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Lâze zu Nr. 143 des Hanauer Anzeiger.

Samstag den 22. Juni 1901. _

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Hrbeitelofigkeit.

Zu den sich am fühlbarsten machenden Zeichen wirthschaft- lichen Rückganges gehört naturgemäß das Wachsthum der Ar­beitslosigkeit. Dies tritt auch heute wieder in die Erscheinung, wo der Hochkonjunktur der voraufgegangenen Jahre eine ge­wisse rückläufige Bewegung zu folgen beginnt. Ihrem sozial, politischen Zuge getreu aber ist auch die preußische Regierung alsbald aus dem Plane erschienen, um vorzubeugen und den Druck der Noth zu mildern. Schon vor einiger Zeit hat ein Rundschreiben des Ministers des Innern die Aufmerksamkeit der zuständigen Regierungsorgane erneut auf die Förderung der Fürsorge für Arbeitslose, insbesondere auf die weitere Aus­gestaltung der Arbeits-Nachweise und der Arbeiter-Kolonien, hingelenkt, und diesen Bestrebungen hat sich der Minister für- öffentliche Arbeiten mit Maßnahmen auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens angeschlossen.

Bei Schaffung und Erweiterung organischer Verbindungen zwischen den einzelnen Arbeitsnachweis-Stellen wird dem Mi- nisterial-Erlasse gemäß namentlich dahin zu wirken sein, daß die in den Industrie-Gebieten vorhandenen Arbeitsnachweis- Anstalten mit den von den Landwirthschafts-Kammern wie von den Handwerks-Kammern, Innungen und dergleichen in mehr ländlichen Distrikten eingerichteten Nachweis-Stellen Fühlung suchen, um bei dem Freiwerden von industriellen Arbeitskräften diese thunlichst wieder der Landwirthschaft und dem Handwerk zuzuführen. Bei dem auf dem platlen Lande und vielfach auch in den kleinen Städten herrschenden Mangel an Arbeitern ließe sich eine immerhin nicht unerhebliche Zahl Arbeitsloser auf diese Weise unterbringen.

E Jn Fällen aber, wo die Arbeits-Vermittlung versagt, haben die Arbeiter-Kolonien einzutreten, um den Arbeitslosen bis zur Beschaffung von Arbeits-Gelegenheit ein Unterkommen zu bieten. Sollte die Zahl der vorhandenen Arbeiter-Kolonien nicht ge­nügen, so wird auf die Erweiterung der bestehenden und auf Neugründungen Bedacht zu nehmen sein. Für den Fall be­sonders umfangreicher Arbeiter-Entlassungen wird die Anlage von besonderen Nothstands-Kolonien auf urbar zu machenden Oedländereien empfohlen. Nötigenfalls sollen die Provinzial- Verbände zur Hergabe der erforderlichen Mittel bewogen wer­den, und das ministerielle Rundschreiben gibt auf Grund frü­herer Erfahrungen der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Pro- vinzial-Verbände den an sie herantretenden Anforderungen gegenüber entgegenkommend verhalten werden.

Für den Aufenthalts-Wechsel zum Antritte auswärtiger Arbeitsstellen und ebenso für die Beförderung der Arbeitslosen zu den Arbeiter-Kolonien und Nothstands-Kolonien verdient in der großen Mehrzahl der Fälle die Eisenbahnfahrt den Vorzug vor betu Wandern auf der Landstraße. Behufs Erleichterung der Eisenbahn-Beförderung in solchen Fällen hat der Minister der öffentlichen Arbeiten sich grundsätzlich damit einverstanden erklärt, Arbeitsnachweis-Stellen, welche die nöthige Bürgschaft bieten, widerruflich die Vergünstigung zu gewähren, daß sie Gutscheine ansstellen, für welche von den Fahrkarien-Ausgabe- stellen Fahrkarten verabfolgt werden und über die monatlich zwischen den Nachweise-Stellen und der Eisenbahn-Verwaltung abgerechnet wird. Derartige Freikarten werden sowohl für die Fahrt nach der neuen Arbeitsstelle als auch für die Beförderung nach den Arbeiter- und Nothstandskolonien ausgefertigt.

Es sind somit von der Regierung bereits vorbeugeuve Maß­nahmen getroffen, um dem drohenden Uebel der Arbeitslosigkeit seine größte Schärfe zu nehmen.

