die noch aus jener Zeit stammen, als er als kommandirender General des 9. Armeekorps seinen Wohnsitz in Altona hatte.
Feuilleton*
Die Lilie.
Von W. L«, Hanau.
(Nachdruck verboten.)
Neben der Rose, der unbestrittenen Königin kur Blumen des Gartens, der Heckenrose, dem Dornröschen in Wald und Feld, ist die Lilie eine Lieblingsblume des deutschen Volkes. Schon bei den alten Kulturvölkern waren manche Lilien beliebt und verehrt; bei den Römern galt die weiße Paradieslilie (Paradisia Liliastr um Bert.) als da^Zcickcn der Hoffnung, bei den Morgenländern war sie das Symbol der Reinheit und Unschuld, andrerseits aber auch das Sinnbild des blassen Todes. Nicht nur erhielt die holoe, lebensfrohe Jungfrau bei feierlichen Veranlassungen Lilien geschenkt, soi dern Lilien wurden auch zum Zeichen der Trauer und Treue als letzte Liebesgabe den Dahingcschiedcnen auf den ^arg gelegt. Bei den feierlichen Prozessionen am Fronleichnamsfiste tragen mancherorts heute noch weißgekleidete Jungfrauen außer sonstigen auf das Fest hindeutenden Insignien vor Allem weiße Lilien in der Hand.
In der deutschen Mythologie trägt der Gott Thor in der Rechten den Blitz und in der Linken das Szepter, welches mit einer Lilie gekrönt war. Daß Lilien aus den Gräbern von Liebenden und unschuldig Gerichteten hervorsprchsen, wird heute noch in Böhmen und Bayern geglaubt. Erscheint eine Lilie auf dem Grabhügel eines Ermordeten, so ist sie das Zeichen der kommenden Rache; entsprießt sie auf der Ruhestätte eines armen Sünders, so kündet, sie, Vergebung, die Sühne der Todesfurien an. Endlich gilt die Lilie audi^ atü ein Gruß des Todten an die Ueberlebenden; daher die ^age, der Geist des Verstorbenen habe die Blume selbst auf s Grab gepflanzt:
„Drei Lilien, drei Lilien, die pflanz ich auf mein Grab; —, Die soll ja mein Feinsliebster noch einmal feil n .
Japan hat das deutsche Oberkommando vor- , geschlagen. Der Berliner Berichterstatter der „Daily News" ! meldet, daß das deutsche Oberkommando in China durch Japan in Vorschlag gebracht worden ist. Aus diesem Grunde hatte Graf Waldersee vor seiner Abreise Japan besucht, um dem japanischen Kaiser seinen Dank abzustatten. Das stimmt auch mit der Mittheilung des Grafen Bülow im Reichstage überein, daß Rußland das deutsche Oberkommando in China zwar nicht erst in Anregung gebracht, es aber als erste Macht zustimmend begrüßt habe.
Zum Leipziger Aerztefirerk. Durch Urtheil des Ehrenrathes des ärztlichen Bezirksvereins Leipzig-Stadt waren bekanntlich acht Aerzte, die sich während des Konflikts zwischen Ortskrankenkasse und Kassenärzten der ersteren zur Verfügung gestellt hatten, als Streikbrecher mit einer schweren Disziplinarstrafe belegt worden. Sie appellirten hierauf an den Ehrengerichtshof für Aerzte in der Kreishaupimannschaft Leipzig. Dieser hat nunmehr die Betreffenden freigesprochen.
Zur Affaire Agron-Rèmler. Der mißlungene Versuch des Abgeordneten Ugron, mit dem französischen Minister Delcaffö wegen Loslösung Ungarns vom Dreibunde zu verhandeln, hält die politischen Kreise in Budapest fortgesetzt in Aufregung. Cs soll auch im Parlamente darüber zu einer großen Aktion kommen, was im Interesse der Sache nur willkommen geheißen werden kaun, da die Einzelheiten dieser merkwürdigen Geschichte bisher nicht genügend aufgeklärt erscheinen. Aus Budapest wird gedrahtet: Die liberale Fraktion der Unabhängigkeits-Partei unter Führung Kossuths beschloß, die Affaire Ugron-Rimler im Abgeordnetenhause in Form einer Interpellation zur Sprache zu bringen. In Kreisen der liberalen Partei gedenkt man Ugrou nicht mehr in die Delegation wählen zu lassen. Die näheren Freunde Ugrons erklären, von der ganzen Sache nichts gewußt zu haben, die vielmehr vollständig Ugrons Privatsache sei. — Die Budapester Blätter verurteilen das Vorgehen Ugrons und finden es besonders anstößig, daß er eine Baugründung mit Wahlkosten in Ver- / bindung gebracht habe. Pesti Hirlap weist darauf hin, daß nur Intriganten und Abenteurer sich in den Versuch einlassen können, Ungarn gegen den Dreibund zu wobilistren. „Budapesti Naplo" hebt hervor, Ugron habe sich in den Dienst des Kosmopolitismus gestellt, als er von Delcassö gefordert habe, er möge beim Vatican darauf hinwirken, daß der Klerus bei den Wahlen zu Gunsten der Ugronpartei eintrete. Welche Meinung habe es bei Delcassg erwecken müssen, daß ein ungarischer Politiker sich anheischig macht, für Geld eine Agitation zu Gunsten einer anderen Richtung der auswärtigen Politik zu entfachen.