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Feuilleton«

ÄS! DOS ui feiner COichit.

Von Dr. Ferdinand Kleinmichel.

(Nachdruck verboten.)

Seitdem dasUeberbrettl" das Licht der Welt erblickt und sich mit staunenswerther Fruchtbarkeit vermehrt hat, seitdem uns BierbaumsLustiger Ehemann" auf Markt und Gassen, ja selbst bis in unsere Träume verfolgt und alle Welt Lilien- cronsDie Musik kommt" trällert, hat das Chanson für uns Deutsche ein aktuelles Interesse gewonnen und einige Andeu­tungen über sein Wesen und seine Geschichte mögen will­kommen sein. Freilich ist es nicht möglich, mit einer kurzen Begriffsbestimmung auszudrücken, was eigentlich unterChan­son" zu verstehen sei. Das Chanson ist das singbare Lied, wie es besonders in den älteren Zeiten unmittelbar aus dem dichterisch schaffenden Volksgeiste hervorgeht, während in den neueren Epochen seine Pflege gewöhnlich bestimmten, uns namentlich bekannten Dichtern überlassen bleibt. Kann man nun das Chanson in dieser allgemeinen Form mit Recht allen Völkern zuweisen, denen überhauptder Lieder süßer Mund" gegeben ward, so zeichnet sich doch das französische Chanson im Besonderen durch die fast allgemeine Anwendung des Refrains und durch die weitestgehende Ausbeutung dieses Kunst­mittels aus. Durch den Refrain gewinnt das französische Chanson seinen festen Bau, sichert es sich die Einheit bei aller Mannigfaltigkeit und oft hat der Refrain eine suggestive Wirkung, die den Stimmungsgehalt des Liedes ungemein ver­tieft. Die suggestive Wirkung des Kehrreims hat E. A. Poe vollkommen verstanden, als er jede Strophe seines berühmten GedichtesDer Rabe" in dem düsterenNevermore aus­klingen ließ. Diese Wirkung empfindet man in dem alt­französischen ChansonDie Schwestern", in dem eine jede Strophe zu den schönen Versen führt:

politischer Mockenbericht.

Es war ein seltenes Fest, das der preußische Eisen­bahnminister von Thielen am Donnerstage begangen hat. Zehn Jahre waren verstrichen, seit er vom Kaiser als Nachfolger des Ministers v. Maybach an die Spitze des Ministeriums der öffentliche:: Arbeiten und damit des größten Unternehmens der Welt berufen wurde. Die zahlreichen Glück­wünsche, die dem Jubilar an diesem Ehrentage von Nah und Fern zugingen, sind wohl der beste Beweis dafür, daß seine hervorragenden Verdienste allgemein gewürdigt werden. Möge seine bewährte Kraft dem Kaiser und dem Vaterlande noch lange erhalten bleiben!

Das am meisten besprochene Ereigniß der Woche war die Enthüllung des Nationaldenkmals für den Fürsten Bismarck; sie war ein denkwürdiger historischer Akt, nicht nur, weil das Kaiserpaar, die höchsten Würdenträger des Reiches, Mitglieder des Reichstages und zahlreiche andere an­gesehene Personen der Feier als Zeugen beiwohnten, sondern vor Allem wegen der markigen Rede des jetzigen Reichs­kanzlers. Graf Bülow verstand es, die Gestalt seines großen Vorgängers in seinem geschichtlichen Wirken und seiner unvergänglichen Bedeutung vor dem geistigen Auge wieder aufleben zu lassen. Er hat damit dem Fürsten Bismarck viel­leicht ein noch dauerhafteres Denkmal gesetzt, als der Künstler Reinhold Begas, der das eherne Standbild des gewaltigen Staatsmannes zum jetzigen und zu künftigen Geschlechtern des deutschen Volkes sprechen läßt. Wenn Graf Bülow bei der Gelegenheit die Auffassung seines Amtes dahin aussprach, in jedem Augenblicke die Grenzen des Erreichbaren zu erkennen, an die Erreichung des zu Nutz und Frommen des Landes Erreichbaren aber Alles zu setzen, so wollen wir wünschen, daß diese staatsmännische Lehre auch von der Parteipresse und von der Volksvertretung beherzigt wurde.