Der russisch amerikanische Zottstreit. Wie man annimmt, werden die vom Staatssekretär Hay an den russischen Gesandten Grafen Cassini bezüglich der Zollbehandlung von
Während des Mittemlters wurden besonders in den Kloster- gärten die Lilien von den Mönchen gepflegt. Neben der oben erwähnten Paradieslilie pflegte man auch andere, so besonders Hemerocallis flava und fulva und einige verwandte Arten, doch war es in den meisten Fällen neben der Eingangs genannten besonders Liliuin candidum, die gewöhnliche, weiße Lilie. Tas unwissende Volk, welches wohl ab und zu einen Blick in die Pracht der Klostergärten werfen konnte und die herrlichen Blumen sah, legte diesen für das Leben der Mönche eine besondere Bedeutung bei und balde gingen im Volke die wunderlichsten Sagen und Erzählungen über die Lilien um. Grimm führt folgende Sage an: „Wenn einer der Mönche im Kloster Korvey sterben sollte, fand er drei Tage vor seinem Tode eine weiße Lilie in seinem Chorstuhle, und wie diese Lilie welkte, so welkte auch er dahin. Einst war einer dieser Mönche sehr ehrgeizig und wünschte selbst Prior zu werden; deshalb verschaffte er sich heimlich einen Lilienzweig und legte denselben in den Chorstuhl des siebzigjährigen Priors, der über diese Vlume so sehr erschrak, daß er wirklich nach drei Tagen verschied. Der Mönch wurde nun selbst Prior, aber er hatte im Leben keine frohe Stunde mehr, sein Gewissen beunruhigte ihn und ernst und verschlossen verbrachte er seine Tage. Auf dem Todtenbette bekannte er später seine That."
Gar lieblich ist die Sage, wie die Lilienglocken besonders den Elsen dienen, um die andächtigen, frommen Brüderchen zum Gebet zu versammeln. Eine jede Blume hat ihren Elf, der mit ihr geboren wird und mit ihr wieder vergeht. Bricht die Nacht über Flur und Wald herein und wird es draußen stiller und stiller, so eilt ein Elf an eine frisch verblühte Lilie und läutet. Bei diesem Blumengeläute erwachen die Schläfer- rings im Kreise, schlupfen aus ihren Blüthen und pilgern schweigend und ernst zur Lilic, um in ihrem Dome zu beten. Andächtig knieen sie nieder, falten ihre Hündchen unb danken dem gütigen Schöpfer für alles Gute, das er an ihnen gethan. Haben sie ihr Gebet beendet, so eilen sie zurück zu ihrem Blumenbette und schlummern ohne Sorge und Kummer
Li
Zucker unb Petroleum gerichteten Vorstellungen den Zwischenfall für jetzt beendigen. Graf Cassini reist am 25* Juni nach Europa ab.
Neue russisch chinesische Verhandlungen bezüglich der Mandschurei. Die „Times" melden aus Peking vom 23. Juni: Der russische Gesandte theilte den chinesischen Bevollmächtigten mit, daß, sobald das Abkommen betreffend die Entschädigungsfrage unterzeichnet sei, Rußland verlangen werde, daß sie die Unterhandlungen bezüglich der Bedingungen für die Räumung der Mandschurei durch Rußland wieder aufnehmen. Der russische Gesandte erklärt, daß Ur für den Widerspruch der Mächte gegen die Unterzeichnung des Mandschurei-Abkommens geltend gemachte Grund, nämlich der, daß China, während es mit allen Mächten gemeinsam in Verhandlungen stehe, keine gesonderten Verhandlungen mit einer Macht führen dürfe, dann wegfalle, wenn das Abkommen bezüglich der Entschädigung unterzeichnet sei.
Die Fortschritte der Buren in der Kapkolonie haben dazu geführt, daß bereits ganze Bezirke des Landes dem Machtbereiche der Engländer entzogen sind.
Die abyssinische Armee, 15000 Mann stark, ist gestern, so wird den „Times" aus Gerloguby vom 12. Juni gemeldet, dort eingetroffen, nachdem sie 350 Meilen in achtzehn Tagen zurückgelegt hat. Fünf fliegende Kolonnen gehen diese Nacht wieder ab und machen Eilmärsche, um den Mullah zu umzingeln.
Hus J^ab und fern.
Cassel, 24. Juni. Am Samstag Abend ereignete sich in der Packhofstraße ein erschütternder Unglücks fall. Ein kleiner Knabe wollte von einem dort haltenden Bierwagen ein Stückchen Eis herunterholen. Plötzlich drängten die Pferde rückwärts, der Knabe kam so unglücklich zu Falle, daß ihm das eine Hinterrad über den Hals ging, in Folge dessen der Tod unmittelbar eintrat. — Zu der Submission zur Verpachtung der Bahnhofs-Restauration Cassel sind im Ganzen 38 Offerten aus allen Theilen Deutschlands eingegangen. Der angebotene Pachtzins pro Jahr schwankt zwischen 20 000 und 60 000 Mark. Die bisherige Pacht betrug nur 19 000 Mk. Gelnhausen, 23. Juni. Der Volksverein für das katholische Deutschland hielt heute hier eine Versammlung ab, an der gegen 700 Personen Theil nahmen. Aus allen umliegenden Ortschaften bis nach Hanau und Orb hin waren die katholischen Männer hierhergekommen, um an der Versammlung theilzunehmen. Der Vorsitzende, Herr Pfarrer Rübsam von hier, begrüßte die stattliche Versammlung mit herzlichen Worten und brachte ein Hoch auf Papst und Kaiser aus. Der Geschäftsführer des Volksvereins für den Fuldaer Bezirk, Herr Chefredakteur Baum (Fulda) sprach für den Volksverein, seine 8^K!bi#fel*a«*y.^raJ»^KMajg^£I^ra^sa^'»«»>f!^?»re;^£T^s^^rc■!^^^-^7;{:|>^,;^^
im Vertrauen auf den gütigen Vater ein, dessen Auge über ihnen wacht. Drum heißt es in einem uralten Kinderliedchen, mit welchem die sorgende Mutter ihren Liebling in den süßen Schlaf fingt:
„Kind, mein Kind, hörst Du die Abendglocken, Komm und falte betend Deine Hände;
Und dann wirst Du auch so selig schlummern,
Wie der Elfe dort im Lilienkelche."
Auch an andere Liliaceen knüpfen sich gar schöne Sagen und Kindcrerzühlungen, doch ist es jetzt sehr schwer zu errathen, welche Lilien gemeint • sind. Man kann im Zweifel sein, ob es sich um die Türkenbundlilie unserer Mittelgebirge (Lilium Martagon) oder um die Feuerlilie (Liliiim bul« biferum) handelt. Mitunter scheint sogar die Schachblume (Fritillaria Meleagris) gemeint zu sein, eine Pflanze, die auch in unserem Gebiete als Seltenheit auf nassen Wiesen vorkommt, früher jedoch allgemein verbreitet war. Daß sich unsere Vorfahren zu den Lilien besonders hingezogen fühlten, darf uns schon aus dem Grunde nicht wundern, da sie am meisten in der Natur unter allen Blumen in die Augen fallen. Es gibt in der That kaum etwas Schöneres, als eine nasse Wiese übersät mit den feinkarirten Blüthen der Fritillaria, und die Türkenbundlilie unserer Gebirgswaldungen wetteifert in. Farbenpracht und schöner, majestätischer Form mit allen Pflanzen unserer Gartenanlagen, ja selbst die farbenprächtigsten, exotischen, tropischen Pflanzen vermögen sie kaum in den Schatten zu stellen.
Albumhläiier.
Die Achtung, die von außen kommt, Ist nicht die ganze, die uns frommt: Nur der gilt mir als rechter Mann, Der ehrlich selbst sich achten kann!
* , *
Der Wille und nicht die Gabe macht den Geber.