Wie die Rede des Reichskanzlers, so hat auch der vom Kaiser in Cuxhaven ausgebrachte Trinkspruch in allen nationalen Kreisen freudigen Widerhall gefunden, kann er doch an programmatischen Inhalt dem Ruf an die deutsche Opfer­willigkeit zur Schaffung einer mächtigen Kriegsflotte an die Seite gestellt werden. Auch hier kehrt der Hinweis auf die Aufgabe unsers Volkes wieder, in den neuen weltwirthschaft- lichen Verhältnissen seinen Platz an der Sonne zu erkämpfen und zu behaupten. Abermals hat der Kaiser betont, daß unsere Zukunft auf dem Wasser liegt. Mit besonderer Genug­thuung ist es allseitig begrüßt worden, daß der Kaiser in den Ereignissen, die sich in China abgespielt haben, eine Gewähr dafür erblickt, daß der europäische Friede auf lange Jahre ge­sichert ist. Damit sind die Schwarzseher bei uns, die, als wir den Zug nach China unternahmen, um unsere durch die Ermordung des Freiherrn von Ketteler schwer verletzte natio- / nale Ehre wiederherzustellen und unsere Interessen zu wahren, nicht genug jammern konnten, wir stürzten uns in Aben­teuer, aus berufenstem Munde eines Bessern belehrt worden. Aber auch den Feinden Deutschlands, die bald in der russischen, bald in der französischen und bald in der eng­lischen Presse ihre Maulwurfsarbeit verrichten, wird die Friedenszuversicht des Kaisers nicht angenehm in die Ohren klingen.

Eine feindselige Stimmung gegen Deutschland macht sich neuerdings namentlich in der russischen Presse bemerkbar. Sogar das liberale Organ der russischen Intelligenz, die MonatsschriftWestnik Jewropy", ist in die Reihe der Hetzer eingetreten und tischt beispielsweise ihren Lesern Alles auf, was sie aus denHunnenbriefen" an Greueln hat heraus-

Nachtwind weht und Zweige rmischcu Süß ist's Lieb um Liebe tauschen.

Denkt man sich einen Refrain, wie den des Chansons von Schön Doetta":Und nun hab' ich Leid" vom Sänger mit mannigfachem Ausdrucke vorgetragen, so möchte man einen solchen Kehrreim fast mit den Leitmotiven Richard Wagners vergleichen und ihn das eigentliche poetische Rückgrat der kleinen Lieder nennen.

Es ist eine verhältnißmäßig geringe Zahl von französischen Chansons, die uns aus dem 12. und 13. Jahrhundert erhalten sind. Wie reich aber damals dieser volksthümliche Sang blühte, das ersehen wir aus den Refrains solcher Chansons, die uns im höfischen Liede, in erzählenden und Spruchdichtungen be­gegnen. Es gibt etwa 500 Refrains, die uns auf diese Weise erhalten sind. Sie erzählen uns, daß die Liebe in allen For­men, in all' ihren wechselvollen Schicksalen das stets von Neuem variirte Thema dieser Chansons bildete. Die uns erhaltenen Lieder behandeln mit besonderer Vorliebe den Gegensatz zwischen der Pflicht, der Konvention, dem gesellschaftlichen Zwange und der Neigung des Herzens. So wird uns von Schön Amelot erzählt, die den Garin liebt, von ihren Eltern aber gezwungen werden soll, zwischen dem Herzog Gerhard und dem Grafen Henri zu wählen. Als sie aber vor Kummer in Ohnmacht fällt, da wird der Mutter das Herz weich und sie steht ihr bei, den Vater für den Bund mit Garin zu ge­winnen. Von köstlicher Frische und Kraft ist das Chanson von Schön Jrmenburg, die ihr Gemahl Reinald im Verdachte der Untreue hat; sie aber versichert mit so herzbewegenden Worten ihre Unschuld, daß der Graf ihr glaubt und sie in seine Arme schließt:

Da war's mit Leid und allem Sehnen au§, Von Neuem ging die Liebe ihnen auf:

Ach Reinald, mein Lieb!

Solche Romanzen oder, wie Gröber sie nennt, chansons dhistoire, wurden bis ins 16. Jahrhundert hinein gesungen. Aus dieser Zeit stammt z. B. das reizende Chanson von Schön

lesen können. Weit mehr nutzen die russischen Blätter den Besuch Kaiser Franz Josephs in Böhmen für ihre deutsch-feindlichen Zwecke aus. Nicht nur in der äußern, sondern auch in der innern Politik Oesterreich-Ungarns glauben sie neue und starke Strömungen,gesunde" Strömungen, wahrzunehmen. Weil sich vor einiger Zeit der Erbe des österreichisch-ungarischen Thrones mißbilligend über das Treiben der Alldeutschen in Oesterreich geäußert hat, meinen die russi­schen Blätter, werde der künftige Herrscher den Kampf mit der alldeutschen Bewegung entschieden aufnehmen, um der deutschen Gefahr zu begegnen.

Daß vollends die Spekulationen auf den Zerfall des Drei­bundes keinen Untergrund haben, darüber dürften die Er­klärungen des italienischen Ministers Prine tti keinen Zweifel gelassen haben. Prinetti ist der Ueberzeugung, daß der Dreibund weder ein gespanntes Verhältniß Italiens zu Frankreich nothwendig macht, noch dem Königreich irgend welche über seine eigenen Bedürfnisse hinausgehende mili­tärische Lasten zumuthet. Diese Erklärungen stimmen mit der von seinem Vorgänger Visconti-Venosta beobachteten Haltung überein.

Der Krieg in Südafrika ist noch immer nicht zu Ende. Viel ist in der letzten Zeit von Friedensverhandlungen die Rede gewesen, aber es ist bisher wenig Hoffnung, daß es auf dem Wege gegenseitiger Zugeständnisse zu einem Friedens­schlüsse kommt. Man darf nicht vergessen, daß die englische Regierung wiederholt mit absoluter Deutlichkeit und Festigkeit erklärt hat, an irgend welche Unabhängkeit für die Buren­staaten sei nicht zu denken. England ist soweit mit Ansehen und Ehre engagirt, daß es nur im höchsten Nothfalle die Beute fahren lassen wird. Zweifellos befindet es sich aber in einem solchen noch nicht; man sollte sich also vor zu großem Optimismus in Bezug auf die Lage der Buren hüten.

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Isenburg, die sich, verhaßter Heirath zu entrinnen, todt stellt» Dem Leichenzuge begegnet ihr Geliebter; er hebt das Tuch und als sie lächelnd zum Leben erwacht, hat die Liebe den Sieg errungen. Es ist die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit wie in Deutschland so auch in Frankreich eine Blüthezeit des volksthümlichen Liedes gewesen; aber das Chanson zeigt in dieser Epoche überwiegend neue Züge. Derbe Lebenslust, über­müthige Schalkheit, oft auch eine Freiheit, die der Frivolität nicht allzu fern steht, bestimmen jetzt den Charakter des Chan­sons. Bei alledem aber wahrt es fast durchgehends eine An­muth des Geistes und der Form, durch die es sich z. B. sehr von jenen poetischen Erzählungen Chaucers unterscheidet, die verwandte Saiten anschlagen. Da hören wir aber auch wenig anmuthend von dem lustigen Wittwer:

Ich öffne Fenster, Thür und Thor Am Abend und am Morgen,

Und thu kein Wasser in den Wein, Seitdem mein Weib gestorben

so singt er in seiner Herzensfreude, und seine Sorgen sind nun, daß der Todtengräber ja das Grab recht tief mache,daß nimmer sie erwache", und daß er mit Hilfe von Zwiebeln es zu ein paar Thränlein bringe. Im Uebrigen will er seinen Kummermit einem guten Mosterich verwürgen" und darauf achten, wenn er sich wieder ein Weib nimmt, daß siekein so dickes Herz", wie die Selige, habe. Dann haben wir das muntere Chanson vom guten Mann, der seiner kranken Frau nicht allein das beste Essen, sondern auchden kleinen Schrei­ber, der lesen kann und schreiben", zur Kurzweil heranschafft. Oder es wird das lustige Männlein geschildert, das über seine Mauern springt und sich mit seiner Liebsten zu fröh­lichem Mahle und zärtlicher Schäferstunde verabredet. In den Müllerliedern kommen die Mädchen zur Mühle, um ihr Korn mahlen zu lassen, aber ungeküßt läßt sie der Müller nicht fort. Das Mädchen fragt dann wohl, ob er es denn mit Allen, die in seine Mühle kämen, so mache, und als er das bestätigt, da sagt sie: